1. April 1917

Karl Barth an Eduard Thurneysen

187
Liebe Freunde!

Ja, es war ein rechtes Freudenfestlein am Donnerstag, an dem auch wir immer noch Wohlleben. Der Gedanke läßt sich nicht ganz abweisen, daß solche Kränzli im engsten Kreis das Aller|188ersprießlichste wären auf unsrer jetzigen Stufe. Aber wir wollen das doch wohl vorderhand noch nicht denken, sondern uns fernerhin Mühe geben, auch aus dem Viererkreis zu machen, was zu machen ist.

Von A. H. bekam ich folgenden Tags chargiert diesen zweiten Brief. […] Ich habe ihm darauf in festen väterlichen Worten das Nötige mitgeteilt. […] Er wird daher die Klage auch ohne «Satisfaktion» vermutlich bleiben lassen. Aber als Antwort auf die Predigt von der Salbung in Bethanien ist diese Komödie wirklich etwas seltsam, und Safenwil im allgemeinen hat mir in diesen Tagen wieder eher zu schlucken gegeben, sodaß ich deinen Trost und Zuspruch wohl brauchen konnte. Auch Nelly mußte öfters seelsorgerlich eingreifen, wenn ich mich ereifern oder murren wollte.

Die heutige Predigt kam als entsetzliche Notgeburt zustande. Mark. 14,17–25. Was sagst du zu Judas Ischariot? Und zu der seltsamen engen Verbindung seiner Geschichte mit dem Abendmahl? Und zum Vers 25 speziell? Da ist für mich noch viel Unerleuchtetes. Gestern Abend mußte ich drei verschiedene z.T. weitgediehene Bearbeitungen kassieren und noch um 1/2 10 Uhr neu anfangen, unterstützt durch schwarzen Kaffee. […] Schließlich kam noch eine leidlich konzentrierte Predigt über die «Osterfeier vor dem Karfreitag» zustande, bei der auch dein schönes Bild von dem in den Armen seiner Mutter zappelnden Kindlein Verwendung fand. Wie wirds nun weitergehen?

Hier bekommst du endlich auch die gedruckte Predigt,1 die heute von den Kindern in alle Familien vertragen worden ist. Der Landregen, der heute Nachmittag niedergeht, trägt wohl dazu bei, daß sie gelesen wird. Ein letztes Wort ist es gerade auch nicht, so wenig wie die Sprüchlein des Monatsblattes und der andern christlichen Blättlein, aber doch eine weitere vorläufige Mitteilung, durch die vielleicht ein paar Nägel befestigt werden können. Als Seitenstück lege ich hier das seltsame Manifest meines Freundes Zulauf bei, der mich immer mehr an die in einer gewissen Flachheit zähen alten bernischen «Taufgesinnten» erinnert, eine ganz |189 merkwürdige Spezialität in dem religiössozialen Tierpark, dessen Wärter wir ja immer noch sind, nicht?

Deine Aufforderung wegen des Druckes der Bethanien-Predigt erinnert mich an etwas Anderes. Wollen wir nicht wirklich einmal zusammen so ein Heft oder Büchlein von etwa 12 Predigten herausgeben? Könnte das nicht, auch wenn wir erst Vorläufiges zu bieten haben, gerade jetzt gut tun, weil das Vorläufige eben doch in eine bestimmte Richtung weist? Auch für uns selbst könnte es wertvoll sein: 1. um durch die Zusammenstellung einmal den derzeitigen Stand unsrer Dinge zu objektivieren, 2. aus dem Echo, das sich einstellen würde (wenn es uns nicht geht wie Kutter mit seinen «Reden 📖»!2), auf den derzeitigen Umfang der Sintflut Schlüsse zu ziehen. Was meinst du? Könntest du nicht einmal einen von den Basler Buchhändlern […] vorsichtig abtasten? Du könntest ja von dir etwas aus der «Glocke» zum Muster einschicken und von mir gerade z. B. die Predigt «Über die Grenze!» Vielleicht ists nicht aussichtslos. Ich erwog es heute Morgen zwischen 5 und 6 Uhr im Bett und fand es möglicher als vor einem Jahr. […]

D. Fr. Strauß ist eine ganz unsympathische Gestalt, die nur auf dem Hintergrund der tragischen Irrtümer des Pietismus einigen Glanz bekommen konnte, etwa so wie sich Servet und Cons. von den Sünden Calvins abhebt. Man könnte freilich auch ein Zeichen von der Geduld oder dem Reichtum des lieben Gottes darin erblicken, wie oft gerade im Schatten seiner liebsten Knechte solche zweifelhaften Figuren auch etwas von ihrem himmlischen Ursprung zu erkennen geben dürfen, sodaß sie im Zusammenhang des Ganzen auch nicht umsonst dagewesen sind.

Ist es nicht von «symptomatischer Bedeutung», daß wir mit unserm Fabrikanten gerade im Wartsaal zusammengetroffen sind am Donnerstag? Wie soll man diese Zeichen deuten?

[…]

Und nun Glück auf und gesegnete Fahrt zu all den Sprüchen, die uns bevorstehen!
Eure
Karl und Nelly