22. Oktober 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Nun bin ich wieder eingetroffen im Lande Aargau, wo Milch und Honig und allerlei Anderes fließt, und höre mit Rührung das Doppelkonzert, das aus unsrer Kinderstube herübertönt, und setze mich zurecht, eine Predigt zu machen. Zuerst aber mußt du begrüßt sein. […]

Mein Berner Aufenthalt war mir eine rechte Freude und Auffrischung. Besonders der Verkehr mit Schädelin. […] Die Predigt im Münster hat ohne Unfälle ihren Verlauf genommen, und es hat mir menschlicherweise einfach Freude gemacht, «es» einmal in einer großen vollen Kirche zu sagen. Wer saß mir gegenüber? Oberst v. Sprecher!1 Wie verbleicht daneben der Glanz aller Feldprediger! Vorgestern hatte ich noch einen interessanten Besuch: ein ehemaliger Schulkamerad von mir,2 bernische haute noblesse, Dr. in Ästhetik und Kunstgeschichte, auf dem Gymnasium Nietzsche- und Schopenhauerverehrer, jetzt Heilsarmeeoffizier mit Leib und Seele, ein rechter Seelenindividualist und Freikirchler (liest aber immer noch Nietzsche!), dabei aber ein Zug und eine Freudigkeit in der ganzen Persönlichkeit, die mir stark Eindruck machte. Leider konnten wir nicht ausführlicher reden, er kommt aber einmal hieher.

Nun habe ich noch eine Bitte an dich. Ich möchte Ende November — Anfang Dezember eine kleine Reihe von Sonntagabendvorträgen hier halten lassen über die christliche Hoffnung unter dem Gesichtspunkt des menschlichen Tuns und seiner wichtigsten Ziele. Peter soll mir am 14. November über das Vaterland reden, der Berner Heilsarmeeoffizier über seine Arbeit, Schädelin oder sonstwen hoffe ich für den Sozialismus zu gewinnen, Epprecht für den Weltfrieden, und du solltest uns die Kirche beleuchten. Sagen wir vorläufig am 12. Dezember.3 Nichtwahr, das willst du schon tun?

Markus ist munter und macht scharfe Augen. Fränzeli kann von 1-3 zählen mit praktischen Übungen und hat in Bern Freund|96schaft mit den Bären geschlossen. […] [Auch] mit den 3 kleinen «Schädelchen» hat es sich angebiedert und für die bessere Zukunft verschworen und vom Einzug der III. Division und von General Wille gleichmütig Notiz genommen.

Herzlichen Gruß senden Nelly, zwei Kinder und der Vater
K. B.

Sachfußnoten

1
Oberst von Sprecher (1850–1927), Generalstabschef.↩
2
Ernst von May.↩
3
Thurneysens Vortrag in Safenwil am 24. November 1915 (zur Änderung des Termins vgl. Brief vom 26.10.1915) wurde später unter dem Titel Unsere Hoffnung und die Kirche veröffentlicht in der 2. Aufl. der ersten gemeinsamen Predigtsammlung: K. Barth / E. Thurneysen, Suchet Gott, so werdet ihr leben!, München 1928, S. 160–174. 📖 ↩