19. September 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Thurneysen!

Nun will ich den Bettag noch würdig beschließen mit einem Brief an dich. […]

83Woher kommts, daß mir unsere Sache gerade in der letzten Zeit immer größer und wahrer vorkommt? Unendlich befreiend auf der einen Seite, aber auch schwer belastend auf der andern. Es ist mir manchmal, als rufe mir einer zu: Laß die Finger davon, du bist zu klein und zu profan dazu, du wirst es doch nicht durchführen! Aber ich kann doch nicht mehr davon lassen, es drängt sich einem zu stark als Wahrheit auf. Ich bin stark mit den individuellen Fragen beschäftigt im Augenblick. Du wirst es ja aus den Mose-Predigtenα gesehen haben. Auch in den heutigen zwei Predigten kam ich ganz parallel (von den 50 Gerechten 1. Mose 18 [V. 24-26] und dem einen Sünder Luk. 15 [V. 7.10]) auf das «Du», sehr stark sogar, daß es mich selber betroffen hat. Was ist das für eine Welt, die man betritt mit dem, was so schnell «Ernstmachen» genannt ist! […] Und wie weit im Vorhof dieser Welt sind wir noch! Ich predigte heute mit dem deutlichen Eindruck: das kann noch nicht durchschlagen, auch wenn da und dort ein paar erstaunt die Köpfe heben und merken, daß etwas Besonderes los ist, es kann nicht, weil es ja bei mir selbst noch lange nicht durchgeschlagen hat. Wir postulieren doch immer noch mächtig, anders als Ragaz, aber wir postulieren. Wären wir einfach erfüllt und getrieben, so müßten unsere Predigten einfach wirken. Denk, ich sah heute vor der zweiten Predigt zum Fenster hinaus, wie die Safenwiler fröhlich im Sonnenschein spazieren gingen, statt noch einmal in die Kirche zu kommen, und begriff sie so gut, obwohl ich theoretisch dachte, sie sollten das von dem einen Sünder und der Freude im Himmel noch hören — ich kann es ihnen eben jetzt einfach noch nicht so sagen — und wer weiß ob je? —, daß sies hören müssen. Unterdessen gehen sie mit vollem Recht hemdärmlig spazieren. Die Rede vom «wartenden» lieben Gott, die ich in der letzten Zeit oft verwendete, kehrt sich da eigentlich um und gilt von den braven Safenwilern wahrscheinlich weniger als von ihrem Pfarrer. Es kommt mir vor, je tiefer und umfassender wir unsere universale Orientierung herausarbeiten, desto entscheidenderes Gewicht wird auch auf die individuelle «Bekehrung» wieder fallen müssen, natürlich in einem sehr andern Sinne als bei |84 den Pietisten, und doch kommen wir wieder recht in die Nähe dieser Leute, und oft beneide ich sie fast, wie weit sie — mit ihrem allerdings viel weniger beladenen Schiff!! — persönlich und in ihren Wirkungen, gekommen sind. Ich bin eigentlich gespannt auf die nächsten Jahre und die Entwicklungen, die sie uns hoffentlich bringen. Das «Programm» ist riesig in jeder Beziehung, und wir werden genug zu «tun» haben, wenn wir auch nur an einigen Punkten zur Klarheit und zur Wirkung kommen wollen. Wirklich, wir dürfen die politischen und erst recht die kirchlichen Dinge den dazu Berufenen getrost überlassen, wir werden mit unsern Problemen (und zunächst mit diesen für uns selbst und die Gemeinde) vollauf beschäftigt sein. Es ist doch einfach eine Freude, so in die Zukunft sehen zu dürfen. Nelly ist in allem sehr dabei, ich muß es dir doch auch wieder einmal sagen — dir zur Vorfreude! —, wieviel ich an ihr habe, von Monat zu Monat mehr, und wie sie mir eigentlich sehen und tragen hilft. Wenn du dann auch soweit bist und ein rechter Verkehr zustande kommt, so wird das einfach schön. […]

[…] In Bern empfindet man unsre Orientierungsart stark als eine Pfarrerspezialität […] und wehrt sich besonders heftig dagegen, resp. für die betonte Wichtigkeit der Ethik. Ich mußte daran denken bei deinen Ausführungen anläßlich des Waadtländers [Baudraz]. Wenn wir das einmal klar, auch für die «Laien» klar, herausarbeiten könnten (außerdem auch für uns selbst!!!), in welchem Sinn uns die Ethik prinzipiell wichtig und nicht wichtig zugleich ist. Schaukelt dir nicht auch noch manchmal alles vor den Augen, wenn du darüber nachdenkst? Vielleicht gehört das, was hier Wahrheit sein muß: die entscheidende Orientierung an Gott und seinem Reich und daneben resp. daraus fließend ein «Tun als täte mans nicht» [vgl. 1.Kor 7,29–31] — auch zu den Dingen, die wir gewichtig erst vertreten können, wenn wirs ohne viel Dialektik einfach vormachen können in Wort und Tat. Jetzt sind wir eigentlich auch hier noch stark Postulierende und erscheinen den andern einfach als unzufriedene Zänker. Etwas an diesem Eindruck muß ja richtig sein.

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[…] Mit freudiger Begrüßung an Braut und Bräutigam
dein
K. Barth