22. November 1915

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Freund,

Hier folgt deine Predigt, damit du sie nicht vermissest. Trotz deines heutigen lieben Briefes muß ich sagen, ich hätte doch gern etwas vom Geist dieser Predigt im Basler Vortrag gehabt. Aber du hast ja wohl recht mit deinem Urteil darüber, und ich möchte dir nicht in deine subjektiven Empfindungen hineinreden. Was du zu meinem Dank an die modernen Theologen schreibst, darauf kann ich nur das erwidern: er war viel persönlicher gemeint, als du ihn verstanden hast. Ich war eben doch jahrelang Wernles intimster Schüler und in täglichem Verkehr mit ihm. Da könnte ich dein scharf abrechnendes Urteil aus diesem persönlichen Grunde heraus mir nicht aneignen, könnte also nicht sagen: er hat mir nichts gegeben. Aber das gilt wirklich nur für mich. Und ich muß allerdings auch sagen, ich bin dir dankbar, daß du mir nicht widersprochen hast. Daß dir Wernles Theologie nicht behagt, verstehe ich völlig, auch ich finde sie mißlich, darin sind wir einig. Es ist eine «Werturteilstheologie» schlimmen Stils, die einfach sagt: das und das an Jesus behagt mir, das kann ich gut brauchen, also ist es das Zukunftskräftige an ihm, was allein gilt und Bestand haben wird. Denkerisch durchgearbeitet ist es bei Wernle nicht, sondern es entspricht seinen subjektiven Bedürfnissen. Er hat eine Seite an Jesus herausgehoben, aber es erscheint bei Wernle wie herausgeschnitten und in der Luft hängend, und darum muß er es so krampfhaft betonen.

Ins Kränzli komme ich nicht wegen des vor mir liegenden Safenwiler Vortrags. Ich fürchte, es gelinge mir nicht. Schick mir noch ein Wort und einen Schluck Trost aus der großen Flasche, ich bedarf seiner.

Herzlich
Dein
Ed. Th.