22. Oktober 1915

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Freund,

[…] Du wirst nun wieder aller Anregungen voll von Bern nach Safenwil heimgekehrt sein und bereits eine wuchtige Zungenrede unter der Feder haben. Ich werde erst morgen drangehen und etwas zum Jugendunterricht sagen, denn ich habe die Eltern der Konfirmanden extra dazu eingeladen.

Wir sollten uns bald einmal sehen. Mir fällt in den letzten Wochen das Pfarramt wieder ganz besonders schwer. Es gibt solche Perioden. Manchmal steigt der Wunsch in mir auf, den Dienst an dieser Front zu verweigern und in die Freiheit eines von |94 allem Kirchlichen, Pfarrerlichen, Religiös-Betriebsmäßigen entlasteten Lebens hindurchzubrechen. Warum ich es schließlich doch nicht tue, hat abgesehen vom äußern die gleichen Gründe, aus denen heraus jede Dienstverweigerung uns als eine nur relative Sache vorkommt. Aber wer weiß, wenn sich einmal eine Gelegenheit bietet und irgendeine Tür in ein verantwortungsleichteres Amt aufgeht, ob ich dann nicht doch den ständigen innern Druck abwerfe und aus dem Pfarramt ausbreche. Es steht oft wie eine Versuchung vor mir. Ich schicke dir hier deine Bettagspredigtα zurück; du sagst ja darin mit aller Deutlichkeit, was auf uns liegt: in einem Betrieb drin stehen zu müssen, den Gott und Menschen nicht ernstnehmen, wobei man erst noch froh sein muß, daß Gott ihn nicht ernst nimmt, nähme er ihn ernst, er müßte ihn zerschlagen. Mein Bruder1 hat den Weg vom Pfarrer zum Lehrer noch gefunden, ich beneide ihn fast ein wenig, doch mehr nur an der Oberfläche, denn im Schulbetrieb warten ähnliche Dinge auf ihn wie im Pfarramt, und überhaupt dieses sich Retten des Einzelnen hinter die Front ist ja keine Lösung. Ich verlege mich innerlich immer mehr auf ein esoterisches Dahinleben, Warten, Starkwerden, zu den Stillen-im-Lande-Gehören, besuche hie und da Bruder Dietschi und hoffentlich bald auch wieder dich, bin geneigt zu Zusammenkünften von Gleichgesinnten, Gesprächen mit einzelnen noch schwankenden Gestalten unter den Kollegen, freue mich auf die Frau und das kommende Geschlecht, das in Safenwil schon heranwächst, und tröste mich damit, daß ich auf keinen Fall zu den Pfarrern gehören möchte, die überhaupt nichts merken. Wenn ich denn schon Pfarrer sein muß, kann ichs nicht anders sein als in dieser Zwiespältigkeit. Pfarrersein ist ein innerlich verfehlter Beruf, das muß man merken, sonst wird man ihn nicht recht betreiben können. Was wohl Markus einmal dazu sagen wird?

[…] Laß wieder von dir hören, du glücklicher Vater! Von Herzen grüßt
dein
Ed. Th.

Sachfußnoten

1
Peter Thurneysen, 1891-1964.↩