6. April 1919

Matthäus 26,58.69-75

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Matthäus 26,58.69–75
[Petrus aber folgte ihm nach von ferne bis in den Palast des Hohenpriesters und ging hinein und setzte sich zu den Knechten, auf daß er sähe, wo es hinaus wollte. Petrus aber saß draußen im Hof; und es trat zu ihm eine Magd und sprach: Und du warst auch mit dem Jesus aus Galiläa. Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst. Als er aber zur Tür hinausging, sah ihn eine andere und sprach zu denen, die da waren: Dieser war auch mit dem Jesus von Nazareth. Und er leugnete abermals und schwur dazu: Ich kenne den Menschen nicht. Und über eine kleine Weile traten hinzu, die dastanden, und sprachen zu Petrus: Wahrlich du bist auch einer von denen; denn deine Sprache verrät dich. Da hob er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Und alsbald krähte der Hahn. Da dachte Petrus an die Worte Jesu, da er zu ihm sagte: «Ehe der Hahn krähen wird, wirst du mich dreimal verleugnen», und ging hinaus und weinte bitterlich.]

1. Jesus hat einsam gelebt und ist einsam gestorben. Keiner ist mit ihm seinen Weg gegangen. Keiner hat mit ihm seinen Kampf gekämpft, Keiner hat mit ihm seine Not gelitten. Wenn wir erkennen wollen, daß durch dieses Leben und Sterben etwas für uns geschehen ist, daß es eine Veränderung hervorgebracht hat in der Welt, daß es der Welt eine Hoffnung gegeben hat, dann müssen wir uns beugen unter die schwere Wahrheit, daß Keiner mit ihm war und Keiner mit ihm ist. Auch Petrus war nicht mit ihm, sondern hat ihn verleugnet vor einer Magd, vor den ersten Besten. Petrus war der Fels, auf den Christus seine Gemeinde bauen wollte [Mt. 16,18]. Wir wollen uns nicht einbilden, wir seien fester, reiner, treuer als Petrus. Es ist bald gesagt: Wir wollen Jesus nachfolgen! Das können nur die, die die bittere Einsicht gemacht haben, daß sie Jesus nicht nachfolgen. Es ist nicht gut, sich allzu nahe an Jesus heranzudrängen, allzu laut davon zu reden, daß er uns der Weg, die Wahrheit und das Leben geworden sei [vgl. Joh. 14,6] und daß wir uns ihm übergeben haben, allzu schnell unsere Schwierigkeiten und Leiden mit seinem Kreuzesweg zu vergleichen. Das Wort von der Versöhnung wird auf diese Weise zu einem kirchlichen, sonntäglichen, religiösen Wort, das man hört, an das man mehr oder weniger glaubt, das man aber nicht eigentlich ernst nimmt und das |121 darum auch nicht schafft, was es schaffen könnte. Es war darum keine gute Stunde, als man anfing, die an Jesus Gläubigen «Christen» zu nennen [Act. 11,26], von «christlichem» Glauben und «christlichen» Werken zu reden, als aus dem Reiche Gottes, dessen Nähe Jesus verkündigte, das «Christentum» wurde, wie es einen Buddhismus und Mohammedanismus, ein Luthertum und einen Calvinismus gibt, je nach dem Religionsstifter, um den sich da und dort die Menschen geschart haben. Es steckt in diesen Bezeichnungen der große Irrtum, als ob man sich auch um Christus nur so scharen könne, wie es auch Petrus wollte: Und wenn ich mit dir sterben müßte, so will ich dich nicht verleugnen [Mk. 14,31 par.]!, als ob Christus unseresgleichen wäre, dem man sich ohne weiteres zugesellen könnte, als ob es Menschen gäbe, die mit mehr Recht als Andere sich mit ihrem Denken und Tun auf ihn berufen könnten, während er doch gerade als der Einsame, der er ist, aller Menschen Heiland ist. Diese Überhebung hat sich alsbald gerächt in einem großen Mangel an Leben und Kraft, an dem wir bis heute zu tragen haben. Wenn wir in unserer heutigen Zeit wieder wahrhaft hungern und dürsten nach Leben und Kraft, dann müssen wir uns vor Allem von dieser Überhebung frei machen. Petrus wurde der Fels der Gemeinde erst damit, daß er aufhörte, sich so keck auf die Seite seines Meisters zu stellen. Christen werden wir erst damit, daß wir gewahr werden, daß wir keine Christen sind. Wir müssen es, der sicheren und leichtsinnigen Art des Kirchen- und Kapellenchristentums1 zum Trotz, wieder lernen, Abstand zu nehmen von Christus, Ehrfurcht zu haben vor seinem besonderen Weg, Verständnis für sein einzigartiges Wesen. Sonst hängt die Versöhnung, die uns durch ihn gegeben ist, in der Luft und wird nicht zur Wirklichkeit.

2. Es war etwas menschlich Schönes und Großes an Jesus, das hatte mit so vielen Anderen auch dem Petrus Eindruck gemacht, das hatte ihn veranlaßt, Jesu Jünger zu werden. Sein tiefer, majestätischer Ernst, verbunden mit seiner merkwürdigen Heiterkeit, Freiheit und Freundlichkeit, seine unbedingte Herablassung zu allen Niedrigen und sein rücksichtsloser Mut gegen alles, was hoch ist vor den Menschen, seine |122 vorsichtige, ungekünstelte Demut und seine geheimnisvoll stolze Macht über die Menschen und über die Naturkräfte, das Gewinnende seiner Persönlichkeit und die Gewalt seines Wortes, das alles waren Dinge, die einem offenen Herzen etwas sagen mußten. Diese Strahlen leuchten uns bis heute, und wir lassen sie uns gern gefallen. Da kann jeder etwas finden, was er braucht: klare Einsichten in die Zusammenhänge des Lebens der Eine, eine einfache, strenge Moral der Andere, tiefe, herzbewegende Gefühle des Friedens und der Freude der Dritte. Die verschiedenen christlichen Kirchen preisen und predigen dieses menschlich Schöne und Große an Jesus als die wahre, göttlich geoffenbarte Religion, und es wird ihnen ganz unmöglich je an Abnehmern und Gläubigen fehlen, weil es tatsächlich etwas Großes, Tröstliches, Hilfreiches ist, was sie damit vertreten. Sogar der Staat wird nie ganz auf diese Grundlage verzichten, weil er wohl spürt, daß seine Ordnungen und Fortschritte ohne sie nicht bestehen können. Und es hat auch nie eine religiöse, politische oder geistige Gruppe, Richtung oder Partei gegeben, die nicht den Versuch gemacht hätte, sich irgendwie wenigstens mit einem Splitter von der Herrlichkeit Jesu zu schmücken und zu rechtfertigen. Jesus ist so wunderbar reich und vielseitig, daß auch alle die einseitigen Auffassungen, die ihm zuteil geworden sind, seinem Glanz nicht haben schaden können. Etwas von der Größe und Schöne seiner Person und seines Einflusses bleibt immer und überall übrig. Was sich heute Christentum nennt, das lebt irgendwie von den Strahlen dieser menschlichen Größe und Schönheit Jesu. Aus ihr [?] ist immer etwas darin [?]. Es gibt eine christliche Kultur, und es gibt christliche Kreise, es gibt einen christlichen Sozialismus2 und eine christliche Wissenschaft3. Es gibt eine treue christliche Glaubenskraft und eine bewußte christliche Liebes|123­tätigkeit. Das alles hat sein gewisses Recht. Das ist alles auf seine Weise etwas Bedeutsames, Segensreiches und auch Hoffnungsvolles. Wenn Petrus einfach ungehindert in Dankbarkeit und Verehrung immer weiter hätte gehen können im Licht dieser Strahlen von der Herrlichkeit seines Meisters, er hätte ihn nie verleugnet. Und wenn dieses menschlich Große und Schöne Alles wäre an Jesus, wir kämen nie in den Fall, uns zu fragen, ob wir denn wirklich Christen sind, ob es so etwas wie Christentum überhaupt gibt. Petrus hätte dann gar keinen Anlaß gehabt zur Verleugnung, er wäre nur immer unter dem Glanz und unter dem Segen seines Meisters gestanden, und es wäre immer schöner und besser mit ihm geworden. Und auch wir könnten mehr oder weniger getrost antworten: Ja, wir sind Christen, könnten uns auf all das Christliche berufen, das wir sind, haben und tun in der Hoffnung, daß es damit immer schöner und besser würde.

3. Aber nun trat ein Hindernis ein auf dem Wege des Petrus, und dieses Hindernis steht auch auf unserem Wege. Es ist noch etwas Anderes an Jesus als das, was dem Petrus Eindruck machte. Was Petrus sah, das war ja nur der Abglanz an Jesus, nicht das Licht selbst, nur die Anzeichen und Spuren von dem, was er wollte, nicht seine Arbeit selbst. Ja, Jesus redete gewaltig, aber das Gewaltige lag nicht in seiner Rede, sondern in dem, was er sagte. Er war ernst, aber das Eigentliche an seinem Ernst lag nicht im Einzelnen seiner Worte und seiner Haltung, sondern in seiner ganzen Richtung. Er war frei, aber das Wesen seiner Freiheit lag nicht in seiner Unabhängigkeit im Äußeren, sondern in seiner inneren Überlegenheit. Er war gütig und freundlich, aber eigentlich nicht gegen die Menschen, sondern gegen etwas Höheres, das er unsichtbar hinter den Menschen sah. Er vollbrachte Taten, die Staunen und Entsetzen erregten, aber seine Kraft erschöpfte sich nicht darin, sie lag in etwas Kommendem, von dem jene Taten nur Vorboten waren. Er kämpfte für die einen Menschen gegen die anderen, und doch eigentlich für Alle gegen niemand. Er war eine Persönlichkeit voll Licht und Macht, und es war doch nicht sein Persönliches, was leuchtete und mächtig war, sondern etwas Größeres, von dem sein Persönliches nur Echo und Widerschein war. Das Wesen des Heilands ist nicht in den Wahrheiten, die er ausgesprochen, nicht in der Moral, die er gelehrt und vorbildlich betätigt hat, nicht in den |124 stürmischen und doch so tief friedlichen Empfindungen, die in ihm waren und die er bis zu diesem Tag immer wieder erregt hat, sondern in dem Ursprung in Gott, den das Leben bei ihm wieder bekommen hat. Das Wesen des Heilands ist nicht der Strom der Liebe und Gerechtigkeit, der von ihm ausgegangen ist zum Staunen des Petrus und eigentlich aller Menschen, sondern die Quelle, die er gegraben und erschlossen hat und weiter graben und erschließen will. Das Wesen des Heilands liegt nicht in dem, was wir menschlich an ihm bewundern, von ihm erfahren, bei ihm empfangen können, so groß das ist, sondern in dem Geheimnis der oberen Welt, das er auf der Erde offenbart hat und für das wir erst wieder Augen zum Sehen und Ohren zum Hören bekommen müssen, weil wir nur an künstliche Lichter gewöhnt sind und das Licht der Sonne noch nicht zu ertragen vermögen. Das war das Wesen Jesu, das göttlich Große und Schöne an ihm, diese Gottessonne, die einst über der Schöpfung geleuchtet, wieder aufleuchten zu lassen unter den Menschen. |

Um dieses Anderen willen, das Petrus nicht sah und das auch wir erst zum kleinsten Teil sehen, wegen dieser Aufgabe, eine neue Welt zu begründen inmitten der alten, mußte Jesus leiden. Denn die Menschen, auch die wohlwollenden und empfänglichen Menschen, mußten diese Neuigkeit [?] ablehnen und ihren Träger hassen, weil sie sie zu tief demütigte. Und Gott seinerseits mußte zur Lösung dieser Aufgabe einen ganzen Gehorsam verlangen von dem, der sie auf sich genommen. So kam Jesus ans Kreuz: durch die Menschen, die das, was er im Wesen war, Gottes Sohn, verwarfen, und durch Gott, der von seinem Sohn Treue bis in den Tod forderte. Wir hörten es am letzten Sonntag: Wäre Jesus weniger gewesen als Gottes Sohn, hätte er weniger gewollt und gebracht als die Offenbarung der neuen, der oberen Welt, hätte er nur einen menschlichen Vordergrund gehabt und nicht diesen göttlichen Hintergrund, er wäre nicht verworfen worden, er hätte nicht leiden müssen. Das Kreuz wäre ihm und uns erspart geblieben.4 Ihm und uns. Denn was für ihn der schwere Endkampf seines Lebens war, das ist naturgemäß für uns der Anstoß und das Ärgernis. Das Hindernis auf dem Wege des Petrus war das Kreuz. Es kam nun eben davon5, weil Jesus noch etwas Anderes war, als Petrus sah und |125 dachte, nicht immer schöner und besser, so daß er freudig und dankbar hätte folgen können. Der Glanz und der Segen, die von Jesus ausgegangen waren, nahmen nicht zu, sondern ab. Es wurde stiller und armseliger um Jesus her. Es kam zu einer Beraubung und Entlarvung dessen, was Petrus mit so vielen Anderen als menschliche Größe und Schönheit Jesu angestaunt hatte. Wo war die Majestät und Überlegenheit Jesu, als er sich mit dem schrecklichen Wort: es muß also gehen [Mt. 26,54]! gefangen führen ließ? Wo war die Gewalt seines Mundes, als er schwieg und schwieg vor dem Gericht der Menschen und seine Ankläger nicht zunichte machte? Wo war seine Wunderkraft, als er sich verurteilen ließ? Wo war das Gewinnende, Bezaubernde seiner Persönlichkeit, als man ihm ins Angesicht speien durfte? O, Petrus hat seinen Herrn nicht aus Furcht und Schwachheit verleugnet, sondern aus bitterer Enttäuschung darüber, daß der wunderbare Eindruck, den ihm Jesus gemacht hatte, durch den Schatten des Kreuzes, der nun kam, zerstört wurde. Er hatte es anders gemeint. Er hatte nicht das Haupt voll Blut und Wunden6 gemeint, sondern den Schönsten unter den Menschenkindern [vgl. Ps. 45,3], und diese Meinung war nun zerstört. Da hatte er auch keinen Grund mehr, sich zu Jesus zu bekennen. Diesen anderen Jesus, der da auftauchte, diesen unansehnlichen, leidenden, schwachen Jesus konnte und mußte er verleugnen beim ersten besten Anlaß. |

Das Kreuz ist das Hindernis auch auf unserem Wege. Das, was man heute Christentum nennt, und wir sogenannten Christen alle, wir meinen alle einen anderen Christus als den gekreuzigten. Wir meinen den Christus, für den man sich erwärmen und begeistern kann, bei dem man allerlei lernen kann, der einem allerlei praktische Winke gibt, der einem allerlei schöne Empfindungen einflößt. Auch dann, wenn wir ausdrücklich vom Kreuz und vom Blut Christi reden aus biblischer Gewohnheit, meinen wir nicht das, was diese Dinge in Wirklichkeit waren. Unter allen Malern, die das Leiden Jesu dargestellt haben, weiß ich nur einen7, der es gewagt hat, nicht wieder etwas Schönes und |126 Großes daraus zu machen, sondern die ganze furchtbare Wirklichkeit des Lebens wiederzugeben, die tatsächliche Beraubung und Entlarvung alles dessen, was uns an Jesus groß und schön erscheint. Von dem Augenblick an, wo wir gewahr werden, daß Jesus nicht etwas Schönes und Großes brachte, sondern Gott, nicht eine Ausschmückung und Verbesserung unserer Welt, sondern die Begründung einer anderen Welt, überhaupt nicht etwas für uns, sondern einen neuen Anfang des Lebens für Gott, und daß Jesus, weil er diese Quelle eröffnete, leiden, abnehmen, sterben mußte in dem, was uns an ihm wohlgefällt, von dem Augenblick an wenden wir alle, die frommen und die weltlichen Christen, uns ab von ihm. Die Kirchen und Kapellen alle, sie wollen triumphieren mit dem Christus, den sie predigen und preisen. Der Staat verlangt eine starke, gesunde Haltung von den Religionen, denen er seinen Schutz gewährt. Die Gebildeten suchen nach etwas Gescheitem, Einleuchtendem, Geistreichem und die Ungebildeten nach etwas Einfachem, Faßlichem, Nutzbarem. Die Parteien, Richtungen und Unternehmungen alle, die sich irgendwie auf christliche Grundsätze und Gedanken berufen, sie wünschen von Jesus ein starkes Ja zu hören zu dem, was sie gerade denken und anstreben. Und wenn wir nun gewahr werden, daß wir mit dem allem Jesus erst halb verstanden haben, daß ihm Alles am Licht liegt und sehr wenig an den Strahlen, Alles an der Quelle und sehr wenig an dem von uns bewunderten Strom, wenn wir gewahr werden, daß sein Ziel nicht die Verschönerung unseres alten Wesens ist, sondern die Erschaffung eines neuen, eine Revolution der Welt von oben her, und sein Weg dazu nicht der Erfolg und nicht der Fortschritt und nicht die Entwicklung vorwärts und aufwärts, wie wir es uns so gerne denken, sondern das gehorsame Abbrechen aller menschlichen Größe, damit Gottes Größe ans Licht treten kann - ja, dann wird uns eben dieses Ziel und dieser Weg zum Ärgernis und zur Torheit, wie Paulus gesagt hat [1.Kor. 1,23]. |

So haben wir’s nicht erwartet und nicht gemeint, als wir uns mit Christus einließen!, möchten wir rufen. Dieser Christus nimmt uns zu viel und gibt uns zu wenig. An diesem Christus haben wir nichts. Diesen Christus verstehen wir nicht. Diesen Christus lehnen wir ab. Er ist nicht unser Christus. Israel, hebe dich zu deinen Hütten [2.Sam. 20,1]! «Und er hob an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht!» Es braucht nicht viel, sondern wunderbar wenig, |127 um uns so weit zu treiben. Ein kleiner Anlaß nur, wo es sich zeigen mußte: ein Geschwätz, ein Mißverständnis, eine Verwicklung, eine Geduldsprobe, eine kleine oder große Aufgabe, eine Gelegenheit, wo wir warten sollten, statt zu eilen, oder eilen, statt zu warten, schweigen, statt zu reden, oder reden, statt zu schweigen, und sofort ist’s am Tage wie bei Petrus, daß wir Christus, den Sohn Gottes, den gekreuzigten Christus, nicht verstanden haben. Wir meinten den anderen. Und dann verleugnen wir kalten Herzens. Unser Leben, auch unser christliches Leben, ist eine lange Geschichte von Verleugnungen. Und die Geschichte des Christentums ist eine lange Verleugnungsgeschichte, zum ersten, zum zweiten, zum dritten Mal. Und unterdessen ist Jesus einsam.

4. «Und alsbald krähte der Hahn. Da dachte Petrus [an die Worte Jesu, da er zu ihm sagte: ‹Ehe der Hahn krähen wird, wirst du mich dreimal verleugnen›,] und ging hinaus und weinte bitterlich.» Seht, nun hat’s Petrus gemerkt, daß auch er, gerade er, Jesus allein gelassen hatte, daß er kein Christ war, daß auch er Abstand nehmen mußte von seinem Meister. Hat’s gemerkt: ich war eifrig, ich war treu, ich war gläubig, ich habe sogar das Schwert gezogen und geschwungen für meinen Christus, aber ich meinte einen anderen Christus und unterdessen habe ich den wirklichen verleugnet. Er dachte an das, was Jesus ihm gesagt hatte. Die Augen gingen ihm auf für das, was Jesus war und was er nicht verstanden hatte. Es war ein schmerzliches, aber heilsames Merken. Er sah jetzt das Licht selbst, sah die Quelle, sah das Wesen des Heilands. Indem er merkte und sah, war ihm schon geholfen. Indem die Einbildung zusammenbrach, trat die Wahrheit in Kraft. Indem er erkannte, daß er eine Versöhnung nötig hatte, war sie auch schon da. Denn dazu hat Christus gelebt und gelitten, damit eine göttliche Versöhnung, eine Versöhnung von oben da sei, wenn die menschlichen Versöhnungen zusammenbrechen. Es war Alles bereit für Petrus, und Petrus kam. Es ist auch für uns Alles bereit. Aber wir dürfen nicht damit anfangen, daß wir uns auf das, was christlich ist in uns und um uns, berufen. Wir müssen es merken und sehen, daß Christus und wir zweierlei sind8, daß wir mit unserem Christentum am Sohn Gottes, |128 am gekreuzigten Christus vorbeigegangen sind. Wer den Abstand wahrnimmt, dem ist geholfen. Mit dem kann Gott reden von dem, was er getan hat und noch tun will. Wir zweifeln oft an uns selbst. Wir fühlen uns unsicher in dem, was wir unseren Glauben und unsere Rechtschaffenheit nennen. Durch unsere ganze Zeit geht die Frage, ob das, was man heute Christentum nennt, etwas wirklich Wertvolles und Göttliches sei. Es ist recht so. Wir wittern überall etwas von der großen Verleugnung Jesu, deren wir uns schuldig machen, wir ahnen wieder, daß er uns mehr zu sagen und zu geben hat, als wir bis jetzt hören und annehmen wollten. Wir müssen wieder an ihn denken, wer er in Wirklichkeit war, und er sieht uns an [Lk. 22,61]. Möchten wir gründlich zweifeln, stark unsicher werden, unermüdlich und rücksichtslos fragen lernen. Möchte es unter uns heutigen Christen zu dem bitterlichen Weinen kommen, in dem Petrus die Versöhnung, die Wahrheit gefunden hat. Möchten wir uns nicht fürchten vor dem großen Nein, das wir unter dem Kreuz des Heilands zu uns selbst sagen müssen. Denn die göttliche Traurigkeit wirkt zur Seligkeit eine Reue, die niemand gereut [2.Kor. 7,10].

Lieder:
  • Nr. 113 «O Welt, sieh hier dein Leben» von P. Gerhardt, Strophen 1-3 (RG [1998] 441,1-3; EG 84,1-3) 🎵
  • Nr. 214 «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von M. Luther, Strophen 1-3 (RG [1998] 83,1-3; EG 299,1-3; jeweils mit Textabweichungen in Strophe 1) 🎵

Sachfußnoten

1
«Kapelle» meint hier die Versammlungsräume der freikirchlichen, meist pietistischen Gemeinschaften.↩
2
Über die Begegnungen zwischen Christentum und Sozialismus sowie über die Positionen und Organisationen der dabei entstandenen Gruppen unterrichten folgende Artikel in RGG3: E. Wolf, «Christlich-sozial» I, Sp. 1740–1743 📖; E. Wolf, «Evangelisch-sozial» II, Sp. 793f. 📖; K. Kupisch, «Kirchlich-sozial» III, Sp. 1622f. 📖: A. Rich, «Religiös-sozial» V, Sp. 957f. 📖; H. H. Schrey, «Sozialismus II. Religiöser Sozialismus» VI, Sp. 181–186 📖.↩
3
Die auf Mary Baker Eddy zurückgehende «Christian Science» (vgl. H. D. Reimer, Art. «Christian Science» in: RGG3 I, Sp. 1732–1736 📖) hatte nach 1900 auch in der Schweiz Fuß gefaßt; vgl. Barths Stellungnahme in: Predigten 1915, S. 279 📖.↩
4
Vgl. oben S. 116.↩
5
Könnte auch «aber darum» heißen.↩
6
Vgl. Lied Nr.112 «O Haupt voll Blut und Wunden» von P. Gerhardt (RG [1998] 445; EG 85) 🎵.↩
7
Gemeint ist Matthias Grünewalds Kreuzigungsbild auf dem Isenheimer Altar; vgl. Römerbrief 1, S. 164 📖. Eine Reproduktion dieses Bildes hing seit 1919 stets über Barths Schreibtisch. Vgl. R. Marquard, Karl Barth und der Isenheimer Altar (Arbeiten zur Theologie, Bd.80), Stuttgart 1995 📖.↩
8
Mskr.: «ist»; Korr. vom Hrsg.↩