12. November 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

100
Lieber Freund und Gevatter!

Der 42 cm Schuß ist also aus dem Rohr,1 und du empfängst vielleicht gerne kurze Nachricht über Abschuß und Einschlag, sofern solche bis jetzt festzustellen waren. Die Sache begann mit einer ganz haarigen Predigt von J., der uns «dem braven aargauischen Kirchenbürger ins biedere Angesicht schauen» ließ, der ein «Bild der Kirche in Krieg und Frieden» entwarf und mit dem «schwarzblauen Aargauerband» umschlang, der die Richtungen mit vier Aposteln sinnig kombinierte:

positiv = Stimmung der Gemeinschaftskreise = Johannes
freisinnig = das Christentum der Gebildeten = Paulus
Vermittler = Wichtigkeit des Kirchlichen als solchen = Petrus
relig.-soz. = gehen zu den Armen ins Hinterhaus = Jakobus

Zum Schluß eindringliche Warnung vor geistlichem Hochmut und Drängertum, es sei dato eben keine Erweckungs- und Reformationszeit, und die Kirche, so wie sie sei, passe für unsre Heimat. Dafür: «Halte, was du hast, auf daß dir …!» [Apk 3,11] unter Seitenblick auf (11. Nov.) den heiligen Martin und den Gotteshelden Luther. Lied: «Du bists allein! Du bists allein!»2 — Du kannst dir denken, daß ich in ziemlich geladener Stimmung ins Rathaus hinüberzog, wo ich durch Müris anerkennenswerte Willigkeit und Gewandtheit sofort das Wort erhielt. Ich suchte vom lieben Gott zu reden und von der Synode, wie sie nach solchen Liedern und Gebeten sein müßte, dann davon, wie sie ist, von der christlichen Liebe und von der Wahrheit und schließlich von der Gewissensfrage, auf die jetzt jeder einmal antworten müsse. M. lobte mich nachmittags, ich habe große Mäßigung bewiesen, andere fanden, es seien doch einige unnötige Schärfen unterlaufen, z. B. eine an sich harmlose Aufzählung, wir seien hier bei|101einander «als Oberrichter, Feldprediger, Großräte, Kirchenpolitiker», nur nicht als Christen — das war das Ärgste. Der Einschlag: W.: wir wollen den Antrag als Motion behandeln und erst nächstes Jahr besprechen!!! Sch. erhebt in aller Form Protest dagegen, daß Synode und Kirchenrat, die ja nicht vollkommen seien, von mir als «Heuchler, Sünder und Heiden» behandelt wurden. Pr. vertröstet Sch. und beantragt sofortiges Eintreten. Abstimmung über Behandlung jetzt oder übers Jahr:

  • Jetzt: 51
  • Übers Jahr: 68

Darauf zog ich den Antrag zurück, mein Zweck sei durch diese Abstimmung erreicht. Was geschieht?! Sch.-Schinznach nimmt den Antrag wieder auf und wird ihn nun übers Jahr als den seinigen vertreten. So ist nun für die Permanenz der «Beunruhigung» vorderhand gesorgt und ich meine, wir können damit und mit dem gestrigen Abstimmungsresultat zufrieden sein. Aber wie es mir sonst im Volksmund und in den Zeitungen gehen wird, das ist nicht abzusehen. Du schickst mir dann, was eure Zeitungen dort drüben darüber bringen, gelt?

Der Basler Vortrag3 ist fertig. Er enthält nun u.A. auch eine Generalabrechnung mit Wernle. Ich dachte daran, ihn nachher drucken zu lassen. […] In den «Neuen Wegen» unter all dem Pazifismus wäre er etwas verlocht. Was nun? Übermorgen Psalm 18,29–30. Abends Peter über Amos!!

Herzlichen Gruß
Dein
K. B.

Sachfußnoten

1
Barths Antrag an die Synode: Abschaffung des die Synode einleitenden Gottesdienstes.↩
2
V. Fr. v. Strauß, «Du bist’s allein, Macht und Gewalt sind dein!», in: Gesangbuch für die ev.-ref. Kirche der deutschen Schweiz von 1891, Nr. 29. 🎵 ↩
3
Der Vortrag über «Kriegszeit und Gottesreich» wurde am 15.11.1915 in Basel gehalten. Er wurde nicht veröffentlicht und ist anscheinend nicht erhalten.↩