24. Dezember 1916

Predigt: Psalm 37,7 (4.Advent)

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[IV. Advent]
Psalm 37,7
Sei stille dem Herrn und warte auf ihn!
Liebe Freunde!

Gott kann still sein. Eben darum, weil er Gott ist. Weil er so stark ist. – Die Zerstreutheit, der Lärm, die Aufgeregtheit, alles Nicht-Still-sein-Können ist für uns schwache Menschen. Je weiter wir uns von Gott entfernen, je mehr wir selber Gott sein wollen, desto schwächer werden wir und desto weniger können wir still sein, desto zerfahrener, unruhiger, lauter werden unsere Gedanken, Worte und Taten. Darum ist unser gewöhnliches Leben, unser Verdienen, unser Geschäftemachen, die Art, wie wir miteinander verkehren und wie wir unser Vergnügen suchen, sogar bei |415 uns auf dem Lande wie dazu angetan, die Menschen aus der Stille heraus und in einen kleinen oder großen Strudel von Verwirrung hineinzureißen. Darum ist zuletzt der Krieg ein entsetzliches Durcheinander, eine einzige große Aufregung, ein Höllenlärm, eben das volle Gegenteil von der Stille Gottes. Darin zeigt es sich, daß Gott abwesend ist von unserem Treiben und daß wir es ohne ihn machen müssen. Und wenn wir noch so vornehm und wichtig tun mögen und wenn wir noch so sicher sagen mögen: ja, wir Menschen können eben nicht anders als Lärm machen, es sind gar große Dinge, die uns beschäftigen, es ist doch nur unsere Schwäche, die da zum Vorschein kommt. Ja, wir können nicht anders, es wird wohl so sein. Aber es ist nicht zu unserem Ruhm.

Gott kann still sein. Er ist schon zu Elia nicht im Sturm und nicht im Feuer und nicht im Erdbeben gekommen, sondern in einem stillen, sanften Sausen [1.Kön. 19,11–13]. Das Größte, was Gott getan hat, ist in einer stillen, heiligen Nacht geschehen. Gott ist so still in seiner Art und in seinem Schaffen. Gott ist ja nicht mehr und nicht weniger als das Leben in Allem, was ist. Und wenn die Natur und unser Menschenwesen oft voller Lärm und Zerfahrenheit und Unruhe sind, das Leben selber, das in Allem ist und auch in uns, Gott, ist still. Gott tut nicht dies und das, er ist ganz auf Eines gerichtet, ganz in sich gesammelt und zurückgezogen, er will und tut nur Eines, er ist, der er ist [vgl. Ex. 3,14], das ist eben seine ewige Kraft und Gottheit, die uns aus allen seinen Werken entgegenleuchtet [vgl. Röm. 1,20], nach der auch wir mitten in all dem Getümmel, das wir machen, Sehnsucht haben müssen. Gott fährt nicht hin und her, er braucht sich nicht zu wiederholen und zu verbessern, er braucht nicht zu disputieren und zu streiten, er geht eben seinen Weg und kommt ans Ziel. Gerade weil er Gott ist, weil er so stark ist, kann er auch darin so unvergleichlich viel einfacher sein als wir. Und eben darum braucht Gott auch so gar kein Aufsehen und Geräusch zu machen, um seine Zwecke zu erreichen. Er ist eben Gott. Er ist eben da, und das genügt. Es genügt, daß Leid, Sünde und Tod da regieren, wo man ohne ihn sein will, und kein Donner vom Himmel braucht uns das zuzurufen, es ist eben so. Und es genügt, daß Frieden und Freude da eintreten und sind, wo man ihm auftut, und keine Beredsamkeit braucht uns das erst zu erklären, es ist eben so. Gott ist ganz sicher noch keinem Einzigen von uns aufdringlich geworden – aufdringlich sind nur die Menschen –, er hat das nicht nötig. Gott lebt eben in Christus für uns, wenn wir’s wollen, |416 daß er für uns lebe! Das ist die Weihnachtsbotschaft, die wir jetzt wieder hören dürfen. Sein Wort ward Fleisch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit [Joh. 1,14], und durch dieses Wort ist uns gesagt: Gott ist bei uns, wenn wir bei Gott sind! Aber das Wort Gottes ist von allen Worten in der Welt das einzige, das kein lautes, sondern ein stilles Wort ist. Um der größten Narrheit und Unwichtigkeit willen machen wir mehr Geräusch als Gott um des Einen Notwendigen [vgl. Lk. 10,42] willen für die ganze Welt und Menschheit. Gott hat es nicht nötig, es anders zu machen. Seht, das ist die Stille Gottes. Alles Göttliche ist still. Der Geist in uns, der uns erst zu Menschen macht, ist still. Die Liebe, [ohne] die das Leben unerträglich wäre, ist still. Die tiefste Freude ist still. Alles wahrhaft Göttliche ist in sich gesammelt, ruhig, geräuschlos. Und ich sage nochmals: das ist die Größe Gottes, daß er es sehr wohl so machen kann, ja daß er es so machen will, während wir alle meinen: wir können nicht still sein.

Und Gott kann warten. Auch das wieder, weil er Gott ist. Weil gerade sein Warten sein mächtigstes Tun und Schaffen ist. Für uns Menschen hat ja schon das Wort «Warten» etwas Schwaches, Ungefreutes2 an sich, so daß wir es gar nicht gerne hören. Wenn man nicht anders kann, nicht wahr, dann muß man eben warten. Aber es ist so etwas Untätiges, Unbeteiligtes, Gleichgiltiges dabei, das wir am liebsten abschütteln möchten. Wir können nicht warten, sowenig wir still sein können. Je größer und wichtiger wir uns selber werden, je mehr wir unsere eigenen Herren werden, je weniger wir Gott verstehen als den allein Großen und Wichtigen, als den Herrn der Welt und unseren Herrn, desto weniger können wir, was er kann, warten. Ganz begreiflicher Weise: Was wir Menschen tun, und wenn es auch nur in unseren Gedanken, in unseren Herzen wäre, das wollen wir machen. Es ist immer so etwas Künstliches, Bewußtes, Absichtliches dabei. Und da ist unser voller Unterschied zu Gott und seiner Art: Er läßt einfach wachsen. Und wie zum Machenwollen die Ungeduld gehört, das Nichtwartenkönnen, so zum Wachsenlassen die Geduld, das Wartenkönnen. Darum kann Gott warten, wir aber nicht. Wir möchten uns z. B. wichtig machen voreinander, möchten Erfolg und Anerkennung haben für unsere Tugend und Tüchtigkeit bei den Leuten, möchten unseren Kopf durchsetzen und allerlei Anderen den Kopf hin|417unterdrücken, möchten uns das Leben angenehm und bequem machen – vielleicht auch Höheres und Edleres: möchten einander verstehen, möchten liebgehabt sein, möchten Früchte sehen unseres Ernstes und unserer Arbeit, Fortschritte erleben, vielleicht sogar große, schöne Erfahrungen machen, auch mit Gott, möchten uns selbst oder andere bekehren, Gottes Lichter und Mitarbeiter sein. Ja freilich, da können wir nicht warten, da pressiert’s, da muß man ungeduldig werden, denn das sind eben alles, so wir wir es uns denken, gemachte, manchmal sogar nachgemachte Sachen. Gott dagegen läßt wachsen. Da ist nichts Künstliches, sondern in seinem Reich ist Alles Natur. Da ist nichts nachgemacht, sondern Alles ist ihm eigen, fließt aus ihm selber. Aus Gottes Gedanken ist die Schöpfung hervorgegangen und geht sie immer aufs neue hervor. Tiere, Blumen, Eiskristalle, Kindlein sind Gedanken Gottes, die ihre äußerlich sichtbare Gestalt annehmen, wenn ihre Zeit da ist. Und als die Zeit erfüllt war, als Alles reif war, da sandte Gott seinen Sohn [vgl. Gal. 4,4], da wurde es Weihnacht, und die Weihnacht war doch eigentlich nichts Neues, sondern nur die Vollendung dessen, was Gott angefangen hatte. Die Weihnacht war eigentlich längst da, nur verborgen im Warten Gottes. Und so ist auch jetzt für uns die Erlösung von den Übeln und Sünden dieser Welt und eine große Freude für uns alle längst verborgen da, eingehüllt gleichsam in die Geduld Gottes, in sein Warten, und an uns ist es, es herauszuholen. Bei Gott ist eben alles Leben. Leben aber wird nicht gemacht und erkünstelt, sondern es wird und wächst. Wo’s aber wächst, da pressiert’s nicht. Darum kann Gott warten. Darum ist in das Warten Gottes eingehüllt das mächtigste, erfolgreichste Tun und Schaffen, während wir mit alledem, was wir machen wollen, so viel wir oft scheinbar zustande bringen, doch im Ganzen so wenig Erfolg haben und erst noch meinen: wir und unsere Sachen sind eben gar groß und wichtig! wir können nicht warten!

Seht, so sind wir in Beidem, im Stillesein und im Warten, sehr anders als Gott, und wenn es dabei bleiben müßte, so wären wir bös dran. Dann könnte es keinen Advent, keine Weihnacht, keine Gottesankunft geben für uns. Ja, wir wären dann wie ausgeschlossen von Gott und wie eingeschlossen in eine Welt, in der andere Mächte regieren als die Macht Gottes. Wir müßten uns dann sagen: Gott lebt, aber für uns lebt er nicht. Sein Segen ist vorhanden, aber wir können ihn nicht entgegennehmen. Gottes Hilfe ist bereit, aber sie erreicht uns nicht. Gott kann dahin nicht |418 kommen, wo ein fremder Geist sein Wesen treibt. Blinde Augen müssen zuerst sehend, taube Ohren hörend werden. Gott kann und will uns trotz seiner Allmacht nicht erreichen, solange wir nicht mit ihm stillesein und warten wollen. Es ist dann Weihnacht, und es ist doch nicht Weihnacht. Die Lichter scheinen, aber sie scheinen nicht. Wir denken an den Heiland, und es ist, als ob wir an irgend etwas Anderes dächten. Wir gehen zum Abendmahl, und es ist, [als] ob nichts geschehe. Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an! So jemand meine Stimme hört und mir auftut, zu dem werde ich eingehen und Abendmahl mit ihm halten [Apk. 3,20].3 Und jetzt klopft es wieder an bei dir, und die Stimme spricht: Sei stille dem Herrn und warte auf ihn! Es darf nicht dabei bleiben, daß du in Beidem so ganz anders bist als Gott!

Was soll denn Gott mit uns machen, der große, stille Gott mit seinem einfachen, geraden Willen, wenn er uns so gar nicht still, sondern in einer ewigen Zerfahrenheit und Aufgeregtheit findet? Es mag wohl sein, es ist sogar sicher, daß wir mitten im Lärm unseres Lebens eine große Sehnsucht nach ihm und seiner Kraft und seinem Frieden haben. Es ist ganz sicher, daß in der tiefen Aufregung, in der die Menschheit jetzt steht, verborgen ein Verlangen nach göttlichen Erlösungsmächten ist, denn die Menschheit weiß, was ihr fehlt, und weiß, was ihr helfen würde. Der Strudel der Weltgeschichte, in dem wir jetzt drin sind, hat einen letzten Grund, und dieser letzte Grund ist ein Entbehren Gottes und darum auch ein Schreien nach ihm. Das geht durch alle Herzen hindurch, durch die christlichen so gut wie durch die nichtchristlichen, durch die ungläubigen so gut wie durch die gläubigen. Aber wie soll Gott uns helfen, wenn er keine stillen Herzen findet? Wie soll Gott den Segen, der in jener stillen, heiligen Nacht auf die Erde gekommen ist, ausgießen über alle Kreatur, wenn niemand still werden will? Gott will uns ja eben nicht durch Wunder und Zauber helfen, sondern wie er es immer gehalten hat mit den Menschen: dadurch, daß er unser Gott wird, daß er in unserem Herzen Gott wird. Aber wie kann er das, solange wir nicht still werden wollen, wie er still ist? Sieh, wenn’s ernst ist mit deiner Sehnsucht nach etwas Besserem, dann muß es für dich vor Allem heißen: Sei stille dem Herrn! Dein Fragen und Suchen wird zu einem Ziel kommen, wenn du so tief gräbst, daß du merkst: ich darf nicht mehr dies und das denken, |419 nur noch Eines! nicht mehr dies und das wünschen, nur noch Eines! nicht mehr dies und das anstreben, fünferlei nebeneinander, nur noch Eines! Das heißt Stillesein! Und für deine Schmerzen und für die Schmerzen, unter denen wir jetzt alle leiden, gibt es eine Heilung, wenn wir sie nur nicht da suchen, wo man meint, rät, disputiert, interessant schwätzt und streitet, sondern dort, wo der Witz der Zeitungen und der Verstand der verständigen Nachbarn [vgl. 1.Kor. 1,19] aufhört, dort, wo jedes Einzelne in sich geht und sich unerbittlich vor die Schuld stellt, die wir alle auf uns haben, aber auch freudig vor den Gott, der für uns alle etwas Neues schaffen will. Das heißt Stillesein. Und es gibt eine Gemeinschaft mit Gott und eine Erfahrung des Gottesreiches schon jetzt, wenn wir statt allem auffälligen, besonderen, zudringlichen, wichtigen Wesen ganz einfach und schlicht uns daran halten wollen, daß Gott lebt und daß zum Leben Gottes auch diese unsere ganze Welt gehört und jedes von uns und daß wir die Zusage haben, daß wir nicht vergessen und verlassen sind, eben weil wir auch zum Leben gehören. Seht, das heißt Stillesein! Was muß mit uns geschehen? Es muß eben von dem Bilde des ewigen Gottes, der uns trösten und helfen und erneuern will, gleichsam ein Spiegelbild, eine Ähnlichkeit aufleuchten in unseren Herzen, daß. er sie zubereitet findet, wenn er bei uns einziehen will. Ohne diese Ähnlichkeit geht es nun einmal nicht. Sie macht es möglich, daß wir errettet werden können. Sie muß zum Vorschein kommen. Etwas Unnatürliches ist das nicht für uns. Wir sind ja dazu geschaffen, Gott ähnlich zu sein [vgl. Gen. 1,26f.]. Es kann uns nicht schwer fallen, still zu werden vor Gott und für Gott. Im Gegenteil, unser lärmiges, unruhiges Menschenwesen, der wichtige Spektakel, den wir mit unseren kleinen Sachen machen, das ist uns fremd und unnatürlich. Es hungert uns eigentlich nach der großen, kraftvollen Stille Gottes. Gott weiß, wie viele von uns sich danach sehnen, vielleicht schon darum geweint haben, endlich, endlich einmal stille werden zu dürfen! O, wenn wir aufrichtig werden wollten! Wir dürfen ja stille sein, wenn wir’s wollen. Und wenn wir’s wollen, dann ist Gott bereit für uns, mit seiner Macht unseren Jammer zu wenden und mit seiner Freude unsere Leere zu füllen! Ändere deinen Sinn, sei stille dem Herrn, dann wird’s Weihnacht!

Und so ist’s auch mit dem Wartenkönnen. Wir können nicht warten, weil wir nicht wollen. Und wir wollen nicht, weil wir unser Leben machen wollen, statt es wachsen zu lassen. Und wir wollen nicht wachsen |420 lassen, was wachsen will, weil wir Gott nicht verstehen, weil wir anders sein wollen, als er ist, und wohl gar noch meinen, er sollte sich nach uns richten. Was soll der große, geduldige Gott mit uns kleinen, ungeduldigen Leutlein anfangen können? Das reimt sich eben nicht, das paßt nicht zueinander. Solange wir dabei beharren wollen: ich kann nicht warten, es pressiert mir, ich möchte jetzt bald Freude haben und anerkannt werden und etwas ausrichten und ein schönes inneres Gefühl haben, ja und was noch Alles, solange muß Gott mit seinem Segen an uns vorbeigehen, wie wenn er für uns nicht Gott wäre. Ja gerade mit unserer Ungeduld, mit der wir das Gute erhaschen und an uns reißen möchten, halten wir es fern von uns, und wenn es in der besten Absicht geschieht. Wir können das Gute nicht machen, wir können es nur geschehen lassen, wie Gott es geschehen läßt. Das ist das Göttliche an Gott, wie bei ihm das Gute einfach geschieht, weil es geschehen kann, weil er ihm kein Hindernis entgegenstellt, weil er es will. Und in diesem Geschehenlassen müßten wir mit Gott einig werden, dahin sollten wir unsere Aufmerksamkeit und unseren Ernst richten. Dann würden wir gar nicht mehr ans Pressieren denken. Gerade unser jetziges Pressieren ist unser größtes Hindernis! Seht, da wundern wir uns manchmal, z. B. wenn wir krank sind, wie lange die Gesundheit doch braucht, um über das Übel in unserem Körper zu triumphieren, so daß wir wieder Ruhe haben. Aber wie soll denn das Gute in solchen natürlichen Dingen vorangehen können, wenn die Menschheit, die geist- und vernunftbegabte, so langsam ist, das Gute, das sie ja nur zu gut kennt, geschehen zu lassen? Wiederum entrüsten wir uns scheinbar sehr ehrlich darüber, daß die Völker und ihre Regierungen noch so wenig Einsicht haben, daß sie diesen Krieg entfesseln konnten und jetzt weder Wille noch Weg zu kennen scheinen, ihm ein Ende zu machen. Wie lange noch?, brummen wir ungeduldigen Zuschauer. Ja, und wie lange noch, antwortet uns Gott, wie lange noch soll es gehen mit euch, bis ihr einmal hier, nicht in Europa, nur in Safenwil, das Gute geschehen laßt, das geschehen möchte, statt es immer wieder so kindisch aufzuhalten? Und nun blickst du nach links und rechts und seufzest: ja, es geht lange, bis die Leute verständiger werden, und es ist ein wenig Frieden und Liebe unter den Leuten, und es verleidet einem fast, darauf zu warten, daß die Leute einmal anders werden. O diese Leute! Aber lässest du es denn etwa bei dir geschehen, das Gute, das du mit Recht an den Leuten vermissest? Ist’s etwa bei dir schon hervorgebrochen wie ein |421 Strom? Wartet etwa niemand auf dich? O, was hilft es uns, unser Pressieren, unser ungeduldiges Fragen und Klagen: es kommt nicht, das Gute! nichts hilft es uns, sondern es hält uns auf. Denn während wir uns so in verzehrender Ungeduld beschweren über die Welt, jetzt wehmütig und jetzt zornig, könnte das Gute geschehen bei uns selber. Das Rätsel der unvollkommenen Welt ist in uns selber, und nur in uns selber kann es gelöst werden. Sieh, du sollst es erleben, daß es um dich herum hell wird, daß auch in den unverständigen, unempfänglichen Leuten, über die du dich jetzt beklagst, etwas Neues, Besseres zum Vorschein kommt, aber dazu mußt du entschlossen und ohne an die Leute zu denken auf Gottes Seite hinübertreten. Das heißt auf den Herrn warten. Es soll wahr werden, daß die Erde ein neues Gesicht bekommt und die Menschheit einen anderen Geist, aber da müssen nun alle die, die etwas ahnen von diesem anderen Geist, vor Allem einmal, statt auf irgend ein Wunder zu passen4, entschlossen Gott sein Recht geben bei sich selber. Das heißt auf den Herrn warten. Es soll geschehen, daß uns auch die natürlichen, scheinbar unvermeidlichen Übel des Lebens unter die Füße getan werden, daß sie keine Übel mehr sind, aber wer das ersehnt und erhofft für sich und Andere, der muß geschehen lassen an sich selber, was zuerst geschehen muß an den Menschen, daß Gott ihr Herr sein kann. Das heißt warten auf Gott! Und eben dieses Warten auf Gott ist das rechte, notwendige Pressieren. Wem es so recht eilt mit dem Guten, der muß auf den Herrn warten, dann kommt es. Denn wenn wir einmal nur das wollen: das Gute in uns geschehen lassen, uns auf Gottes Seite stellen, dann bewegt sich etwas in uns, dann wächst etwas in uns, dann entsteht ein Leben in uns. Dann tritt auch darin, wie im Stillesein, eine Ähnlichkeit Gottes hervor in unseren Herzen. Die Ähnlichkeit ist eben das Wachsen, das Leben, das Gute, das von selber fließt, wo man es nur geschehen läßt. Sieh, wo Gott diese Ähnlichkeit findet in uns, da kommt er, da ist er schon. Da wird’s Weihnacht und ist schon Weihnacht. Gott zögert keinen Augenblick, bei uns zu sein, wenn wir den Sprung wagen und statt aller Ungeduld warten auf ihn!

Liebe Freunde! Wir sind alle schon still gewesen. Aber still in uns selber. Still versunken in unsere Gedanken und Gewohnheiten. Still beschäftigt mit unserem Zorn oder Kummer. Still vertieft in die Merkwürdigkeiten |422 unserer eigenen Seele. Und wir haben alle schon gewartet. Gewartet auf bessere Umstände. Gewartet auf die Leute. Gewartet aufs Älter- und Klügerwerden. Gewartet auf den Tod. Solches Stillesein und Warten bringt uns der Weihnacht nicht näher, sondern weit, weit weg davon. – Das Stillesein und Warten, durch das Gott hineingeht in die Welt und auch in die kleine Welt unseres Lebens, hat uns Jesus unmißverständlich gezeigt. Er ist’s, der es uns sagt, daß wir in unserer Unruhe und Ungeduld nicht bleiben müssen, denn er ist selbst nicht darin gewesen. Er ist’s, der es uns sagt, daß wir unser Dasein nur recht verstehen müssen: als Leben und als Wachstum, denn in ihm war Alles Leben und Wachstum aus Gott. Er ist’s, der es uns sagt, deutlicher als der Psalmsänger: Sei stille dem Herrn und warte auf ihn!, denn sein ganzes Leben stand unter dem Wort: Meine Speise ist, daß ich den Willen tue meines Vaters im Himmel [vgl. Joh. 4,34]. Er ist der stille Mensch und der wartende Mensch, und wenn wir daran verzweifeln möchten, ob denn die Ähnlichkeit Gottes bei uns je hervorbrechen wird, ob es bei uns je Weihnacht werden kann, dann sagt er uns unzweideutig: Ja, das geschieht, so wahr mein Gott euer Gott ist, so wahr ihr meine Brüder seid, so wahr ihr mit mir kommt, so wahr euer Geist meinen Geist empfängt und aufnimmt. Meine Freunde! Die Weihnachtstage und Weihnachtsfeste sind jetzt wieder da; ob es Weihnacht wird bei uns, das hängt davon ab, ob wir Jesu Stimme hören wollen, die uns das alles sagt. Wieder sitzen wir im Schifflein auf dem Sand und möchten, o wie gerne, hinaus ins offene Meer. Wieder kommt jetzt eine große Gotteswelle und will uns ergreifen und hinaustragen. Werden wir die Ruder einsetzen, und das heißt stille sein und warten mit aller Kraft, um uns hinaustragen zu lassen?

Amen.
Lieder:
  • Nr. 86 «Gott sei Dank in aller Welt» von H. Held, Strophen 1-4 (GERS [1952] 107,1-4; EG 12,1-4 mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 87 «Auf, auf, ihr Reichsgenossen» von J. Rist, Strophen 1-3 (GERS [1952] 105,1.2.4; EKG 8,1.2.5, jeweils mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Am 3. Adventssonntag, dem 17. Dezember, hat Barth nicht gepredigt. Den Grund verrät der Kalendereintrag zum 12.-15. Dezember: «Zahnabszeß».↩
2
= Unerfreuliches.↩
3
Am 4. Advent wie auch am Weihnachtstag wurde in Safenwil im Anschluß an den Gottesdienst das Abendmahl gefeiert.↩
4
= lauern.↩