Predigt: Philipper 3,20-21
Was ist das, die christliche Hoffnung? Das ist die gewisse Erwartung, daß der Heiland vom Himmel auf die Erde kommen will, damit die Erde voll werde von der Herrlichkeit Gottes, wie sie jetzt schon im Himmel ist. Wir müssen die Worte «Himmel» und «Erde» recht verstehen. Was wir gewöhnlich so heißen, ist nur das äußere Abbild von dem, was in der Bibel mit diesen Worten gemeint ist. Wir dürfen bei diesem Äußeren nicht stehen bleiben. Wir dürfen uns darum auch mit unseren Gedanken nicht daran stoßen, so sonderbar es uns aufs erste Anhören anmuten mag, wenn uns das in der Bibel immer wieder so verheißen wird, daß der Heiland vom Himmel her auf die Erde kommen wolle. Das ist die tiefste Wahrheit. Der Himmel ist eben die unsichtbare, ewige Welt Gottes, von der uns das bestirnte Gewölbe über uns gerade eine schwache Vorstellung gibt. Und die Erde ist unser jetziges, sichtbares, zeitliches Leben. Beide sind sehr zweierlei, scheinen sehr weit von einander entfernt: bei Gott ist Gerechtigkeit, Wahrheit, Frieden und Freude, bei uns Menschen ist wohl viel Sehnsucht nach Gott, aber auch ein Meer von Unrecht, Bitterkeit und Schmerz. Wie sollen der Himmel und die Erde, Gott und der Mensch zusammenkommen? Einmal berührten sie sich, die Sehnsucht der Menschen sah ihre Erfüllung ganz nahe vor sich, die bösen Geister wollten fliehen, die Erde wollte himmlisch werden: das war, als Jesus ein Mensch war. Das war ein Anfang von himmlischem Wesen im Sichtbaren und Zeitlichen. Aber die Menschen wollten nicht; es war ihnen noch zu groß, was da zu ihnen kommen wollte. Und so blieb eben der Anfang ein Anfang. Wir haben wohl ein Stücklein Liebe, Zuversicht, Klarheit und Freude in unserem Leben, unserer Welt, aber es ist nur ein Stücklein, nicht das Ganze, das Jesus eigentlich bringen wollte. Der Himmel, die Gotteswelt, und die Erde, die Menschenwelt, sind immer noch weit, weit voneinander entfernt. Das Gan|465ze, das Fertige, die Vollendung, die Jesus bringen wollte, ist wieder über uns verborgen bei Gott. Aber nun haben wir die Hoffnung, die christliche Hoffnung, daß das, was mit Jesus vom Himmel her angefangen hat, fertig werden soll. Der Himmel, der jetzt fast ganz verschlossen steht, daß wir nur wie durch ein Spältlein hineinsehen, der Himmel soll und will wieder weit aufgehen, daß wir Gott sehen und die Engel singen hören, du und ich und das ganze Dorf und die weite Völkerwelt. Jesus will in einer ganz neuen Weise zu uns kommen, der Herr der Geister werden und uns das Ganze bringen. Wie Paulus im gleichen Briefe schreibt: der in euch angefangen hat das gute Werk, der will es auch vollenden [
Warum sollen nun heute und an den nächsten Tagen in
466 Seht, ich denke jetzt daran, daß am nächsten Sonntag wieder die Adventszeit beginnt, die Einleitungszeit vor dem Weihnachtsfest. Advent heißt auf Deutsch «Ankunft», und da ist eben auch die Ankunft des Heilands auf der Erde, die Vollendung von Gott her gemeint, der wir entgegensehen sollen. Aber es kommt mir so schrecklich vor, daß wir da nun wieder einfach wie alle Jahre wieder singen wollen: Wie soll ich dich empfangen …2, wo doch unser Verlangen nach dieser Ankunft des Heilands gar nicht so ernst und lebendig ist unter uns — daß ich da nun wieder predigen soll von der großen Hoffnung der Propheten und Apostel, wo ich doch sehe, wie diese Hoffnung uns fast etwas Fremdes ist. Was könnte uns die Adventszeit für eine wunderbare Zeit sein, wenn wir im Ernst und lebendig die Erwartung hätten: Gott will das, was er unter uns angefangen hat, fertig machen?
Ich denke dann weiter daran, was das Christentum tatsächlich für eine Macht und für eine Seligkeit ist da, wo diese Erwartung Ernst und lebendig ist. Unter den ersten Christen z.B., die der Vollendung entgegensahen wie Knechte, die auf ihren Herrn warten [vgl.
Ich weiß nun wohl, daß man das nicht einfach machen kann, auch mit noch so vielen Predigten und Vorträgen nicht. Gott selber ist es, der das Christentum in uns wieder zum Leuchten bringen muß. Offenbar habe ich selbst zu wenig davon, daß ich es euch nicht besser zeigen |467 kann. Und doch muß ich euch eben immer wieder davon reden, so gut ich’s kann. Und nun habe ich also vier von meinen Freunden gebeten, einmal zu uns zu kommen und uns ihr Zeugnis zu geben von dieser großen Sache. Ich denke mir, daß vielleicht der eine oder andere von ihnen dem einen oder anderen von euch besser ein Lichtlein aufstecken kann über das, worauf es ankommt, als ich es kann. Wenn ihnen das gelingt, so habe ich Freude, und ich weiß, daß ihr dann auch Freude haben werdet. Wenn es ihnen nicht gelingt, wenn ihr vielleicht überhaupt von diesen Vorträgen nicht viel wissen wollt, so werde ich eben nachher meine Last allein weiter tragen von einem Sonntag zum anderen, wie vorher. Enttäuscht und betrübt werde ich auch dann nicht sein. Denn es ist wohl möglich, daß die Zeit für euch und für mich jetzt noch nicht gekommen ist, ich bin aber ganz sicher, daß sie früher oder später einmal kommen wird, die Zeit, wo wir mit der Freude, die von innen kommt, einstimmen können in das Freudenbekenntnis eines der ersten Christen: Gelobt sei Gott und der Vater unseres Herrn Jesu Christi, der uns nach seiner großen Barmherzigkeit wiedergeboren hat zu einer lebendigen Hoffnung [
Ich möchte euch heute als Einleitung zu dem, was die Anderen sagen werden, ganz kurz andeuten, was mir an der christlichen Hoffnung so wichtig ist und warum ich glaube, daß wir vor Allem mehr solche lebendige Hoffnung nötig haben und uns von Gott schenken lassen müssen.
Das Erste liegt in dem Worte des Paulus: «Unser Bürgertum ist im Himmel». In euren Bibeln heißt es: unser Wandel ist im Himmel. Denkt, wenn man es ganz genau aus dem Griechischen übersetzen wollte, müßte man vielleicht sagen: unsere Politik ist im Himmel! Eigentlich ist mit diesem Wort alles menschliche Tun gemeint, unsere Arbeit und unsere Gedanken, unsere frommen und notwendigen Bestrebungen und Einrichtungen für das Gute und den Fortschritt in unserem Leben und in der Welt. Wir sind in einer merkwürdigen Lage als Christen mit dem, was wir tun, auch mit dem Besten, was wir tun, meint Paulus. Wir können im Grunde nur hinsehen auf das, was Gott tut, auf das, was im Himmel geschieht. Dort ist unsere Heimat, dort haben wir Bürgerrecht, dort ist die Politik, wenn wir so sagen wollen, oder: dort sind die Bestrebungen und Einrichtungen, die uns etwas angehen, dort wird etwas getan, was einen Sinn hat. Die Welt Gottes ist unsere Welt. |468 Wie furchtbar klein und unwichtig, wie furchtbar ungenügend ist dem gegenüber alles das, was wir hier auf der Erde, d.h. in diesem unserem sichtbaren, zeitlichen Leben schaffen und leisten können. Nicht davon leben wir, nicht das kann uns helfen und uns und die Welt vorwärts bringen, was wir hier treiben, und wenn es das Schönste wäre, sondern allein das, was Gott treibt. Wir leben davon, daß wir wissen, es gibt dann noch etwas Anderes als Alles, was wir jetzt treiben. Es gibt ein Vollkommenes gegenüber unserem Unvollkommenen, es gibt ein Endgiltiges gegenüber allen unseren Vorläufigkeiten, es gibt das Leben, das Jesus gelebt und verkündigt hat gegenüber der Art, wie wir Anderen jetzt leben. Das ist unsere Zuversicht und unsere Freude und unser Trost, daß wir das wissen: es gibt dieses Andere, unser Bürgertum ist im Himmel.
Das ist etwas Wunderbares, wenn wir dazu kommen, das zu merken. Wir kommen mit dem, was wir jetzt denken und tun können, gar leicht in Irrtümer und Mißverständnisse hinein, die uns sehr unglücklich machen können. Zuerst damit, daß wir zu stolz sind auf uns selbst und uns leicht zu viel zutrauen. Nehmt z.B. so einen jungen, gesunden Menschen, der mit guten Gaben und festem Willen ins Leben hineinstürmt, um sich eine Position zu verschaffen. Oder nehmt einen Mann, der sich mit den Jahren seine feste, reife Überzeugung und Erfahrung gebildet hat durch Beobachten, Lesen und Nachdenken. Oder denkt ein jedes an seine Arbeit, in die wir doch alle eine große Ehre legen, von der wir alle wünschen, sie recht zu machen, die uns doch allen wichtig ist. Jawohl, das ist alles richtig und wahr. Aber ihr kennt auch die Kehrseite: wie auch auf den tapfersten Lebenskämpfer irgendwo Schranken warten, über die er nicht hinwegkommt und vor denen er Halt machen oder verbluten muß, wie auch in der tiefsten, reinsten Überzeugung etwas stark Menschliches, Kleines, Enges bleibt, wie auch die eifrigste, pflichtgetreuste Arbeit unsere Seele schließlich müde macht, etwas Leeres in uns zurückläßt, daß sie seufzen muß: und nun? ist das nun Alles? Waren wir vorher vielleicht im Irrtum darin, daß wir zu sicher waren, daß wir uns und unserem Wollen und Können zu viel zutrauten, so kommt nachher vielleicht die Wehmut und Enttäuschung über uns, die uns das ganze Leben als ein nichtiges, ratloses Spiel erscheinen läßt, daß wir uns verdrossen abwenden und denken: wenn nur Alles bald vorbei wäre, und als unmutige Träumer unser Dasein verbringen.
469 Von der falschen Sicherheit und von der falschen Verbitterung werden wir frei, wenn wir in der christlichen Hoffnung stehen, wenn wir gemerkt haben: unser Bürgertum ist im Himmel. Was wir jetzt denken und tun können, das ist nur ein Anfang. Bei Gott ist die Vollendung, und von Gott her kommt sie, und auf Gott hin heißt es schauen und mit ihm leben, damit es bei uns bei dem Anfang nicht bleibe. Wer in dieser Hoffnung steht, der kann ganz sicher seinen Weg gehen und tut nach besten Kräften seine Pflicht und bildet sich doch nichts ein dabei und verrennt sich nicht in allerhand Menschlichkeiten und bleibt nicht stecken in menschlichen Tugenden und Erfolgen, sondern behält die Augen offen und den Arm frei und sieht über Alles hinweg auf das Bessere, Größere, das noch kommen muß, und greift danach und muß immer bescheiden bleiben, weil der liebe Gott ihn dauernd in Unruhe hält. Dafür läßt er sich dann auch nicht fangen und unterkriegen von den Enttäuschungen und Entmutigungen und Verlegenheiten, sondern kann ruhig und klar und tapfer sein und bleiben durch Alles hindurch, einfach weil er eben weiß: das Wahre, das Eigentliche, das Beste steht bei Gott und kommt von Gott her. Wer die Hoffnung hat, der kann leben. Er wird kein Narr werden und kein Kopfhänger, sondern in Demut und Zuversicht geht er Schritt für Schritt seinen Weg. Ist das nicht etwas Wunderbares, so leben zu können? Stolze, selbstzufriedene, sichere Menschen haben wir genug und genug traurige, enttäuschte und verbitterte. Demut und Zuversicht dagegen ist etwas Rares unter uns, weil die rechte, lebendige Hoffnung jetzt noch etwas Rares ist unter uns. Wir wollen anfangen, es dem Paulus nachzusagen: unser Bürgertum ist im Himmel! Dann wird’s anders werden.
Meine Freunde wollen euch in ihren Vorträgen auch von allerhand Menschengedanken und Menschenbestrebungen reden, aber eben nicht, um euch das Menschliche daran nahezulegen, sondern um euch an ein paar wichtigen Beispielen zu zeigen, wie eigentlich alles Menschliche nur lebt von dem, was Gott tut und was von ihm her zu erwarten ist. Die Arbeit, die die Heilsarmee tut z.B., hat einen Sinn, weil Gott selber an der Arbeit ist an den Seelen. Unsere Heimat dürfen und sollen wir von Herzen lieb haben, weil wir eine Heimat bei Gott haben. Der Sozialismus ist eine rechte und notwendige Sache, weil es Gottes Verheißung ist, daß einmal Gerechtigkeit und Frieden werden soll unter den Menschen. Und unsere Kirche hat offenbar darum auch für die Zu|470kunft noch eine Aufgabe, weil Gottes Wort bei aller Menschenschwachheit nicht untergehen und nicht wirkungslos bleiben kann.
Es ist ganz selbstverständlich, daß alle diese menschlichen Dinge, von denen da geredet werden soll, ihre sehr menschlichen Unvollkommenheiten an sich haben. Ich kann mir sehr wohl denken, daß manche in der Gemeinde den Kopf geschüttelt haben, als sie das Wort «Heilsarmee» in der Zeitung lasen, weil sie gegen die Art der Heilsarmee viel einzuwenden haben. Und Andere wieder werden vom Sozialismus nichts wissen wollen. Ich kann darauf nur das sagen, daß ich die Unvollkommenheiten aller dieser Dinge auch sehr wohl kenne. Unter der Unvollkommenheit der Kirche z.B. seufze und leide ich wahrscheinlich mehr als ihr alle miteinander. Und die Referenten werden euch sicher alle die menschliche Unvollkommenheit der Dinge, von denen sie reden, nicht verschweigen. Aber sie wollen nun eben beim Menschlichen daran nicht stehen bleiben, sondern Alles in das Licht der großen Hoffnung stellen, daß Gott etwas vor hat mit den Menschen, daß alles menschliche Denken und Tun ja nur ein Anfang ist, der von Gott her fortgesetzt und vollendet wird. Sie wollen alle zu euch reden in der Voraussetzung: unser Bürgertum ist im Himmel! Sie wollen euch die menschlichen Dinge nicht von der Menschenseite, sondern von der Gottesseite aus zeigen. Wir sehen sie zu viel von der Menschenseite aus an. Und darum sind wir dann oft so unbescheiden und übermütig und meinen blindlings mit unseren menschlichen Absichten und Unternehmungen durchzukommen und müssen dafür vielleicht schon im nächsten Moment so niedergeschlagen und verzweifelt sein, wenn wir sehen, wie etwa jetzt im Kriege, wie auch der beste, edelste Wille in der Welt oft so nutzlos und kraftlos ist. Die Vorträge sollen uns zeigen, daß Beides falsch ist: Die Welt ist kein Paradies, in dem man die goldenen Äpfel nur von den Bäumen zu pflücken braucht. Die Welt ist aber auch kein Todestal, in dem der Teufel das Regiment führt. Sondern die Welt ist ein Saatfeld, auf dem jetzt wohl Schnee und Eis liegt, in dem es sich aber doch an hundert Orten heimlich regt und bewegt, ein Saatfeld Gottes, auf dem einmal Frucht stehen wird. Und das kommt dann auch, wenn wir das menschliche Wesen in das Licht der großen Hoffnung stellen, daß wir sehen: Gottes Saatfeld ist viel mannigfaltiger, viel reicher, als wir es uns denken.
In unseren Vorträgen wird von sehr verschiedenen Dingen die Rede |471 sein. Es wird manchen verwundert haben, Vaterland und Sozialismus, Kirche und Heilsarmee so friedlich auf einem Programm hintereinander zu begegnen, weil wir gewöhnt sind, ein jeder nur gerade das zu sehen und zu anerkennen, was ihm gerade paßt. Seht, die Hoffnung auf Gott, der über allem Menschlichen steht, macht uns da eben auch freier und offener, daß wir gerne die Augen auftun nach allen Seiten. Ich möchte euch darum sehr raten, nicht zu handeln wie die Kinder, die aus einem Kuchen nur die Rosinen herauspicken, sondern, wenn es euch möglich ist, auch die Vorträge zu hören, deren Gegenstand euch vielleicht zunächst fremdartig berührt. Ihr habt da nun eine kleine, nicht gleich wiederkehrende Gelegenheit, etwas zu sehen von Gottes Reichtum und wie er so ganz verschiedene Wege mit uns allen geht und wie er doch in Allem und mit uns allen das Gleiche will und vorhat und wie wir von allen Seiten mit der gleichen Freudigkeit und Dankbarkeit zu ihm aufsehen dürfen aus unserer menschlichen Unvollkommenheit, weil wir wissen: unser Bürgertum ist im Himmel!
Aber wir müssen das recht verstehen. Das bedeutet nicht etwa, daß unser irdisches, menschliches Tun und Treiben nun doch etwas Nichtiges und Wertloses sein und bleiben müsse gegenüber dem Himmlischen, Göttlichen, das wir erwarten. Nichtig und wertlos ist es ohne Gott, das ist wahr. Wenn wir Gott auf der Seite lassen, dann hat alles menschliche Wesen Todesgeruch. Dann sind unsere Arbeiten eine fruchtlose Mühsal, unsere Lebenserwartungen schöne Träume, unsere besten Gedanken stumpfe Pfeile. Wir stehen dann gerade jetzt im Krieg angesichts all dessen, was da versagt, den Krieg nicht verhindert, sondern noch gefördert hat, wie vor einem Scherbenberg. Eine grenzenlose Bitterkeit müßte über uns kommen, wenn wir unser Leben und Wesen ansehen. Man könnte dann auch angesichts der Dinge, von denen unsere Vorträge handeln sollen, seufzen und die Achsel zucken und sich vom einen wie vom anderen abkehren: hat Alles doch keinen Wert! Aber das wäre menschlich und nicht göttlich gedacht. Wo man auf das Wesen und Leben hofft, das im Himmel ist und vom Himmel kommt, da wird das Irdische und Menschliche schließlich nicht wertlos, sondern gerade wertvoll.
Was sagt denn Paulus: der Heiland, der vom Himmel her zu uns kommen will, will unseren nichtigen Leib nicht vernichten, sondern verklären. Das ganze sichtbare, zeitliche Leben soll gar nicht aufgeho|472ben und beseitigt werden, wenn die Ewigkeit hereinbricht. Die Ewigkeit ist kein Abgrund, in den das Menschliche einfach verschlungen würde. Sondern ins Göttliche hinaufgehoben, von seinen Unvollkommenheiten befreit und mit göttlichem Glanz3 umgeben soll es werden. Das Verwesliche muß anziehen die Unverweslichkeit, und das Sterbliche muß anziehen die Unsterblichkeit [
Und darum darf auch unsere Hoffnung nicht auf ein leeres, geistiges Leben in einer unbekannten, fernen Weltgegend am Ende der Zeiten gehen. Wir dürfen nicht am irdischen, zeitlichen Leben vorbeihoffen. Wir dürfen nicht meinen, [daß] das Andere von Gott her, auf das wir hoffen, unserem Jetzigen gegenüber immer ein Anderes, Fernes, Fremdes bleiben müsse. Nein, hoffen heißt: alle unsere irdischen, menschlichen Gedanken bereitmachen, daß sie himmlisch, göttlich werden können. Wie wir unseren Leib zum Tempel [vgl.
Und darum dürfen und müssen wir unser ganzes menschliches Treiben ernst und wichtig nehmen, insofern es eben Gott entgegentreibt, |473 insofern wir mit gutem Gewissen denken können, wir treiben es für Gott und sein Reich, so gut wir es können und verstehen. Da werden wir dann hoffentlich in unseren Vorträgen auch davon hören, wie die Aussicht auf unser Bürgertum im Himmel uns gerade nicht träumerisch und weltflüchtig macht für die Erde, sondern gedankenvoll, freudig, tätig, eifrig, erfindungsreich, ausdauernd, treu für alle Pflichten und Aufgaben, die uns jetzt, die uns auf der Menschenseite des Lebens mitten in der vielfachen Torheit und Schwachheit unseres Daseins gestellt sind. Es fehlt uns in unserer Gemeinde nicht an hohen Idealen, aber es fehlt uns daran, daß wir sie und unser ganzes Leben nicht so recht ernst und wichtig nehmen. Ich glaube, daß meine Freunde euch auch das recht nahelegen möchten, wie von der großen Hoffnung aus Wege nach allen Seiten ins tätige Leben hineinführen. Wir sind alle zuviel Zuschauer. Wenn wir es lernen werden, auf Gott lebendig zu hoffen, werden wir in Bewegung kommen und tätig werden. Es wird uns dann keine Ruhe lassen, uns ganz anders auf das Kommen des Heilands bereit zu machen.
Und nun geht. Und wenn ihr wollt, so hört nun, was euch unsere Gäste und Freunde sagen wollen, jeder auf seinem Gebiet und auf seine Weise. Es ist jetzt wieder eine Gelegenheit für unsere Gemeinde, das zu merken, was wir schon lange merken sollten. Eine Gelegenheit und damit eine Verantwortung mehr.
- Nr. 345: «Ermuntert euch, ihr Frommen» von
L. Lorenzen ; Strophen 1.4.5 und (nach der Predigt) 7-9 (= GERS [1952] 381,1.4.6–8; Strophe 4 (1891) fehlt; EG 151,1.4.5.7.8, Strophe 7 [1891] bzw. 6 [1952] fehlt)