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        <title type="volume" n="vol-39">Predigten 1919</title>
        <title type="content">Matthäus 27,1-2.11-31</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Matthäus 27,1-2.11-31, 13. April 1919</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/39018 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1919, hrsg. v. Schmidt, Hermann (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 2003, S. 138.</title>
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        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
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      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1919</title>
          <title type="text">Matthäus 27,1-2.11-31</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Schmidt, Hermann</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">2003</date>
          <biblScope unit="page">138</biblScope>
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        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Mt 27,1-2.11-31, 13. April 1919. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1902">KBA 1445</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1919-04-13">13. April 1919</date>
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          <head><idno>463</idno></head>
          <dateline>
            <placeName ref="kbga-places-54"><hi rend="italic">Safenwil</hi></placeName>, Sonntag, den <date when="1919-04-13">13. April 1919</date><note xml:id="n01">Am <date when="1919-04-13">13. April 1919</date> schrieb
              <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> an <persName ref="kbga-actors-403">Thurneysen</persName>: «In den Predigten Erwägungen über <persName ref="kbga-actors-2301">Judas</persName>, <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName>, <persName ref="kbga-actors-1814">Petrus</persName> und
              <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> (ich lege sie gleich bei …)» (<bibl corresp="kbga-bibls-931">Bw. Th. I, <ref type="pub" target="3276">S. 324</ref></bibl>).</note>
          </dateline>


          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.1 Mt.27.2">Matthäus 27,1-2</ref>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.27.11 Mt.27.31">.11–31</ref>
            <quote><hi rend="italic" resp="kb">[Des Morgens aber hielten alle Hohenpriester und die Ältesten des Volks einen Rat über Jesum, daß sie ihn töteten. Und banden ihn, führten ihn hin und überantworteten ihn dem Landpfleger <persName ref="kbga-actors-2239">Pontius Pilatus</persName>. Jesus aber stand vor dem Landpfleger; und der Landpfleger fragte ihn: Bist du der Juden König? Jesus aber sprach zu ihm: Du sagst es. Und da er verklagt ward von den Hohenpriestern und Ältesten, antwortete er nichts. Da sprach <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> zu ihm: Hörst du nicht, wie hart sie dich verklagen? Und er antwortete ihm nicht auf <hi rend="spaced">ein</hi> Wort also daß sich auch der Landpfleger sehr verwunderte. Auf das Fest aber hatte der Landpfleger die Gewohnheit, dem Volk <hi rend="spaced">einen</hi> Gefangenen loszugeben, welchen sie wollten. Er hatte aber zu der Zeit einen Gefangenen, einen sonderlichen vor andern, der hieß <persName ref="kbga-actors-10427">Barrabas</persName>. Und da sie versammelt waren, sprach <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> zu ihnen: Welchen wollt ihr, daß ich euch losgebe? <persName ref="kbga-actors-10427">Barrabas</persName> oder Jesus, von dem gesagt wird, er sei Christus? Denn er wußte wohl, daß sie ihn aus Neid überantwortet hatten. Und da er auf dem Richtstuhl saß, schickte sein Weib zu ihm und ließ ihm sagen: Habe du nichts zu schaffen mit diesem Gerechten; ich habe heute viel erlitten im Traum seinetwegen. Aber die Hohepriester und die Ältesten überredeten das Volk, daß sie um <persName ref="kbga-actors-10427">Barrabas</persName> bitten sollten und Jesum umbrächten. Da antwortete nun der Landpfleger und sprach zu ihnen: Welchen wollt ihr unter diesen zweien, den ich euch soll losgeben? Sie sprachen: <persName ref="kbga-actors-10427">Barrabas</persName>. <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> sprach zu ihnen: Was soll ich denn machen mit Jesu, von dem gesagt wird, er sei Christus? Sie sprachen alle: Laß ihn kreuzigen! Der Landpfleger sagte; Was hat er denn Übles getan? Sie schrieen aber noch mehr und sprachen: Laß ihn kreuzigen! Da aber <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> sah, daß er nichts schaffte, sondern daß ein viel größer Getümmel ward, nahm er Wasser und wusch die Hände vor dem Volk und sprach: Ich bin unschuldig an dem Blut dieses Gerechten; sehet ihr zu! Da antwortete das ganze Volk und sprach: Sein Blut komme über uns und über unsre Kinder! Da gab er ihnen <persName ref="kbga-actors-10427">Barrabas</persName> los; aber Jesum ließ er geißeln und überantwortete ihn, daß er gekreuzigt würde. Da nahmen die Kriegsknechte des Landpflegers Jesum zu sich in das Richthaus und sammelten über ihn die ganze Schar und zogen ihn aus und legten ihm einen Purpurmantel an und flochten eine Dornenkrone und setzten sie auf sein Haupt und ein Rohr in seine rechte Hand und beugten die Kniee vor ihm und verspotteten ihn und sprachen: Gegrüßet seist du, der Juden König! und <pb ed="pga" xml:id="p130"/> spieen ihn an und nahmen das Rohr und schlugen damit sein Haupt. Und da sie ihn verspottet hatten, zogen sie ihm den Mantel aus und zogen ihm seine Kleider an und führten ihn hin, daß sie ihn kreuzigten.]</hi></quote>
            </cit>
          </epigraph>

        </div>
        <div type="main">
          <p>
            <hi rend="italic">1.</hi> Was hat der Hohepriester Gottes, <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName>, <hi rend="italic">mit dem Heiden <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> zu schaffen?</hi> - <note xml:id="n02">Hier und an den
              entsprechenden Stellen im folgenden markierte <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> sich die Stufen des Gedankengangs
              mit dicken senkrechten Blaustiftstrichen, die wir durch Gedankenstriche
              wiedergeben.</note>Wie kommt es nur, daß die Kinder Gottes in <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName>, die
            ernstgesinnten, die frommen, die religiösen Kreise jener Stadt insgesamt auf einmal so
            geschlossen und dringend danach verlangen, mit dem <hi rend="italic">Weltmenschen</hi>
            gemeinsame Sache zu machen? Wie ist’s möglich, daß diese Gerechten auf einmal den <hi rend="italic">Ungerechten</hi>, seine Staatsgewalt, sein richterliches Urteil, seine
            Kriegsknechte und Henker so nötig haben, so eifrig danach schreien und schreien, als ob
            es um das heiligste Gut ginge? Was soll man nur denken, wenn man sieht, wie sie ihn zu
            einem <hi rend="italic">ärgeren Tyrannen</hi> machen wollen, als er es ohnehin schon
            ist, wie sie ihn zu einem Vorgehen antreiben, das <hi rend="italic">rücksichtsloser</hi>, heidnischer, staatlicher ist, als er es selber gewöhnt ist, das
              <hi rend="italic">weltlicher</hi> ist, als sogar er es vor seinem nicht eben zarten
            Gewissen verantworten kann? - Die Juden haben sonst diesen Mann <hi rend="italic">verachtet.</hi> Gott und der Kaiser in <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> mit seinem Landpfleger, das waren Dinge,
            die für sie <hi rend="italic">weit auseinander</hi> lagen. Alle Tage haben sie <hi rend="italic">gebetet um Erlösung</hi> von der römischen Gesetzesgewalt und
            Schwertgewalt. Und nun diese Gemeinschaft, dieses Zusammenarbeiten, diese vertauschten
            Rollen!</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">2.</hi> Seht, da hat sich’s zeigen müssen: <hi rend="italic">Es ist hier kein Unterschied,</hi> sie sind allzumal Sünder und
            ermangeln des Ruhmes, den sie vor Gott haben sollten [<ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.23">Röm. 3,23</ref>]! - Jesus, gegen den sich dieses seltsame Bündnis richtete,
            hat <hi rend="italic">Klarheit</hi> in die Welt gebracht. Das haben ihm ja die Guten in
            Israel am meisten <hi rend="italic">gezürnt</hi> von Anfang an, daß er ihre
            Überlegenheit antastete, daß er die Scheidung von Gerechten und Ungerechten Gott
            gegenüber nicht anerkannte, daß er von ihnen, den Guten, verlangte, sie sollten sich als
            Brüder neben die Bösen stellen. Gerade darin sahen sie den Umsturz aller Moral und
            Frömmigkeit, [an] dem sie ihm schuld gaben, und gerade dagegen verwahrten sie sich aufs
              leiden<pb ed="pga" xml:id="p131" break="no"/>schaftlichste. - Und nun, als ihre
            Gegenwehr gegen diese Beleidigung, gegen dieses Attentat auf dem Gipfel war, da mußten
            sie selbst durch die Tat <hi rend="italic">beweisen</hi>, daß er recht hatte. Jesus
            hatte nicht geträumt und keine Theorie gesponnen, sondern auf eine <hi rend="italic">Tatsache</hi> hingewiesen, als er den Gerechten neben den Ungerechten, den Pharisäer
            neben den Zöllner, den Priester und Leviten neben den Samariter, den Juden neben den
            Heiden gestellt hatte. Die  Tatsache
            wurde nun offenbar. <hi rend="italic">Wenn Gott</hi> in Frage kommt, dann werden die
            Menschen, ob sie sich nun auf der höchsten oder tiefsten Stufe befinden, solidarisch,
            zusammengehörig. Solange dem Leben der Menschen die <hi rend="italic">Hauptsache
              fehlt</hi>, sind alle noch so gewaltigen Unterschiede und Nebensachen nicht ernst,
            nicht wichtig, nicht bedeutsam. In der Welt ohne Gott, ohne Liebe, ohne Geist, in des
              <hi rend="italic">Menschen eigener Welt</hi> kann alle sogenannte Gerechtigkeit von
            heute auf morgen heruntersteigen zur Ungerechtigkeit, wird die Ungerechtigkeit
            vergrößert, gekräftigt, überboten, zur schlimmsten Entfaltung gebracht durch die
            sogenannte Gerechtigkeit der Menschen. Dem Gott gegenüber, der eine <hi rend="italic">neue Welt</hi> schafft, einen neuen Anfang setzt, gibt es keine menschliche
            Erhabenheit, keine Schönheit, keine Größe. Dem Gott gegenüber, der ein <hi rend="italic">neues Wort</hi> redet und ein neues Hören verlangt, stehen die Ersten und die Letzten
            unter den Nicht-Hörenden nebeneinander, ja es können die Ersten hinter die Letzten zu
            stehen kommen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mk.10.31">Mk. 10,31</ref> par.],
            wenn es sich zeigt, daß sie<note xml:id="n03">Mskr.: «sich»; Korr. vom Hrsg.</note>
            vielleicht noch weniger hören wollen und können als jene. - Bei Jesus <hi rend="italic">kam Gott in Frage</hi>, Gottes neue Welt und Gottes neues Wort. Darum mußte ihm
            gegenüber bei den Menschen der alten Welt und der alten Taubheit die <hi rend="italic">Tatsache dieser Gleichheit</hi> offenbar werden, diese Vermischung von Guten und
            Bösen, diese Verwirrung von Frommen und Gottlosen. Wollte <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> nicht der Bruder des
            <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> sein im Gottesreiche, so mußte er nun sein Geselle und Kollege sein im
            Menschenreiche.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">3.</hi>
            <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> hatte <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> nötig.</hi> Er und alle seinesgleichen vertraten
            zwar <hi rend="italic">eine gute Sache.</hi> Sie waren die Träger und Hüter einer hohen,
            edlen, reinen menschlichen Gerechtigkeit. <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> hatte ein altes, wahres und
            wertvolles Gotteslicht. Aber Jesus hatte sie vor eine <hi rend="italic">schwere Fra<pb ed="pga" xml:id="p132" break="no"/>ge</hi> gestellt: Wollt ihr erkennen, daß Gott
            eine <hi rend="italic">neue Zeit</hi> hat anbrechen lassen, eine Zeit, die einen <hi rend="italic">Glauben</hi> und einen Gehorsam verlangt, wie ihr sie bis jetzt noch
            nicht geübt habt, ein weites <hi rend="italic">Herz</hi>, einen freien, beweglichen <hi rend="italic">Sinn</hi>, einen rücksichtslosen <hi rend="italic">Mut?</hi> Wollt ihr
              <hi rend="italic">demütig</hi> werden, um diesen Mut zu bekommen? Wollt ihr <hi rend="italic">Buße</hi> tun, um diese Freiheit zu gewinnen? Wollt ihr Alles, was ihr
            seid und habt, <hi rend="italic">dran geben</hi>, um das Eine zu gewinnen: Gottes neue
            Gegenwart und Führung und Hilfe? - Jesus wollte sie <hi rend="italic">mitnehmen.</hi> Um
            mitgenommen zu werden, mußten sie aber <hi rend="italic">gehen</hi> und nicht stehen
            wollen. Wollten sie <hi rend="italic">nicht gehen</hi>, sondern stehen, so war dieses
            Mitnehmen Jesu ein Raub, ein Attentat gegen ihre Stellung. Es lag nicht daran, daß Jesus
              <hi rend="italic">etwa zu schroff</hi>, nicht gütig und geduldig genug aufgetreten
            wäre mit seiner Einladung. Wo man die Wahrheit nicht  hören will, da mag sie noch so freundlich und friedlich ausgesprochen
            werden, sie wird eben doch beißen, weil sie die Wahrheit ist. Es lag auch nicht daran,
            daß sie <hi rend="italic">zu wenig hatten sehen</hi> und merken können vom tatsächlichen
            Anbruch einer neuen Zeit. Wo man stehen bleiben will, da können alle Zeichen und Wunder
            den Haß nur vermehren gegen die Aufforderung, sich zu bewegen. Sie wollten <hi rend="italic">verharren in ihrer Stellung</hi>, darum konnten sie in Jesu ganzer
            Person, Tätigkeit und Botschaft nur Feindschaft, Gegensatz, Angriff, Umsturz spüren. -
            |</p>
          <p>Man kommt eben in eine <hi rend="italic">eigentümliche Lage</hi>, wenn man nicht
            mitgehen will, wenn Gott ruft. Wenn man dabei <hi rend="italic">beharrt:</hi> ich habe
              <hi rend="italic">schon gehört</hi> und gehorcht! ich brauche <hi rend="italic">kein
              neues</hi> Wort Gottes! ich habe mein <hi rend="italic">Schäflein</hi> schon ins
            Trockene gebracht! Ich weiß und will <hi rend="italic">bereits das Gute</hi> und brauche
            mir nichts mehr sagen zu lassen! ich bin <hi rend="italic">kein Kind</hi> mehr und habe
            es nicht nötig, heute von vorn anzufangen! Man kommt in eine <hi rend="italic">merkwürdige Lage</hi>, wenn man sich gegen Gott wehren will oder wehren muß mit der
            Begründung: Um meiner guten Sache willen, im Namen Gottes tue ich das! Da kommt man
            nämlich <hi rend="italic">sofort in die Lage</hi>, daß man bei der höchsten
            Gerechtigkeit einen Bund schließen muß mit der Ungerechtigkeit. Da muß man auf einmal zu
              <hi rend="italic">Mitteln</hi> und Methoden greifen, die man sonst verabscheut, da muß
            man plötzlich sehr weltliche, gewöhnliche <hi rend="italic">Wege</hi> gehen. Da muß man
            plötzlich nach Bundesgenossen suchen, für die man sich sonst bedanken würde. Da muß
            <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> zu <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName></hi> laufen. - |</p>
          <p><pb ed="pga" xml:id="p133" rend="noPipe"/> Denn <hi rend="italic">mit Gott gehen</hi>
            kann man nur, wenn man mit Gott einig ist. Und <hi rend="italic">mit Gott einig</hi>
            sein kann nur, wer heute auf seine Stimme hört. <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> und seine Freunde hatten viele
            Gottesworte von gestern in den Ohren; weil sie aber heute nicht hören wollten, kamen sie
            in <hi rend="italic">Widerspruch zu Gott</hi> und konnten nicht mehr mit ihm gehen. So
            mußten sie nun <hi rend="italic">mit den Menschen gehen</hi>, nach menschlicher Art und
            Weise dem entgegentreten, den sie für ihren Feind hielten. <hi rend="italic">Von Gott
              verlassen</hi>, weil sie Gott verlassen hatten, konnten sie es auf einmal nicht mehr
            machen ohne Prozeß und Urteil und Hinrichtung, sahen in <persName ref="kbga-actors-2239">Pontius Pilatus</persName> mit seiner Garde
            ein notwendiges Werkzeug Gottes, mußten: Kreuzige ihn! kreuzige ihn! schreien, als ob
            sie am Ertrinken wären. - <hi rend="italic">So gerieten die Gerechten</hi> in die
            Nachbarschaft und Kameradschaft der Ungerechten. Natürlich <hi rend="italic">nur für
              einen Augenblick!</hi>, dachten sie. Nachher lösen wir das Bündnis wieder auf. Nachher
            werden wir wieder anständig und vornehm. Nachher kämpfen wir für das Gute wieder mit den
            Waffen des Guten. Nachher sind wir wieder weit weg von <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>. Und daher <hi rend="italic">merkten sie gar nicht</hi>, daß sie mit ihren blinden, grundlosen
            Anklagen, mit der wilden Gleichgiltigkeit, in der  sie den Mörder <persName ref="kbga-actors-10427">Barrabas</persName> Jesus vorzogen, mit dem Grimm, in dem sie nach dem
            Blut ihres Feindes trachteten, schon weit über <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> hinaus waren, <hi rend="italic">merkten gar nicht</hi>, wie schwer, wie unmöglich es ist, sich nachher von der
            Ungerechtigkeit wieder frei zu machen, wenn man überhaupt auf die Ungerechtigkeit
            angewiesen ist. Das war eben <hi rend="italic">die</hi>
            <hi rend="italic">Not und das Gericht</hi>, in dem sie standen, daß sie weder vorher
            noch nachher die Wahl hatten, besser zu sein als <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>. Sie gehörten nun einmal in
            seine Gesellschaft von dem Augenblick an, wo sie sich gegenüber dem lebendigen Gott von
            heute die Ohren verstopft hatten.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">4.</hi> Das ist sicher, daß <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> und die Seinen Jesus besser verstanden haben</hi> als der Weltmensch <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>.
            Sie begriffen besser und tiefer, um was es sich handelte. Eben darum haben sie <hi rend="italic">sich so aufgeregt</hi>, so unerbittlich, so widerwärtig hitzig benommen,
            während man an <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> verhältnismäßig den Eindruck eines ruhigen, überlegenen Mannes
            hat, der wenigstens gerecht sein wollte, wenn er es auch nicht ganz konnte. <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>
            konnte als ein solcher Mann dastehen, weil er nicht merkte, um was es ging. Wenn man die
            Leidensgeschichte Jesu als einen großen <hi rend="italic">Kampf zwischen der Menschheit
              und Gott</hi> auffassen <pb ed="pga" xml:id="p134"/> will, so muß man jedenfalls
            sagen, daß die Juden die Sache der Menschheit tapferer und umsichtiger vertraten als der
            Heide, der nicht recht wußte, was er tat. - Ihnen war es wenigstens teilweise ganz klar,
              <hi rend="italic">was Jesus bedeutete</hi> und wollte: eine Veränderung, eine
            Umwälzung, wie die Welt sie noch nie gesehen hatte. Wenn <hi rend="italic">Jesus Recht
              hatte</hi>, dann hatten alle Menschen Unrecht. Wenn <hi rend="italic">Jesus die
              Wahrheit redete</hi>, dann hörte alles weitere Reden und Predigen von Gott auf. Wenn
              <hi rend="italic">Jesus siegte</hi>, dann konnte der Tempel abgerissen, die Bibel
            geschlossen werden. Wenn <hi rend="italic">Jesus gehört wurde</hi> vom Volk - und es war
            nicht weit davon -, dann wurden die Menschen Brüder, alle von Gott selbst gelehrt [vgl.
              <ref type="can" subtype="bible" target="Jer.31.34">Jer. 31,34</ref>]. <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2228">Mose</persName>
              und die Propheten</hi>, die vielgelesenen und vielgerühmten, waren dann wieder
            lebendig. <hi rend="italic">Gott redete</hi> wieder mit den Menschen, wunderbar auf
            Erden war nun Alles. Wie eine verlassene <hi rend="italic">Ruine</hi> stand dann ihre
            Frömmigkeit und Gerechtigkeit da, überflüssig, unnnütz geworden, beschienen von der
            fröhlichen Sonne. Es gibt <hi rend="italic">keine Kirche mehr</hi>, keine Pfarrer, keine
            abgesonderte Religion, keine Extramenschen mit Vorzugsstellungen, wenn der Messias das
            Reich Gottes aufrichtet. <hi rend="italic">Das verstanden <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> und die Seinen</hi> an
            Jesus. Sie verstanden zwar sein <hi rend="italic">eigentlich</hi> Neues, die Liebe und
            die Kraft Gottes, die das alles möglich macht, nicht, denn wenn sie Gott verstanden
            hätten, hätten sie ihm auch Glauben geschenkt. Aber daß sein Neues das Alte
              
            <hi rend="italic">stürzen</hi> oder vielmehr aufsaugen und zerschmelzen würde wie die
            Sonne einen Schneehaufen, das verstanden sie. Darum nannten sie ihn ja eben einen
            Gotteslästerer [<ref type="can" subtype="bible" target="Mk.14.64">Mk. 14,64</ref> par.]. -
            |</p>
          <p>Und <hi rend="italic">dieses Gefährliche an Jesus</hi>, das sie verstanden hatten,
            suchten sie nun mit allem Eifer <hi rend="italic">auch dem <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName></hi> klar zu machen.
            Sie verklagten Jesus, indem sie sich dem Verständnis des <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> anpaßten, er maße sich
            an, ein König, der König der Juden zu sein. Er predigt die Revolution!, würde man heute
            sagen. Sie wollten <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> zeigen: <hi rend="italic">auch auf dem Gebiet der
              Politik</hi>, für das Römerreich, das du zu vertreten hast, ist dieser Mann eine
            Gefahr. Als getreuer Diener des Kaisers mußt du gegen ihn vorgehen! Laß ihn kreuzigen!
            So haben sie geschrieen <hi rend="italic">gegen ihre eigenen Hoffnungen und Gebete</hi>,
            denn sie selbst hätten ja das Römerjoch lieber heute als morgen abgeschüttelt, wenn sie
            gekonnt hätten. Aber der Kaiser und sein Landpfleger schien ihnen auf einmal <hi rend="italic">die kleinere Not</hi> gegenüber der Gefahr, die von Jesus drohte. <hi rend="italic">Mochte immer</hi> der Kaiser Recht haben, solange der Kaiser Recht <pb ed="pga" xml:id="p135"/> hatte, hatten sie auch Recht. <hi rend="italic">Nur das
              nicht</hi>, daß Jesus Recht bekam und damit alle Menschen Unrecht! <hi rend="italic">Nur das nicht</hi>, daß durch das Neue, das sie in Jesus witterten, <hi rend="italic">alles</hi> Alte, Kirche und Staat, Moral und Gesellschaftsordnung, Thron und Altar
            ins Wanken käme! Nur dieses große <hi rend="italic">Neu!</hi> nicht, das Jesus allem
            menschlich Großen entgegenstellte! Nur diese <hi rend="italic">neue Schöpfung</hi>
            nicht, die von Jesus drohte. <hi rend="italic">Lieber</hi> in Ewigkeit der Heiden
            Knechte! <hi rend="italic">Lieber</hi> <persName ref="kbga-actors-8705">Barabbas</persName> los, was tut’s, ob ein Schelm mehr oder
            weniger die Freiheit genießt, wenn nur das nicht kommt, daß Alles, Alles in Frage und
            Unruhe versetzt wird. <hi rend="italic">Lieber</hi> die Verantwortung auf sich genommen
            für ein ungerechtes Urteil: Sein Blut komme über uns und unsere Kinder!, <hi rend="italic">nur das nicht</hi>, daß es mit Gott so furchtbar ernst werde, wie es
            jetzt zu werden droht. - Man muß mit <hi rend="italic">Bewunderung</hi> sagen, daß
            <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> und seine Freunde ihren Standpunkt <hi rend="italic">meisterhaft</hi>
            durchgeführt haben. Sie wußten, was sie wollten und warum sie es wollten.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">5.</hi>
            <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> steht kurzsichtig und schwächlich da neben ihnen.</hi> Er <hi rend="italic">versteht im Grunde nichts</hi> von Allem, was vorgeht. Er ist wie alle
            Leute, die nur politisch denken können, ein etwas beschränkter Kopf. - Er <hi rend="italic">hört nur die Anklage</hi>, Jesus sei ein politischer Revolutionär, und
            von dem Augenblick an, wo er einsieht, daß es damit nichts sei, daß das nicht in
            Betracht komme, weiß er nur noch die Achseln zu zucken. Daß es <hi rend="italic">eine
              andere gefährlichere Macht</hi> geben könnte als allenfalls die Macht eines
            aufständischen Judenkönigs, davon ahnt er nichts. Daß es <hi rend="italic">eine
              drohendere</hi>
            
            <hi rend="italic">Umwälzung</hi> geben könnte als die Empörungen, die er zu bekämpfen
            gewöhnt war, das entgeht ihm gänzlich. Er <hi rend="italic">begreift die Aufregung</hi>
            der Juden, ihren Schreck und ihre Wut gegen Jesus durchaus nicht. «<hi rend="italic">Was
              soll ich denn</hi> machen mit Jesu, von dem gesagt wird, er sei Christus?» Ja eben,
            was soll so ein Weltmensch machen, wenn er auf einmal entscheiden soll, ob das Göttliche
            vom Guten oder vom Bösen sei, das Göttliche, dem er weder im Guten noch im Bösen
            überhaupt beizukommen vermag? Er stand da wie die Wahrsager des Königs <persName ref="kbga-actors-2743">Nebukadnezar</persName>, die
            ihm einen Traum auslegen sollten, den er ihnen nicht sagen konnte [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Dan.2.1 Dan.2.12">Dan. 2,1-12</ref>]. Er sollte Richter sein in einer Sache,
            die er nicht im mindesten überblickte. - Der <hi rend="italic">Blick für das menschlich
              Schöne</hi> und Unschuldige an Jesus hat ihm zwar offenbar nicht ganz gefehlt. Er
            hätte es gern gesehen, wenn Jesus sich wir<pb ed="pga" xml:id="p136" break="no"/>kungsvoll <hi rend="italic">verteidigt hätte.</hi> Er sucht durch das kleine <hi rend="italic">Kunststück</hi> mit <persName ref="kbga-actors-8705">Barabbas</persName> die Juden zu veranlassen, von ihrem
            Vorhaben abzustehen. Er <hi rend="italic">wäscht schließlich</hi> feierlich seine Hände
            in Unschuld. Er hatte offenbar die Absicht, Jesus zu retten, und <hi rend="italic">seine
              Frau</hi>, die vielleicht auch ein klein wenig weiter ahnte, bestärkte ihn darin. Er
            war offenbar der kleinere, viel <hi rend="italic">kleinere Feind</hi> des Gottesreiches
            als <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName>. Wenig fehlte, und Jesus wäre durch ihn am <hi rend="italic">Leben
              erhalten</hi> geblieben. –</p>
          <p>Aber <hi rend="italic">das sollte nun nicht sein,</hi> durch Gottes guten Willen nicht
            so sein. Jesus sollte sein Leben nicht der Kurzsichtigkeit und Schwachheit eines <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>
            verdanken. <hi rend="italic">Hätte <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> Jesus verstanden</hi> wie <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName>, er hätte
            ihn ja sofort zum Tode verurteilt. Nun mußte er es <hi rend="italic">tun, ohne ihn zu
              verstehen.</hi> Jesus hat <hi rend="italic">keinen Freispruch</hi> von ihm begehrt. Er
            ist ihm mit keiner Entschuldigung oder Rechtfertigung <hi rend="italic">entgegen</hi>
            gekommen. Er hat den <hi rend="italic">Schein eines Empörers</hi> diesem Mann gegenüber
            ruhig auf sich genommen: Du sagst es!, ganz recht, <hi rend="italic">ich bin der
              Gefährliche</hi>, als den man mich bei dir verklagt hat. Er hat ihm durch sein
            bedeutsames <hi rend="italic">Schweigen</hi> auf alle weiteren Fragen allen Anlaß
            gegeben, tiefer über ihn nachzudenken wie <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> und sich auf die Seite seiner Ankläger
            zu stellen. Ein <hi rend="italic">Wunder hätte geschehen müssen</hi>, damit <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>
    Jesus verstanden und ihm - anders als <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> - Glauben und Gehorsam geschenkt hätte.
            Das Wunder geschah nicht. <hi rend="italic">Nicht jeder Zöllner</hi> ist auch ein
            Sünder, der nach Gnade begehrt. - <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> <hi rend="italic">konnte auch nachgeben</hi>,
            wenn es denn sein mußte, und er gab nach, nicht Gott, sondern den Menschen. Es war viel
              <hi rend="italic">natürlicher</hi> für ihn so. Mehr als einen <hi rend="italic">Schwärmer</hi> sah er ja doch nicht in<note xml:id="n04">Mskr. «ihn»; Korr. vom
              Hrsg.</note> Jesus. Er konnte den Schwärmer auch preisgeben zur Geißelung, zur
            Kreuzigung. In diesem Nachgeben kam’s zum Vorschein,  daß auch er <hi rend="italic">im Widerspruch war zu Gott.</hi> Das
            Todesgeschrei der Juden zeigt, wie man sich Gott widersetzen kann in fanatischer <hi rend="italic">Frömmigkeit.</hi> Die Verhöhnung Jesu durch die Soldaten des <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>
            beweist, daß man dasselbe auch mit behaglichem <hi rend="italic">Grinsen</hi> tun kann.
            Das Eine ist gescheiter, das Andere ist dümmer. Man kann streiten darüber, was schlimmer
            ist.</p>
          <!-- leerzeile -->
          <p rend="margin-top"><hi rend="italic">6.</hi>
            <hi rend="italic">Jesus selber sehen wir auch in dieser ganzen Geschichte nur schweigen,
              nur tragen.</hi> Das ist das Erlösende an dieser Geschichte. - Er <hi rend="italic">wundert <pb ed="pga" xml:id="p137"/> sich nicht</hi> über <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> und nicht über
            <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>. Er wundert sich nicht über den <hi rend="italic">Bund</hi>, den die menschliche
            Gerechtigkeit mit der menschlichen Ungerechtigkeit schließt gegen ihn, und nicht
            darüber, daß die Ungerechtigkeit nun wirklich <hi rend="italic">Ungerechtigkeit</hi> ist
            und bleibt und daß in dieser Beziehung kein Wunder geschieht. Er wundert sich nicht
            darüber, daß er <hi rend="italic">neben <persName ref="kbga-actors-8705">Barabbas</persName></hi> gestellt und daß ihm dieser
            vorgezogen wird, und nicht über die grausamen <hi rend="italic">Gemeinheiten</hi>, die
            die Garde des <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> mit ihm treibt. Er <hi rend="italic">widerspricht nicht.</hi> Er
            wehrt sich nicht. Er sucht sich nichts zu erleichtern. <hi rend="italic">Es muß Alles so
              sein.</hi> Es entspricht das alles der <hi rend="italic">Lage.</hi> Es entwickelt sich
            das alles mit einer gewissen <hi rend="italic">Notwendigkeit.</hi> In der <hi rend="italic">Welt</hi>, die Gottes neuen Schöpferruf noch nicht gehört, in der Gottes
            Reich noch nicht unzweideutig und endgültig triumphiert hat, muß es ungefähr so gehen.
              <hi rend="italic">Die Frommen</hi>, die Gott verstehen, um ihm nicht zu gehorchen, und
            die <hi rend="italic">Gottlosen</hi>, die ihn nicht verstehen, um ihm auch nicht zu
            gehorchen, die <hi rend="italic">Kirche</hi>, die von Haus [aus] das Gute will, um dann
            doch noch das Böse zu tun [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.7.19">Röm.
              7,19</ref>], und der <hi rend="italic">Staat</hi>, der von Haus aus das Böse will, um
            dann rüstig auch das Böse zu vollbringen, die merkwürdige <hi rend="italic">Einigkeit</hi> der ganzen menschlichen Gesellschaft, wenn es sich darum handelt, an
            der Hauptsache vorbei zu gehen, das alles ist soweit in der Ordnung. - Jesus <hi rend="italic">unterwirft sich dieser Ordnung.</hi>
            <hi rend="italic">Er unterwirft sich ihr, um sie zu durchbrechen.</hi> Das ist der Sinn
            der Leidensgeschichte. Er hat die alte <hi rend="italic">Welt ertragen</hi>, damit eine
            neue werden kann. Er ist Gott im <hi rend="italic">jetzigen Menschenwesen</hi> getreu
            gewesen und geblieben, damit das zukünftige Gestalt gewinnen kann. Er hat die Not und
            das Gericht, unter dem wir stehen, <hi rend="italic">erduldet</hi>, damit der Segen
            Gottes reifen kann. Er hat den Fanatismus und die Beschränktheit des heutigen Menschen
              <hi rend="italic">walten lassen</hi> gegen sich, damit der kommende Mensch geboren
            werde. Er hat sich <hi rend="italic">gebeugt</hi> unter die Notwendigkeit, damit
            Freiheit entstünde. Er hat <hi rend="italic">gelitten</hi> unter der jetzigen Ordnung,
            damit wir nicht mehr darunter leiden müßten. So hat er auch für <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> und <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName>
            gelitten und für uns alle, die wir ihresgleichen sind. - 
            |</p>
          <p> In diesem Schweigen und Tragen liegt <hi rend="italic">die Kraft
              des Heilands</hi>, die Erlösungskraft, die Auferstehungskraft, die uns nicht ganz
            fremd ist. Wir können den Heiland <hi rend="italic">nicht nachahmen</hi> wollen in
            diesem Schweigen und Tragen. Wir können uns nur dankbar freuen, daß er es <hi rend="italic">vollbracht</hi> hat [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Joh.19.30">Joh. 19,30</ref>], daß diese Kraft <hi rend="italic">nun da ist</hi> und daß sie uns
              <pb ed="pga" xml:id="p138"/> alle, während wir tausendfach auf den Wegen des <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName>
            und <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> gehen, tausendfach über die Welt der <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> und <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> hinaushebt. Können
            uns nur freuen darüber, daß <hi rend="italic">gerade das</hi>, was <persName ref="kbga-actors-3875">Kaiphas</persName> verstand und
            <persName ref="kbga-actors-2239">Pilatus</persName> nicht verstand, das große Werk der Erneuerung der Welt durch Gottes Willen und
            Geist tatsächlich im Gang ist und daß kein <placeName ref="kbga-places-37">Jerusalem</placeName> und kein <placeName ref="kbga-places-53">Rom</placeName> sich schließlich
            diesem Werk widersetzen kann. In dieser <hi rend="italic">Freude</hi> über das, was
            durch Jesus geschehen <hi rend="italic">ist</hi> und geschehen <hi rend="italic">wird</hi>, wollen wir <hi rend="italic">Ostern</hi> feiern.</p>
          <!-- leerzeile -->
        </div>
        <div type="songs">
          <head>Lieder:</head>
          <listBibl type="songs">
            <bibl corresp="kbga-songs-77" type="song"> Nr. 124 «Marter Jesu, wer kann dein vergessen»
              von <persName ref="kbga-actors-2142">Chr. R. von Zinzendorf</persName>, Strophen 1.2.4 (GERS [1952] 155,1.2.4)</bibl>
            <bibl corresp="kbga-songs-15" type="song">Nr. 142 «Jesus Christus herrscht als König» von
              <persName ref="kbga-actors-2192">Ph. Fr. Hiller</persName>, Strophen 1-3 (RG [1998] 492,1.3b.4b.5; EG 123,1.3b.4b.5)</bibl>
          </listBibl>
        </div>
      </div>
    </body>
  </text>
</TEI>
