19. September 1915

Predigt: Genesis 18,20-33 (Bettag I)

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Bettag I
1.Mose 18,20–32
Liebe Gemeinde!

Bettag! Ein Gottestag für das ganze Schweizervolk! Ein Tag, an dem wir als Volk vor den hintreten wollen, der aller Dinge Grund und Wesen ist, der lebt und regiert von Ewigkeit zu Ewigkeit1, um ihm zu sagen: du bist unser Gott, und wir wollen dein Volk sein — um uns von ihm sagen zu lassen: ja, ich kenne euch und habe euch lieb und will auch in Zukunft meine Hand nicht von euch abziehen. Ein Danktag soll dieser Tag sein, weil wir uns sagen wollen: wir sind allzumal nichts ohne Gott und außer Gott; was wir Gutes haben und tun mögen, ist nicht unser Verdienst, sondern ein Werk seiner Barmherzigkeit an uns. Ein Bußtag, denn wir sind der Barmherzigkeit Gottes nicht würdig, und wenn wir sie nicht verspielen wollen, ist eine Umkehr nötig an Haupt und Gliedern. Ein Tag des Flehens und Betens: Herr, o Herr, verwirf uns nicht! Wir lassen dich nicht, du segnest uns denn! [vgl. Gen. 32,27].

In diesem Sinne haben einst unsere Vorfahren in schwerer Zeit diesen Tag eingesetzt.2 So etwas meinen offenbar unsere staatlichen und kirchlichen Behörden, wenn sie uns Jahr für Jahr auffordern, diesen Tag zu feiern. Und eine Ahnung davon, daß es nötig sein könnte, in dieser Weise als Volk sich vor Gott und unter Gott zu stellen, führt denn wohl auch an diesem Tage von allen Seiten die Menschen den Kirchen |379 zu. Wir denken alle im Stillen: Es könnte mit der Zukunft unseres Volkes, gerade wie mit der Zukunft jedes einzelnen Menschen, zweierlei Wege gehen. Die Geschichte zeigt uns, wie ein Volk, das innere Kraft besitzt, eine Aufgabe hat in der Welt und um dieser Aufgabe willen dann auch ein Recht, dazusein und sich innerlich und äußerlich zu entfalten. Hat es jene innere Kraft nicht mehr und kann es seine besondere Aufgabe nicht mehr erfüllen, dann hat es eben auch kein Existenzrecht mehr und muß früher oder später in den Hintergrund eines unbedeutenden Daseins treten oder in anderen Völkern aufgehen oder ganz verschwinden. Das sind die zwei Wege, die auch vor dem Schweizervolke liegen. Und nun ahnen wir: die innere Kraft, auf die es da ankommt, steht mit Gott, dem Allmächtigen und Ewigen, in einem sehr nahen und engen Zusammenhang, ahnen, daß es von ihm und unserem Verhältnis zu ihm schließlich abhängt, wie es mit dem Schweizervolk in seiner nächsten und fernsten Zukunft gehen wird, ahnen etwas von der alten Wahrheit: Gerechtigkeit erhöhet ein Volk, aber die Sünde ist der Leute Verderben [Spr. 14,34]. Und um dieser Ahnung und Sehnsucht Ausdruck zu geben, feiern wir also jetzt wieder einmal Bettag.

Nun möchte ich euch aber bitten, mit mir eine Frage zu überlegen. Wo wären wir, wenn Gott heute, am Bettag, nun einmal mit uns rechnen wollte, wie ein guter Kaufmann, der sich nicht betrügen läßt? Wenn Gott nun einmal all das, was wir am Bettag ahnen, denken, predigen, hören und in uns aufnehmen, und dazu dann die Wirkungen, die von diesem Tag ausgehen auf unser Leben, ganz kühl und nüchtern ernst nehmen und zu uns sagen würde: So! Ihr wollt nun also wieder einmal vor mich treten, ihr Schweizer, wollt mir danken für das, was ich an euch getan, wollt Buße tun, um von eurer Schuld frei zu werden, wollt zu mir beten, daß ich euch fernerhin als mein Volk ansehe — wohlan, es soll das alles gelten. Ich will euch lieben genau mit der Liebe, mit der ihr heute zu mir gekommen seid. Ich will bei euch sein genau in dem Maße, als ihr mir wirklich dankbar seid für das, was ich euch bis dahin gewesen bin. Ich will euch eure Fehler und Irrtümer verzeihen in dem Umfang, als es euch jetzt ernst ist, wenn ihr mich um Vergebung bittet, und neues Leben an Stelle des alten sollt ihr bekommen, soviel als ihr ernstlich haben wollt. Ich will eure innere Kraft sein und euer Licht leuchten lassen in der Welt auch fernerhin, gerade so stark, als ihr nach mir, eurem Schöpfer und Vater, eben begehrt. So ernst es euch ist mit |380 mir, so ernst soll es mir sein mit euch. Soviel ihr von mir verlangt, soviel sollt ihr haben. Soviel göttliches Suchen, Streben und Ringen in diesem Volke ist, soviel göttliche Hilfe soll es haben für seine Zukunft. Wir wollen uns nur gar nicht täuschen, als ob etwa Gott nicht das Recht hätte, so mit uns zu rechnen, als ob dieses Gleichgewicht hüben und drüben nicht sein Ziel und seine Absicht mit uns wäre. Das und nichts Anderes ist doch Gottes Reich: daß sein Wille geschieht auf Erden wie im Himmel [vgl. Mt. 6,10 par.]. Und wenn er uns verheißt, daß er mit seiner Herrlichkeit, seiner Freude, seinem Frieden bei uns wohnen will, bei unserem Volk und bei allen Völkern, dann kann das nicht anders geschehen als dadurch, daß auch wir uns ihm ernsthaft und ganz öffnen und hingeben in Dank, Buße und Gebet. Das ist das Ziel der Wege Gottes: seine Gerechtigkeit, das Gleichgewicht zwischen Himmel und Erde.

Und auch über den Weg zu diesem Ziel kann kein Zweifel bestehen: er heißt: Glauben, Beten, Ringen um Gott, Ernstmachen mit seiner Verheißung. Wir haben von Gott immer so viel, als wir von ihm haben wollen. Jesus sagt es uns ganz unzweideutig: Bittet, so wird euch gegeben, suchet, so werdet ihr finden, klopfet an, so wird euch aufgetan! [Mt. 7,7 par.]. Und nun denkt euch also, Gott würde jetzt einfach Ernst machen und zu uns sagen: soviel ihr glaubet, hoffet und betet, soviel bekommt ihr!, nicht mehr und nicht weniger, soviel innere Volkskraft, soviel Fähigkeit, eure Aufgaben zu lösen, soviel Daseinsrecht und Zukunftsaussichten dann eben auch, als ihr euch von mir schenken laßt. Und überlegt euch nun mit min wie würden wir wohl da bestehen mit unserem alljährlichen Dank-, Büß- und Bettag?, auch mit unserem heutigen Bettag? Ist es uns eigentlich ernst mit dem, was wir da sagen und tun?

Denkt einen Augenblick zurück an all die Bettage in früheren Jahren: War es im Grunde etwas Wirkliches, etwas eigentlich Wahres, was da jeweilen in uns vorgegangen ist, so daß wir dann auch einen wirklichen Gottestrost und Gottessegen davon hätten erwarten können? Wie war’s denn jeweilen mit unserem Dank an diesem Tag? War er denn etwas Anderes als ein kurzes, wohliges Gefühl der Sicherheit und Zufriedenheit, bei dem wir viel weniger Gott als uns selbst die Ehre gaben? Wie war’s mit unserer Buße? War sie etwas Höheres als ein rasch wieder verfliegender Eindruck von Zerknirschung, unter dem man sich ganz |381 gerne von der Kanzel herunter den Pelz waschen ließ für die Schäden des Volkslebens, wenn man sich selber nicht betroffen zu fühlen brauchte und wenn es überhaupt nicht zu arg wurde!? Ein Eindruck, der nichts, aber auch gar nichts änderte, weder an unserem inneren noch an unserem äußeren Leben, Denken und Treiben! Und was dann jeweilen gesagt wurde von der Hauptsache am Bettag, vom Beten, wieviele haben es aufgenommen, wieviele auch nur gehört, ja haben auch nur wir Pfarrer mit genug Ernst und Nachdruck von dieser Hauptsache geredet? Lag es nicht am Abend jedes Bettages wie ein Druck auf der Seele aller Aufrichtigen, daß das Wort unseres Schweizerpsalms: Betet, freie Schweizer, betet!3 eine Phrase war in unserem Munde, eine sehr schöne und tiefsinnige Phrase, aber eine hohle Phrase, weil es eben gar nicht wahr war: wir dachten ja gar nicht daran zu beten, weder am Bettag noch sonst. Nein, es ist ganz klar: es war der übergroßen Mehrzahl der Schweizer, auch derer, die jeweilen den Weg in die Kirche fanden, ja dieser vielleicht noch ganz besonders, nicht ernst mit dem, was sie da sagten und taten. Es war im Grunde nichts Wirkliches, nichts Wahres, sondern ein Schein, was da in uns, in den Allermeisten von uns war. Und ich füge gleich hinzu: es ist auch heute nicht anders; es ist auch heute den Allermeisten von uns nicht ernst. Trotz dem feierlichen Glockengeläute gestern abend. Trotz der vollen Kirche heute. Trotz dem Abendmahl und Allem, was zur Feier dieses Tages beitragen soll. Das alles ist ein Schein. Ich will es noch schärfer sagen: das alles ist eine Lüge. Wir wissen es und Gott weiß es, daß es eine Lüge ist.

Wißt ihr, warum ich das so bestimmt sage? Weil ich jetzt ganz besonders an den Bettag vom letzten Jahr, vom ersten Kriegsjahr 1914, denke. Wenn es uns irgend einmal ganz klar und lebendig werden mußte, wieviel wir Gott zu danken haben, wie tiefen Anlaß wir haben, Buße zu tun, und wie nötig es uns ist zu beten, wenn wir irgend einmal durch |382 unsere ganze Lage stärker als durch alle Bettagspredigten getrieben waren, Gott den Herrn aufs neue zu lieben aus ganzem Herzen, aus ganzer Seele und aus allen unseren Kräften [vgl. Dtn. 6,5] und seine Liebe aufs neue zu suchen — so war es doch sicher letztes Jahr, wo wir gerade unter dem Eindruck der ungeheuren Gefahr standen, in der unser Vaterland schwebte, unter dem Eindruck des Zusammenbruchs dessen, was wir bisher Kultur nannten, unter dem tiefen Eindruck der Erhabenheit Gottes und seines Wortes über alles Menschenwesen. Was für eine gewaltige Verantwortung wurde da auf uns gelegt, wo Gott so mit uns redete, wo recht eigentlich die Ewigkeit mit all ihrem Ernst, aber auch mit ihrer Klarheit und Größe uns zu berühren schien. Es kam einem vor: jetzt müßten wir ihn verstehen! jetzt müßten wir die löchrigen Brunnen, die wir uns gemacht, verlassen und zu ihm, der lebendigen Quelle, zurückkehren [vgl. Jer. 2,13]! jetzt müßte eine Bewegung entstehen in breiten Schichten gerade unseres neutralen Schweizervolkes, eine Bewegung hin zu einer einfacheren, aufrichtigeren, kindlicheren Lebensauffassung, eine Bewegung von Dank, Buße und Gebet, nicht von oben herab, sondern von innen heraus aus uns allen, eine Bewegung zu Gott hin! Jetzt müßten durch diese Bewegung aus der Tiefe und zu Gott hin auch unsere Götzen von vorher, die doch unsere Feinde sind: der Mammon und der Alkohol und die Sorge und das liebe Ich mit seinem Hochmut und seiner Eigenbrödelei und der Trotzwille des Einen gegen den Anderen, wenn auch nicht fallen auf einen Sturz, so doch ins Wanken kommen, daß die Aussicht sich auftut auf Erlösung und Freiheit. Es konnte eine Zeit großer, entscheidender Einsichten werden für unser Volk, eine Zeit neuer Gedanken und Entschlüsse, eine Saatzeit samt den ersten Spuren der keimenden Frucht, dieses Kriegsjahr. Es könnte sein, daß wir nun auf ein Jahr zurückblicken dürften, in dem wir etwas ganz Großes erlebt, in dem wir mit Gott gerungen und in dem wir von Gott etwas empfangen haben. Ein «Gnadenjahr des Herrn», wie die Israeliten das fünfzigste Jahr nannten, in dem die Sklaven frei wurden [Lev. 25,8–55; vgl. Jes. 61,1f.], hätte uns dies vergangene Jahr werden können.

Aber das ist nun nicht geschehen. Die Mehrzahl, die übergroße Mehrzahl unseres Volkes hat nichts Besonderes erlebt. Der Krieg da draußen hat uns nur sehr oberflächlich und äußerlich berührt. Wir wollen es ganz nüchtern sagen: wir sind mitten im Kriege und trotz des |383 Krieges im Ganzen die Gleichen geblieben. Wir haben Bettag gefeiert vor einem Jahr — wißt ihr’s noch: o Land, Land, Land, höre des Herrn Wort! [Jer. 22,29]4 — Aber heute wissen wir’s, wie es damals unter uns stand: wir waren nach einer kurzen, wenig gründlichen Rührung und Erschütterung am Anfang des Krieges damals bereits in vollem Zuge, wieder in die alten, gewohnten Gleise unseres Lebens und Wesens hineinzukommen. Und das war denn auch — ich rede nicht von Allen, aber von den Allermeisten — schnell, sehr schnell richtig. Dort draußen redete Gott die unmißverständliche Sprache seines Gerichtes und seiner Verheißung, wir aber hörten bereits wieder nur unsere eigene Stimme und das Geschwätz der Leute und der Zeitungen. Dort draußen wurde das ungeheure, unauslöschliche Fragezeichen gesetzt zu unserer altgewohnten, vertrauten Geld- und Selbstsuchtswelt, wir aber lebten zufriedenen Herzens weiter in dieser Welt, als ob es keine andere geben könnte. Dort draußen opferten Millionen ihr Leben und Millionen über Millionen das, was ihnen lieber war als ihr eigenes Leben, wir aber brauchten nichts, fast gar nichts zu opfern und lebten unser kleines Lebelein fröhlich weiter mit unseren Zänkereien und Klatschereien und Dorfaufregungen, als ob es keinen Krieg gäbe. Dort draußen sind jetzt ganze Völker durch ihr Schicksal zusammengeschmiedet worden zu einem einzigen eisernen Willen, und wer weiß, ob daraus nach all dem Grausigen nicht noch etwas ganz Großes hervorgehen könnte, wir aber haben es uns geleistet und leisten es uns noch, uns wie vorher zu streiten und zu entzweien wegen ein paar Rappen5, wegen ein bißchen Ehre, wegen ein paar verschiedener Augen, mit denen wir die Welt ansehen. Wahrhaftig, ich will nicht anfangen aufzuzählen Alles, was da nun zu sagen wäre von den Herren und von den Arbeitern und von den Bauern, von den Alten und von den Jungen, aus dem schweizerischen Vaterland und aus unserer Gemeinde. Wir wollen einander nicht anklagen — ein jeder murre wider seine eigene Sünde [Klagel. 3,39]. Aber das, meine ich, sollte doch einem jeden, wenn wir auf dies Jahr zurückblicken, ganz deutlich sein, daß wirklich im Ganzen nichts, aber auch gar nichts anders geworden ist, weder im inneren Leben unseres Volkes noch in seinem äußeren Verhalten. Die gleiche Kälte und Gleichgiltigkeit dort |384 und die gleichen längst bekannten und genannten Übelstände hier. Der Krieg hat uns im Großen Ganzen nichts gelehrt.

Und nun feiern wir heute wieder Bettag, nur mit dem Unterschied, daß heute der Gedanke an die Gefahr uns ferner gerückt und der Eindruck der Weltereignisse viel schwächer geworden ist als damals. Was nun? Ist etwa anzunehmen, daß es uns heute ernster sein werde als damals? Soll ich nun etwa wieder in die volle Kirche hinausrufen: Danket! Tut Buße! Betet!, ihr Schweizer — als ob ich der Einzige wäre, der es nicht merkte, daß das ja doch nicht geschieht, als ob ihr auf eines Pfarrers Stimme hören wolltet und hören könntet, nachdem ihr während eines Jahres wie des vergangenen auf die Stimme Gottes selbst nicht gehört habt? Erwartet nicht von mir, daß ich das tue. Nach den Erfahrungen dieses Jahres könntet und müßtet ihr euch Alles, was ich euch sagen könnte, selber sagen, aber ihr wollt ja nicht. Ich bin nicht dafür da, um euch die Gnade Gottes aufzudrängen, wenn ihr sie nicht sehen wollt. Ich bin noch weniger dafür da, euch zu kritisieren und zu schelten über Dinge, die ihr ganz gut selber wißt. Und ich bin am allerwenigsten dafür da, die heilige Aufforderung: Betet! dadurch gemein zu machen, daß ich sie wie eine Kupfermünze dahin werfe, wo sie doch sicher nicht beachtet, sondern mit Füßen getreten wird. Es ist mir ganz unmöglich, heute einfach wieder Bettag mit euch zu feiern, wie wenn nichts wäre, nachdem ich nach meinen Beobachtungen überzeugt bin, daß wir ein ganzes Betjahr, wie noch keines über uns gekommen ist, im Ganzen unbenützt haben verstreichen lassen. Und ich kann euch nur aufrichtig und herzlich bitten: gebt ihr euch auch keinen Täuschungen hin über den tatsächlichen Wert dieses Tages für euch und für unser Volk. Gott läßt sich nichts vormachen.

Und jetzt möchte ich euch etwas sagen, was mit dem Bettag nichts oder wenig zu tun hat. Wißt ihr, was? Daß Gott gar nicht mit uns rechnet, weder am Bettag noch sonst. Wenn es für das, was Gott an uns getan hat und tut und tun wird, ankäme auf das Danken, Bußetun und Beten des Schweizervolkes, wenn das Maß seiner Liebe zu uns abhinge von dem Maß unserer Liebe zu ihm, wenn es Gott nicht ernster wäre mit uns, als es uns mit ihm ist, liebe Gemeinde, dann wären wir bös dran. Dann könnte Gott jetzt auch zu uns sagen: Es ist ein Geschrei zu Sodom und Gomorrha, das ist groß, und ihre Sünden sind gar schwer. Darum will ich hinabfahren und sehen, ob sie Alles getan haben nach |385 dem Geschrei, das vor mich gekommen ist, oder ob’s nicht also sei, daß ich’s wisse! Dann müßte es jetzt anders mit uns stehen, nicht besser als mit den Völkern allen, die es jetzt in einem Meer von Blut und Tränen, in einem Sturm von Angst und Aufregung und Haß und verstörten Gedanken erfahren müssen, was es heißt, in einer Welt ohne Gott leben. Warum sind wir besser dran als sie, warum sind wir nicht auch hineingerissen in den Wirbel, warum müssen wir nicht mittrauern und mithassen? Wir haben uns auf unserer Friedensinsel nicht stärker als sie nach Gottes Welt ausgestreckt, im Gegenteil vielleicht. Unserem Glauben, unserer Liebe, unserer Hoffnung zu Gott haben wir es sicher nicht zu verdanken, daß es jetzt noch eine Schweiz gibt, und noch weniger unserem Danken, Bußetun und Beten vom letzten Bettag. Und soviel können wir wohl prophezeien: Wenn es übers Jahr noch eine Schweiz geben wird, wenn wir übers Jahr um diese Zeit noch die unberührte Friedensinsel im tobenden Kriegsmeer sein werden, so werden wir das nicht der Bekehrung unseres Volkes zu danken haben und nicht der Aufrichtigkeit und dem Ernst unseres heutigen Bettages. Wenn Gott mit uns rechnen wollte, so könnte er morgen, heute noch, wenn die Kirchen wieder leer sind, jetzt in diesem Augenblick zu uns sagen wie zu Sodom und Gomorrha: Ihr braucht mich nicht, so brauche ich euch auch nicht mehr! Ich habe euch gerufen mit langmütigem Vertrauen: Kommt, ihr Schweizer, und merkt, wo der Tod ist und wo das Leben, und werdet innerlich tüchtig für eure große Aufgabe, den Anderen den Weg zu zeigen zu einer neuen, besseren Welt der Gerechtigkeit und des Friedens — aber ihr habt mich nicht gehört und habt nicht gewollt [vgl. Lk. 13,34], so will ich nun euer eifriges Beten: Verschone unsere Häuser! auch nicht mehr hören, so will ich es euch denn auch nicht mehr besser gehen lassen als den Anderen! Ihr seid die Wege gegangen, auch in diesem Jahr gegangen, die alle Welt ging und die alle Welt in den Abgrund geführt hat, so gehet nun diese Wege zu Ende mit aller Welt und sehet, wohin sie führen müssen! Ja, das könnte Gott zu uns sagen, gerade heute zu uns sagen, wo wir wieder im Begriffe sind, uns selbst und ihm mit unserem scheinbaren Bettag etwas vortäuschen zu wollen. Wenn Gott uns das alles eines Tages doch noch sagen sollte — und alle Einsichtigen wissen ja, daß wir noch lange nicht über alle Berge sind —, dann wollen wir uns nur gar nicht darüber wundern, dann wollen wir nicht wieder in die Kirche laufen mit der Frage: warum läßt Gott nun |386 das zu?, es kommt dann eben, was kommen mußte: irret euch nicht, Gott läßt seiner nicht spotten, was ein Volk sät, das muß es ernten! [vgl. Gal. 6,7], es geschieht uns dann, was wir reichlich verdient haben. Und wenn Gott nun dabei bleibt, uns das nicht zu sagen, uns noch fernerhin mit seinem Gericht zu verschonen, dann ist es sicher nicht unser Verdienst, sondern eine ganz unbegreifliche Fügung seiner Gnade.

Ja, das möchte ich euch heute sagen, so, daß ihr es hören müßt: Gott ist ein gnädiger Gott. Abraham hat ihn recht verstanden, als er ihm dort vor Sodom und Gomorrha in die Arme fiel und seinen Zorn aufhielt: Du kannst nicht rechnen mit diesem Volk, wie es es verdient hätte. Ja, Gott kann und will nicht mit uns rechnen. Er liebt uns nicht in dem Maß, als wir ihn wieder lieben, sondern mit einer ewigen Liebe, die sich keine Schranken ziehen läßt. Seine Treue hört nicht auf mit unserer Untreue [vgl. 2.Tim. 2,13]. Seine aufrichtige Güte gegen uns läßt sich nicht erbittern durch unser unaufrichtiges Bettags- und Kirchenwesen, mit dem wir unseren Ungehorsam dürftig verhüllen. Er handelt nicht mit uns nach unseren Sünden und vergilt uns nicht nach unserer Missetat [Ps. 103,10]. Das ist Gnade: wenn das Böse, das wir verdient haben, ausbleibt und das Gute, das wir nicht verdient haben, sich doch einstellt. So ist unserem Schweizervolk aus Gnade allein und nicht um unseres Glaubens und unserer Gerechtigkeit willen Frieden und Freiheit, Leben und Nahrung bis dahin erhalten geblieben, und unsere vom Getümmel des Weltkrieges unberührten Schneeberge sehen hernieder auf ein Volk, das, verglichen mit anderen, keinen, gar keinen ernsthaften Grund zum Klagen hat. So können wir aus Gnaden allein und nicht um unseres unaufrichtigen Betens, nicht um unserer kümmerlichen Religion willen auch in Zukunft vor allem Übel bewahrt bleiben. Ja, Gott ist wahrhaftig ein gnädiger Gott und scheint Alles ganz anders wenden zu wollen für uns, als es sich eigentlich nach unserem Verhalten zu ihm wenden müßte. Gott hat bis jetzt einfach einen Strich durch die Rechnung gemacht, obwohl sie richtig war. Er weiß ganz gut, daß wir im Unrecht sind. Er sieht sehr wohl, wie wir ihn kränken und anlügen, auch heute wieder. Aber er will nicht mit uns rechnen, er will uns nicht zur Rechenschaft ziehen. Er ist kein Kaufmann und kein Richter. Er ist unser Vater. Er hat uns lieb. Er hält uns an seiner rechten Hand. Ja, das ist eine unbegreifliche, eine wunderbare Fügung.

Aber wir wollen uns recht verstehen. Diese unbegreifliche, wunder|387bare Fügung, die wir erleben, hat doch wie Alles, was von Gott kommt, einen ganz unzweideutig klaren Sinn. Sie ist kein Ruhekissen für unsere Bequemlichkeit und Gleichgiltigkeit, kein Patent und Freipaß für unser unaufrichtiges Christentum, als ob es nun immer so weiter gehen könnte. Gott will etwas von uns, und das gilt und das muß geschehen. Das gilt von den einzelnen Menschen wie von den Völkern. Wo man Gott endgiltig antwortet: wir wollen nicht, wo man Gottes Gnade mißbraucht, um ihn fernerhin anzulügen, da scheidet man sich von ihr, da bleibt dann schließlich nur das Gericht übrig, der Urteilsspruch, den wir selbst uns sprechen: wir haben nicht gewollt! Es kann für ganze Völker wie für die Menschen ein Zu spät! geben, wo sie Gott nicht mehr gehorchen können und dann auch alle Folgen davon tragen müssen. Wenn Gott uns gnädig ist, so heißt das nicht, daß er die Güte eines kraftlosen Vaters gegen uns übt, der Alles gehen und laufen läßt, sondern das heißt, daß er uns ruft, solange wir ihn hören können, und auf uns wartet, solange als wir uns nicht selbst zu jenem: Zu spät! verurteilt haben. Ja, Gott wartet auch auf das Schweizervolk. Das ist der Sinn seiner Gnade im diesem Kriegsjahr hinter uns und in der Zukunft vor uns, wenn es dabei bleiben soll.

Laßt mich noch ein Kurzes darüber sagen. Unsere Textgeschichte deutet uns an, warum Gott wartet und auf was es jetzt ankommt, wenn seine Gnade uns nicht verloren gehen soll. Abraham redet dem zürnenden Gott, der mit Sodom und Gomorrha ein Ende machen will, von den wenigen Gerechten, die in diesen Städten sein könnten und um derer willen Gott noch nicht abrechnen dürfe, wie er es eigentlich könnte. Und Gott stimmt ihm zu: ja, wenn 50 Gerechte sind in Sodom, so will ich um ihrer willen dem ganzen Ort vergeben. Und Abraham dringt weiter in Gott, bis er ihm schließlich das Gleiche verheißt, auch wenn nur ihrer 10 seien. Abraham hat die Gnade Gottes gut verstanden. Seht, darum wird es sich auch für uns handeln, wenn Gott auf uns gewartet hat und fernerhin auf uns wartet. Nicht darauf, daß unser ganzes Volk sich heute oder im kommenden Jahr zu Gott wende. Das geschieht heute nicht und wird auch bis zum nächsten Bettag nicht geschehen. Wohl aber darauf, daß 50, 40, 30 oder auch nur 10 sich finden in unserem Schweizerland, die alles das tun, was die übergroße Mehrzahl von uns heute so wenig wie gestern und morgen so wenig wie heute tun kann und tun will. Nicht 50 oder 10 Brave und Tugendhafte sind gemeint, |388 aber 50 oder 10, die im Ernst Gott danken, im Ernst Buße tun und umkehren möchten, im Ernst zu ihm beten, ganz auf ihn sehen und Alles von ihm erwarten wollen. Ja, eine Handvoll Menschen, denen es ernst ist mit ihm, darauf wartet Gott, um ihretwillen hat und behält er unser Volk lieb. Auf ihnen beruht die Hoffnung, die Zukunft unseres Landes und Volkes. Um ihretwillen reut es Gott, zu uns zu sagen: ich bin fertig mit euch! Um ihretwillen hält er seine Hand über der kleinen Schweiz. Es sind die Gleichen, von denen der Prophet Jesaja einmal geredet hat: die geschrieben sind unter die Lebendigen in Jerusalem [Jes. 4,3]. Ja, um die Lebendigen handelt es sich bei dieser kleinen Schar, um die, die, wenn auch selber tief verstrickt in den Jammer und die Sünde unseres Wesens, doch das Leben gefunden haben an seinen Quellen und darum auch wieder Leben verbreiten können um sich her, Leben, das nicht untergeht und stirbt, Leben, das schafft und arbeitet an der Leblosigkeit unseres Volkes, Leben, das die Sünde und die Not nicht fürchtet, sondern sie überwindet, Leben, das schließlich auch in den Anderen Leben entzünden muß.

Denkt jetzt noch einmal an Mose, den Mann Gottes, der für sein Volk betete in seiner tiefen Not und für sein Volk Gottes Kraft und Segen vom Himmel herunter holte.6 Seht, um solcher Menschen willen und weil er durch solche Menschen noch etwas ausrichten will und kann unter uns, ist Gott unserem Volke gnädig, obwohl wir es nicht verdienen. Hat Gott nicht in diesem Kriegsjahr tatsächlich ein paar unter uns, ein paar wenige gefunden, die jetzt ernster mit ihm machen, als sie es vor einem Jahr taten, die jetzt auf dem Wege sind, lebendige Menschen zu werden? Seht, wenn unser heutiger Bettag nicht völlig eine Täuschung und eine Lüge ist, dann ist er’s darum [nicht], weil heute da und dort tatsächlich ein paar sind, die wie Mose für uns beten. Und wenn wir einen Erfolg erwarten von diesem Tag, dann kann es nur der sein, daß da und dort vielleicht ein paar stärker, inniger, freudiger werden in diesem Ernstmachen, in diesem Lebendigsein, in diesem aufrichtigen Suchen, Bitten und Anklopfen. Und dann ist der Bettag doch nicht umsonst. Denn sie sind’s, die das Gericht aufhalten. In ihnen und durch sie bleibt Gottes Gnade und Freundlichkeit wirksam an uns. |389 Wenn sie ihr Licht leuchten lassen stärker als bisher, dann kann auch unser ganzes Volk wie ein Brand aus dem Feuer gerettet werden [vgl. Sach. 3,2] und vielleicht noch einer großen, wichtigen Zukunft entgegengehen.

Nichts ist im Wege, daß du, gerade du, einer von den 50 oder 10 seiest oder werdest. Kein Einziger, der in dieser Kirche ist, ist ausgeschlossen. Jeder Einzelne ist berufen dazu! Ist es dir ernst mit deiner Vaterlandsliebe? Ist es dir ernst mit deinen Befürchtungen und Hoffnungen für die Zukunft unseres Volkes? Dann tritt herzu, mache dich auf und werde licht! [Jes. 60,1]. Dann werde du von heute an einer der Lebendigen in Jerusalem, um derer willen Gott der Herr uns alle lieb hat und lieb behält. Einen größeren Dienst kannst du deinem Volke nicht tun. Denn um deinetwillen will Gott dann auf uns andere alle warten, bis wir den Weg zu ihm noch finden.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 82: «Himmelskönig, Gott der Gnaden» von M. Klotz (geb. 1819), Strophen 1.2.4 🎵
  • Nr. 31: «Ach bleib mit deiner Gnade» von J. Stegmann, Strophen 1-4 (= GERS [1952] 208,1-4; EG 347,1-4; jeweils mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Die Formel stammt aus dem römischen und lutherischen Kollektengebet.↩
2
Vgl. oben S. 368f., Anm. 2.↩
3
Die erste Strophe des «Schweizerpsalms» von L. Widmer (s. oben S. 312, Anm. 11) 🎵 lautet:
Trittst im Morgenrot daher,
seh ich dich im Strahlenmeer,
dich, du Hocherhabener, Herrlicher!
Wenn der Alpenfirn sich rötet,
betet, freie Schweizer, betet!
Eure fromme Seele ahnt
Gott im hehren Vaterland.
↩
4
Text der Predigt Nr. 239 vom 20. September 1914, in: Predigten 1914, S. 482–495. 📖 ↩
5
Kleinste Einheit in der schweizerischen Währung.↩
6
Vgl. die drei Predigten über Ex. 17,8–15 an den vorangegangenen Sonntagen, oben S. 345–378.↩