4. November 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Ich muß dir hier meine Predigt über die Freude schicken, erstens weil meine liebe Gestrenge am Sonntag zufrieden war mit mir und weniger Anklänge an Feldprediger K. als Geplätscher von wirklichen Wasserfällen zu hören meinte, zweitens als Trost im Voraus für die Reformationspredigt, die du nächsten Sonntag mitanhören mußt (ich habe sie gestern fertig gemacht, um mich nun meinem Basler Vortrag einmal widmen zu können), die ich selber stark als täuferisches «Geyst-Geyst-geschrey» empfinde, und die von meiner Nelly die unbarmherzigen Prädikate a) negativ b) unfruchtbar c) fanatisch d) wohlfeil erhalten hat. […] Es ging mir eben mit der Reformationsfeier wie mit dem Bettag: ich kann im Grunde mit dieser Sorte von Kirchen«festen» nichts anfangen, wo es sich, wie mans auch drehen will, um die menschliche «Religion» handelt. Der Widerspruch dieses ganzen Wesens zu Gott kommt bei solchen Anlässen zu schreiend an den Tag und verschlingt zur Zeit bei mir alles Übrige. Vielleicht können wir später auch einmal wieder von irgend einer «höhern Warte» aus ruhige Gedächtnisreden halten, jetzt kann ichs nicht.

Der Synodalpräsident hat mir einen schönen Streich gespielt durch die Art, wie er meinen Antrag auf dem Programm bringt. Es ist nun gesorgt dafür, daß so ziemlich Alle mit einem Vorurteil nach Aarau kommen müssen. Loyal ist dieses Verhalten nicht … Ich hatte noch mit ihm korrespondiert und ihn gebeten, den motivierenden Vordersatz doch ja als Teil des Antrags selbst zu betrachten. Nun macht er mirs so, als ob auf den vier Seiten neben all den dummen Rechnereien kein Platz gewesen wäre für die paar Zeilen! Epprecht hat nun von sich aus eine kleine Interpretation, wies gemeint sei, ins Aargauer Tagblatt geschrieben, aber obs aufgenommen wird?! Die Sache fängt gut an. — […]

Büchlein von Rade1: schwach […]!

Herzlichen Gruß und auf freudiges Wiedersehen
Dein
K. Barth

Sachfußnoten

1
M. Rade, Die Kirche nach dem Kriege, Tübingen 1915. 📖 ↩