24. August 1915

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Freund,

[…] Ich habe heute beiliegende Anfrage erhalten von deinem Arbeiterverein. Wenn ich nur wüßte, was sagen! Bitte, hilf mir auf die Sprünge, mir ist die ganze Sache nicht gelegen, weil ich viel weniger als du auf die eigentliche soziale Bewegung eingearbeitet bin. Ich kann doch nicht einfach eine Predigt halten! Aber wenn ich wüßte, was sagen, so würde ich mehr dir zu Liebe als |75 aus sachlichem Überzeugtsein, daß diese Vorträge nun mein Weg seien, zusagen, nur lieber erst nach dem Neujahr. […]

Was sagst du zu den neuesten «Neuen Wegen»? Mir hat vor allem die Art der Polemik gegen Troeltsch1 wenig eingeleuchtet. Sachlich ist sie ja richtig, aber diese Zwischenrufsmanier hat etwas Kleinliches. Überhaupt, geistige Überlegenheit ist in diesem Hefte nicht gerade vorhanden, es enthält relativ viel gutgemeinte, aber eher schwache Beiträge. Beachte die zwei «muffigen» Anzeigen auf der Innenseite des Umschlags von den «Propagandafreunden» mit Pflanzland und kleinem Bächlein in der Ostschweiz! Was sind das wohl für Brüder? Und daneben die im «Anker» an der Ostsee, wo man Esperanto spricht und Vorträge über Wärmekultur, Paulinismus und Christentum oder eine neue Methode, den Körper mit kraft zu laden, bekommt? Das geht bedenklich in der Richtung: lange Haare, lange Nägel, Lebensreform. […]

Von Herzen
dein
E. Th.

Sachfußnoten

1
Ernst Troeltsch wird von Ragaz der «Kriegstheologie» beschuldigt (Neue Wege 1915, S. 363f. 📖).↩