28. Oktober 1917

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

[…] Du verlangst Dinge von mir, die ich dir nicht geben kann, wenn du entscheidende Worte erwartest über dich und dein Tun. Deine Predigt habe ich eben gelesen und wüßte nicht, was mir daran nicht gefallen hätte. Sie mutet mich vorreformatorisch an, damit ist eigentlich alles gesagt: wir sind nicht recht glücklich dabei, daß wir einstweilen noch so predigen müssen, und die Leute auch nicht. Aber was wollen wir? Deine Predigt ist gewiß in ihrer Art gut, und du brauchst ihretwegen keinen Augenblick unruhig zu sein. Wir müssen jetzt da hindurch; es werden schon einmal andere Töne kommen, sie klingen bereits da und dort an.

Ich habe heute auch eine Predigt zur bevorstehenden Reformationswoche gehalten über Luk. 18,13–14. Und zu sagen versucht, unter was für einer Bedingung Gott uns und unsrer Kirche diese Festwoche vergeben will.

[…] Farners Zwinglibüchlein1 habe ich gern gelesen und mich immer wieder besinnen müssen, warum uns nichts gelingen will. Alles ist Zwingli freilich auch nicht gelungen, und überhaupt spricht die Reformationsgeschichte zehnmal mehr für uns, als die Historiker und Kirchenmänner es sehen können. Das ist mir keine Frage.

Herzlich grüßen wir euch alle.
Dein getreuer
Eduard

Im Bezirk Lenzburg haben die Sozialisten ihren Kandidaten für den Nationalrat damit empfohlen: der sei nicht für die Bier- und Tabaksteuer, die den Mann aus dem Volke um seine letzten Genüsse bringen würden. Es gehört schon ein gewisser Glaube dazu, wenn man für die rote Liste stimmen will.

Sachfußnoten

1
O. Farner, Huldrych Zwingli, der schweizerische Reformator, Emmishofen 1917. 📖 ↩