7. November 1915

Predigt: Matthäus 9,14-17 (Reformation)

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Reformation1
Matthäus 9,14–17
Liebe Gemeinde!

Wenn wir heute dankbar der Reformation gedenken, so tun wir es nicht um der tapferen, wahrheitsmutigen Männer willen, die damals gelebt, gekämpft und gelitten haben. Was sollen uns Luther und Zwingli? Wir haben es hier nicht mit Helden der Vergangenheit zu tun, sondern mit dem gegenwärtigen Gott. Gott muß mit uns reden, und wir müssen mit Gott gehen. Wenn das nicht geschieht, so hilft uns alle Verehrung und Bewunderung für jene Menschen gar nichts. Wenn wir heute Reformationsfest feiern, so tun wir es aber wahrhaftig auch nicht deshalb, weil seit bald 400 Jahren das merkwürdige Gebilde der evangelischen |443 Kirchen, die jene Männer gegründet haben, da ist und immer noch fortdauert und eine gewisse Bedeutung für uns hat. Was soll uns die Kirche? Wenn sie überhaupt einen Sinn hat, so muß es der sein, daß es sich in ihr um Gott und nur um Gott handelt, um den Gott, der hoch über allen menschlichen Machenschaften und Einrichtungen steht, und wenn sie noch so ehrwürdig wären. Eine Amtsperson, ein Verein, ein Geschäft können ihr Jubiläum feiern, die Kirche nicht, wenn sie nicht ihren einzigen Sinn und Zweck extra verleugnen will.

Und auch deshalb feiern wir nicht Reformationsfest, weil wir in unseren reformierten Anschauungen und Sitten etwas Besseres haben gegenüber unseren katholischen Mitchristen. Es ist wahr, die Formen unseres Christentums sind etwas reiner, geläuterter, klarer als die ihrigen, freier von allerlei Unnötigem, freier von allerlei Aberglauben, freier von allerlei Willkür und Zwang. Aber was sollen uns diese besseren Formen? was helfen sie uns? Die Frage zwischen uns und den Katholiken ist nicht die, wer die besseren Anschauungen und Bräuche habe, sondern wo nun eigentlich Gott lebendiger ist. Und vor dem Ernst dieser Frage müßte uns eigentlich der Unterschied der Ansichten und des Gottesdienstes sehr unwichtig und nebensächlich werden.

Aber das ist wichtig und das geht uns etwas an, daß die Anfangszeit der Reformation eine Zeit war, in der der Geist des lebendigen Gottes sich so gewaltig regte unter den Menschen, daß alle Völker Europas betroffen und hocherfreut zusammenfuhren und aufmerkten. Die Weltgeschichte stand für einen Augenblick still, weil für einen Augenblick mitten in ihrem Getriebe die Gedanken Gottes sichtbar, greifbar, wirksam wurden: mitten hinein in die politischen Entwicklungen, die jene Zeit bewegten, in die Kämpfe zwischen dem Reiche Habsburg-Spanien und dem Frankenreiche, zwischen Fürsten und Städten, Herren und Bauern, Staatsgewalt und Kirchengewalt, mitten hinein in die Grundlegung unserer modernen Kultur, die damals auf dem Felde der Wissenschaft und des wirtschaftlichen Lebens anhob, mitten hinein in das Erwerbsleben, Sorgenleben, Sündenleben, Todesleben von Tausenden, die waren wie wir, mitten hinein in das alles die Gedanken Gottes, die ganz anders sind als alle Menschengedanken [vgl. Jes. 55,8f.]. Es sah einen Augenblick aus, wie wenn alles Tun der Menschen auf einen Schlag abgebrochen, abgelöst werden sollte durch das, was Gott tun will. Es war wie zu der Zeit, da Jesus durch die Städte und Dörfer von Galiläa ging |444 und alle Krankheit heilte und alle Schwachheit abtat [vgl. Mt. 4,23; 9,35]. Es war wie zu der Zeit, da die Christen in Jerusalem Alles gemeinsam hatten [vgl. Act. 2,44]. Es war wie zu der Zeit im 13. Jahrhundert, wo der kleine Franziskus von Assisi in Umbrien seine wundersame Botschaft von der heiligen Armut und von der Nachfolge Christi ausgehen ließ. Es war eine Gotteszeit. Das war die Reformation. Darum geht sie uns etwas an. Darum erinnern wir uns ihrer immer wieder. Sie geht uns im gleichen Sinn etwas an, wie die Ausgießung des heiligen Geistes an den Pfingsten uns etwas angeht.

Dieses Sich-Regen des Gottesgeistes in der Reformationszeit ist nun freilich etwas ganz Seltsames. Es bildet sich mancher seine «Ansicht» über katholisch und evangelisch, bewundert den Bekennermut jener Zeugen des Evangeliums, freut sich darüber, ein Protestant zu sein, und wäre höchst verblüfft und verständnislos dagestanden, wenn er jene Bewegung der Geister, die von Martin Luther ausging, miterlebt hätte. Es redet und schreibt mancher über die Reformation und rühmt sie, und man spürt ihm nur zu deutlich an, wie er eigentlich weniger Freude hat an dem Erwachen der Geister in jener ersten Zeit als daran, wie sie nachher aisgemach2 wieder einschliefen und Alles im Ganzen in den alten Geleisen weiterging. Unsere Kirchenbehörden und Staatsbehörden gar, unsere Zeitungen und unsere öffentliche Meinung können mit dem Geist der Reformation nichts, gar nichts anfangen, haben die größte Angst davor, es könnte etwas Derartiges wieder einmal unter uns lebendig werden, denn wenn dieser Geist wiederkäme, wäre ihre Geltung und Herrschaft sehr ernstlich bedroht. Und doch ist er auch wieder gar nichts Seltsames, sondern eigentlich uns allen von Haus aus vertraut und heimelig3. Wenn der Geist jener Zeit bei uns anklopft, dann antwortet in uns allen das, was lebendig ist in uns, das, was in uns allen sich sehnt nach einer Befreiung und Erlösung. Dieser Geist ist unserer jetzigen Welt, unserem ganzen Betrieb, unseren eingerosteten Gewohnheiten und Einrichtungen fremd. Aber weil er Gott nicht fremd ist, darum ist er auch unserer gefangenen Seele nicht fremd. Er grüßt uns von Weitem, über die Jahrhunderte herüber, gar tröstlich und verheißungsvoll. Etwa wie es uns neulich gegangen ist, als der waadtländi|445sche Lehrer sich plötzlich weigerte, Militärdienst zu tun.4 Wir können wohl tausend Aber! dagegen geltend machen, aber in uns antwortet doch etwas Ja! und freut sich und ist nicht zum Schweigen zu bringen.

Was ist denn dort geschehen in den ersten Jahren der Reformation, vor und nach dem denkwürdigen 31. Oktober 1517, an dem Luther seine Thesen gegen den Ablaß veröffentlichte? Dort ist’s geschehen, daß die zwei Quellen wieder einmal zu fließen begannen, die in den Zeiten fließen, wo Gott in besonderer Weise zu den Menschen redet: das Gewissen und die Bibel. Das Gewissen redete, in Luther zuerst und mit elementarster Gewalt. Es ist nicht recht, sagte es, wie wir uns mit Gott abfinden. Es ist nicht recht, wie wir in unseren Klöstern und Kirchen es uns ersparen, mit dem Willen Gottes ernst zu machen. Es ist nicht recht, wie wir es uns mit allerlei scheinbar sehr ernsthaften und in Wirklichkeit nichtsnutzigen Praktiken bequem machen. Es ist nicht recht, wie wir Gott einen guten Mann sein lassen und in Wirklichkeit anderen Göttern dienen. So redete das Gewissen und trieb Luther in jene Angst um Gott hinein, die er im Kloster durchgemacht hat, trieb Zwingli auf die Großmünsterkanzel in Zürich, stellte Calvin mitten hinein in das verlotterte Genf. Es ist nicht recht!, sagte das Gewissen. Es muß etwas Anderes geben. Es gibt etwas Anderes. Gott ist Gott und will etwas Anderes. Und nun redete die Bibel, die lange verschlossene Bibel, und zeigte das Andere. Das ist das Große, das Schöpferische jener Zeit gewesen, daß diese beiden Ströme, die so oft getrennt fließen, sich fanden: das lebendige Gewissen und die lebendige Bibel. Und die Bibel redete zu dem unruhigen Gewissen von Gott, von der Heiligkeit Gottes, mit der man keine Verträglein und Abkommen abschließen kann, sondern die uns vor die Entscheidung: Alles oder Nichts! stellt, von der Macht Gottes, die in allem gilt, was ist, und vor der man sich mit keiner Ausrede und keinen Künsten verstecken kann, aber auch von Gottes Barmherzigkeit, die nicht daran dankt, die Welt versinken zu lassen, sondern die für den Glauben sofort Erhörung, Hilfe, Kraft zum Guten, Freiheit und ewiges Leben bereit hat. Eine ganze Gotteswelt tat sich da in der Bibel dem Gewissen auf. Das war das Andere, wonach es sich sehnte. Und es griff danach und machte sich hungrig und durstig den Gott zu |446 eigen, der sich da darbot. Die Kraft des unruhigen Gewissens und die Kraft Moses und des Heilands begegneten einander, und in dieser Begegnung war eben der heilige Geist. Das ist’s, was dort geschehen ist.

Der Geist war in den Menschen für eine kleine Weile. Es war Frühlingszeit, Sturmzeit, Hochzeit, wie es Jesus in unserem Text von seiner Zeit gesagt hat, und «der Bräutigam war bei ihnen». Das verworrene, zerrissene Gewebe der Welt, an dem Jahrhunderte in Sünde und Irrtum gearbeitet hatten, war wie zurückgeschoben und vergessen, und die Menschen griffen nach dem neuen Gewand, das sich ihnen wie vom Himmel her zu bieten schien. Neuer Most war da aus den Weinbergen Gottes, und nach neuen Gefäßen, ihn zu fassen, griffen tausend begierige Hände. Etwas Letztes, Tiefstes hatte sich den Menschen gezeigt, das wahrhaftige Leben, das Leben in der Freiheit, ruhend in der Gottesgnade, stark zu allem Lieben und Guten, war ihnen greifbar nahe getreten. In den Schriften Luthers aus der ersten Zeit ist ein starkes Singen und Klingen und Jubilieren über diese Gottesnähe, und etwas von dieser herzlichen, stürmischen Freude an Gott hat er5 sich durch alle Enttäuschungen hindurch bis in seine letzten Zeiten erhalten, [es] spiegelt sich auch im Leben und in den Schriften der anderen Reformatoren, [die] des grimmigen Calvins nicht ausgenommen. Luther war so erfüllt und bewegt von dieser Gottesnähe, daß er einfach und kühn seine Sache als Gottes Sache ansah: er fühlte sich im Großen und Kleinen unmittelbar von Gott geführt und getragen, er hatte freilich auch viel zu schaffen mit dem Widerstand des leidigen Teufels, der das Werk Gottes noch in letzter Stunde vereiteln wollte, er konnte es sich nicht anders denken, als daß nach solchem Durchbruch Gottes in der Welt, wie er ihn erlebt, der liebe jüngste Tag6, die Vollendung ganz nahe vor der Türe stehen müsse.

Ja, der Bräutigam war bei ihnen, und die neue Welt Gottes ragte gewaltig in das Leben dieser Menschen herein: Gott hatte ein letztes Wort mit ihnen geredet. Daraus und daraus allein kann man sich das Außerordentliche ihrer Art und dessen, was sie zuerst gewollt haben, erklären. Es ging ihnen, wie es 1500 Jahre früher den Jüngern Jesu, wie es noch |447 früher schon den Propheten in Israel gegangen ist, wie es Menschen, die von Gott ergriffen sind, immer gehen wird, sie mußten in ihren Gedanken und Taten von allen bisherigen Ordnungen und Gewohnheiten abweichen und neue, unerhörte Wege gehen. An der Hochzeit kann man nicht fasten, das neue Gewand taugt schlecht, um daraus Flicken für das alte Gewebe zu machen, und der neue Most würde die alten Gefäße zerreißen. Wie konnte all das Kleine, Halbe, Vorläufige der Menschen bestehen und sich behaupten, wo das Große, Ganze, Endgiltige von Gott her sich so machtvoll ankündigte? Da gibt es nur eins: ein resolutes Auf-Gott-Blicken!, so will es der heilige Geist, der durch das Gewissen und durch die Bibel redet. Da gilt nur das Letzte, das Größte, das Ganze. So trotzt Luther dem Staat und der Kirche und bricht mit dem Christentum, wie es tausend Jahre lang in der Welt gewesen war. So träumt Zwingli seinen verwegenen Traum von der Gründung eines europäischen Staatenbundes gegen den Kaiser zur Durchsetzung des reinen Evangeliums.7 So ersinnt und erzwingt Calvin seinen Gottesstaat in der lebensfrohen Stadt an der Rhone. Überkühne, unmögliche Gedanken und Pläne alles das, Gedanken und Pläne, die allesamt früher oder später innerlich und äußerlich gescheitert sind und scheitern mußten. Aber wer will die Reformatoren darum schelten, daß sie nicht kleinere, zahmere, nüchternere, praktischere Gedanken gehabt haben? Wer will von ihnen verlangen, daß sie ihre guten Ideen und Meinungen unter kluger Anpassung an die Wirklichkeit hätten anbringen sollen? Wer will zu einem solchen Menschen sagen: du darfst wohl biegen, aber nicht brechen? Wenn sie solchen Ratschlägen gehorcht hätten, wären sie eben nicht die Reformatoren gewesen und der Geist, der in ihnen war, ein anderer Geist als der Geist der Bibel und des Gewissens. Wir spüren zu deutlich: wenn auch das Außerordentliche, das sie meinten und wollten, auf die Länge nicht zu halten und durchzuführen war — recht hatten sie doch, daß sie das Außerordentliche meinten und wollten und nicht das Gewöhnliche. Denn der Geist des Gewissens und der Bibel treibt nicht auf das Gewöhnliche hin, sondern auf das Außerordentlichste, was es gibt. «Wie können die Hochzeitsleute fasten, solange der Bräutigam bei ihnen ist?» Niemand flickt ein altes Kleid mit ei|448nem Lappen von neuem Tuch, man faßt auch nicht Most in alte Schläuche. Nein, das alles geht nicht. Und gerade das ist das Große an der Reformation, das, was sie für uns immer wieder wichtig macht: daß diese Menschen mit resolutem Blick auf Gott es gesagt haben: das geht nicht! Mögen sie sich immer schwer getäuscht haben in der Art, wie sie nun den neuen Wein in neue Gefäße fassen wollten, mag diese ganze Frühlingszeit ein frühes Ende gefunden haben, sie bleibt doch ein Anfang, eine Verheißung, ein Unterpfand unserer Hoffnung. Wir sind nicht verraten und verkauft an das Gewöhnliche, an den natürlichen Lauf der Dinge — dort hat einmal der Geist Gottes ins Leben und in die Geschichte eingegriffen. Es gibt nicht nur Menschengedanken — dort sind Gottesgedanken aufgetaucht, die noch lange nicht fertig gedacht sind. Was dort geschehen ist, kann wieder geschehen. Das soll uns der heutige Gedenktag sagen.

Ja, liebe Freunde, wie stehen nun eigentlich wir da, wenn wir unseren Geist mit dem Geist der Reformation zusammenhalten? Wir nennen uns die Erben der Reformation, wir erheben den Anspruch, mit unseren Kirchen und unserem Christentum das fortzusetzen, was jene begonnen haben. Haben wir das Recht dazu? Wenn wir uns das ehrlich fragen, sehen wir zunächst nur Eines, nämlich daß wir auf der ganzen Linie bemüht sind, gerade das zu tun, was die Reformatoren wenigstens zuerst nicht tun wollten und nicht tun konnten, nämlich neue Lappen auf das alte Kleid zu flicken und den Most in alte Schläuche zu gießen. Das Reich Gottes ist uns nichts Fremdes: was das Gewissen von uns will und was uns die Bibel zu zeigen hat, das ist uns wohl bekannt, das ist schnell gesagt und an den Fingern aufgezählt: Wahrheit, Gerechtigkeit, Friede, Liebe … Da ragt die neue Welt Gottes scheinbar ganz deutlich in unsere alte Welt hinein. Aber während die Reformatoren in der ersten Frühlingszeit ihrer Entdeckungen nun einfach auf die Lichter und Kräfte hinsahen, die da zum Durchbruch kamen, und von ihnen den Sieg erwarteten über das ganze alte Weltwesen, während sie Gedanken faßten und Taten vollbrachten, zu denen Gott sich bekannt hat trotz ihrer menschlichen Unfertigkeit, die wie Dynamit gewirkt haben in der alten Welt, während es in der Reformationszeit aussehen konnte, als wolle Gott nun endgiltig nach dem Szepter greifen in der Menschheit, ist bei uns das Neue von Gott her, das wir immer noch zu haben meinen, einfach ein Bestandteil der alten Welt und ihres Wesens gewor|449den. Unser Christentum ist nicht mehr der Sieg, der die Welt überwindet [vgl. 1.Joh. 5,4], sondern der Kleister und der Leim, der ihre Ritzen und Spälte ein wenig verstreicht, die bunte Farbe, die ihre Häßlichkeit ein wenig verdeckt und verschönert, die lysolgetränkte Watte, mit der ihre Wunden ein wenig verbunden werden, der Gips, mit dem die verlöcherte Mauer ein wenig repariert ist, oder, wie Jesus gesagt hat: der neue Lappen auf dem alten Kleid. Seht ihr da an den Wänden unserer Kirche zwischen den Fenstern diese merkwürdigen langen Gebilde, die wie Säulen aussehen? Ihr könnt gelegentlich einmal mit dem Finger dranklopfen, dann werdet ihr etwas merken, nämlich daß es nur übermalte Holzbrettlein sind. Es sind keine Säulen; sie tragen nichts, obwohl es so aussieht, sie stehen nur da.8 Das ist unser Christentum; es steht nur da, eine gemalte Säule, es trägt nicht! Unser Christentum ist nicht über der Welt, sondern in der Welt und von dieser Welt [vgl. Joh. 17,16], ja es hilft ihr noch extra darin, Welt zu sein. Wohl sehnt sich das Gewissen in uns nach etwas Besserem, wohl scheint die Bibel, Mose und die Propheten, Christus und die Apostel, auch zu uns zu reden, aber das Gewissen und die Bibel begegnen sich nicht bei uns, und darum bleibt der heilige Geist aus. Darum hören wir wohl von Gott und glauben an ihn, aber es fällt uns gar nicht ein zu denken, daß Gottes Wort das Letzte, Tiefste, das Unbedingte ist in unserem Leben, sondern es ist uns etwas neben vielem Anderen, ein Stücklein Welt, das man ganz gerne pflegt, weil es ja all dem Anderen, was wir denken und tun, nichts zuleide tut. Darum leben wir denn auch mitsamt unserem Christentum durchaus im Gewöhnlichen und haben vor dem Außerordentlichen einfach Angst.

Darum gehen wir noch weiter und brauchen den Trost und die Verheißung des Gotteswortes, um uns immer hoffnungsloser an das Gewöhnliche zu verraten und zu verkaufen. Oder ist es nicht wahr? Seht z.B. diese rücksichtslose Herrschaft des Mammons in unserer Gemeinde, diese brutale Ausnützung der menschlichen Arbeitskraft, wie sie hier gerade in der letzten Zeit wieder geübt worden ist.9 Das ist die Welt, die alte Welt. Was sagt unser Christentum dazu? Wo sind eigent|450lich alle die bekehrten und unbekehrten Christen, die es unter uns doch gibt? Haben sie nichts dazu zu sagen? Siehe da, es bleibt still wie auf dem Friedhof. Das Christentum schweigt. Nein, es schweigt nicht nur, es macht mit. Ihr bringt es über euch, am Sonntag hieher zu kommen und in der Woche noch allerlei Versammlungen zu besuchen und in der übrigen Zeit einfach zu schweigen und mitzumachen, ohne Gewissensbisse, ohne Unruhe, ohne Sehnsucht nach etwas Besserem: es hat eben einfach Beides nebeneinander Platz, der neue Lappen sitzt schön und selbstverständlich auf dem alten Kleid. Oder seht den Krieg in der Welt. Was hat das Christentum dazu zu sagen? Es stellt den Staat und das Vaterland neben Gott und sagt seinen Anhängern: Glaubet an Gott, aber glaubet auch an diese Götter, und Krieg muß sein. Es bringt es fertig zu behaupten, der Krieg sei Gottes Wille. Es stellt dem Krieg noch extra Feldprediger zur Verfügung mit dem Neuen Testament in der einen Hand und dem Säbel in der anderen, die dem Volke sagen müssen, daß das Gewissen und die Bibel sich mit der Welt, wie sie einmal ist, abfinden müssen. Der neue Lappen auf dem alten Kleid. Das Wort Gottes etwas Gewöhnliches mitten im Gewöhnlichen drin. Gott der friedfertige Verbündete des Teufels, das ist unser Christentum.

Das haben nun freilich nicht wir fertig gebracht, das Christentum so in eine große Harmlosigkeit zu verwandeln, die niemand ernst nimmt und vor der sich niemand fürchtet, sondern an dieser Verwandlung haben nun vier Jahrhunderte emsig gearbeitet, und ihr könnt daraus schließen, was es für einen tiefen Sinn hat, wenn die Christenheit von ganz Europa in 2 Jahren ein allgemeines Erinnerungsfest an die Reformation feiern will.10 Das fehlt nun wirklich gerade noch. Es ist freilich wahr, daß schon die Reformatoren selber den Weg, den sie ursprünglich eingeschlagen hatten, nicht zu Ende gehen konnten. Sie mußten alle Frieden schließen mit dem Kleinen, Halben, Vorläufigen, über das sie am Anfang so kühn hinweggesehen haben. Das Aber wurde schon bei ihnen selbst stärker als das Ja. Es ging dann bei ihren Nachfolgern sehr schnell bachab11 mit dem Geist, der das Himmelreich stürmt und die Welt überwindet. Auf den wunderbaren Frühling folgte ein trockener Sommer und ein rauher Herbst, und es sieht aus, als ob wir mit unse|451rem Christentum in der bitteren Winterskälte ständen. Es geschah den Hochzeitsleuten, wie es Jesus gesagt hat und was schon den ersten Christen bald geschehen ist: der Bräutigam wurde von ihnen genommen. Es geschah nicht mehr, was in den ersten Reformationsjahren geschehen ist: der Geist blieb aus. Das Gewissen wurde kleinlaut. Die Bibel wurde ein verschlossenes Rätselbuch. Man gewöhnte sich wieder an das Gewöhnliche. Und was übrig blieb, das war unsere Kirche, ein neue Art Gottesdienst und Lehre neben der alten katholischen, das Christentum der gemalten Säulen, wie wir es eben heute haben.

Was hat es denn für einen Sinn für uns, uns heute der Reformation zu erinnern? Man kann mit gutem Recht antworten: es hat keinen Sinn, denn der Geist in uns ist doch ein total anderer Geist als der Geist, der in den Reformatoren war. Aber haben wir uns nicht vorhin gestanden, was auch wahr ist, daß etwas in uns sich eigentlich diesem uns so fernen, fremden Geist der Reformation sehnsüchtig entgegenstreckt? O wir wissen es doch ganz gut, daß unser jetziges Christentum etwas durchaus Ungenügendes und Unbefriedigendes ist, wir wissen es bei aller Sattheit und Zufriedenheit, bei allem Ruhebedürfnis, in denen wir drinstecken. O wir freuen uns doch bei aller Angst und Kläglichkeit, die uns erfüllen, daß es einmal Menschen gegeben hat, die so außerordentliche Menschen waren wie diese Reformatoren. O wir sehnen uns doch aus der Gefangenschaft der Mächte und Gewalten nach der Gotteswelt, die dort wie ein Aufblitzen sich ankündigte, wie eine Verheißung dessen, was werden soll und sein könnte. Um dieses Etwas willen, das in uns ist, kann es einen Sinn haben, wenn wir heute der Reformation gedenken. Wir blicken dann, wie wir es ja mit dem Neuen Testament alle Sonntage auch machen müssen, nicht rückwärts in die Vergangenheit, sondern vorwärts in die Zukunft. Wir sehen dann die Reformation des 16. Jahrhunderts nur als einen Anfang an, der seiner Fortsetzung und Vollendung noch wartet. Der Frühling ist dahin, aber er muß wieder kommen. Der Bräutigam ist von uns genommen, aber er kann nicht für immer von uns genommen sein. Unser Christentum ist tot, aber es kann wieder lebendig werden. Die Reformation ist vorbei und dahinten und liegt in schönen Büchern begraben, aber Gott kann uns eine andere Reformation, zu deutsch: Erneuerung an Haupt und Gliedern12 schenken. |452 Er kann seinen heiligen Geist wieder einmal ausschütten über alles Fleisch, wie er es damals getan hat. Darauf wollen wir warten, und darum wollen wir beten.

Und nun laßt mich zum Schluß meine feste Überzeugung aussprechen, daß Gott das früher oder später tun wird. Die neue Reformation ist eine Notwendigkeit nicht von uns Menschen aus, aber von Gott aus. Wir werden auf die Länge, ob wir’s wollen oder nicht, einfach nicht bei unserem bisherigen Christentum bleiben können. Gott selber wird es uns eines Tages verleiden. Spüren wir’s nicht jetzt schon? Ist es uns etwa wohl bei dem jetzigen faulen Frieden zwischen Gott und dem Teufel, in dem wir leben? Empfinden wir’s nicht an allen Ecken und Enden, daß der Trost, den er uns bietet, ein jämmerlicher Trost ist? Läßt uns etwa das Gewissen in Ruhe und der Gemütlichkeit, mit der wir uns unter dem vermeintlichen Segen Gottes in dieser Welt in der «Wirklichkeit», wie man so schön sagt, eingerichtet haben? Fahren wir nicht zusammen in Freude und Entsetzen wie solche, die ein Gesicht gesehen haben, wenn zufällig einmal die verschlossene, unverstandene Bibel aufgeht und wir wie in Blitzeshelle auf einen Augenblick die Wahrheit sehen, die in diesem Buche ist? Gott sei Dank: der neue Lappen wird einmal reißen vom alten Tuch, und der Most wird die Schläuche zerreißen, Gott sei Dank, daß das einmal kommen, wieder kommen muß, wie es damals gekommen ist. Es ging damals auch lang im Mittelalter, bis es kam, aber als es kam, kam es gründlich. So wird es uns auch gehen. Die Unruhe von Gott her wird stärker und stärker werden, bis sie uns einmal zu stark werden wird, daß wir es nicht mehr aushalten können. Unser jetziges Christentum samt Allem, was uns lieb und wert ist daran, wird dann vielleicht in Scherben fahren, wie es damals gegangen ist, dafür wird dann Gott wieder das Wort ergreifen in der Weltgeschichte und in unserem Leben, und seine Ehre wird groß werden.

Überall da, meine Freunde, wo das Christentum die Menschen beunruhigt — und wie sollte es uns heute nicht beunruhigen, wenn wir unser Leben und unsere Welt ansehen — da wird diese neue, kommende Reformation vorbereitet. Gott ist nicht ferne von uns [Act. 17,27], er redet schon jetzt unablässig mit uns, auch in diesen leeren, mageren Zeiten, |453 wo unser Christentum so ein rechter Schatten und Schein ist. Er wartet nur darauf, ob wir nicht bald wieder kommen und uns von ihm beide Hände wollen füllen lassen. O, er sagt es uns ja immer wieder: eure Freude könnte soviel größer sein, ihr könntet es soviel besser haben, ihr könntet soviel mehr Großes und Schönes erleben, euer ganzes Leben könnte ein ganz anderes Leben sein. Sieh, wo das ein Mensch hört und bewegt es in seinem Herzen und möchte aufrichtig, daß sein Christentum und unser aller Christentum etwas Stärkeres, Seligeres, Siegreicheres werde, und muß Tag und Nacht danach sich ausstrecken und darum beten, ein solcher Mensch tut Vorarbeit für die kommende neue Reformation. Solche Menschen hat’s eben auch gegeben vor jener alten Reformation Jahrhunderte lang, und als die lange genug gewartet und geseufzt und gebetet hatten, da kam’s eben, das neue Leben, von Gott her in die alten Kirchenmauern, und die Bibel und das Gewissen redeten auf einmal wie mit Posaunen und Orgelschall, und der Strom des heiligen Geistes ging aus über alle Lande. O wenn wir die Leute wären, darauf recht und im Ernst zu warten, daß das auch uns geschehe! Ja, da braucht es freilich noch viel Aufrichtiger- und Nachdenklicher- und Tieferwerden unter uns. Bei einigen hat’s angefangen, die wollen der Reformation vorarbeiten. Wenn’s einmal ihrer mehr sein werden, dann ist sie nicht mehr weit.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 162: «Wach auf, du Geist der ersten Zeugen» von K. H. von Bogatzky, Strophen 1.2.8 (= GERS [1952] 334,1.2.10; Text teilweise mit dem von 1891 identisch, teilweise ähnlich wie im EG 241,1.2.8) 🎵
  • Nr. 297: «O Durchbrecher aller Bande» von G. Arnold, Strophen 4.5 (= GERS [1952] 306,4.5 mit Textabweichungen; EG 388, wo die Strophen 4 und 5a fehlen, nur V. 5b stimmt überein) 🎵

Sachfußnoten

1
In den reformierten Kirchen der Schweiz wird jeweils der erste Sonntag im November als «Reformationssonntag» gefeiert. Die Predigt, die Barth bereits am Mittwoch, 3. November «fertig gemacht» hat, empfindet er «selber stark als täuferisches ‹Geyst-Geyst-geschrey›». Seine Frau Nelly erteilt ihr die «unbarmherzigen Prädikate a) negativ b) unfruchtbar c) fanatisch d) wohlfeil … ich kann im Grunde mit dieser Sorte von Kirchen‹festen› nichts anfangen, wo es sich, wie mans auch drehen will, um die menschliche ‹Religion› handelt. Der Widerspruch dieses ganzen Wesens zu Gott kommt bei solchen Anlässen zu schreiend an den Tag und verschlingt zur Zeit bei mir alles Übrige» (Brief vom 4.11.15, Bw.Th. I, S. 99 📖). Vor oder nach dem Gottesdienst am 7. November wurde Markus Barth (s. oben S. 421, Anm. 1) in Anwesenheit seiner Paten Eduard Thurneysen und Karl Guggenheim getauft. Die Patin Helene Barth, geb. Rade, konnte nicht kommen.↩
2
= allmählich.↩
3
= gemütlich (hier gleichbedeutend mit «vertraut»).↩
4
Die Dienstverweigerung des Lehrers John Baudraz wurde unter den schweizerischen Pfarrern kontrovers diskutiert; vgl. Bw.Th. I, S. 81f.84.87–90. 📖 Am 30. Oktober besprach Barth im Arbeiterverein den Fall.↩
5
Das Wort «er» ist nachträglich ins Manuskript eingefügt, wodurch das Subjekt «etwas von dieser … Freude» zum Objekt geworden ist.↩
6
Vgl. M. Luthers Brief an seine Frau vom 16.7.1540, WA.B 9, 175,17 📖: «kom, [lieber jungster] Tag, Amen.» (Eckige Klammern in WA. 📖)↩
7
Vgl. G. W. Locher, Die Zwinglische Reformation im Rahmen der europäischen Kirchengeschichte, Göttingen/Zürich 1979, S. 514–521. 📖 ↩
8
An die Stelle der als «merkwürdige Gebilde» bezeichneten Pilaster sind bei der Renovierung von 1965/66 schlichte, feste Lisenen getreten.↩
9
Vgl. die oben S. 431, am Schluß der Anm. 8 zitierte Äußerung Barths in seinem Brief an Thurneysen vom 30.10.1915.↩
10
Vgl. die mißvergnügten Äußerungen Barths und Thurneysens zur «fatalen Reformationswoche» 1917: Bw.Th. I, S. 237–241, Zitat S. 237. 📖 ↩
11
In der Schweiz gebräuchlich für «bergab».↩
12
Die Forderung nach einer Reform der Kirche «tam in capite quam in membris» geht bereits auf den «Tractatus de modo generalis concilii celebrandi» des Bischofs von Mende, Guilelmus Durandus, aus den Jahren 1308-1311 zurück. Vgl. Büchmann, S. 630f 📖.↩