31. Oktober 1915

Predigt: Nehemia 8,1-12

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Nehemia 8,1–12
… denn die Freude am Herrn ist eure Stärke! …
Liebe Freunde!

Das ist eine Geschichte aus der späteren Zeit des Judenvolkes, aus der Zeit, die für uns im Ganzen lange nicht so lehrreich und erfreulich ist |432 wie etwa die Zeiten des Mose, des Königs David oder der Propheten. Aber eine leere und bedeutungslose Zeit ist es darum doch nicht gewesen. Und gerade diese Geschichte hat uns etwas ganz Wichtiges und Entscheidendes zu sagen, nämlich daß wir mit Gott gar nicht anders leben können als in einer großen Freude. Das wollen wir uns denn heute sagen lassen.

Die Juden waren aus der langen, traurigen Gefangenschaft in Babylon in ihre alte Heimat Palästina zurückgekehrt und hatten den Tempel und die Mauern von Jerusalem, so gut es ging, wieder aufgebaut. Nehemia war ihr Fürst und Führer in den äußeren Angelegenheiten, Esra ihr Priester und Schriftgelehrter. Und da kam nun einmal das ganze Volk aus Stadt und Land zusammen zu einer merkwürdigen Versammlung. Das alte «Gesetzbuch Gottes» sollte ihnen vorgelesen werden. Das war die Sammlung von all dem, was dem Volke überliefert war über den Willen ihres Gottes, die von den Gelehrten in der Verbannungszeit hergestellt und ergänzt worden war. Ein Schatz von vergessenen Offenbarungen, Wahrheiten und Weisheiten, der nun, wo Israel in seiner Heimat wieder ein Volk werden wollte, wieder ans Licht gestellt werden sollte. Der Gott der alten Helden- und Prophetenzeiten, der Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs tat seinen Mund wieder auf in diesem Buche. Was einmal lebendig gewesen ist, das kann nicht umkommen, und wenn noch so viel Staub und Vergessenheit darüber liegen mag. Das lebendige Alte kann jeden Tag wieder neu und jung werden, wenn seine Stunde gekommen ist. So redete dort auf der breiten Gasse vor dem Wassertor in Jerusalem durch das Buch der Schriftgelehrten der im Eifer um den Herrn sich verzehrende Geist des Mose zu den Kindeskindern der Nachzeit, wie er einst zu den Vorvätern am Sinai geredet hatte: aufrüttelnd, die Gewissen bewegend, die Sünder erschreckend, die schwachen Gemüter stählend — ein Ruf zu Gott, ein gewaltiger Zug zum lebendigen Gott hin. Und es geschah, daß diese Menschen zusammenfuhren und betroffen und betrübt wurden, weil sie inne wurden, wie groß Gott war und wie klein ihre Erkenntnis und wie unvollkommen ihr Leben und daß man mit Gott nicht spielen und nicht dergleichen tun kann. Da wollten sie zusammensinken in der Angst ihres Gewissens. Da wollten sie neu anfangen zu glauben und zu gehorchen, wie man ein schweres Joch auf sich nimmt, folgsam, aber seufzend. Da wollten sie das neue Leben in der alten Heimat anfangen mit dem zit|433ternden Gedanken: wer kann vor dir, Herr, bleiben?1 Gewaltig, aber schrecklich erschien ihnen der Gott, der aus dem Buche sprach, und als zerknirschte Sünder wollten sie sich ihm unterwerfen.

In diese Traurigkeit, die da anheben wollte, hinein rief der Priester Esra ein lautes Halt! und sprach das große Wort Freude aus. Keinen Augenblick wollte er es zulassen, daß diese Menschen auf die Stimme Gottes mit Seufzen und traurigen Gesichtern antworteten, daß aus dem Zug zu Gott, der von dem alten Buch ausging, etwas Düsteres, Muffiges, Gedrücktes, Knechtisches werde. Jawohl, Gottes Wort ist ernst und hoch, gewaltig und schrecklich, Alles deckt es auf und alles Menschelige2 macht es zunichte, aber wer es hört und recht versteht, der kann nicht finster sehen und weinen, der muß sich freuen und lachen, der wird nicht gedrückt, sondern frei, der wird kein Sklave, sondern ein Herr. Versteht Gott recht, ruft er ihnen zu, er will nicht eure Angst, sondern eure Freude. Seht Gott so, wie er ist: nicht niederschlagen will er euch, sondern euch triumphieren lassen. Seht hindurch durch sein erhabenes Angesicht in sein Herz voller Güte und Barmherzigkeit, so muß auch euer Herz voller Jubel werden, und mit keinem Zeichen könnt ihr es genug zeigen, wie groß euer Jubel ist. Esset und trinket nur vom Besten, was ihr habt, und vergeßt nicht, auch Anderen Freude zu machen. Ein Festtag soll euch dieser Tag sein, wo Gott mit euch geredet, so will er’s haben, und nicht der Kummer über Gottes Größe, sondern die Freude am Herrn ist eure Stärke. Ihr könnt mit Gott nicht anders leben als in der großen Freude. Und die Menschen alle verstanden die Gedanken Gottes besser und gehorchten, und der Tag, an dem Gott zu ihnen geredet hatte, wurde ein großer Festtag.

Ja, meine Freunde, das ist wahr und das gilt: an Gott hat man Freude, wenn man ihn verstanden hat. Das ist ein Strich durch die Rechnung von allen denen, die das Christentum zu einer grämlichen, finsteren Sache machen möchten. Wie kann man Gott haben, ohne Freude zu haben? Das ist eine sehr ernste Frage an alle die, deren Leben ein dunkles, freudloses Leben ist: woher kommt es, daß ihr keine Freude habt? Das ist ein Prüfstein des inneren Lebens für uns alle, ob Gott da im Re|434gimente sitzt3: wo Gott ist, da hat man Freude! Hast du Freude? Wenn wir uns das so recht vor Augen halten, kann es uns zum Anlaß werden, innerlich noch einmal ganz neu anzufangen, aber mit der Freude anzufangen diesmal. Ich glaube: Gott will gerade das von uns haben, und so kommt es zur Erlösung für dich und mich und zur Erlösung der ganzen Welt, und das ist’s, was der Herr Jesus Christus uns noch viel deutlicher sagt als der Priester Esra den Juden: daß die Freude am Herrn der Anfang, die Fortsetzung und die Vollendung ist im wahrhaftigen Leben und daß alles Neue, das Gott an uns tun will, aus der Freude kommt und nicht aus der Dunkelheit.

Denn Gott selber ist ein Gott der Freude. Können wir uns ihn, die Quelle und den Herrn alles Lebens, anders vorstellen als in der Freude? Er, der den Ursprung und das Ende aller Dinge in einer Hand hält, er, der der Vater aller Lichter ist [vgl. Jak. 1,17], er kann nicht anders als selig sein. Was uns vorkommt wie finstere, unübersteigbare Berge, das übersieht er in einem Nu, das ist ihm ein Spiel, es ist unter ihm, es ist in seiner Gewalt: er will, so geschieht es, er gebietet, so stehet es da [Ps. 33,9], er läßt seinen Odem dreinfahren, so ist es gewesen [vgl. Ps. 104,29], und seine Stätte kennt es nicht mehr [vgl. Ps. 103,16]. In schöpferischer Freude hat er die Welt der Natur geschaffen und schafft sie täglich aufs neue und läßt sie ihren Lauf nehmen in den unendlichen Zeiten und Räumen nach ihren ewigen Gesetzen, und die Zeiten und Räume und die Gesetze des Lebens und des Todes sind alles seine freien Gedanken und Taten, fangen an in ihm und enden in ihm, und alles Leben ist sein Leben, und alle seine Zukunft ist seine Zukunft. In Freude und lauter Freude läßt er den Frühling werden mit seinen Blumen und Vogelstimmen und den Sommer mit seinen reifen Früchten und den Herbst mit seinen leuchtenden Farben und den Winter mit seinen lustigen Schneeflocken und Eiskristallen. In der Freude, die nicht alleinbleiben, sondern Freude wecken und Freude machen will, hat er den Menschen hingestellt als das Wesen, in dem er sich selber am deutlichsten in der ganzen Welt wiedererkennen will und das einfach dazu berufen und bestimmt ist, an seiner eigenen Freude teilzunehmen.

Nun ist freilich etwas Fremdes hineingekommen zwischen Gott und |435 die Welt und die Menschenkinder, das will uns von seiner Freude trennen. Das heißt Sünde und Not, Teufel und Hölle. Mächte und Gewalten, die die Welt und unser Leben dunkel und traurig machen, haben sich hineingeschoben zwischen ihn und uns. Und wir sind unter ihre Herrschaft geraten, und die Liebe und Freude Gottes ist nicht mehr in uns. Es will uns scheinen, daß wir nicht mehr sein können, wie er, der Vater, ist. Wir sind nicht über der Welt wie er, sondern darin und darunter. Wir übersehen das Leben nicht, sondern Mauern umgeben uns von allen Seiten. Wir sind nicht frei, sondern gefangen. Denn wir sehen den Anfang und das Ende nicht, sondern nur das Stücklein Wegs, auf dem wir eben stehen, und das bedrückt uns. Wir leben selber nur ein Stücklein Leben, nicht im Ganzen wie Gott, und darum ist unser Leben traurig und böse. Darum ist die Freude Gottes nicht in uns und unter uns.

Darum kann uns auch Alles, was uns an Gott erinnert, keine Freude machen, im Gegenteil. Das Lachen und Spielen unserer Kleinen, das wahrhaftig aus dem Himmelreich kommt, tönt uns wie ein Vorwurf, der uns wehmütig macht. Die Stimme des Gewissens, die uns die Freudenbotschaft bringt, daß wir zu Gott gehören, verwandelt sich uns in eine Anklage, die uns vorhält, was alles wir nicht recht machen. Der stillen Sprache des Waldes und der Sterne weichen wir aus, weil es ja doch die Sprache einer anderen Welt ist, zu der die unsrige nicht passen will. Vor dem gewaltigen Donner und Blitz und Erdbeben am Sinai fürchteten sich die Israeliten, und die Majestät Gottes wurde ihnen zu einer Schreckgestalt, und wie soll es uns wundern, daß es ihren Nachkommen zur Zeit Esras gleich gegangen ist? Aber auch vor Jesus, der seine Sendung antrat mit dem Worte: Selig! [Mt. 5,3], haben sich die Menschen einfach gefürchtet, seine Reinheit und Hoheit hatte etwas Gespenstisches für sie, das erste Wort eines Petrus sogar war: Herr, gehe hinaus von mir, denn ich bin ein sündiger Mensch! [Lk. 5,8], und immer wieder will er auch uns vor Allem als der Mann vorkommen, der uns in die Herzen sieht und vor dem wir zusammenfahren müssen; und er und Alles, was uns von Gott zukommt, versetzt uns in Angst und nicht in Freude. Und das muß freilich so sein, weil uns die Freude Gottes, die da überall an uns herankommen will, etwas so Seltsames und Fremdes geworden ist, daß sie uns nur noch beunruhigt. Ein ganz merkwürdiger Zustand: in der gottlosen Traurigkeit, in der wir uns befinden, sind wir |436 ruhig und fast vergnügt, wie Blinde und Krüppel auch einmal vergnügt sein können; wenn dann aber Gott bei uns anklopft, der große Freudenmeister, dann werden wir unruhig, zerknirscht, aufgeregt und meinen, ihm dienen zu können und dienen zu müssen mit traurigen Gesichtern. Ja, das muß freilich so sein, solange wir Gott noch nicht verstanden haben.

Aber wir wollen es uns jetzt ganz deutlich sagen lassen: das ist ein Mißverständnis Gottes, wie es Esra den Juden erklärt hat und wie es Petrus und alle gemacht haben, die Jesus recht kennen lernten. Gott selber ist kein Anderer geworden dadurch, daß so- und soviel zwischen ihn und uns hinein gekommen ist: er ist und bleibt ein Gott der Freude. Und unser Ziel und unsere Bestimmung ist kein Anderes geworden, trotzdem wir ihm untreu geworden sind, als: Freuet euch, und abermals sage ich: freuet euch! [Phil. 4,4]. Und die Freude ist nicht nur das Ziel, sondern auch der Anfang. Der Apostel Paulus hat ja dieses: Freuet euch! auch nicht zu Engeln und zu fertigen Christen gesagt, sondern zu sehr unfertigen Leuten mitten in der Unvollkommenheit und Not des Daseins wie wir auch. Wir können mit Gott nicht in der Trübseligkeit anfangen, sondern diese Trübseligkeit, die sich freilich immer einstellt, wenn Gott uns zu nahe kommt, ist immer noch ein Stück unseres alten gottlosen Lebens, ein Stück Leben, wo Gott wohl anklopft bei uns, wo wir aber noch nicht zu ihm durchgedrungen sind, ihn noch nicht verstanden haben. Wir dürfen ja nicht etwa verweilen wollen in dieser Traurigkeit und Zerknirschung, in diesem Gefühl von Bedrücktheit Gott gegenüber. Wir dürfen ja nicht etwa gar noch das zur Hauptsache machen in unserem Christentum und immer wieder darauf zurückkommen, wie klein und gering wir Menschen vor Gott sind und wie abgrundtief unsere Sünden. Es ist wahr, es ist wahr, aber noch wahrer ist, daß Gott ein Gott der Freude ist und bleibt. Und Gott ist die Hauptsache, nicht unsere Gottlosigkeit. Und Glauben heißt auf Gott sehen, nicht auf unsere Sündhaftigkeit. Sonst bleiben wir trotz allem Ernst und aller Zerknirschung gerade in unserem alten Wesen stecken. Sonst bestätigen wir ja nur, daß wir eben unter der Fremdherrschaft der Sünde und des Todes stehen. Es ist richtig, daß wir das merken und uns eingestehen, aber es ist noch unendlich viel wichtiger, daß wir merken: Gott macht dieser Fremdherrschaft ein Ende, Gott setzt Freude an Stelle der Traurigkeit, weil er selber Freude ist. Erst wenn wir das merken, |437 fängt es wahrhaftig mit Gott in uns an. Erst dann kann Gott in uns sich selber wiedererkennen. Erst dann sind wir mit ihm unterwegs zum wahrhaftigen Leben.

Meine Freunde! Der Glaube ist eine Freude. Die größte, die einzige Freude, die es gibt. Wenn Gott in unser Leben eintritt, wieder hineintritt nach langer Zeit der Fremdherrschaft, dann tritt Freude hinein in unser Leben. Wenn der Herr die Gefangenen Zions erlösen wird, dann werden wir sein wie die Träumenden, dann wird unser Mund voll Lachens und unsere Zunge voll Rühmens sein. Dann wird man sagen unter den Heiden: der Herr hat Großes an ihnen getan. Der Herr hat Großes an uns getan, des sind wir fröhlich. Herr, bringe wieder unsere Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringest im Mittagslande. Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen edlen Samen und kommen mit Freuden und tragen ihre Garben! So hat ein Psalmsänger den Glauben wundervoll beschrieben [Ps. 126,1–6]. Hört es: Das Gesetz Gottes im Gewissen und in der Bibel ist eine Freudenbotschaft, denn nichts Fremdes, Ungeheuerliches drängt es uns auf, sondern das, was uns das Allernatürlichste ist, bringt es uns, das wirkliche, rechte Leben, für das wir geschaffen sind, die frische, gesunde Luft läßt es herein in unser Leben, die Luft, in der wir atmen können. Hört es: Christus will von Gotteswegen etwas ganz Anderes für uns sein als unser Sündenprediger und Richter, weicht, ihr Trauergeister, denn der Freudenmeister, Christus, tritt herein!4 Hört es: Buße tun und sich bekehren heißt nicht hinunterklettern in einen schwarzen Abgrund von Sünde und Schuld, sondern sich hinaufheben lassen in ein Dasein, wo man am Leben wirkliche Freude bekommt. Hört es: Gottes heilige Majestät ist nicht ein Schrecken für uns, sondern die unendliche Freude, die er hat, die er auch an uns hat, die er auch uns spendet, so daß wir wiederum Freude an ihm haben können.

Ja, der Glaube ist eine Freude, wie Gott selber Freude hat. Wer glaubt, der hat wohl allezeit ein unruhiges, waches Gewissen, das sich mit dieser Welt und ihrer Art niemals versöhnen kann und das ihm immer wieder zuruft: du bist hier nicht daheim, aber eben mit diesem unruhigen Gewissen steht er auf dem festen Grund der Ewigkeit, und die |438 Mächte dieser Welt, heißen sie nun Sorge oder Mammon oder Krieg oder wie immer, können ihm innerlich nichts mehr anhaben, und von solchem unruhigen Gewissen geht der Sieg aus, der einst die Mächte dieser Welt überwindet. Ist es nicht eine Freude, so dazustehen? Wer glaubt, der muß wohl immerdar noch tapfer protestieren und kämpfen gegen das Böse, das in ihm selbst ist und in den Herzen und Zuständen der Menschen, aber er protestiert und kämpft wie aus einer großen Ruhe und Heiterkeit, ja aus einem großen Frieden heraus, nicht wie Einer, der in Angst und Aufregung um sein Leben kämpft, sondern so, wie Gott gegen das Böse kämpft, in der tiefen Klarheit und Zuversicht: das Reich muß uns doch bleiben!5 Ist das nicht eine Freude, solche Klarheit zu haben? Wer glaubt, der steht wohl unter dem Kreuze, der weiß wohl, daß er in seinem Leben von Gott viel annehmen muß, was er zunächst gar nicht verstehen kann und was ihm gar schwer fällt in blindem, kindlichem Vertrauen, aber er steht unter dem Kreuze, so wie Christus sein Kreuz getragen hat, er erwartet mit aller Bestimmtheit und Fröhlichkeit, daß Alles, was ihm widerfährt, schließlich einen Sinn haben muß, daß etwas Gutes sich dabei herausstellen muß von Gott her, und nach diesem Guten streckt er sich aus. Er hat Geduld, weil er Hoffnung hat. Ist’s nicht eine Freude, des Lebens Last so tragen und heben zu können? Wer glaubt, der weiß wohl auch, daß er klein und gering ist und des Ruhmes ermangelt, den wir vor Gott haben sollten [Röm. 3,23], aber er weiß etwas noch viel Besseres: er weiß: ich bin Gottes Kind, und er kann von mir nicht lassen, so kann ich auch von ihm nicht lassen, und alle Schatten, die auf der Welt und auch auf mir liegen, müssen weichen, weil Gottes Sonne scheint. Ist das nicht Freude, in diesem Sonnenschein Gottes leben zu dürfen? Ja, lieber Freund, warum glaubst du an Gott oder meinst doch, an ihn zu glauben, und hast keine Freude oder so wenig Freude? Und du, wo fehlt’s dir, daß dein Leben so freudeleer ist?, und du, woran liegt’s, daß es so auf und nieder geht bei dir, bald himmelhoch jauchzend, bald zu Tode betrübt6? Seht, an der Freude, die wir haben, können wir alle sehen, wie wir mit Gott stehen. Wer Gott hat, der muß auch viel Freude haben. Aus der Verbin|439dung mit Gott fließt unmittelbar und stark die große Freude, und die muß sich zeigen.

Ja, meine Freunde, die muß sich zeigen, die kann nicht verborgen bleiben, die muß sich Luft machen. Freude, von der man nichts merkt, ist keine Freude. Freude, die nicht lacht, singt und springt, glänzt und glitzert, jubelt und tanzt, wenn auch vielleicht ganz fein und leise, solche Freude wäre keine Freude. Freude will zum Vorschein kommen. Darum sagte auch der Priester Esra ganz ausdrücklich zu den Juden: geht hin, eßt und trinkt und macht einander Geschenke, und ein Festtag soll heute sein, heute, wo Gott mit euch geredet hat, wo ihr zum Glauben erwacht seid. Was hat David getan, als die Bundeslade nach Jerusalem kam? Getanzt hat er vor lauter Freude vor der Bundeslade her durch die ganze Stadt hin und ließ alle sich darüber ärgern, die Lust dazu hatten [2.Sam. 6,14–16]. So war’s recht. Die Freude, die da ist, wo Gott ist, die Freude am Herrn muß sich zeigen, und sie kann sich gar nicht stark genug zeigen. Kein Mittel ist zu stark, um einen solchen Glauben an Gott, wie er in einem David war, zum Vorschein zu bringen. Auch bei uns nicht. Wer sich am Herrn freut, der kann sich gar nicht genug freuen.

Und da möchte ich nun zum Schluß noch ein Wort sagen über das, was wir gewöhnlich Freude nennen, über unsere sogenannten Vergnügungen — aber, meine Freunde, wer mir bis jetzt nicht recht zugehört hat, der kann mich jetzt auch nicht verstehen und soll dann wenigstens nachher nichts weitersagen, was er nicht verstanden hat. — Es geht jetzt in den Winter hinein, und der Winter ist unter vielem Anderen auch die Zeit der Vergnügungen. Ihr werdet nun bald wieder anfangen, an eure Festlein und Konzerte und Theateraufführungen zu denken. Was habt ihr für Gedanken darüber? Viele, nicht wahr, haben gar keine Gedanken darüber, sie machen eben mit und wissen nicht, was sie tun. Andere machen mit und haben ein schlechtes Gewissen dabei und denken: es hat eigentlich keinen Wert, und der Schaden ist größer als das, was man hat; sie denken: besonders jetzt in der Kriegszeit schickt es sich eigentlich schlecht, zu tun, wie wenn nichts wäre, in einer Zeit, wo die Welt rund um uns herum aus tausend Wunden blutet, sollte man für Zeit und Geld bessere Verwendung haben. Aber sie machen mit, als Menschen, die mit ihrem Gewissen im Krieg stehen. Wieder Andere machen widerstrebend so ein bißchen mit und tragen ein halb gutes, halb |440 schlechtes Gewissen davon dabei. Wieder Andere machen nicht mit und denken: es ist weltlich, zu tanzen und Theater zu spielen, und es ist in der jetzigen Zeit geradezu sündlich. Das sind so etwa unsere Gedanken über die Vergnügungen, die Gedanken der Leichtsinnigen, die Gedanken der Halben, die Gedanken der Strengen unter uns.

Nun hört noch, was das Wort Gottes zu unseren Vergnügungen sagt. Ihr habt es schon gehört: wer sich an Gott freut, der kann sich gar nicht genug freuen, der kann seine Freude gar nicht stark genug zeigen. Warum sollten wir unsere Freude nicht zeigen, müssen wir sie nicht zeigen, wenn Gott uns das Herz bewegt hat, wenn wir ihn verstanden haben, wenn das Himmelreich nahe zu uns herbeigekommen ist? Die Juden dort haben auch gegessen und getrunken, warum sollten wir nicht auch unsere Festlein haben? David hat getanzt vor der Bundeslade, warum sollten wir nicht auch tanzen? Jesus selber ist keiner sogenannten Weltfreude aus dem Wege gegangen, warum müßten wir es tun? Wo die Freude an Gott ist, da muß sie eben heraus, und da wollen wir gar nicht aneinander herumschnüffeln und wollen uns selber gar keine Bedenken machen darüber, wie sie sich nun zeige, das ist nicht so wichtig. Ob diese Freude sich nun einmal oder das andere [Mal] auf einem Tanzboden zeige oder an einem christlichen Teefest, das macht vor Gott keinen Unterschied aus. Und was den Krieg betrifft, so könnte man wohl sagen, daß die Welt vielleicht das gerade sehr nötig hat, daß noch Menschen da sind, die sich jetzt erst recht in ihrer Freude am Herrn nicht stören lassen. Es tut der Welt gerade jetzt besser, wenn es auch Menschen gibt mit einer inneren Fröhlichkeit und Klarheit, die sie einfach zeigen müssen, als wenn es solche Menschen nicht gibt.

Meine Freunde, das ist die eine Seite der Sache, es gibt aber noch eine andere Seite, und die sieht so aus: Das ist allerdings eine überaus jammervolle und gottlose Sache um Vergnügungen, die doch Freude zeigen und Freude machen sollen und hinter denen nichts ist, die nicht aus der tiefen, inneren Gottesfreude hervorgehen. Es gibt Festlein, weltliche und christliche Festlein, die veranstaltet und besucht man, weil man innerlich leer und hohl ist, weil man das trostlose Leben aufputzen will mit ein paar Lumpen. Man sagt zueinander: nun muß wieder einmal etwas gehen!, und dann geht etwas, ja es geht, aber im Grunde geht nichts trotz allem Zauber und Drum und Dran. Es gibt Anlässe mit wunderbaren Theaterstücken und Chorgesängen, bei denen Alles |441 klappt und die doch keinen anderen Sinn haben, als daß man allseitig sich wieder einmal verstecken will, wie wenig man eigentlich vom Leben hat, wie gehetzt und geplagt eigentlich das Dasein ist, wie verkehrt die Welt, in der wir leben, wie wenig Liebe und Zusammenhalt unter uns ist: Schwamm drüber und ein lustiges Lied gesungen mit einem tirolerischen Jodler dran, nicht wahr?! Es gibt ein Tanzen, da tanzen nicht Menschen, sondern Schatten und Gespenster, denn es sind Wesen, in denen nichts ist als Schein, und der Tod ist’s, der ihnen aufspielt. Es gibt ein Jubeln und Jauchzen, da lacht der Teufel. Jawohl, meine Freunde, das ist die andere Seite der Vergnügungen. Es gibt eine Art, die zeigt Freude und hat keine Freude, und diese Lüge scheidet uns von Gott und vom wahrhaftigen Leben, so sicher uns die echte, kindliche Freude mit ihm verbindet. Was nicht aus dem Glauben kommt, das ist Sünde [Röm. 14,23].

Seht da, ich muß die Entscheidung über die Vergnügungen, die ihr jetzt wieder vorhabt, in euer Gewissen zurückschieben; ich kann sie nicht für euch entscheiden. Ihr müßt alle tun, was ihr tun müßt. Die Anweisung, die euch Gottes Wort gibt, ist klar genug. Seid ihr die Menschen, die Freude, die die wirkliche Freude haben? Seid ihr die Menschen mit dem unruhigen, wachen Gewissen, die Menschen, die dabei sind, tapfer zu protestieren und zu kämpfen gegen das Böse in euch und um euch, die Menschen, die auch unter dem Kreuz auf Gott vertrauen als auf den, der Allem einen Sinn gibt, die Menschen, die wissen: ich bin Gottes Kind, und nichts kann mich von ihm scheiden — seid ihr diese Menschen, habt ihr Gott verstanden, gut, dann geht hin und tut, was ihr tun wollt — und tut noch viel mehr, und Gott wird seine Freude daran haben, und es wird euch zum Segen sein.

Seid ihr diese Menschen nicht, habt ihr Gott nicht verstanden, wollt ihr am Ende nicht einmal diese Menschen sein, dann hütet euch wohl, daß ihr mit euren Vergnügungen, mit euren weltlichen und christlichen Vergnügungen nicht die große Lüge begeht, die euch immer noch mehr von Gott scheiden müßte.

Wahrhaftig: Gott ist ein Gott der Freude. Und das ist unsere Freude, und aus dieser Freude fließen alle Freuden, daß wir uns zu Gott halten.

Amen.7
442
Lieder:
  • Nr. 35: «Dir, dir, Jehovah, will ich singen» von B. Crasselius, Strophen 1-3 (= GERS [1952] 55,1-3; EG 328,1-3, jeweils mit leichten Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 237: «Wie schön leuchtet der Morgenstern»α von Ph. Nicolai, Strophen 6 und 7 (= GERS [1952] 255,6-7; EG 70,6-7, jeweils mit leichten Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Ende von Strophe 1 des Liedes «Aus tiefer Not schrei ich zu dir» von M. Luther (Nr. 214; GERS [1952] 37; EG 299) 🎵.↩
2
= Menschliche, Allzumenschliche.↩
3
Vgl. das Ende von Strophe 7 des Liedes «Befiehl du deine Wege» von P. Gerhardt (Nr. 166; GERS [1952] 275; EG 361) 🎵.↩
4
Vgl. Strophe 6 des Liedes «Jesu, meine Freude» von J. Franck (Nr. 240; GERS [1952] 280; EG 396) 🎵.↩
5
Letzte Zeile von Strophe 4 des Liedes «Ein feste Burg ist unser Gott» von M. Luther (Nr. 157; GERS [1952] 342; EG 362) 🎵.↩
6
Siehe oben S. 221, Anm. 4.↩
7
Am Donnerstag, 4. November, schrieb Barth an Thurneysen: «Ich muß dir hier meine Predigt über die Freude schicken, … weil meine liebe Gestrenge am Sonntag zufrieden war mit mir und weniger Anklänge an Feldprediger K. als Geplätscher von wirklichen Wasserfällen zu hören meinte …» (Bw.Th. I, S. 99 📖). Thurneysen antwortete am 17. November: «Vielen Dank für die Freudenpredigt. Ich habe sie ganz in mich aufgenommen und tief bejaht» (Bw.Th. I, S. 102).↩