8. September 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Kennst du die Technik des Obstabnehmens, die Probleme des Leiternstellens, die Geheimnisse des Einkellerns? Zwei ganze Nachmittage habe ich mich jetzt diesem äußern Tun gewidmet und habe noch viel vor mir. Ich sollte dir eigentlich zuhanden deiner malerischen Braut das Bild schildern: zuhinterst der Himmel, davor die Safenwiler Kirche, vor dieser der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, auf diesem in kühner Situation der Pfarrer, darunter in andächtiger Stimmung Frau Nelly, Schwiegermutter Hoffmann und Tochter Fränzeli (letzteres mit einem Apfel so groß wie sein Kopf in der Hand) und alle, alle lesen emsig auf, was der Vater und Hirt herunterwirft (unter Sorgfalt, daß es nicht |78 auf die Köpfe fällt). Ist das nicht alles zugleich malerisch und symptomatisch? Und du hast unterdessen gewiß einen wunderbaren Sonntag erlebt! Was sagte deine Braut denn zu deiner Predigt? […] Wovon hast du gepredigt? Ich das zweite Mal über den Mose [nochmals Ex 17,8–15], und zwar nach Ansicht des Kirchenpflegepräsidenten «tiefsinnig». Am Abend dann noch im Blaukreuz eine große dringende Rede über neuen Most und alte Schläuche [Mt 9,16f.] (am Nachmittag überdies eine Stunde Hoffnungsbund über die Wirkung des Alkohols auf das Gehirn, mit Reminiszenzen und selbstgezeichneter Tabelle!). So hatte ichs verdient, am Montag nach Pratteln reisen zu dürfen. Am Vormittag aber war ich noch in Gelterkinden bei meiner Großmama und Tante, wo ich wunderliche Dinge von Rades Besuch daselbst hörte. Er wollte mich wirklich nicht sehen, er habe das Gefühl, «er interessiere sich sehr für meine Ansichten, aber ich mich nicht für die seinigen», und überdies ist er über uns drei alle «verstimmt», weil wir nach der Hochzeit Marburg so eilig verlassen hätten, um nach Boll überzusiedeln. Was sind das für Geschichten! […]

In Pratteln wars nun eine sehr schöne Tagung. Ich hatte an Baders Referat große Freude. Er gab einen guten Überblick über die Bewegung mit allerlei Details, die mir neu oder wieder neu waren, und zeichnete dann das Werden der Differenz Ragaz-Kutter etwa so:

Ragaz: Kutter:
Erlebnis der sozialen Nöte und Probleme Erlebnis Gottes
Ethische Forderung Das Gottesreich als Verheißung
Glaube an die Entwicklung Einsicht in die Unfreiheit des Menschen ohne Gott
Optimistische Einschätzung der Sozialdemokratie Die Sozialdemokratie kann uns nie verstehen!!
Opposition gegen die Kirche Religiöse Aufgabe in der Kirche in Fortsetzung der pietistischen Tradition!
Religiössoziale Partei mit Konferenzen und «Neuen Wegen» 79Freundeskreise zur innern Vertiefung und Arbeit
Gewichtlegen auf Fühlung mit Arbeitern und anderen «Laien» Konzentration zunächst auf die Pfarrer
«Man redet von uns» –
Märtyrertum erhofft und gesucht –
Protest gegen den Krieg Dämme bauen für eine viel spätere Zukunft.

Schluß: Die religiössoziale «Sache» ist aus, das Ernstmachen mit Gott fängt an. […]

Ich suchte meinerseits zu zeigen, daß ich in den Betonungen auch überall auf die Seite Kutters gedrängt worden sei, daß ich aber die Positionen von Ragaz in keinem Hauptpunkt als auszuschließende betrachten könne, daß mir speziell das (von Bader nicht berührte) Streben nach praktischem Ernstmachen bei Ragaz trotz seiner deutlichen «Gefahr» ein unentbehrliches, wenngleich sekundäres Moment in der Sache sei. Auch Wieser redete für den Frieden!! Ich habe heute Bader noch einen Brief geschrieben unter Hinweis auf die «Stadt die auf dem Berge liegt …» [Mt 5,14] und die uns in den Wäldern in erfreulicher Weise «leuchten» sollte! Bader stellte uns den förmlichen Antrag, wir sollten uns statt alle Vierteljahre alle vierzehn Tage vereinigen zu gemeinsamem Bibellesen, und zwar sollten einfach die Vermöglichen den «Ärmeren» die Reise bezahlen, das verstehe sich von selbst. […]

Den Gedanken mit dem gemeinsamen Bibellesen hatte ich übrigens auch schon. Ob sich nicht im Aargau etwas würde machen lassen? Aber Bader hat recht: man müßte sich regelmäßig und zwar etwas oft und am besten für einen Vormittag dafür freimachen. Ein Weg wäre das jedenfalls, auf dem man sich noch mehr sein könnte, und wo fast sicher etwas zu holen wäre für jeden.

[…] Wir beide grüßen dich.
Dein
K. Barth