6. März 1916

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Ich habe leider nur noch ein paar Exemplare dieses christlichen Traktätleins,1 will dir aber gerne die Hälfte überlassen zu gut scheinender Verwendung. Pestalozzis habe ich selber eins geschickt. Wernle? Benz? Was solls? Erwartest du, daß sie sich durch ein solches Trompetenstößlein, das ja ohne Kenntnis der nähern Umstände hier fast unverständlich ist, belehren oder er|126freuen lassen werden? Oder erwartest du, daß sie uns viel Belehrendes und Erfreuliches darauf zu sagen haben werden? […] Da bringt mir die Post soeben den Brief von Albert Barth2 und setzt mich vielleicht ins Unrecht mit dem, was ich diesen Moment über die Dispositionen dieser Gruppe empfand. […]

Ich hatte gestern Nachmittag in Rohr bei Aarau einen Vortrag über «Der Wille Gottes und der Krieg».3 Ich geriet nachher unter ein Trüpplein von der «Freien Jugend» aus Aarau, das meinen Vortrag im Januar gehört hatte und nun herbeigezogen war. Eine Familie, die offenbar Hauptstütze der Sache ist, lud mich auf dem Heimweg in ihr Haus ein und nahm mich in ganz rührender Weise auf. Ich sah da in eine mir ganz neue Welt hinein, allerlei Chaotisches, aber viel unmittelbares Leben und Kraft und vor allem ein erstaunliches Begreifen- und Ergreifenwollen der neuen innern Voraussetzungen im Gegensatz zur offiziellen Partei-Art. Die Mädchen erzählten mir auch allerlei aus ihrer Unterweisung; das eine ist noch mitten drin, aber tatsächlich der ganzen Kirchlichkeit dieser Art längst entronnen, obwohl sie doch Alle ganz kindlich immer noch etwas erwarten von den Pfarrern. Was ist da alles verglunggt,4 innerlich verglunggt worden von der Kirche! […]

Das Echo auf die Predigt aus der Gemeinde ist noch nicht stark; ich höre nur da und dort: man müsse das ein paarmal lesen. Ich erwarte eigentlich auch keine besondern Reaktionen. Unsre Kirchenpfleger machen mir fortgesetzt Freude; ich kann an allerlei Kleinigkeiten feststellen, wie sie sich Mühe geben. Marguerite soll sich ja nicht vorstellen, als ob hier Pfingsten sei.

Herzlichste Grüße ihr und dir auch von Nelly
dein getreuer
Karl Barth

Sachfußnoten

1
K. Barth, Der Pfarrer, der es den Leuten recht macht. Eine Predigt [über Ez 13,1–16] gehalten in der Kirche zu Safenwil 📖, als Manuskript gedruckt 1916; wieder abgedruckt in: CW, Jg. 30 (1916), Sp. 262–267 📖; ferner in: Christentum und Wirklichkeit, Jg. 10 (1932), S. 86–97 📖, mit Nachwort des Vf.; und in: Predigt im Gespräch, Nr. 3, Neukirchen 1967 📖.↩
2
Albert Barth (1874–1927), Vetter Karl Barths, bekannter Schulmann, zuerst in Schaffhausen, später Rektor des Mädchengymnasiums in Basel, Freund Wernles.↩
3
Der Vortrag über «Der Wille Gottes und der Krieg» wird in Reihe III dieser Ausgabe erstmals veröffentlicht werden. 📖 Barth hielt ihn in einem sozialistischen Arbeiterkreis.↩
4
= fahrlässig versäumt.↩