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21. November 1915
Lieber Freund!
Ob ich dich morgen in Kulm treffe? Ich habe im Sinn hinzugehen, da La Roche mich noch expreß hat kommen heißen und es möglicherweise zu nützlichen Gesprächen kommen könnte. […] Wir sind sehr einverstanden mit deinem Eindruck von meinem Vortrag. Es war eben wirklich, wie ich schon am Abend selbst empfand, ein Schlag an die Wand und kein «Durchbruch». Warum nicht? Ich suchte mir am Dienstag Abend mit Peter intellektuell zurechtzulegen, wie der Vortrag hätte laufen müssen, um die Gegenreden und Bedenken der andern von vornherein zu paralysieren, nein, positiv fruchtbar in das Ganze unserer Anschauung hineinzunehmen. Es hatte mir ja schon vorher ein solches «hereinnehmen» aller andersartigen religiösen Positionen vorgeschwebt, |103 und was du in deinem Votum Punkt I sagtest, wies auch darauf hin. Und doch bin ich eigentlich froh, es nun nicht anders gemacht zu haben. Denn es war ehrlicher so für mich. Denn ich empfinde nun einmal tatsächlich, so richtig ich deinen Einwurf finde, die Abwesenheit Gottes in den innerweltlichen Kreisen, die ich im 1. Teil beschrieb, stärker als seine Anwesenheit, sein Hereinragen in diesen Kreisen. Wernle hat mein Empfinden mit dem Schimpfwort «apokalyptisch» nicht ganz unrichtig aufgefaßt, und es war besser, das kam nun etwas naiv zum Vorschein, als wenn ich es durch eine stärkere positive Wertung des Innerweltlichen durch eine für mich mehr intellektuelle als religiös aufrichtige Wendung und Umgruppierung meiner Gedanken verhüllt hätte. Verstehst du mich? Ich empfinde die Härte und Hölzernheit meiner Gedanken, wie sie jetzt herauskamen, auch als innerlich-religiöses Manko. Wenn diese gewisse Härte und Dürftigkeit nun gerade bei der mehr kühlen rechnerischen Art meines Vortrags gegenüber der Predigtmethode (wo die Liebe der Sünden Menge deckt!! [vgl. 1.Petr 4,8]) zum Vorschein kam, so war das objektiv sicher kein Schade, und ich bin froh, gleichsam zu meiner eigenen Entlarvung nicht gepredigt, sondern, wie du gut sagst, abgerechnet zu haben. Wenn Wernle seinen Teil bei dieser Abrechnung übersehen und nachher fröhlich seine alten Schlagtotformeln gehandhabt hat wie vorher, so ist das seine Sache. Ich für mich bin froh, daß mein eigenes Manko dabei ziemlich sauber herausgekommen ist, und suche nun weiter in der gleichen Form.
Etwas muß ich dir nachträglich noch gestehen. Ich habe in meinem Schlußvotum auch deinem Punkt II — Dankbarkeit gegen die moderne Theologie — zugestimmt, eigentlich ein wenig unbesehenerweise. Nachträglich mußte ich mir sagen, daß ich ehrlicherweise dazu hätte schweigen oder — sehr mißlich! — dir widersprechen müssen. Ich empfand folgenden Tags bei meinem Besuch bei Wernle sehr stark, daß diese modernen Theologen mir wenigstens sozusagen nichts mehr zu bieten haben als den Widerspruch, der einen auf eigene Torheiten und Schwachheiten aufmerksam macht, und wofür ich ja sehr dankbar bin. Gerade in bezug auf |104 Jesus haben uns diese Leute doch einfach irregeführt mit ihrer langweiligen Zeitgeschichte. Der Wernle’sche Jesus speziell, soweit er mir gerade in diesen Tagen wieder entgegengetreten ist, ist eine Figur, die mich völlig kalt läßt, trotz der (mich oft künstlich überhitzt anmutenden) Begeisterung, mit der er sie einem anpreist. Haben wir nicht alles, was uns an Jesus wichtig ist, anderswoher als von diesen modernen Theologen? Wir mußten ja offenbar durch diese Schule hindurch, und es fällt mir nicht ein, hinterdrein mit den Herren hadern zu wollen, daß sie uns nicht das geboten haben, was unsere Väter z. B. an J. T. Beck1 hatten; aber ihnen noch extra danken für den Umweg, zu dem sie uns veranlaßten, und für diese Aufenthalte bei lauter Nebensächlichem, zu dem sie uns jetzt immer wieder veranlassen wollen, das geht nun eigentlich doch nicht. Nur wenn dein Bekenntnis zu diesen Herren ganz plusquamperfektisch gemeint war, könnte ich dir zustimmen. Jetzt sehe ich auf dieser Seite nichts Vorwärtsführendes mehr. Wir mögen noch sehr in den Kinderschuhen stecken, es kommt mir wirklich auch so vor, aber ich glaube nicht, daß bei Wernle und Cons[orten] noch etwas zu holen und zu lernen ist für uns, positiv nämlich.
Ich schicke dir hier noch meine Einleitungspredigt zu euern Vorträgen von heute morgen. Nicht zur Erbauung […] aber vielleicht zur Orientierung, weil du am Mittwoch den Schlußpunkt zu setzen hast. Ich habe keine Ahnung, ob die Leute kommen und andauernd kommen werden. Die Predigt heute Morgen war gut besucht, die Kirchenpflege war in corpore da. Sie benimmt sich überhaupt sympathisch. […]
Nun wird mein Heilsarmeefreund bald anrücken. Ich erwarte alles Gute von ihm. […] Die Predigt über Neh. 8 ist noch bei dir, nicht? Schick mir jetzt auch wieder einmal etwas von dem Deinigen.
Herzlichen Gruß senden dem einsamen Gevatter und «Onkel»
DeineKarl,
Nelly,
Fränzeli,
Markus