23. Oktober 1916

Karl Barth an Eduard Thurneysen

159
Liebe Freunde!

[…] Denkt, wir hatten über den Sonntag Kutter [zu Besuch]. […] Er führte ausgiebige Gespräche über Detektivromane, aus seinem Leben, europäische Politik — verhältnismäßig wenig über die inneren Fragen des Reiches Gottes. […] Umgekehrt las ich ihm Römer 1-3 📖 vor, er äußerte sehr freundliche Teilnahme und Einverstandenheit und ermunterte zur Fortsetzung. Und auch in meiner Predigt über den ungerechten Richter Luk. 18 [1-8] wollte er seine «Welt» wiedererkennen. Ich bewunderte diesmal vor allem seine staunenswerte Intelligenz und geistige Arbeitskraft, mit denen er über Schützengräben und Granattrichter feuerspeiend hinwegpoltert wie jene englischen Automobilfestungen. Das macht ihm keiner nach, und es ist ja auch nicht nötig.[…]

Die Arbeit an Röm. 3 geht nächstens zu Ende. Ich wundere mich über die Exegeten, die den Zusammenhang dieses Kapitels |160 eigentlich alle übersehen haben. Oder ist es eine Tiftelei von mir, wenn ich die πίστις θεοῦ V. 3 als Schlüssel des Ganzen ansehe? Kutter zeigte mir gerade für meinen Versuch, Paulus als Paulus zu ergründen, und für die Absicht, den Gegner in seiner eigenen Höhle aufzusuchen, etwas zu wenig Verständnis und wollte gerade auf meine mehr technischen Fragen nicht eingehen.

Heil und Gruß! […]
Eure getreuen
N. und K.