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27. August 1915
Lieber Freund!
Soeben wieder eine «eschatologische Hymne» (so nennt mein geistreicher Bruder Heiner meine Predigten) beendigt (für den Kosakenspieß späterhin, vorläufig für den Sonntag) über Mose in der Amalekiterschlacht [Ex 17,8–15] mit Aufschlüssen über Teilerfolge und Totalerfolge, Tun und Nicht-Tun, Glaube und Hoffnung, Pfarrer und andere Propheten. Ich habe stark das Bedürfnis, jetzt dann auch einmal Ferien zu machen und nicht immer mein eigenes Horn zu hören, aber vorläufig muß ich doch die Ankunft unserer Nr. II und dann jedenfalls auch noch den Bettag abwarten. Ich gehe dann diesmal nach Bern. Gerne hätte ich am 6. Ludwig1 gehört, aber das wird nun kaum zu machen |76 sein. […] Das Kränzli letzten Montag war wie immer. M. las eine heimelig-muffig-feingeäderte Predigt vor über «Heimsuchungen», worauf Dietschi und ich diesmal sehr einmütig nach mehr prophetischer Tragik verlangten. Es wurde uns erwidert, das «Thema» könne in einer andern Predigt auch einmal angeschlagen werden, diesmal habe es sich aber schlechterdings um «Heimsuchungen» als solche gehandelt. Dann Café complet mit Umständen und anschließend daran Verdauungsgänglein auf dem Friedhof und Lobgesänge in der Kirche. Was wird deine Braut für Augen und Ohren machen, wenn sie diesen Zauber zum ersten Mal erlebt! […] Dem Präsidenten des Arbeitervereins habe ich gestern Abend deinen Brief unter Kommentar überreicht. Siehst du die Sache nicht etwas zu kompliziert? Es handelt sich doch um nichts Anderes als darum, nach unserer besseren Einsicht dem Volk seine eigene Sache klar zu machen und ans Herz zu legen, natürlich unter Erleuchtung der tieferen Voraussetzungen und der höheren Konsequenzen. Das können doch gerade wir prinzipiell und praktisch so gut wie bei den Blaukreuzvereinen, im Gegenteil leichter, weil es im Sozialismus um das Radikalere geht. Große «Kenntnisse» der sozialen Bewegung braucht es dazu wirklich nicht. Was ich weiß, weißt du sicher auch und hast von Zürich her praktisch sogar Vorsprung vor mir. […] Du mußt für eine Weile den «Freien Aargauer» abonnieren und lesen, die Flammenworte in den Leitartikeln und die flotten Schimpfereien und Stänkereien im lokalen Teil. Dann kommst du in den Erdgeruch der Sache schon hinein. Aber vorläufig hast du also bis zum März Ruhe und sollst überhaupt zu nichts gepreßt werden, was dir nicht paßt. Du ersparst dir durch deine Vorsicht meine Anfangserfahrungen in diesen Kreisen. Ich kam ihnen zuerst viel zu akademisch, sogar mit Cohen,2 dann geriet ich in wüste Demagogie hinein und bin nun mit Mühe beschäftigt, einen, den meinen, sachlichen und doch unmittelbaren Ton zu finden. Kutters Altersweisheit kommt dir da wirklich zu statten. Es hat aber auch etwas für sich, getrost ein paarmal hereinzufallen und dann selber den Weg aufs Trockene zu suchen.
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An den «Neuen Wegen» nehme ich auch nicht viel Geschmack. Der Holzweg zeichnet sich leider in immer deutlicheren Umrissen ab. […] Die neue Nummer hat ein kleinkrämerisches Gepräge, ich bin gar nicht erbaut. Warum schreibst du nichts hinein? […]
Schau, schau, nun drückt sich Rade auf diese Weise um eine Begegnung mit mir oder uns, obwohl er wußte, daß ich sie wünschte, obwohl er einen langen Brief von mir noch immer nicht beantwortet hat. Was soll jetzt das? Es ist nun das dritte Mal dies Jahr, daß er einer Aussprache einfach aus dem Weg geht. Er war drei Wochen in Laupen [bei Peter]. Nun bin ich vorläufig fertig mit ihm. […]
Mit herzlichem Gruß dir und deiner Herzallerliebsten unbekannterweise deinK. Barth samt
Nelly und
Fränzeli