24. April 1916

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Wie lange, wie lange, daß man nichts mehr von einander weiß. Wie magst du dich wohl durch die Festtage durchgekämpft haben? Erlösend, daß nun Alles dahinten liegt, nicht? Denk ich war in der Zwischenzeit eine Woche im Bett, krank an einem Abszeß an der Lippe!! aber nicht von der berühmten glühenden Kohle [vgl. Jes 6,6f.], sondern von einer Rasierwunde. Freund Schild hat am 9. für mich predigen müssen, und ich lag und las die Pfarrerbücher von Benjamin Vallotton1 zum zweitenmal (kennst du sie?) und freute mich eigentlich über die plötzliche Mattstellung. In der folgenden Woche kam dann Schädelin für drei Tage, von Donnerstag bis Sonntag, sonst hätte ich dir gerufen. Er machte mir diesmal einen etwas unsteten Eindruck mit seinen vielen entthronten Göttern rings um sich herum. Er kam von Zürich mit der Nachricht, daß es nun auch zwischen Kutter und der Firma Bader-Tischhauser zum «endgültigen Bruch» gekommen sei. Man könnte grinsen, wenn man nicht weinen möchte über die verfluchte Komödie, die unsre Propheten miteinander zu spielen belieben. Wir müssen doch noch einmal an unsre Idee vom «Hirtenbrief vom Lande» herantreten, oder aber die Zustände in Zürich in das sonntägliche Kirchengebet aufnehmen. Die Eigenbrödlerei ist einfach haarig. Schädelin schimpft auch nach Noten darüber und treibt es selber am ärgsten; und wir sind wahrscheinlich, |130 von den Minentrichtern der Andern aus gesehen, in der gleichen Verdammnis. Gott besser’s! Und wir sind die, die den Turm von Babel stürzen wollen.

Diese Woche kommt nun [Gottfried] Ludwig: von Donnerstag auf Freitag, falls der Geist dich treiben und Marguerite es zulassen sollte, so komm doch auch noch schnell. Ach, das wäre gefreut! Nelly tut soeben einen Spruch: sie habe große Sehnsucht, Marguerite wieder zu sehen, sie möchte sich wieder einmal mit ihr aussprechen mündlich und am Klavier, und sie solle doch bitte auch kommen […] zu einer kleinen Neben-Prophezei. Also laßt den Geist wehen, wie er will und faßt einen frohen Entschluß und kommt, ja kommt. Des Kränzlis am 8. Mai unbeschadet. Denn wir werden uns doch durch diesen Leim [Einladung zu einem Stimmbildungskurs], der am gleichen Tag stattfindet, nicht irre machen lassen?

Hast du nicht auch Freude gehabt an Ludwigs Predigt in den «Neuen Wegen»?2 Und was hast du gesagt zu Rades Attentat auf die Safenwiler Predigt?3 Ich bin völlig unschuldig und wehrlos und habe bis jetzt keine Ahnung, was der Zweck dieser Übung war. Was sollen sie in Deutschland damit anfangen? Und was die zahlreichen unerwünschten Leser in der Schweiz? Brunners Artikel4 hatte ich schon von ihm selbst. Er ist mir zu indirekt und akademisch. Mit Wernle muß man entweder gar nicht oder dann mit 42 cm-Geschütz verkehren, lieber das erstere. Diese Art zu reden mit diesen «Gegnern» aber kommt mir unnütz vor, es geschieht damit einfach gar nichts. […]

Denk, ich machte letzthin einen schwachen Versuch, mich von der Leitung des Blauen Kreuzes zurückzuziehen: um den vielen Neben-Reden zu entgehen und um auch die Leute zur Konzentration einzuladen. Aber es wird wahrscheinlich nicht gelingen, das Joch ist nicht abzuschütteln.

Fränzeli war etwas krank in letzter Zeit, nun gehts wieder besser. Karl Markus macht seine ersten Versuche im Greifen […]. Was für Stufen doch der Mensch durchlaufen muß, bis er glücklich soweit ist, Predigten und andere Durchbrüche zu produzie|131ren. Nun ist auch Guggenheim verlobt und ich bin bereits als Trauredner gewonnen, so ist eine zweite Missionsreise nach St. Gallen in Aussicht. Gestern Nachmittag Ausflug mit den Konfirmanden bei Regenwetter, mit Ausnahme einiger von der Nachhut vertilgter Biere nicht übel gelungen. Nachher traf plötzlich mein Bruder Heiner ein, irgendwoher aus dem Unendlichen, jetzt — nach seinen Berliner Eindrücken — viel zugänglicher für unsre Methoden, doch mit den ernsten Vorbehalten des Ethikers.

Was wirds geben mit Amerika?5 Was soll man denken von alldem, was heute in der Zeitung stand? […] Es eröffnen sich gigantische Perspektiven für die Fortsetzung des Krieges. […] Ich denke, was wir jetzt zu tun versuchen, ist doch unter all den Möglichkeiten immer noch das Vernünftigste und Aussichtsreichste. Aber ich habe sehr das Bedürfnis, wieder von dir «bestärkt» zu werden, und darum komm bald.

Schluß. Herzlichen Gruß euch Beiden [und] auf frohes Wiedersehn!
Eure
Karl und Nelly

Sachfußnoten

1
Benjamin Vallotton (1877–1962), welschschweizerischer Romanschriftsteller. Welche seiner Bücher Barth gelesen hat, läßt sich nicht mehr feststellen. Doch erwähnt er in Der Dienst am Wort Gottes, ThExh 13, München 1934, S. 6 📖, eine Romanfigur Vallottons namens «Pasteur Chardonnet».↩
2
[G.] L[udwig], Glaube (Predigt über Rm 8,38f.), in: Neue Wege, Jg. 10 (1916), S. 167ff. 📖 ↩
3
Rade hatte den Abdruck von Barths Predigt in der «Christlichen Welt» (vgl. Anm. 1 zum Brief vom 6.3.1916) ohne Nennung von Barths Namen und ohne sein Wissen vorgenommen.↩
4
E. Brunner, Grundsätzliches zum Kapitel «Die jungen Theologen», in: Kirchenblatt für die ref. Schweiz, Jg. 31 (1916), S. 57–59. 📖 ↩
5
Kriegseintritt der USA anfangs 1917.↩