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15. September 1915
Lieber Freund,
[…] Was du von Pratteln schreibst, hat mich sehr interessiert. Mir macht jede Nummer der «Neuen Wege» mehr Mühe. Dieses Ausspielen des lieben Gottes gegen die andern und das Drängen auf Einzeldurchbrüche, wo doch alles viel radikaler erfaßt werden sollte, wird mir immer fremder. Es ist eine Gefühlsdiktatur, die der Mann in Zürich [Ragaz] ausüben möchte, die uns in immer neue Erregungen, Begeisterungen, Tiefen und Nöte und Erhebungen hineinreißen möchte, aber ohne jede weiterschauende Orientierung. Ich habe das wieder bei dem ernsten Fall des Waadtländerlehrers Baudraz1 denken müssen: ich bewundere die Haltung seines Gewissens, aber ich könnte die Verantwortung nicht übernehmen, durch mein Wort auch nur einen Einzigen in solche Entscheidungen hineingetrieben zu haben. Es sei denn, daß ich sie selber klar und nicht nur gefühlsmäßig aus Abscheu vor dem Krieg heraus, sondern aus der Tiefe und Kraft meines Gewissens als meinen Weg erkannt hätte. Das kann ich für mich nicht sagen, es hieße ein Gesetz machen aus dem Evangelium und den Leuten Lasten auflegen, die über alle Kraft gehen, wenn man so in dieser Richtung drängt, wie Ragaz es tut. Dagegen wäre die Lektüre des Galaterbriefes sehr zu empfehlen. Ich habe am Sonntag sehr ausführlich über den Dienstverweigerer im Waadtland
|82 gepredigt. Mir scheint, wie ich den Fall ansehe, die Frage der Ethik, um die es hier geht, liege so, daß man die Vorläufigkeit aller Dinge erkennt und das Absolute aus den Gegenwartsentscheiden zurückverlegt in die Innerlichkeit des Hoffens und Trachtens nach Gott, und daß man nur das zum Gewissen reden läßt, was nach reifer Überlegung als das im Augenblick Notwendige und Gebotene erscheint. Ich erkenne die ganze Gefährlichkeit dieser Stellungnahme und höre auch die Einwände, daß die Verteidigung des kleinen Friedensgebietes zwischen Rhein und Rhone als sittliche Pflicht zu verkünden sei. Ich komme ja faktisch auch nicht weiter, wenn ich alles ehrlich zu Ende denke, nur bringe ich es allerdings nicht fertig, diese meine Haltung mit der Bergpredigt in Beziehung zu setzen. Und da fängt dann meine eigene Not an. «Gebet dem Kaiser, was des Kaisers ist …! und Gott was Gottes ist …!» [Mt 22,21]. Aber was heißt das dann! — Der Vorschlag der Bibellektüre ist vorzüglich. Ich bin sehr dafür zu haben. Wollen wir zwei nicht allein einmal etwas versuchen? Am Ende mit unsern Frauen als Laien? — […] Ich war über Sonntag in Basel. Dort ist man nahe am Krieg. Ich sah eine Fliegerbeschießung aus aller Nähe über dem Rhein. Wernle erzählte allerlei interessante Dinge von einem Besuch von Rade. Die Empfindlichkeiten Rades, von denen du erzählst, sind in der Tat seltsam. […]
Nelly wünsche ich alles Gute und grüße euch drei herzlich.