Predigt: Psalm 37,7 (4.Advent)
Gott kann still sein. Eben darum, weil er Gott ist. Weil er so stark ist. – Die Zerstreutheit, der Lärm, die Aufgeregtheit, alles Nicht-Still-sein-Können ist für uns schwache Menschen. Je weiter wir uns von Gott entfernen, je mehr wir selber Gott sein wollen, desto schwächer werden wir und desto weniger können wir still sein, desto zerfahrener, unruhiger, lauter werden unsere Gedanken, Worte und Taten. Darum ist unser gewöhnliches Leben, unser Verdienen, unser Geschäftemachen, die Art, wie wir miteinander verkehren und wie wir unser Vergnügen suchen, sogar bei |415 uns auf dem Lande wie dazu angetan, die Menschen aus der Stille heraus und in einen kleinen oder großen Strudel von Verwirrung hineinzureißen. Darum ist zuletzt der Krieg ein entsetzliches Durcheinander, eine einzige große Aufregung, ein Höllenlärm, eben das volle Gegenteil von der Stille Gottes. Darin zeigt es sich, daß Gott abwesend ist von unserem Treiben und daß wir es ohne ihn machen müssen. Und wenn wir noch so vornehm und wichtig tun mögen und wenn wir noch so sicher sagen mögen: ja, wir Menschen können eben nicht anders als Lärm machen, es sind gar große Dinge, die uns beschäftigen, es ist doch nur unsere Schwäche, die da zum Vorschein kommt. Ja, wir können nicht anders, es wird wohl so sein. Aber es ist nicht zu unserem Ruhm.
Gott kann still sein. Er ist schon zu
Und Gott kann warten. Auch das wieder, weil er Gott ist. Weil gerade sein Warten sein mächtigstes Tun und Schaffen ist. Für uns Menschen hat ja schon das Wort «Warten» etwas Schwaches, Ungefreutes2 an sich, so daß wir es gar nicht gerne hören. Wenn man nicht anders kann, nicht wahr, dann muß man eben warten. Aber es ist so etwas Untätiges, Unbeteiligtes, Gleichgiltiges dabei, das wir am liebsten abschütteln möchten. Wir können nicht warten, sowenig wir still sein können. Je größer und wichtiger wir uns selber werden, je mehr wir unsere eigenen Herren werden, je weniger wir Gott verstehen als den allein Großen und Wichtigen, als den Herrn der Welt und unseren Herrn, desto weniger können wir, was er kann, warten. Ganz begreiflicher Weise: Was wir Menschen tun, und wenn es auch nur in unseren Gedanken, in unseren Herzen wäre, das wollen wir machen. Es ist immer so etwas Künstliches, Bewußtes, Absichtliches dabei. Und da ist unser voller Unterschied zu Gott und seiner Art: Er läßt einfach wachsen. Und wie zum Machenwollen die Ungeduld gehört, das Nichtwartenkönnen, so zum Wachsenlassen die Geduld, das Wartenkönnen. Darum kann Gott warten, wir aber nicht. Wir möchten uns z. B. wichtig machen voreinander, möchten Erfolg und Anerkennung haben für unsere Tugend und Tüchtigkeit bei den Leuten, möchten unseren Kopf durchsetzen und allerlei Anderen den Kopf hin|417unterdrücken, möchten uns das Leben angenehm und bequem machen – vielleicht auch Höheres und Edleres: möchten einander verstehen, möchten liebgehabt sein, möchten Früchte sehen unseres Ernstes und unserer Arbeit, Fortschritte erleben, vielleicht sogar große, schöne Erfahrungen machen, auch mit Gott, möchten uns selbst oder andere bekehren, Gottes Lichter und Mitarbeiter sein. Ja freilich, da können wir nicht warten, da pressiert’s, da muß man ungeduldig werden, denn das sind eben alles, so wir wir es uns denken, gemachte, manchmal sogar nachgemachte Sachen. Gott dagegen läßt wachsen. Da ist nichts Künstliches, sondern in seinem Reich ist Alles Natur. Da ist nichts nachgemacht, sondern Alles ist ihm eigen, fließt aus ihm selber. Aus Gottes Gedanken ist die Schöpfung hervorgegangen und geht sie immer aufs neue hervor. Tiere, Blumen, Eiskristalle, Kindlein sind Gedanken Gottes, die ihre äußerlich sichtbare Gestalt annehmen, wenn ihre Zeit da ist. Und als die Zeit erfüllt war, als Alles reif war, da sandte Gott seinen Sohn [vgl.
Seht, so sind wir in Beidem, im Stillesein und im Warten, sehr anders als Gott, und wenn es dabei bleiben müßte, so wären wir bös dran. Dann könnte es keinen Advent, keine Weihnacht, keine Gottesankunft geben für uns. Ja, wir wären dann wie ausgeschlossen von Gott und wie eingeschlossen in eine Welt, in der andere Mächte regieren als die Macht Gottes. Wir müßten uns dann sagen: Gott lebt, aber für uns lebt er nicht. Sein Segen ist vorhanden, aber wir können ihn nicht entgegennehmen. Gottes Hilfe ist bereit, aber sie erreicht uns nicht. Gott kann dahin nicht |418 kommen, wo ein fremder Geist sein Wesen treibt. Blinde Augen müssen zuerst sehend, taube Ohren hörend werden. Gott kann und will uns trotz seiner Allmacht nicht erreichen, solange wir nicht mit ihm stillesein und warten wollen. Es ist dann Weihnacht, und es ist doch nicht Weihnacht. Die Lichter scheinen, aber sie scheinen nicht. Wir denken an den Heiland, und es ist, als ob wir an irgend etwas Anderes dächten. Wir gehen zum Abendmahl, und es ist, [als] ob nichts geschehe. Siehe, ich stehe vor der Tür und klopfe an! So jemand meine Stimme hört und mir auftut, zu dem werde ich eingehen und Abendmahl mit ihm halten [
Was soll denn Gott mit uns machen, der große, stille Gott mit seinem einfachen, geraden Willen, wenn er uns so gar nicht still, sondern in einer ewigen Zerfahrenheit und Aufgeregtheit findet? Es mag wohl sein, es ist sogar sicher, daß wir mitten im Lärm unseres Lebens eine große Sehnsucht nach ihm und seiner Kraft und seinem Frieden haben. Es ist ganz sicher, daß in der tiefen Aufregung, in der die Menschheit jetzt steht, verborgen ein Verlangen nach göttlichen Erlösungsmächten ist, denn die Menschheit weiß, was ihr fehlt, und weiß, was ihr helfen würde. Der Strudel der Weltgeschichte, in dem wir jetzt drin sind, hat einen letzten Grund, und dieser letzte Grund ist ein Entbehren Gottes und darum auch ein Schreien nach ihm. Das geht durch alle Herzen hindurch, durch die christlichen so gut wie durch die nichtchristlichen, durch die ungläubigen so gut wie durch die gläubigen. Aber wie soll Gott uns helfen, wenn er keine stillen Herzen findet? Wie soll Gott den Segen, der in jener stillen, heiligen Nacht auf die Erde gekommen ist, ausgießen über alle Kreatur, wenn niemand still werden will? Gott will uns ja eben nicht durch Wunder und Zauber helfen, sondern wie er es immer gehalten hat mit den Menschen: dadurch, daß er unser Gott wird, daß er in unserem Herzen Gott wird. Aber wie kann er das, solange wir nicht still werden wollen, wie er still ist? Sieh, wenn’s ernst ist mit deiner Sehnsucht nach etwas Besserem, dann muß es für dich vor Allem heißen: Sei stille dem Herrn! Dein Fragen und Suchen wird zu einem Ziel kommen, wenn du so tief gräbst, daß du merkst: ich darf nicht mehr dies und das denken, |419 nur noch Eines! nicht mehr dies und das wünschen, nur noch Eines! nicht mehr dies und das anstreben, fünferlei nebeneinander, nur noch Eines! Das heißt Stillesein! Und für deine Schmerzen und für die Schmerzen, unter denen wir jetzt alle leiden, gibt es eine Heilung, wenn wir sie nur nicht da suchen, wo man meint, rät, disputiert, interessant schwätzt und streitet, sondern dort, wo der Witz der Zeitungen und der Verstand der verständigen Nachbarn [vgl.
Und so ist’s auch mit dem Wartenkönnen. Wir können nicht warten, weil wir nicht wollen. Und wir wollen nicht, weil wir unser Leben machen wollen, statt es wachsen zu lassen. Und wir wollen nicht wachsen |420 lassen, was wachsen will, weil wir Gott nicht verstehen, weil wir anders sein wollen, als er ist, und wohl gar noch meinen, er sollte sich nach uns richten. Was soll der große, geduldige Gott mit uns kleinen, ungeduldigen Leutlein anfangen können? Das reimt sich eben nicht, das paßt nicht zueinander. Solange wir dabei beharren wollen: ich kann nicht warten, es pressiert mir, ich möchte jetzt bald Freude haben und anerkannt werden und etwas ausrichten und ein schönes inneres Gefühl haben, ja und was noch Alles, solange muß Gott mit seinem Segen an uns vorbeigehen, wie wenn er für uns nicht Gott wäre. Ja gerade mit unserer Ungeduld, mit der wir das Gute erhaschen und an uns reißen möchten, halten wir es fern von uns, und wenn es in der besten Absicht geschieht. Wir können das Gute nicht machen, wir können es nur geschehen lassen, wie Gott es geschehen läßt. Das ist das Göttliche an Gott, wie bei ihm das Gute einfach geschieht, weil es geschehen kann, weil er ihm kein Hindernis entgegenstellt, weil er es will. Und in diesem Geschehenlassen müßten wir mit Gott einig werden, dahin sollten wir unsere Aufmerksamkeit und unseren Ernst richten. Dann würden wir gar nicht mehr ans Pressieren denken. Gerade unser jetziges Pressieren ist unser größtes Hindernis! Seht, da wundern wir uns manchmal, z. B. wenn wir krank sind, wie lange die Gesundheit doch braucht, um über das Übel in unserem Körper zu triumphieren, so daß wir wieder Ruhe haben. Aber wie soll denn das Gute in solchen natürlichen Dingen vorangehen können, wenn die Menschheit, die geist- und vernunftbegabte, so langsam ist, das Gute, das sie ja nur zu gut kennt, geschehen zu lassen? Wiederum entrüsten wir uns scheinbar sehr ehrlich darüber, daß die Völker und ihre Regierungen noch so wenig Einsicht haben, daß sie diesen Krieg entfesseln konnten und jetzt weder Wille noch Weg zu kennen scheinen, ihm ein Ende zu machen. Wie lange noch?, brummen wir ungeduldigen Zuschauer. Ja, und wie lange noch, antwortet uns Gott, wie lange noch soll es gehen mit euch, bis ihr einmal hier, nicht in
Liebe Freunde! Wir sind alle schon still gewesen. Aber still in uns selber. Still versunken in unsere Gedanken und Gewohnheiten. Still beschäftigt mit unserem Zorn oder Kummer. Still vertieft in die Merkwürdigkeiten |422 unserer eigenen Seele. Und wir haben alle schon gewartet. Gewartet auf bessere Umstände. Gewartet auf die Leute. Gewartet aufs Älter- und Klügerwerden. Gewartet auf den Tod. Solches Stillesein und Warten bringt uns der Weihnacht nicht näher, sondern weit, weit weg davon. – Das Stillesein und Warten, durch das Gott hineingeht in die Welt und auch in die kleine Welt unseres Lebens, hat uns Jesus unmißverständlich gezeigt. Er ist’s, der es uns sagt, daß wir in unserer Unruhe und Ungeduld nicht bleiben müssen, denn er ist selbst nicht darin gewesen. Er ist’s, der es uns sagt, daß wir unser Dasein nur recht verstehen müssen: als Leben und als Wachstum, denn in ihm war Alles Leben und Wachstum aus Gott. Er ist’s, der es uns sagt, deutlicher als der Psalmsänger: Sei stille dem Herrn und warte auf ihn!, denn sein ganzes Leben stand unter dem Wort: Meine Speise ist, daß ich den Willen tue meines Vaters im Himmel [vgl.
- Nr. 86 «Gott sei Dank in aller Welt» von
H. Held , Strophen 1-4 (GERS [1952] 107,1-4; EG 12,1-4 mit Textabweichungen) - Nr. 87 «Auf, auf, ihr Reichsgenossen» von
J. Rist , Strophen 1-3 (GERS [1952] 105,1.2.4; EKG 8,1.2.5, jeweils mit Textabweichungen)