30. August 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Es ist kaum halb zehn Uhr [morgens], und ich habe bereits eine Volksrede gehalten — vor der fast vollzähligen Safenwiler Arbeiterschaft (Männer leider nur!), die mit erstaunlicher Entschlossenheit heute den Demonstrations-Streik1 mitmacht. Der Referent hatte Zugsverspätung, und da mußte ich eingreifen mit einem extemporierten Spruch über Wachbleiben und Lindigkeit! Nach Hause gekommen (jetzt redet ein Arbeitersekretär, und ich habe lange genug gewartet) finde ich den Brief von Guidon2 vor. Was nun? Wir werden uns entschließen müssen. Meine nächste Meinung ist die: Einberufung der Konferenz nach Wunsch der Bündner, Auflösungsantrag unsrerseits, Referat von einem von uns […] über die Lage: wie die gemeinsame Welle uns Religiös |224 Soziale zunächst nicht zusammen, sondern auseinander geführt habe, wie ohne Streit und Händeleien ein gemeinsames Losbrechen jetzt unmöglich sei, wie wir das Beste gerade vom Nicht-Zusammenkommen, d.h. von der intensiveren tieferen Arbeit der Einzelnen erwarten und darum für keine Aktionen zu haben seien. Beliebt das der Mehrheit nicht, dann eben Rücktritt von uns und Fortsetzung durch andere, die unsere Bedenken nicht teilen. So ungefähr standen wir im Herbst in Umiken bei der dunklen Ragaz-Entrevue.3 Unterdessen haben wir gar nicht mehr von dem Zeug geredet, oder? Haben sich dir unterdessen neue erfreulichere Perspektiven aufgetan? Siehst du eine Möglichkeit, auf unsere frühere, harmlosere Auffassungsweise zurückzukommen? Wollen wir Fränzeli, Markus, Dorotheeli [zur Konferenz] nach Weesen bringen und mitten unter sie stellen nebst einigen Kanarienvögeln, um ihnen zu sagen, […] was wir meinen? Mir ists weniger als je konferenzlich zu Mute. Gibts jetzt eine Zusammenkunft, dann wird alles Mögliche zur Sprache kommen müssen, was sich besser in der Stille weiterentwickeln würde zum Gericht oder zum Leben. Wir werden Abstand nehmen müssen von Ragaz, von Gerber, von Bader, was weiß ich — wir werden unsre eigenen Karten aufdecken, Stellung beziehen müssen, gerade alles das, was wir nicht begehren. Vielleicht daß es nun sein muß. Aber schade, schade! Wieviel schöne Zeit wird nun wieder verloren gehen mit Gesprächen und Briefen, […] die kein erfreuliches und lehrreiches Ziel vor sich haben. O Erzväter, o Römerbrief! Was wird nun das Nächste sein? Eine Vorstandssitzung in Olten? Oder wollen wir einigen Bündnern privatim in Zürich Rendez-vous geben, um sie zur Zurückziehung ihres Antrags zu bewegen, indem wir sie auf die Folgen aufmerksam machen? Oder eine Delegierten-Tagung, wo wir die Basler, Berner, Zürcher mitverantwortlich machen würden für den entstehenden Schaden? Oder zu allernächst, was wohl geschehen muß;, eine Empfangsbestätigung an Guidon unter sofortiger Ablehnung der drei Postulate: 1. Ausschaltung des «Hausstreits» (der mehr ist als ein solcher), 2. Nicht-Einladung der «in Gottsnamen» nicht Zugehörigen (die als Mitglieder das |225 Recht haben eingeladen zu werden!), 3. Nicht-Prädominieren der Theologen (was nur durch bis jetzt unsichtbare Laienkräfte zu erreichen wäre, und was überdies für uns kein Gesichtspunkt ist). Äußere dich bitte bald über diesen ersten Schritt, der wesentlich darauf hinauslaufen muß, daß wir uns nicht so binden lassen, wie die Bündner es vorsehen. — Gedankenstrich.

Erfreulicher ist etwas Anderes. Ich traf dieser Tage eine junge Lehrerin, die mir sagte, daß sie und eine Anzahl ihrer Freundinnen gerne von uns einen eintägigen «Kurs» über Religionsunterricht hätten.4 Frl. V. Baumann [aus Leutwil] scheint dahinter zu stehen. So etwas ließe sich schon denken, nicht? Nur daß wir die Sache wohl prinzipieller anfassen würden, als die Töchter es vielleicht meinen, und daß man von mir keine sogen. «Lehrproben» verlangen müßte, wohl aber von dir. Im Übrigen Besprechungen über den Stoff, weniger oder gar nicht über die Methode, nicht: «wie reden wir von …?», sondern, «worum handelt es sich?» Ich möchte eigentlich mehr nur als Zuhörer dabei sein, eingedenk meiner Blöße auf diesem Feld. Erkundige dich doch einmal bei Frl. Baumann, die mehr weiß als meine Berichterstatterin.

Gestern Kirchenpflegs-Sitzung mit allerhand Rückschlägen, wie sie hier immer wieder vorkommen. Große Debatte über — Konfirmationssprüche, von denen allerlei katastrophale Wirkungen ausgegangen sind, — über den Aarburger Kirchentag,5 an dem ich die Mitwirkung refüsierte, — über das Reformationsfest, wo sie sich gerne überzeugen ließen, daß kein Anlaß zum Festfeiern vorliege (doch werden die Glocken läuten, aber ohne Kommentar von mir), — über die Leichenrede, die ich einem Sozialisten hielt und die vermutlich im «Freien Aargauer» gedruckt wird.6 […]

Ich möchte für Sonntag zu einer größeren Predigt ausholen irgendwie über das πάντες ἥμαρτον [Röm 3,23; 5,12] und seine Hinter- und Vordergründe im Römerbrief.7 Aber ob die Kraft dasein wird zu gebären? Ida8 kam ganz erfreut von Leutwil zurück: du habest «fast die gleiche» Predigt gehalten wie ich am Sonntag vorher, sogar mit den gleichen Liedern. Was würden |226 erst deine Konfirmanden für Entdeckungen machen in meinem Unterricht! Communio sanctorum!

Wir begrüßen euch herzlichst, unentwegt und freudig!
Eure
Karl und Nelly

Sachfußnoten

1
Demonstration aus Anlaß einer Preiserhöhung.↩
2
Bernhard Guidon, Pfarrer in Scharans (Graubünden), hatte im Namen der Bündner Religiös-Sozialen um Einberufung der religiös-sozialen Konferenz oder einer vorbereitenden Delegiertenkonferenz gebeten. Vgl. Anm. 3 zum Brief vom 30.5.1916.↩
3
Treffen von Barth und Thurneysen mit Ragaz am 3.11.1916.↩
4
Der Kurs fand am 9.10.1917 in Safenwil statt. Barth referierte über «Religion und Leben», Thurneysen über den Sinn der Bibel. Barths Vortrag wurde viel später veröffentlicht in: Ev. Theol. 11 (1951/52), S. 437–451. 📖 ↩
5
Das Dekanat Zofingen veranstaltete im Sommer 1916 in Zofingen, 1917 in Aarburg ein «kirchliches Bezirksfest» mit dem Zweck, den inneren Zusammenhalt der Kirche zu stärken und einer größeren Öffentlichkeit kirchliches Leben vor Augen zu führen.↩
6
K. Barth, Ansprache des Pfarrers bei der Beerdigung eines Arbeiters, in: Neuer Freier Aargauer, Jg. 12, Nr. 203 (3.9.1917). 📖 ↩
7
Barth predigte am folgenden Sonntag (2. 9.) über Lk 15,11–32.↩
8
Eine ehemalige Konfirmandin von Thurneysen aus Leutwil, die bei Barths im Haushalt arbeitete.↩