186
30. März 1917
Liebe Freunde,
Das war ein guter Tag gestern mit euch. Die bösen Mächte und Gewalten, vor denen wir standen [Lektüre des Kolosserbriefs], sind zwar noch nicht eigentlich erledigt, aber wir wissen wenigstens, daß wir nicht mit Schwertern und Stangen gegen sie |187 ausziehen sollen, sondern daß wir uns auf Gott verlassen dürfen. Wars der Siegeston des Kolosserbriefes, wars der starke Ruf deiner Predigt,1 was uns froh gemacht hat? Diese deine Predigt, Karl, hat uns tiefsten Eindruck gemacht. Es sträubt sich natürlich manches in einem gegen die Lösung, die du herausgearbeitet hast. Unsere ganze wohlmeinende bürgerliche Liebestätigkeit und Fürsorge geht andere Wege. […] Willst du die Predigt nicht drucken lassen?
Mich beschäftigte noch, was wir von der Aarauer Konferenz geredet haben. Ich selber hatte als Student keinerlei Sinn für die Bemühungen, die damals ein Mann wie Otto Lauterburg in Bern anwandte, um einem neuen sozialen Verständnis Bahn zu brechen. So mag es den meisten heutigen Studenten auch gehen. Und wir müssen sie gewähren lassen. Blumhardt sagte mir seiner Zeit, der liebe Gott kümmere sich gar nicht extra um die Studenten, auch nicht um die Theologen unter ihnen. Mir selber sagte er noch, sei froh, daß du den lieben Gott überhaupt noch nicht richtig erfahren hast, sonst könntest du wahrscheinlich so wenig weiterstudieren, als Amos hinter seinem Pflug bleiben konnte. Auch wir wollen die Studenten hinter ihren Büchern und studentischen Wichtigkeiten lassen, aber für sie da sein, wenn sie etwas von uns wollen, sie aber jedenfalls ganz ernst nehmen auf ihrem Boden und mit ihren Problemen. […]
Wir grüßen euch herzlich und in Treuen