11. Januar 1917

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Nelly schreibt uns heute express von deiner Erkältung in Laupen und bittet um Vertretung am Sonntag. Ich habe natürlich gern zugesagt. Wie betrübend ist dieser Angriff auf deine Gesundheit. Schlag ihn wohlgemut ab und laß dich ausgiebig pflegen. Wir haben uns an allem gefreut, was du uns aus Bern erzählst. In Gedanken warst du viel bei mir auf meinen Basler Gängen, aber ich kam nicht zu ruhigem Schreiben. Ich hatte von Tür zu Tür zu gehen und führte allerlei Reden über den Feldzug in Rumänien und die Friedensaussichten. Jetzt bin ich glücklich wieder in Leutwil. […] In Basel war ich zweimal bei Wernle. Ich kam in ein schweres Gefecht mit ihm über die Hölle und den breiten Weg und die Prädestination. Ich lege dir einen Brief Wernles über Kutter bei. Wernle sieht in Kutters Buch [«Reden an die deutsche Nation»] 📖 einen zweiten riesenhaften Versuch, den schmalen Weg des Evangeliums zu einer breiten Straße zu machen, auf der ganze Völker dem Reiche Gottes entgegenziehen, nachdem der erste Versuch mit «Sie müssen 📖», das Reich Gottes in die sozialdemokratische Masse hineinzuglauben, mißlungen sei. Nun komme das deutsche Volk daran. Abgesehen von dieser illusionären Adressierung, die manches an Jesu Botschaft abschleife und ummodle, freut sich Wernle an Kutters Verkündigung einigermaßen, aber eben die innern Schwierigkeiten seines Glaubens an Menschen und Völker seien für sein Empfinden übergroß, sodaß auf das Buch ein Schein des Phantastischen falle. Wernle insistierte sehr heftig auf den Worten Jesu vom schmalen Weg und von den Wenigen, die erwählt seien [Mt 7,13f.; 20,16]. Ich entgegnete, mir sei die Botschaft vom Reiche Gottes wichtiger als die Reflexion auf das mögliche Verlorengehen Vieler.

Wir grüßen dich beide!
Eduard und Marguerite