30. Oktober 1917

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Ich muß den Kirchenvortrag1 fallen lassen. Er will mir nicht so gelingen, wie er gelingen sollte. Er schaut mich, nachdem ich ihn nun nochmals und nochmals überarbeitet habe, immer noch halb harmlos, halb prätentiös an, jedenfalls nicht vollmächtig. Gerade die entscheidenden «letzten» Formulierungen, das «in der Kirche» und doch nicht «von der Kirche» sind mir nicht recht geschenkt worden. Ich muß die Sache nun liegen lassen und wieder an Fruchtbareres gehen. Ich kann auch eigentlich nicht finden, daß der Bibelvortrag2 ein unvollständiger Abschluß sei. Im Gegenteil, es hat auch etwas für sich, von der Kirche überhaupt zu schweigen und die Predigten einfach im Bibelvortrag ausklingen zu lassen. Geschlossen ist der Ring damit auch. Aber ich bin vollkommen und freudig dabei, wenn du statt meiner noch einen Vortrag druckfertig machst, am ehesten doch den bei den Lehrerinnen?3 Schreib mir noch darüber, damit ich Bäschlin berichten kann. Diesem selber scheint es gleich zu sein, ob wir noch einen Vortrag mitgeben oder nicht.

Ich lege dir meine Predigt vom letzten Sonntag bei. Du sollst doch ein wenig wissen, wie ich mich in diesen Tagen zurechtzufinden suche. Schick mir auch etwas von dir. Wir müssen diese Großkampftage der Kirche gemeinsam überstehen in unsern bombensicheren Unterständen. Ich habe dem Seetal mit ein paar Sätzen in der Zeitung angezeigt, daß die kleine Herde auf dem Berge der Meinung sei, «die Kirche habe keinen Anlaß, sich der Reformation zu rühmen. Wichtiger wäre, es würde etwas vom Geist jener großen Tage in ihr erwachen. Sie hätte es bitter nötig! In diesem Sinne möchten wir der Reformation gedenken.» Ich hoffe, es werde aufgenommen. Im übrigen ist der «Seetaler» natürlich auch voll Inserate, katholische Veranstaltungen, Tanzvergnügungen, Nationalratswahlen, Reformationsfeiern friedlich nebeneinander. Aber auch in Basel scheints nicht anders zu gehen.

241 Sei mit Nelly und den Kinderlein herzlich gegrüßt von uns beiden.
Eduard