Predigt: Matthäus 9,14-17 (Reformation)
Wenn wir heute dankbar der Reformation gedenken, so tun wir es nicht um der tapferen, wahrheitsmutigen Männer willen, die damals gelebt, gekämpft und gelitten haben. Was sollen uns
Und auch deshalb feiern wir nicht Reformationsfest, weil wir in unseren reformierten Anschauungen und Sitten etwas Besseres haben gegenüber unseren katholischen Mitchristen. Es ist wahr, die Formen unseres Christentums sind etwas reiner, geläuterter, klarer als die ihrigen, freier von allerlei Unnötigem, freier von allerlei Aberglauben, freier von allerlei Willkür und Zwang. Aber was sollen uns diese besseren Formen? was helfen sie uns? Die Frage zwischen uns und den Katholiken ist nicht die, wer die besseren Anschauungen und Bräuche habe, sondern wo nun eigentlich Gott lebendiger ist. Und vor dem Ernst dieser Frage müßte uns eigentlich der Unterschied der Ansichten und des Gottesdienstes sehr unwichtig und nebensächlich werden.
Aber das ist wichtig und das geht uns etwas an, daß die Anfangszeit der Reformation eine Zeit war, in der der Geist des lebendigen Gottes sich so gewaltig regte unter den Menschen, daß alle Völker Europas betroffen und hocherfreut zusammenfuhren und aufmerkten. Die Weltgeschichte stand für einen Augenblick still, weil für einen Augenblick mitten in ihrem Getriebe die Gedanken Gottes sichtbar, greifbar, wirksam wurden: mitten hinein in die politischen Entwicklungen, die jene Zeit bewegten, in die Kämpfe zwischen dem Reiche
Dieses Sich-Regen des Gottesgeistes in der Reformationszeit ist nun freilich etwas ganz Seltsames. Es bildet sich mancher seine «Ansicht» über katholisch und evangelisch, bewundert den Bekennermut jener Zeugen des Evangeliums, freut sich darüber, ein Protestant zu sein, und wäre höchst verblüfft und verständnislos dagestanden, wenn er jene Bewegung der Geister, die von
Was ist denn dort geschehen in den ersten Jahren der Reformation, vor und nach dem denkwürdigen 31. Oktober 1517, an dem
Der Geist war in den Menschen für eine kleine Weile. Es war Frühlingszeit, Sturmzeit, Hochzeit, wie es Jesus in unserem Text von seiner Zeit gesagt hat, und «der Bräutigam war bei ihnen». Das verworrene, zerrissene Gewebe der Welt, an dem Jahrhunderte in Sünde und Irrtum gearbeitet hatten, war wie zurückgeschoben und vergessen, und die Menschen griffen nach dem neuen Gewand, das sich ihnen wie vom Himmel her zu bieten schien. Neuer Most war da aus den Weinbergen Gottes, und nach neuen Gefäßen, ihn zu fassen, griffen tausend begierige Hände. Etwas Letztes, Tiefstes hatte sich den Menschen gezeigt, das wahrhaftige Leben, das Leben in der Freiheit, ruhend in der Gottesgnade, stark zu allem Lieben und Guten, war ihnen greifbar nahe getreten. In den Schriften Luthers aus der ersten Zeit ist ein starkes Singen und Klingen und Jubilieren über diese Gottesnähe, und etwas von dieser herzlichen, stürmischen Freude an Gott hat er5 sich durch alle Enttäuschungen hindurch bis in seine letzten Zeiten erhalten, [es] spiegelt sich auch im Leben und in den Schriften der anderen Reformatoren, [die] des grimmigen
Ja, der Bräutigam war bei ihnen, und die neue Welt Gottes ragte gewaltig in das Leben dieser Menschen herein: Gott hatte ein letztes Wort mit ihnen geredet. Daraus und daraus allein kann man sich das Außerordentliche ihrer Art und dessen, was sie zuerst gewollt haben, erklären. Es ging ihnen, wie es 1500 Jahre früher den Jüngern Jesu, wie es noch |447 früher schon den Propheten in
Ja, liebe Freunde, wie stehen nun eigentlich wir da, wenn wir unseren Geist mit dem Geist der Reformation zusammenhalten? Wir nennen uns die Erben der Reformation, wir erheben den Anspruch, mit unseren Kirchen und unserem Christentum das fortzusetzen, was jene begonnen haben. Haben wir das Recht dazu? Wenn wir uns das ehrlich fragen, sehen wir zunächst nur Eines, nämlich daß wir auf der ganzen Linie bemüht sind, gerade das zu tun, was die Reformatoren wenigstens zuerst nicht tun wollten und nicht tun konnten, nämlich neue Lappen auf das alte Kleid zu flicken und den Most in alte Schläuche zu gießen. Das Reich Gottes ist uns nichts Fremdes: was das Gewissen von uns will und was uns die Bibel zu zeigen hat, das ist uns wohl bekannt, das ist schnell gesagt und an den Fingern aufgezählt: Wahrheit, Gerechtigkeit, Friede, Liebe … Da ragt die neue Welt Gottes scheinbar ganz deutlich in unsere alte Welt hinein. Aber während die Reformatoren in der ersten Frühlingszeit ihrer Entdeckungen nun einfach auf die Lichter und Kräfte hinsahen, die da zum Durchbruch kamen, und von ihnen den Sieg erwarteten über das ganze alte Weltwesen, während sie Gedanken faßten und Taten vollbrachten, zu denen Gott sich bekannt hat trotz ihrer menschlichen Unfertigkeit, die wie Dynamit gewirkt haben in der alten Welt, während es in der Reformationszeit aussehen konnte, als wolle Gott nun endgiltig nach dem Szepter greifen in der Menschheit, ist bei uns das Neue von Gott her, das wir immer noch zu haben meinen, einfach ein Bestandteil der alten Welt und ihres Wesens gewor|449den. Unser Christentum ist nicht mehr der Sieg, der die Welt überwindet [vgl.
Darum gehen wir noch weiter und brauchen den Trost und die Verheißung des Gotteswortes, um uns immer hoffnungsloser an das Gewöhnliche zu verraten und zu verkaufen. Oder ist es nicht wahr? Seht z.B. diese rücksichtslose Herrschaft des Mammons in unserer Gemeinde, diese brutale Ausnützung der menschlichen Arbeitskraft, wie sie hier gerade in der letzten Zeit wieder geübt worden ist.9 Das ist die Welt, die alte Welt. Was sagt unser Christentum dazu? Wo sind eigent|450lich alle die bekehrten und unbekehrten Christen, die es unter uns doch gibt? Haben sie nichts dazu zu sagen? Siehe da, es bleibt still wie auf dem Friedhof. Das Christentum schweigt. Nein, es schweigt nicht nur, es macht mit. Ihr bringt es über euch, am Sonntag hieher zu kommen und in der Woche noch allerlei Versammlungen zu besuchen und in der übrigen Zeit einfach zu schweigen und mitzumachen, ohne Gewissensbisse, ohne Unruhe, ohne Sehnsucht nach etwas Besserem: es hat eben einfach Beides nebeneinander Platz, der neue Lappen sitzt schön und selbstverständlich auf dem alten Kleid. Oder seht den Krieg in der Welt. Was hat das Christentum dazu zu sagen? Es stellt den Staat und das Vaterland neben Gott und sagt seinen Anhängern: Glaubet an Gott, aber glaubet auch an diese Götter, und Krieg muß sein. Es bringt es fertig zu behaupten, der Krieg sei Gottes Wille. Es stellt dem Krieg noch extra Feldprediger zur Verfügung mit dem Neuen Testament in der einen Hand und dem Säbel in der anderen, die dem Volke sagen müssen, daß das Gewissen und die Bibel sich mit der Welt, wie sie einmal ist, abfinden müssen. Der neue Lappen auf dem alten Kleid. Das Wort Gottes etwas Gewöhnliches mitten im Gewöhnlichen drin. Gott der friedfertige Verbündete des Teufels, das ist unser Christentum.
Das haben nun freilich nicht wir fertig gebracht, das Christentum so in eine große Harmlosigkeit zu verwandeln, die niemand ernst nimmt und vor der sich niemand fürchtet, sondern an dieser Verwandlung haben nun vier Jahrhunderte emsig gearbeitet, und ihr könnt daraus schließen, was es für einen tiefen Sinn hat, wenn die Christenheit von ganz Europa in 2 Jahren ein allgemeines Erinnerungsfest an die Reformation feiern will.10 Das fehlt nun wirklich gerade noch. Es ist freilich wahr, daß schon die Reformatoren selber den Weg, den sie ursprünglich eingeschlagen hatten, nicht zu Ende gehen konnten. Sie mußten alle Frieden schließen mit dem Kleinen, Halben, Vorläufigen, über das sie am Anfang so kühn hinweggesehen haben. Das Aber wurde schon bei ihnen selbst stärker als das Ja. Es ging dann bei ihren Nachfolgern sehr schnell bachab11 mit dem Geist, der das Himmelreich stürmt und die Welt überwindet. Auf den wunderbaren Frühling folgte ein trockener Sommer und ein rauher Herbst, und es sieht aus, als ob wir mit unse|451rem Christentum in der bitteren Winterskälte ständen. Es geschah den Hochzeitsleuten, wie es Jesus gesagt hat und was schon den ersten Christen bald geschehen ist: der Bräutigam wurde von ihnen genommen. Es geschah nicht mehr, was in den ersten Reformationsjahren geschehen ist: der Geist blieb aus. Das Gewissen wurde kleinlaut. Die Bibel wurde ein verschlossenes Rätselbuch. Man gewöhnte sich wieder an das Gewöhnliche. Und was übrig blieb, das war unsere Kirche, ein neue Art Gottesdienst und Lehre neben der alten katholischen, das Christentum der gemalten Säulen, wie wir es eben heute haben.
Was hat es denn für einen Sinn für uns, uns heute der Reformation zu erinnern? Man kann mit gutem Recht antworten: es hat keinen Sinn, denn der Geist in uns ist doch ein total anderer Geist als der Geist, der in den Reformatoren war. Aber haben wir uns nicht vorhin gestanden, was auch wahr ist, daß etwas in uns sich eigentlich diesem uns so fernen, fremden Geist der Reformation sehnsüchtig entgegenstreckt? O wir wissen es doch ganz gut, daß unser jetziges Christentum etwas durchaus Ungenügendes und Unbefriedigendes ist, wir wissen es bei aller Sattheit und Zufriedenheit, bei allem Ruhebedürfnis, in denen wir drinstecken. O wir freuen uns doch bei aller Angst und Kläglichkeit, die uns erfüllen, daß es einmal Menschen gegeben hat, die so außerordentliche Menschen waren wie diese Reformatoren. O wir sehnen uns doch aus der Gefangenschaft der Mächte und Gewalten nach der Gotteswelt, die dort wie ein Aufblitzen sich ankündigte, wie eine Verheißung dessen, was werden soll und sein könnte. Um dieses Etwas willen, das in uns ist, kann es einen Sinn haben, wenn wir heute der Reformation gedenken. Wir blicken dann, wie wir es ja mit dem Neuen Testament alle Sonntage auch machen müssen, nicht rückwärts in die Vergangenheit, sondern vorwärts in die Zukunft. Wir sehen dann die Reformation des 16. Jahrhunderts nur als einen Anfang an, der seiner Fortsetzung und Vollendung noch wartet. Der Frühling ist dahin, aber er muß wieder kommen. Der Bräutigam ist von uns genommen, aber er kann nicht für immer von uns genommen sein. Unser Christentum ist tot, aber es kann wieder lebendig werden. Die Reformation ist vorbei und dahinten und liegt in schönen Büchern begraben, aber Gott kann uns eine andere Reformation, zu deutsch: Erneuerung an Haupt und Gliedern12 schenken. |452 Er kann seinen heiligen Geist wieder einmal ausschütten über alles Fleisch, wie er es damals getan hat. Darauf wollen wir warten, und darum wollen wir beten.
Und nun laßt mich zum Schluß meine feste Überzeugung aussprechen, daß Gott das früher oder später tun wird. Die neue Reformation ist eine Notwendigkeit nicht von uns Menschen aus, aber von Gott aus. Wir werden auf die Länge, ob wir’s wollen oder nicht, einfach nicht bei unserem bisherigen Christentum bleiben können. Gott selber wird es uns eines Tages verleiden. Spüren wir’s nicht jetzt schon? Ist es uns etwa wohl bei dem jetzigen faulen Frieden zwischen Gott und dem Teufel, in dem wir leben? Empfinden wir’s nicht an allen Ecken und Enden, daß der Trost, den er uns bietet, ein jämmerlicher Trost ist? Läßt uns etwa das Gewissen in Ruhe und der Gemütlichkeit, mit der wir uns unter dem vermeintlichen Segen Gottes in dieser Welt in der «Wirklichkeit», wie man so schön sagt, eingerichtet haben? Fahren wir nicht zusammen in Freude und Entsetzen wie solche, die ein Gesicht gesehen haben, wenn zufällig einmal die verschlossene, unverstandene Bibel aufgeht und wir wie in Blitzeshelle auf einen Augenblick die Wahrheit sehen, die in diesem Buche ist? Gott sei Dank: der neue Lappen wird einmal reißen vom alten Tuch, und der Most wird die Schläuche zerreißen, Gott sei Dank, daß das einmal kommen, wieder kommen muß, wie es damals gekommen ist. Es ging damals auch lang im Mittelalter, bis es kam, aber als es kam, kam es gründlich. So wird es uns auch gehen. Die Unruhe von Gott her wird stärker und stärker werden, bis sie uns einmal zu stark werden wird, daß wir es nicht mehr aushalten können. Unser jetziges Christentum samt Allem, was uns lieb und wert ist daran, wird dann vielleicht in Scherben fahren, wie es damals gegangen ist, dafür wird dann Gott wieder das Wort ergreifen in der Weltgeschichte und in unserem Leben, und seine Ehre wird groß werden.
Überall da, meine Freunde, wo das Christentum die Menschen beunruhigt — und wie sollte es uns heute nicht beunruhigen, wenn wir unser Leben und unsere Welt ansehen — da wird diese neue, kommende Reformation vorbereitet. Gott ist nicht ferne von uns [
- Nr. 162: «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen» von
K. H. von Bogatzky , Strophen 1.2.8 (= GERS [1952] 334,1.2.10; Text teilweise mit dem von 1891 identisch, teilweise ähnlich wie im EG 241,1.2.8) - Nr. 297: «O Durchbrecher aller Bande» von
G. Arnold , Strophen 4.5 (= GERS [1952] 306,4.5 mit Textabweichungen; EG 388, wo die Strophen 4 und 5a fehlen, nur V. 5b stimmt überein)