25. März 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Liebe Freunde!

Ja kommt, kommt am Donnerstag! Ich sage frech meine zwei Diaspora-Religionsstunden, die ich am Nachmittag hätte, einmal ab, und dann wollen wir einen guten Tag zusammen verbringen. Wie wäre es, wenn wir versuchten, gerade den merkwürdigen Kolosserbrief kursorisch ganz zu lesen? Ich habe zwar außer Calvin keine hervorragende Literatur darüber, will aber tun, was ich kann, und wenn wir dann auch nicht alle Feinheiten verstehen werden, so gelingt es doch vielleicht, einen gewissen Überblick zu gewinnen. Du mußt dich aber auch umsehen und das bessere Teil zu der Unterhaltung beisteuern. […] Ob ihr nicht schon am Mittwoch Abend eintreffen wolltet? […] Eduard könnte dann zur Eröffnung hier eine Gast-Bibelstunde halten im Saal unten vor den paar Frauen und Töchtern, die sich zu diesen Mittwochsgesprächen einzufinden pflegen. Auf alle Fälle: Auf, auf mein Herz mit Freuden! Daß morgen nicht Kränzli ist, entlastet mich außerordentlich, denn es war mir bange auf die mir so rasch hingeworfene Aufgabe, euch meine «Passionsgedanken» vorzutragen. Dergleichen machst du besser selbst. Nun kann ich morgen getrost meine Kommentare weiter wälzen über Adam und Christus [Rm 5,12ff.] und daneben vielleicht die Sprüche aushecken für die Konfirmanden. Ich gehe eigentlich dies Jahr in meinen Predigten eher um die «Passionsgedanken» herum als darein hinein. In der Unterweisung und Kinderlehre versuche ich das letztere, aber es kommt alles viel zu plump und roh heraus, was man da sagen möchte über Schuld und Erlösung, überwundene alte Welt und anbrechende neue, Gottverlassenheit und Gottes Gegenwart, Tod und getöteten Tod. In den Heften der Konfirmanden lese ich da allerlei, was ich gesagt und was sie offenbar gehört haben, aber verarbeitet ist es ja weder von ihnen noch von mir. Ist es nicht auffällig, wie wenig eigentlich im N. T. an diesen Passionsgedanken gesponnen wird, das kam erst später, als sie nicht mehr so lebendig waren. Die Apostel gehen eigentlich |185 auch nur darum herum. Wenn wir das schon könnten: so von allen Seiten darum herum gehen und alle Jahre einmal ein starkes, lebendiges, nicht deutendes, sondern real eröffnendes Wort darüber finden! Wenn ich das nicht habe, halte ich lieber Abstand und markiere die Hauptsache nur mit ein paar Blöcken, die ich weiter nicht behauen kann: da käme es nun, Kreuz und Auferstehung, das, worauf alle Wege hinzielen. — Heute Morgen war, abgesehen von diesem Verzicht auf das Letzte, Eigentlichste, hier das, was wir prahlerisch einen «Großkampftag» zu nennen gewohnt sind: eine Mitteilung über die Salbung in Bethanien, Markus 14.3ff., die insofern «gewirkt» hat, als die Kirchenpflege unmittelbar darauf beschloß, eine Extrasitzung zu weiterer Besprechung der da angedeuteten Neuigkeiten abzuhalten. Die wird nun am Dienstag Abend steigen, und ich bin gespannt, was sie da wollen. Ich wollte, ich hätte dich dabei, denn solche Gespräche gelingen mir nie, wohl aber bekanntlich dir. Ich werde nur beteuern können, daß ich nach bestem Gewissen gesagt habe, was eben dasteht, aber das wird dem dicken A. H.1 wenig Eindruck machen.

Dem Herrn Kellerhals2 habe ich also zugesagt, aber unter Kautelen gegenüber seinem Programm. Was nun? Ja, wenn ich so «Kinderlehren» halten könnte. Wahrscheinlich habe ich in derselben Woche auch ein Kind von Spoendlin zu taufen in Zürich, und da sollte also auch ihm und seinem altkonservativen Vater und dem robusten Medizinprofessor C. etwas «mitgeteilt» werden können. Was? Wie? Kurzum meine Sorgen gehen nun über Ostern weit hinaus. Als heiteres Intermezzo wird dann die Gastpredigt von Frl. Gutknecht stattfinden, wohl am Sonntag nach Ostern oder so. […]

Am Freitag hatten wir hier Examen und ich habe, nach zweijähriger Pause, als unabhängiger Interessierter, auch wieder assistiert und mit Lehrern und Behörden, ja sogar mit dem grimmigen Herrn H. urbane Worte ausgetauscht.

Habt ihr in der letzten und heutigen Beilage der Basler Nachrichten den Bericht über die Helvetische Gesellschaft von 1790 📖 |186 gelesen? Als sozialdemokratischer Redaktor würde ich das flugs abdrucken mit Einleitung und Randglossen.

Im Arbeiterverein pflügen wir Woche für Woche die Gutachten und Resolutionen über die Militärfrage durch, die jetzt die Partei beschäftigt. Die Dialektik, in der sich die Genossen […] ergehen, ergibt sich in immer neuen Beleuchtungen, sodaß die Ausblicke auf «Allertiefstes» sich immer wieder von selbst einstellen, allerdings in anderer Weise als bei Ragaz. Bei allem Mangel an Umsicht und Klugheit, derbei diesen Leuten herrscht, ist da doch, nicht durch ihr Verdienst, aber sachlich ein «Geruch des Lebens zum Leben» [vgl. 2.Kor 2,16], sodaß ich immer wieder gern meine Beiträglein bringe, so gut das unsereins kann. Die Hiesigen wollen mich als Delegierten an den Schweiz. Parteitag in Bern schicken, der in der Sache einen großen Hornstoß tun soll!! Oh!

Nun verlangt die Familie nach ihrem Haupt. […] Groß und Klein grüßen euch herzlich! Dank für […] den Zurlinden.3 Wieviel sollte man lesen aufs Mal! Wann schreibst du das Leben Jesu?

Treulichst und freudigst
eure
Diesseitigen

Sachfußnoten

1
Landwirt in Safenwil, Mitglied der Kirchenpflege, der sich durch eine Äußerung in Barths Predigt provoziert fühlte und in der folgenden Woche (vgl. Brief vom 1.4.1917) mit gerichtlichen Schritten drohte. Es kam aber zu einer Verständigung.↩
2
Emanuel Kellerhals (1898–1973), damals Student und Leiter der Schülerbibelkreise, Pfarrer im Aargau und in Basel, Mitarbeiter der Basler Mission. Zusage: vgl. Anm. 3 zum Brief vom 20.3.1917.↩
3
Vgl. Anm. 2 zum Brief vom 17.1.1917.↩