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Liebe Freunde!
Es ist doch höchste Zeit, daß ich euch aus meinen schönen Ferien einen Gruß schicke. Mit Freude vernehme ich, daß Mar|167guerite am Montag nach Safenwil geht, wo jetzt Nelly einsam die Bemalung eines Teiles unseres Hauses überwacht, während ich es hier gut habe und mich innerlich für den Feldzug des neuen Jahres rüste. […] Ich weiß so gar nicht, wie ihr eigentlich die Weihnachtsfreuden und -strapazen dies Jahr durchgemacht habt. Bei uns gings sehr auf und ab. Ich bin in den Festzeiten immer besonders ungeschickt und auf den Mund geschlagen […]. So redete ich mit sehr ungleicher Kraft und Erleuchtung am 4. Advent über Stillesein und Warten Ps. 37,7, an der Weihnacht über die Klarheit des Herrn Luk. 2, am Sylvester über das zweifache «Gedenken» Gottes Ps. 25,7, am Neujahr über das Geheimnis des Herrn Ps. 25,14. In der ersten und letzten [Predigt] ging es wohl am besten, die letzte halte ich nun morgen in Laupen noch einmal, während Peter, der Unverfrorene, sich auf die hiesige Münsterkanzel wagt und Kandidat Lindt1 den Safenwilern predigt.
Auch hier ist allerhand zu erleben: z. B. mein Bruder Heiner, der das Kutterbuch2 sehr lobt als den Durchbruch des platonischen gegenüber dem russischen Geist unter den Religiössozialen und es beständig gegen mich ausspielt: da seien nun einmal, was bei uns schwer zu vermissen, die Kulturaufgaben und das Geistesleben im Sinne Goethes ernst genommen und von den Leuten, die ja Alle den kritischen Idealismus nicht verstanden haben, könne er sich Kutter noch am ehesten gefallen lassen, uns aber nach wie vor nicht. Kutter ist übrigens hier. Heiner war gestern mit ihm eingeladen, kam aber enttäuscht zurück, weil der große Mann den ganzen Abend damit zubrachte, mit zwei miteingeladenen deutschen internierten Studenten über Serbien, Bulgarien und Flugzeugangriffe sich auszulassen. Ich vernahm das nicht ohne stille Schadenfreude. Unterdessen war ich — — in der Helvetischen Gesellschaft und hörte einen Vortrag über die wirtschaftlichen Verhältnisse von Frankreich von einem Genfer Journalisten. Die Gesellschaft gefiel mir nicht, und über den Vortrag konnte ich mich nur wundern. Wie naiv reden doch diese großen wichtigen Herren über «Verhältnisse», und wie wenig wissen sie von den Menschen.
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Das Weltbild, das da entsteht und das alle die Helvetiker mit bitterernsten Gesichtern anstarren, ist erstaunlich grotesk, und das Erstaunlichste ist, daß niemand darüber erstaunt in diesen Regionen. Die gröbste Agitationspauke eines Münzenberg ist realer als die Sprüche, die da von der Blüte unsres Volkes geklopft werden. Ich sah allerhand Bekannte aus der Berner Zofingia3, die sich unterdessen stattliche Bäuche und rote Backen zugelegt haben, und wurde gönnerhaft begrüßt als Mann aus der Provinz. — Mit Freude habe ich dagegen Freund von May wiedergefunden, den Salutisten. Ich hörte eine Unterweisungs-Stunde von ihm über den Sündenfall, wobei er über die Schlange und den lieben Gott erstaunliche und zutreffende Dinge vorbrachte. Die Kinder beten selber frei, recht frisch und einfach (soweit sind unsere Völklein noch nicht, was?), und das Ganze machte einen freundlichen, frommen Eindruck, wie ich ihn von meinen Stunden nicht habe. Nachher hatten wir noch nützliche Gespräche, und er zeigte sich für unsere Reserve-Stellung zugänglicher als früher. Ich werde ihn jedenfalls wieder einmal zu uns berufen. Schädelin fährt noch irgendwo Ski, wird aber auch noch auftauchen, und am Dienstag kann ich ihr Kränzli mitmachen. Auch zu einem Abonnementskonzert mit Mozart, Bach und Brahms komme ich eben noch recht. Am Mittwoch gehts dann heimwärts.
Schrieb ich dir, daß unsre Kirchenpflege am 27. Dez. eine «Wurst-Mahlzeit» hatte, wie sie in Safenwil beim Schlachten eines Schweins üblich ist? Ich brachte als Beitrag ein großes Gedicht in Knittelversen. Auf den höhern Stufen, auf denen wir weilen, wird offenbar Alles «wieder» möglich! Vielleicht sollte ich darüber im Monatsblatt schreiben?! […]
Genug! Ich grüße euch herzlich und wünsche euch nachträglich zum neuen Jahr Freude, Schlagkraft und innern Frieden.