Predigt: Psalm 25,7 (Sylvester)
In diesen Worten hören wir den Psalmsänger beten. Und in seinem Gebet hören wir, wie er ringt mit sich selbst und mit Gott. Eine schwere Last liegt auf ihm und drückt ihn fast zu Boden. Da faßt er seine Kette und rüttelt daran aus Leibeskräften, ob sie nicht zerreißen wolle. Er kennt aber auch etwas unendlich Großes und Schönes. Da sehnt sich sein ganzes Herz danach. Danach greift er mit zitternden Händen, ob er es bekommen könne. Ganz allein muß er in diesem Kampf stehen, obgleich alle Menschen durch diesen Kampf hindurch müssen, obgleich er ihn nicht nur für sich, sondern auch für die Anderen streitet. Aber mit sich selbst muß er das ausmachen. Und doch kann er selber gar nichts machen, kann nur geschehen lassen, was Gott tut. Mit Gott redet er. Gott ist der, der seine Fesseln lösen muß. Gott ist der, in dessen Händen das Gute liegt, nach dem er sich sehnt und ausstreckt. Er ringt gerade darum, daß an Stelle von all dem, was er selbst machen wollte, nun Gott etwas tun möchte. Ich wollte, wir alle würden heute das alte Jahr beschließen in einem solchen Ringen mit uns selbst und mit Gott. Ich wüßte nicht, was wir Anderes, Besseres tun könnten. Denn in der Not, aus der heraus der Mann, der so gebetet hat, einst zu Gott schrie um Hilfe, stecken wir auch. Und das Gute, nach dem er einst flehend die Hände ausstreckte, steht leuchtend auch vor unseren Augen. Wir haben keinen Grund, gelassen |432 und zufrieden zu sein, denn wir wissen alle ganz gut, daß es nicht um uns steht, wie es sollte. Wir haben aber auch keinen Grund zu verzweifeln, denn wir haben Weihnacht gefeiert und wissen, daß alles Freundliche und Liebe und Große, nach dem wir uns sehnen können, für uns bereit ist. Wir haben also allen Grund, uns zu mühen und zu ringen, zu kämpfen und Gewalt anzuwenden, um aus unserer Not herauszukommen und zu unserer Hoffnung hin. Ein Jedes von uns muß das mit sich selbst ausmachen. Je stiller und gesammelter wir heute das alte Jahr beschließen, umso besser für uns. Die Wirkungen von dem, was jedes für sich durchmacht, werden dann schon einmal auch allen Anderen zu Gute kommen. Aber ein Jedes muß seine Sache oder vielmehr die ganze Familiensache und Gemeindesache und Menschheitssache mit Gott ausmachen. Je weniger wir heute bloß grübeln und studieren über unser Leben und über die Welt, je mehr wir mit Gott reden über das, was allein von ihm kommen kann, umso besser. Wenn wir mit Gott reden oder vielmehr: wenn wir Gott zu uns reden lassen, dann kommen uns von selbst auch die rechten Lebensgedanken und Weltgedanken, die wir brauchen. Ich möchte das heute uns allen wünschen, daß wir ins neue Jahr hinübergehen nicht als die Schlafenden und Sicheren, sondern als die Wachenden und Aufpassenden, nicht als die Müden und Verzweifelten, sondern als die Kämpfenden und Hoffenden. Ich möchte das euch allen und besonders mir selbst sehr ernst und nachdrücklich sagen: Es gibt nichts Anderes für uns. Das ist die Wahrheit, und alles Andere wäre Unwahrheit. Wenn wir wirklich etwas Anderes wollten, wenn wir z. B. zu uns selber sagen wollten: Nein, ich begehre heute nicht zu beten, ich will heute traurig sein oder übermütig oder ganz stumpf und gleichgiltig, ich will mich zerstreuen, oder ich will mich brütend in meine eigenen Gedanken und Gefühle versenken, seht, dann würde eben unser altes Jahr nicht gut enden und unser neues nicht gut anfangen. So geht’s nicht. Ringe dich heraus aus dem Bösen und hinein in das Gute! Ringe mit dir selbst und mit Gott. Das ist das einzig Mögliche, das geschehen kann, gestern, heute und morgen!
In unserem Textwort hören wir, daß Alles für uns darauf ankommt, was Gott von uns denkt. Denn so wie Gott von uns denkt, so steht es eben mit uns. Gottes Gedanken über uns sind die Wahrheit. Wenn Gott Gutes von uns denkt, dann ist Alles gut, auch wenn Vieles scheinbar gar nicht gut ist bei uns. Wenn Gott Freude an uns hat, dann kann auch eine |433 Freude in uns sein, wenn auch vielleicht ganz im Verborgenen. Wenn Gott mit Ruhe auf uns sehen kann, dann haben auch wir Ruhe, und wenn die Wellen um uns her noch so hochgehen. Aber auch umgekehrt: wenn Gott Böses von uns denken muß, dann steht’s bös mit uns, und wenn wir bis jetzt noch so glatt und tadellos und vielleicht ausgezeichnet durchs Leben gekommen wären. Wenn Gott keine Freude an uns haben kann, dann ist auch in uns keine Freude trotz unserem lachenden Mund und trotz aller Vergnügungen, denen wir uns hingeben mögen. Wenn Gott unruhig an uns denken muß, helfen uns keine Sicherheit und keine großen Worte, es ist dann eine Unruhe in uns, die nicht zur Ruhe kommen kann. Und so ist’s in unserem Text gemeint: Wenn Gott der Sünden meiner Jugend und meiner Übertretungen gedenkt, dann ist eben alles Böse unseres Lebens, ob es nun ein Jahr oder zehn Jahre oder dreißig Jahre zurückliege, noch da. Es lastet auf uns, eine immer länger werdende Kette, die wir hinter uns her schleppen müssen. Wir sind dann eben das, was wir aus uns selbst gemacht haben, und bleiben an uns selbst gebunden. Immer wieder sehen wir unser eigenes Bild: ja, so bin ich, so war ich immer, so werde ich wohl immer sein. So nichtig und wertlos stehen wir dann vor uns selber da.|
Und so müssen wir dann natürlich auch die anderen Menschen ansehen, denn was wir von ihnen denken, ist immer nur ein Abbild dessen, was wir von uns selbst denken. Wir verachten sie, weil wir uns selbst verachten müssen. Wir erwarten nichts Gutes von ihnen, weil wir für uns selbst keine Hoffnung haben. Wir hassen sie, weil wir einen tiefen Haß gegen uns selbst haben. Das Böse, das auf uns liegt, das uns gleichsam aufgeschrieben ist, weil Gott es weiß und daran denkt und es nicht vergessen will und kann, es wird zum Schatten, der auf unser ganzes Leben fällt, auch wenn es äußerlich vielleicht ein ganz gutes, ruhiges Leben ist, ja zum Schatten, der sich auf die ganze Welt legt, daß wir über Alles, was ist, schließlich nur schelten und klagen und die Achsel zucken können. Und weil wir unser Leben und die Leute und die ganze Welt so mutlos und verächtlich und hoffnungslos ansehen müssen, darum geschieht denn auch tatsächlich immer wieder viel Böses und Trauriges bei uns und da draußen, und länger und länger wird die Kette. Und das kann nicht anders sein. Im Schatten wachsen eben keine Blumen, sondern nur Unkraut und Gewürm. So gewaltig wirkt das in unser Dasein hinein, wenn Gott der Sünden unserer Jugend und unserer Übertretungen ge|434denkt, wenn er von uns denkt: ja, er war immer so Einer, ich kenne ihn, so hat er’s getrieben und so ist er geworden und so ist er nun! Es gibt nichts Schrecklicheres und Folgenschwereres in der Welt, als wenn Gott an das denkt, was wir sind und wie es dazu gekommen ist. Dann müssen wir eben sein, was wir sind, und alle Folgen davon tragen, und immer neue Folgen davon stellen sich ein. Wie Gott von uns denkt, so steht es eben mit uns. Und das wollen wir uns heute, am Schluß des Jahres gesagt sein lassen: Wenn wir einen Druck in unserer Seele verspüren, eine Unbefriedigung, eine Leerheit, eine Unruhe, wenn wir uns vielleicht gerade im abgelaufenen Jahr wieder viel verdorben und viel Gutes selbst entzogen haben, so daß wir jetzt reuig und mißmutig zurückblicken und denken: könnte ich nur noch einmal anfangen, wenn wir jetzt in der Welt draußen wahrnehmen, was für eine Hölle die Menschen aus dem Leben machen können – das alles hat seinen letzten Grund darin, daß Gott an unser Böses denken muß, daß es ungetilgt, unverlöscht, mit Flammenschrift vor ihm steht, wie wir es gemacht und wie wir es gewollt und wohin wir es haben kommen lassen, daß wir selber nackt und bloß vor ihm stehen, so wie wir sind. Darum muß es eben da sein, das Böse in unserem inneren und äußeren Leben, in unserem verborgensten Privatleben und auf dem großen Weltenschauplatz. Eben darum nützt es so gar nichts, über die Verhältnisse und über die Menschen zu studieren1 und da und dort ein wenig Hand anzulegen, ob sich nichts ändern ließe. Eben darum nützt es auch gar nichts, über uns selbst zu grübeln, uns selbst anzuklagen und vielleicht den einen oder anderen guten Vorsatz zu fassen. Das Böse wird immer da sein in unserem Leben und in unserer Welt, solange Gott Böses von uns denken muß.
Aber nun hören wir in unserem Text auch das Andere: Gott kann unser gedenken nach seiner Barmherzigkeit um seiner Güte willen. Und das soll sagen: Gott braucht sich gar nicht zu bekümmern um das, was wir sind, was wir geworden sind durch unsere eigene Schuld. Er weiß es nur zu gut. Aber er sagt: sieh, es geht mich nichts an! Ich höre, wie euer ganzes Leben euch verklagt, aber ich nehme die Anklage nicht an, ich habe Wichtigeres, Größeres zu tun! Ich sehe nicht auf das, was ihr seid, sondern auf das, was ich aus euch machen will, nicht auf das, was ihr durch euch selbst geworden seid, sondern auf das, was ihr durch mich werden |435 sollt! Ich kenne eure Sünden und Übertretungen, aber ich will darüber hinwegsehen, sie sollen nicht mehr vor mir sein. Gott muß nicht Böses von uns denken, er kann Gutes von uns denken. Gott kann, wenn er an uns denkt, an seine eigene Barmherzigkeit und Güte denken. Er kann daran denken, daß er ja trotz unserer Narrheiten und Bosheiten einen Bund mit uns geschlossen hat und daß dieser Bund nicht vergehen kann, weil er sein Wort nicht bricht. Er kann daran denken, daß wir seine Geschöpfe und Kinder sind trotz aller kleinen und großen Teufeleien, mit denen wir sein Ebenbild in uns zerstört haben. Er kann daran denken, daß Alles, auch das Böseste und Traurigste, was unter uns geschehen kann, schließlich von seinem mächtigen Arm umschlossen ist und daß er der Herr ist, der schließlich nicht die Finsternis, sondern das Licht triumphieren lassen wird. Er kann statt an den harten winterlichen Ackerboden an die lebendige Saat denken, die darin schlummert. Er kann daran denken, daß es für ihn keinen Tod gibt, sondern nur Leben, das den Tod überwindet. So kann Gott, wenn er nicht auf das sieht, was wir sind, sondern auf das, was er mit uns will und vorhat, auch unser Böses ganz anders ansehen. Er kann in den Sünden unserer Jugend und unseres ganzen bisherigen Lebens ein Straucheln und Fallen sehen, aber ein Straucheln und Fallen im Vorwärtskommen, im heißen Suchen, im Streben nach dem wahrhaftigen Leben. Er kann in unserer Gottlosigkeit, in unserer Gottesleugnung und Gotteslästerung das bittere Hungern und Dürsten nach einem lebendigen Gott erkennen [vgl.
Wenn Gott Gutes von uns denkt, können wir aber auch von unseren Mitmenschen ein wenig anders denken. Unsere Gedanken über sie sind ja eben immer das Abbild unserer Gedanken über uns selbst, wie in unseren Gedanken über uns selbst die Gedanken Gottes über uns zum Vorschein kommen. Wenn uns nun Gott nicht verwirft und wir uns selbst auch nicht verwerfen müssen, so verwerfen wir so rasch auch keinen Anderen. Wer Geduld erfahren hat, der kann auch Geduld üben. Wem Schulden vergeben worden sind, der kann selber auch vergeben [vgl.
Und daran wollen wir nun auch denken, wenn wir auf unsere Vergangenheit zurückblicken. Wenn da und dort so ein Blümlein sich ans Tageslicht gewagt hat in unserem Leben oder gar schon eine frühreife kleine Frucht, wenn wir da und dort so etwas Liebes, Freundliches, Großes erlebt haben, wenn ein klein wenig etwas in uns ist von einer Klarheit, Freudigkeit und Kraft, die wir früher vielleicht nicht hatten, wenn es besser geht in einer Familie als auch schon, wenn manche böse Geister in der Gemeinde sich etwas stiller halten und dafür da und dort etwas Gutes zum Vorschein kommt, das man gar nicht erwartet hatte, wenn die Stimme der Vernunft, der Menschlichkeit, der Brüderlichkeit sich sogar zwischen den feindlichen Völkern wieder zu regen beginnt2 – seht, das hat eben auch seinen letzten Grund: da hat Gott wieder Gutes denken können von uns und von der Menschheit, das sollen wir dankbar als ein Geschenk von ihm annehmen, da sind eben offenbar seine Friedensgedanken über uns an den Tag gekommen3.
So kommt also Alles darauf an, was Gott von uns denkt, meine Freunde. Die Erinnerung an das Böse und an das Gute des vergangenen Jahres und der vergangenen Zeiten führt uns zu ihm hin. Er spricht, so geschieht es, er gebietet, so steht es da [
Wenn im vergangenen Jahr etwas von diesem Ringen und Eindringen in die Gedanken Gottes in uns geschehen ist, dann haben wir es nicht umsonst verlebt.
Wenn ihr bei dem Vielen, was auch dies Jahr hier in dieser Kirche gesagt worden ist, etwas verspürt habt von diesem Kampfe um die Gedanken Gottes und wenn ihr mitgekämpft habt, so gut ihr es konntet, dann habt ihr nicht umsonst zugehört.
Und wenn wir heute Abschied nehmen als Wachende und Betende [vgl.
- Nr. 65 «Das Jahr ist nun zu Ende» von
Chr. A. Bähr (1795–1846), Strophen 1-4 - Nr. 194 «Mir nach! spricht Christus, unser Held» von
J. Scheffler , Strophen 1.5.7 (GERS [1952] 317,1.3.5; EG 385,1.4.6 mit geringen Textabweichungen)