Predigt: Psalm 139,23-24
Weißt du, wo es dir fehlt? Es fehlt dir, nicht wahr? Du gehst schon lange als ein verdrossener Mensch deiner Wege. Du verrichtest deine Arbeit und bist doch mit der Seele nicht dabei, sie freut dich nicht. Du verkehrst mit den Menschen, aber du selber bist’s schon lange nicht mehr, der mit ihnen redet, der unter ihnen ist, du hast ihnen nichts zu sagen und sie dir nicht. Du denkst auch oft nach über dich und dein Leben, aber im Grunde doch nie über dich selber; es gibt da einen Punkt, wo deine Gedanken immer halt machen und umkehren, etwas, über das |400 du nicht nachdenken willst. Du bist auch dir selber ein Fremder geworden. Du bist müde, «des Treibens müde»2, wie es schon Mancher dem Dichter nachgesagt hat, du hast das Leben in seinen Höhen und Tiefen kennen gelernt und bist unbefriedigt von überall zurückgekehrt. Du warst glücklich und merktest, daß alles Glück seine Schattenseiten und vor Allem sein Ende hat. Du warst unglücklich, und da ging’s dir umgekehrt: es kam dir vor: das Leid des Lebens sei eigentlich bodenlos, und immer neu und ganz selbstverständlich bist du gefaßt auf schlimme und immer noch schlimmere Erfahrungen.
Du hast es versucht, ein rechter Mensch zu sein und das Gute zu tun, und dann bist du nach einigen kurzen, kleinen Erfolgen, die mehr Einbildung waren als Wahrheit, auf unüberwindliche Hindernisse gestoßen, auf eingewurzelte Lebensfehler in dir selbst oder in deiner Umgebung, vor denen du schließlich kapituliertest und dir sagtest: es geht ja doch nicht. Und dann wieder hast du frech, ich meine jetzt innerlich frech, und bewußt gesündigt, hast mit festem Tritt und Griff etwas Böses getan und dir selber Erlaubnis und Segen dazu gegeben und weißt: du würdest es wieder tun, wenn du wieder in die Lage kämest, hast dich gewöhnt an das Schaukelspiel: ich möchte ein rechter Mensch sein, ich möchte — aber die Sünde gehört auch zum Leben.
Du hast auch von Gott reden hören und glaubst an ihn, willst es wenigstens nicht aufgeben, dir das vorzusagen: ich glaube ja!, du interessierst dich vielleicht wirklich für religiöse Meinungen und Streitfragen und liesest dies und das, was dir in die Hände kommt; du hast vielleicht sogar eine Zeitlang den ernsten Willen gehabt, etwas für Gott zu tun, und warst eifrig bei einer guten Sache. Aber nicht wahr — Gott — das ist dir im Grunde, im tiefsten Grunde auch so ein Weg, auf dem du nicht weiterkommst und von dem du in aller Stille wieder zurückgekehrt bist. Du machst es im Grunde, wie du es auch äußerlich halten mögest, ohne Gott, nur für dich, ohne daß du dabei freilich mehr Ruhe und Sicherheit hättest. Es kommt ungefähr aufs Gleiche hinaus, mit Gott oder ohne ihn. Du hast’s auf allerlei Weisen probiert und hast nirgends etwas Wirkliches, Reelles gefunden. Jetzt bist du nur noch müde und suchst fast gar nicht mehr, nächstens wirst du überhaupt aufhören.
401 Wehmut — ja, das weißt du, was das ist —, die weiche, traurige Stimmung, etwas Seligkeit mit viel, viel Schmerz, wo du etwas Schönes, Großes ahnst und von Weitem siehst, aber aus unerreichbarer Ferne grüßt es dich: es könnte etwas sein, aber es ist nicht! Wehmütig wird es dir zu Mute, wenn du Kinder spielen und sich freuen siehst, ja, die sind glücklich, sie kennen eben das Leben noch nicht! Wehmütig, wenn du an deine eigene Jugend denkst und wie du dich einst zu Allem so ganz anders stellen konntest. Wehmütig, wenn die Natur so schön ist um dich herum mit ihren ewig frischen, neuen Reizen, die dir so deutlich das zeigen, was du nicht hast. Wehmütig, wenn nur ein paar Töne schöner Musik dein Ohr treffen, denn sie kommen zu dir wie Boten aus jener anderen, für dich unerreichbaren Welt, aus dem Paradies, das du verloren hast.
Soll ich noch weiter fortfahren zu beschreiben, wie es dir fehlt: wie du ganz sicher bist in deiner Meinung, du habest im Großen Ganzen schlechte Erfahrungen gemacht mit den Menschen und man tue gut, Allen zu mißtrauen, wie dir jeder schlimme Eindruck zu einer Bestätigung wird in deiner Verdrossenheit und Müdigkeit und Wehmut, wie du für freundliche, lichte Eindrücke immer blinder und unempfänglicher wirst, wie du immer sorgfältiger deinen inneren Zustand vor den Leuten zu verstecken versuchst, weil du selber das Gefühl hast: niemand darf in diesen Abgrund hineinblicken! Wie du dir Mühe gibst, selber soviel als möglich zu vergessen, wie du dran bist, vielleicht mit großer, eifriger Geschäftigkeit, vielleicht mit vielem Reden über gleichgiltige Dinge, vielleicht mit dieser und jener Unterhaltung und Zerstreuung deine Unruhe zu betäuben. Wie du fast froh bist darüber, wenn irgend ein großer Schmerz dich trifft oder irgend eine Sorge dich wirklich in Anspruch nimmt, weil du dann dir selbst und den Anderen sagen kannst: ich habe Grund, so zu sein, wie ich bin, seht, das hat mich betroffen und beschäftigt mich, das fehlt mir!
Ja, es fehlt dir wirklich, um’s in einem Wort zu sagen: du bist ein unbefriedigter Mensch, vielleicht ganz gesund, vielleicht in ganz guten Umständen, vielleicht recht angesehen und geschätzt, vielleicht sehr gescheit, vielleicht für Andere sehr nötig — aber unbefriedigt, im Tiefsten, Innersten unbefriedigt. Unbefriedigt nicht von diesem und jenem, aber von Allem, von der Welt, von den Leuten, von dir selbst, vom Leben. Es sind viele, sehr viele unbefriedigte Menschen da. Man kann ruhig sa|402gen: diese Unbefriedigtheit ist der durchschnittliche, der gewöhnliche Zustand der Menschen. Die Einen empfinden sie stärker, die Anderen etwas schwächer, die Einen verstehen etwas besser, sich zu verhüllen und Theater zu spielen, bei den Anderen kommt es zum Vorschein in allerhand auffallenden Fehlern, Torheiten und Schrullen, in allerlei unnützen Kümmern und Sorgen, manchmal sogar in gewissen körperlichen Krankheiten, die sie eigentlich gar nicht haben müßten. Ob so oder so — es kommt nicht viel darauf an — verstecke dich jetzt einen Augenblick nicht, sondern frage dich: bin ich nicht auch so ein unbefriedigter Mensch, oder auf dem besten Weg, es unaufhaltsam zu werden? Ja: unbefriedigt: im Tiefsten, Innersten ohne Frieden, ohne Klarheit, ohne Sicherheit, ohne Freude, ohne Ziel und Hoffnung — das ist der Name für das, was mir fehlt.
Aber wir fingen ja an mit der Doktorfrage: wo fehlt es dir?, und die Frage muß tiefer gehen als bis zu dem Wort «unbefriedigt» oder einem anderen ähnlichen Wort. Ja, warum denn unbefriedigt? Was ist die Ursache, daß du so dran bist? Ich will jetzt gleich die Antwort darauf geben, die der Wahrheit entspricht, die Antwort, die die Bibel gibt, auf die Gefahr hin, daß du sie zunächst gar nicht verstehst. Du und wir alle, denen es geht wie dir, wir sind allzumal noch nie ganz aufrichtig gewesen. Und in unserer Unbefriedigtheit oder wie man’s nenne zeigt und offenbart sich nichts, gar nichts Anderes als unsere Unaufrichtigkeit. Unaufrichtigkeit? nicht wahr, da staunst du? Ja, gegen wen denn?, fragst du. Unaufrichtigkeit gegen das Leben und seine Tatsachen, könnte man einmal sagen. Oder vielleicht auch: Unaufrichtigkeit gegen dich selbst und damit natürlich auch gegen deine Mitmenschen. Aber wir nennen die Sache am richtigsten und zutreffendsten, wenn wir sagen: Unaufrichtigkeit gegen Gott!
Wohlverstanden: es handelt sich nicht um den papierenen Gott, von dem du allerlei gehört und gelesen und als Kind sogar gelernt hast. Nicht um den selbstverständlichen Gott, der zur Welt so gehört wie der Mond an den Himmel und an den du natürlich glaubst wie alle braven Leute. Nicht um den interessanten Gott, über den man Meinungen hat, die Katholischen so und die Reformierten so, die Positiven diesen Weg und die Reformer3 einen anderen, die älteren Pfarrer auf die Weise und |403 die jüngeren Pfarrer auf eine andere. Laß auch diesen interessanten Gott, über den man hin- und herredet, auf der Seite, er ist ein Götze, wie er auch aussehe.
Es handelt sich um den lebendigen Gott. Um den Gott, der einfach ist und wirkt. Er erforscht dich und kennt dich. Du gehest oder liegest, so ist er um dich und siehet alle deine Wege. Von allen Seiten umgibt er dich und hält seine Hand über dir [vgl.
Du kannst aber auch die Augen auftun und kannst statt in deine Seele in die Welt hinein sehen und findest, daß die Welt nur der Spiegel deiner Seele ist, oder deine Seele der Spiegel der Welt, wie du willst.5 Jedenfalls |404 hier wie dort eine unerschütterliche, sichere Tatsache: Die Menschen samt allen Kreaturen und Wesen leben und sind aus etwas, das ist größer, heiliger, reiner, schöner als sie selbst. Wohl ihnen, sofern ihr Leben ein Abglanz und Ausfluß ist dieses Größeren, dann leben sie wirklich. Wehe ihnen, wenn sie dies Größere vergessen, wenn sie nur noch Menschen, nur noch Kreaturen sind, dann ist ihr Leben kein Leben, sondern Tod. Was da lebt und ist, gehört zu diesem Größeren. Nichts, was ist, kann ihm davonlaufen. Er, der lebendige Gott, ist vor allen Tatsachen, und alle Tatsachen müssen es zulassen, daß er durch sie redet. Er redet durch die Wunder und Offenbarungen seiner Güte und Herrlichkeit, aber auch durch die Gottlosigkeit und alle ihre Folgen. Er stellt sich in Allem und durch Alles heraus als das, was ist, als das, was wahr ist, als das lebendige Leben. Ob wir ihn leugnen oder ob wir ihm glauben, ob wir ihn so oder so auffassen, er ist und gibt sich zu erfahren, so oder so, im Guten oder im Bösen, im Heil oder Unheil.
Und nun ist die gesammelte Wirklichkeit und Kraft Gottes in der Geschichte der Menschheit entscheidend aufgetreten in Jesus Christus. Nicht nur in ihm, aber entscheidend aufgetreten in ihm. Das Größere, das über uns ist, greifbar, faßbar, anschaulich erschienen in einem Menschenleben. Ein Menschenleben, das einfach vom lebendigen Gott redet. Ja, Jesus redet mit uns, redet mit uns wieder von der Lebenstatsache, die Tatsache ist, von dem Leben, das wirkliches Leben ist. Zeigt uns eine Welt von Freiheit, Liebe, Brüderlichkeit, Barmherzigkeit, Seligkeit und zeigt sie uns so, daß wir gestehen müssen: Das ist die wahre, die wirkliche, die eigentliche Welt, die Welt, in die wir gehören. Wir können uns dann nachher Ansichten und Standpunkte bilden, wie wir wollen, wir können es versuchen, mit dieser neuen Welt ernst zu machen, vielleicht ganz ernst, oder wir können sie auch von uns stoßen und sagen: sie paßt uns nicht!, wir können uns als gerechte Pharisäer in dem Wahn wiegen: das alles habe und tue ich ja!, oder wir können als arme Sünder bloß danach seufzen: Gott, sei mir Sünder gnädig! [vgl.
Was hat denn dieser lebendige Gott mit dir zu tun? Du hast es gehört: Er erforscht dich und ergründet dein Herz, er prüft dich und will erfahren, wie du’s meinest, er sieht, ob du auf bösem Wege bist, und will dich leiten auf ewigem Wege. Ja, was heißt nun das? Das heißt: Gott hat dich in der Arbeit, und das Ziel und der Zweck seiner Arbeit an dir ist, dich zu einer Entscheidung zu treiben, nämlich zu der Entscheidung für ihn. Sieh, du bist unentschieden, du bist unklar, du bist ungewiß. Du stehst mitten drin zwischen der Macht Gottes und anderen Mächten. Daran ist nichts Besonderes. Wenn der Mensch die Augen aufschlägt, so entdeckt er, daß er zu Gott gehört, aber freilich nicht nur zu Gott, sondern auch zu seiner Gier und Leidenschaft, zum Geld, zur Gewalt, zur Sorge und Angst, zur Krankheit, zum Tode. Ja, er gehört zu beiden, beide Mächte erheben Anspruch auf ihn. In seiner Brust ringen zwei Welten miteinander6, Himmel und Hölle. Aber nicht mit gleichen Kräften: Dieser Kampf im Menschen kann gar nie zu einem ruhigen Gleichgewicht kommen. Gott ist eben von vornherein der Stärkere. Ja, die Hölle ist nichts, gar nichts vor ihm. Das im Menschen, was von Gott kommt, lehnt sich in ungestümer Empörung gegen das Andere auf, was da auch noch etwas sein und gelten will: Was willst du hier? Du hast kein Recht, dazusein! Verschwinde, du gehörst nicht dahin! Du mußt weichen! So herrisch und gebieterisch redet das Göttliche in uns zu allem Anderen. So bist du in der Tat noch mitten drin, im Unentschiedenen, in der Unklarheit; du bist eben ein Mensch und nicht |406 Gott selber, du bist ein Stück von einer ganzen Welt, die aus Gottes Klarheit heraus und in die Unentschiedenheit hinein zwischen Gott und nichtigen Teufelsmächten geraten ist.
Aber Gott treibt dich mit Übermacht zur Entscheidung für ihn, mit Übermacht darum, weil er Gott, der lebendige Gott ist. Du weißt ganz gut, daß du unendlich viel mehr zu Gott gehörst als etwa zum Gelde, daß Gott viel mehr Anrecht an deine Gedanken hat als die Sorge, daß du Gott eine ganz andere Liebe schuldig bist als deinem freilich auch sehr lieben Ich. Daran ist ja gar nicht zu zweifeln, daß Gott eigentlich und tatsächlich in der Übermacht ist. Und diese Übermacht Gottes treibt nun einem Sieg entgegen. Und wenn dein Leben etwas wert sein soll, so muß es zu einem vollständigen Sieg Gottes werden, zu einem Durchbruch von dem, was eigentlich und im Grunde ist und wahr ist, gegenüber all dem Nichtigen, Scheinhaften, Unwahren, das sich ihm entgegenstellt wie der Schatten dem Lichte, zu einem Triumph des Lebens, des lebendigen, wirklichen Lebens über den Tod, zu einer Offenbarung der neuen Welt in der alten und der alten zum Trotz, soviel eben ein einzelnes Menschenleben von der neuen Welt Gottes fassen und wahr machen kann.
Die Entscheidung nun, die Gott von dir haben will, kann natürlich nicht etwa darin bestehen, daß du diesen vollständigen Sieg an dich reißest oder auch nur an dich zu reißen versuchest. Du kannst den Durchbruch, auf den es da ankommt, ebenso wenig von dir aus einfach vollziehen, als die ganze übrige von Gott entfremdete und von Gott entfernte Welt einfach von sich aus zur Klarheit Gottes zurückkehren kann. Gottes Übermacht selbst ist es, die diesen Durchbruch in die Klarheit vollziehen und vollenden muß. Wohl aber kannst du — und darauf kommt es an — die Übermacht Gottes, seine Majestät und Überlegenheit über alles Andere, einmal wirklich und bestimmt anerkennen. Du kannst dich auf Gottes Seite stellen mit den Worten: Du bist mir zu stark [vgl.
407 Und das ist nun die Arbeit, die er an dir tut, daß er dich dieser Entscheidung entgegenführt. Und er tut das, indem er dir durch dein ganzes Leben hindurch immer wieder Fragen stellt. Das beschreibt ja auch der Psalm, wenn er von dem Erforschen, Ergründen, Erfahren redet, das Gott an uns übt. Gott will etwas von dir wissen, nicht um seinetwillen, aber um deinetwillen. Er will um deinetwillen von dir wissen, immer wieder wissen, ob du etwas weißt, nämlich das, daß er der allein Große und Mächtige ist [vgl.
Ja, er hat dich in Arbeit. Du mußt einen rechten Kummer erleben. Der Kummer ist nichts Anderes als eine Frage. Die Frage lautet: Weißt du, wer das ist, der allen Jammer, allen, stillt?7 Ja oder Nein! Du darfst einen Sieg mit ansehen, vielleicht einen Sieg des Guten in dir über deine Torheit und Leidenschaft oder eine andere rechtschaffene Erscheinung des Göttlichen unter den Menschen. Der Sieg ist eine Frage an dich. Die Frage lautet: Siehst du, was das Wahre, das Echte ist, hast du gemerkt, wie das leuchtete und triumphierte: Ich bin die Wahrheit? Hast du’s gesehen? Ja oder Nein! Du hast eine Beschämung erfahren, mit roten Wangen denkst du zurück an eine Niederlage deines besseren Ich, an einen Moment, den du lieber ausradieren würdest aus deiner Erinnerung. Die Beschämung ist eine Frage. Sie lautet: Weißt du’s nun, aus deiner Erniedrigung, ein für allemal, daß Gott der Größere ist und seiner nicht spotten läßt [vgl.
Es gäbe noch eine Masse anderer solcher Fragen, großer und kleiner, wichtiger und scheinbar unwichtiger. Wahrhaftig, dein ganzes Leben ist eine ununterbrochene Reihe von solchen Fragen. So streng und eifrig hat dich Gott in der Arbeit, so sehr ist es ihm daran gelegen, daß du, gerade du, zu einer Entscheidung kommest, so wenig denkt er daran, dich in der Mitte, in der Unentschiedenheit und Unklarheit zu lassen. Denn wozu all das Fragen: du sollst an vielen, vielen einzelnen Erlebnissen immer wieder die gleiche Einsicht machen, zu der gleichen Einsicht dich bekennen: Ja, Gott ist hier in der Übermacht, hier kann ich nichts gegen ihn machen, hier muß ich mit ihm gehen! Bis es dir endlich zu viel wird. Bis du merkst: ich kann nicht nur hier und da, da und dort nachgeben und ihn anerkennen, es muß nun einmal im Ganzen geschehen! Bis du dahin kommst, wo du schwacher, törichter, unvollkommener Mensch einfach ganz auf Gott abstellst, weil du nicht mehr anders kannst, weil dir alle deine Erfahrungen von allen Seiten zurufen: Es geht nicht anders. Alles Andere als Gott ist Schwindel. Bis es übermächtig aus dir hervorbricht, das Gebet, das so viel, viel größer ist als dein Glaube und deine Liebe, das Gebet: Unser Vater im Himmel, dein Name werde geheiligt, dein Reich komme, dein Wille geschehe auf Erden wie im Himmel!
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Weißt du nun, wo es dir fehlt? warum du ein unbefriedigter Mensch bist? Weil du auf die Fragen Gottes nicht aufrichtig antwortest. Ich brauche dir darüber nicht viel zu sagen. Du weißt, daß du dich ums Leben gern gerade in der Mitte zwischen Gott und den anderen Mächten herumtreibst. Es ist dir wohl gerade in der Unklarheit und Unentschiedenheit, oder du meinst doch, es müsse dir da wohl sein. Du meinst, du könnest da von Beidem profitieren, von den Vorteilen, [die] der liebe Gott dir bietet, und von den Vorteilen, die das liebe Ich, der Mammon, deine Lust, die Meinung der Leute und wie das alles heißt, dir zu bieten verheißt. Du läassest dich nicht gern beunruhigen und treiben in deiner |409 Unentschiedenheit. Du fürchtest wie die Pest, du könntest «einseitig» werden. Du möchtest gar nicht darüber nachdenken müssen, was denn nun eigentlich gilt und wahr ist, ob Gott oder das Andere. Es wäre dir sehr viel lieber, wenn Gott dich nicht zu erforschen und ergründen und erfahren begehren, wenn er auf alle jene spitzen Fragen Ja oder Nein! verzichten würde. Und weil er das nicht tut, weil er, ohne sich um deine Wünsche zu bekümmern, doch fragt, darum antwortest du unehrlich, antwortest: Ja und Nein zugleich — wir haben in der deutschen Sprache dafür den prächtigen Ausdruck: sowohl — als auch! —, antwortest Ja und denkst Nein dabei, antwortest Ja mit der Zunge und mit dem Gefühl und Nein mit der Gesinnung und mit der Tat, antwortest Ja, solange du in der Kirche bist, und Nein, wenn du wieder zu Hause oder in der Fabrik bist, und was alle diese Lügnereien mehr sind. Da fragt denn Gott freilich umsonst, wenn du ihm immer wieder entweichst. Da kann denn freilich die Entscheidung nie kommen, die anfangen würde, dein Leben zu einem Siege Gottes zu gestalten. Da ist es dann freilich auch nicht zu verwundern, wenn dir dein Leben mit der Zeit schal und unerfreulich und ziellos vorkommt. Es hat ja in der Tat damit, daß du dich nicht entscheiden willst, und solange du das nicht willst, keinen Sinn. Es steht dir dann fortwährend neben Gott alles das, was nichts ist, und diese Lüge rächt sich: das Nichts nimmt nun immer mehr Überhand. Und wenn du dein Leben, dein armes Leben unbefriedigend nennst, so hast du noch einen sehr milden Ausdruck gebraucht dafür. Hüte dich, daß du es nicht eines Tages noch ganz anders nennen müssest!
Aber es braucht dir ja gar nicht zu fehlen. Dein unbefriedigendes Leben braucht das gar nicht zu bleiben. Du kannst ein aufrichtiger Mensch werden, ein Mensch, der auf Gottes Fragen Antwort gibt, so wie sie gemeint sind, ein Mensch, der sich nicht fürchtet davor, sich vorwärts und vorwärts führen zu lassen, ein Mensch, der sich darauf freut, sich von Schritt zu Schritt zeigen zu lassen, was wahr ist und gilt. Ein Mensch, der sich nicht nur von Gott erforschen und fragen läßt, sondern der das gerade begehrt, der sich über nichts so freut wie darüber, daß Gott ihn in Arbeit hat, der zu Gott betet wie der Psalmsänger: Erforsche mich und ergründe mich und erfahre mich! Laß nicht ab davon, mir nachzugehen, mir Alles aufzudecken und klarzumachen, bis ich dich ganz und im Ernst als Gott anerkenne. Werde jetzt einmal aufrichtig, und dann sieh, ob dein Leben nicht ein anderes Gesicht bekommt.
410 Sag’s aufrichtig zu Gott: Leite mich auf ewigem Wege!, und dann sieh zu, ob er’s nicht tut, ob du nicht in die Ewigkeit eingehen darfst und ob die Ewigkeit nicht zu dir kommt.
Aus deiner Unbefriedigtheit könnte heute noch eine große Freude werden.
- Nr. 171: «Liebster Jesu, wir sind hier, dich und dein Wort anzuhören» von
T. Clausnitzer , Strophen 1-3 (= GERS [1952] 198,1-3; EG 161,1-3) - Nr. 225: «Ist Gott für mich, so trete» von
P. Gerhardt , Strophe 5.6.9 (= GERS [1952] 5.6.10; EG 351,7.9.13)
- Nr. 43: «Morgenglanz der Ewigkeit» von
Chr. Knorr von Rosenroth , Strophen 1-3 (= GERS [1952] 80,1-3; EG 450,1-3)
Nr. 225: «Ist Gott für mich, so trete» von P. Gerhardt, Strophen 5.6