20. März 1917

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Liebe Freunde,

Vielen Dank für Karls Bericht. Wir sind unterdessen in Zürich gewesen, wo mein Vortrag1 vom Stapel ging: er fing an bei Abraham und endete bei Bruder Klaus.2 Die Jünglinge waren ein ganz gefreutes Auditorium. Sie wissen noch nichts von religiössozialen Schlagworten und nehmen auch ein Wort aus dem «Wartsaal» freundlich entgegen, weil sie selber nichts anderes wissen, als daß sie noch im Wartsaal der Jugendjahre sitzen. Außerdem wissen sie es zu schätzen, wenn man nicht bei den üblichen Jünglingsvereinssätzlein stehen bleibt, sondern ihnen allerlei zumutet. Du solltest darum den Gymnasiasten nicht absagen.3 Es ist vielleicht nicht ganz einfach, mit diesen christlich-bürgerlichen Knaben ein deutliches Wort zu reden, aber doch keinesfalls aussichtslos. Ich habe für meine Person auch nicht grundsätzlich abgesagt, nur für diesmal, weil ich nicht neue Verpflichtungen eingehen |183 wollte. Natürlich fragt es sich, ob wir so weit sind, nun sogar der lieben Jugend unsre Sache darzubieten an Extrakonferenzen. Nein, das können wir nicht, aber warum sollten wir ihnen nicht, wenn sie es wollen, eine [Art] Kinderlehre halten, durch das allerlei von dem hindurchgeht, was uns bewegt? […]

Gestern Abend waren wir an der Zollikerstraße [Pfarrhaus Kutter] und erhielten unaufhaltsam aus Kutters Römerbriefkinderlehren 📖 vorgelesen, schöne Sachen mit allerlei guten Lichtern, und dann gabs noch allerlei kritische Nachbemerkungen zur Aarauer Konferenz. — Meine Predigt kann ich dir unmöglich schicken, sie ist nur eine Skizze, mußte überhaupt neben dem Zürcher Vortrag zurücktreten. Deine «Wartepredigt» ist nach aller Mühe, die du damit hattest, großartig geraten. Ich mußte in diesen Tagen an die Mosegeschichten denken: zuerst das Losschlagen gegen das Unrecht, dann die Wüste, dann die Befreiungstat, zu der Gott Mose sendet. […]

Wir sitzen wieder am gewohnten Strande und lassen die Flut der letzten Tage allmählich verrauschen. Was wird zurückbleiben, wenn sie sich verlaufen hat?! Nun, vergeblich ist dieses heftige Zusammenströmen in Aarau sicher nicht gewesen. So etwas muß sich von Zeit zu Zeit ereignen. Wenn nur das dabei herauskommt, daß ein paar aargauischen und andern Sichern und Sorglosen die Ohren ein wenig gellen und der Boden unter den Füßen zittert. Laßt auch wieder von euch hören.

Von Herzen
wir Beide

Sachfußnoten

1
Vortrag im CVJM in Zürich über die Lage in Kirche und Welt. Thurneysen verwies im Sinne von Blumhardt auf Hoffen und Warten.↩
2
Nikolaus von der Flüe (1417–1487).↩
3
Am 21. April 1917 referierte Barth während einer mehrtägigen Zusammenkunft von Gymnasiasten aus der deutschen Schweiz in Safenwil über «Alltagskraft».↩