Männer wie Mose haben wir nötig — Gottesmenschen, die den Anderen den Dienst tun, den Mose dort seinem Volk getan hat in der Ama|346lekiterschlacht. Wir sind auch in der Schlacht: im Kampfe mit den Mächten der Hölle; die verderben und verwüsten unser Leben; das können sie, weil wir an sie glauben und sie anerkennen; wir glauben an sie, weil wir uns selbst untreu sind; wir sind uns selbst untreu, weil wir Gott nicht ernst nehmen. Sie heißen Selbstsucht, Hochmut und Leidenschaft, Mammon, böse Lust und Alkohol, Krieg, Hunger und Sorge, Krankheit und Tod. Durch ihre Herrschaft ist die Welt zur Wüste und zum Jammertal geworden. Der Kampf mit ihnen ist unser heiliger Krieg. Und an Männern wie Mose fehlt es uns in diesem Krieg.
Es fehlt uns nicht an tapferen und einsichtigen Führern; was gegen diese Feinde getan werden kann aus menschlicher Kraft, das ist alles oder fast alles längst erkannt und gesagt; edle und erleuchtete Menschen haben eigentlich fast an jedem einzelnen Punkt längst gezeigt, wo es fehlt und wie es besser kommen könnte, wir brauchten ihnen bloß nachzugehen, so wäre der Kampf bald entschieden.
Es fehlt uns auch nicht an Kämpfern. Sind wir’s nicht alle? Leiden wir nicht alle unter dem Druck einer Welt, in der Gott ein Fremdling geworden ist? Lehnt sich nicht in uns allen unsere Seele auf gegen ein Leben, das etwas so ganz Anderes ist, als es sein könnte? Empört sich jetzt z.B. nicht unser aller Herz gegen die Greuel und Schrecken des Krieges? Möchten wir nicht alle, daß die Gotteswelt endlich zu Ehren käme in unserem Leben und im Leben aller Menschen, nach der sich unser Innerstes sehnt? Ja, wir sind alle Kämpfer im heiligen Krieg. So sehr kann kein Einziges unter uns sich selbst und seinen himmlischen Vater verleugnen und verraten, daß es nicht im tiefsten Grunde wenigstens die Sehnsucht noch hätte nach Freiheit von den Höllenmächten, nach dem Sieg einer besseren Welt. Auch die scheinbar nichts sind als wehrlose Sklaven dieser Mächte, haben doch noch diese Sehnsucht. Der Sklave der Lust und des Trunkes weiß es ganz gut: ich bin ein elender Mensch! wie hat es nur so weit mit mir kommen können! Die Diener des Mammons allesamt wissen es ganz genau, daß sie etwas Anderes brauchen als das, was ihr Leben ausfüllt, und gierig greifen sie nach Allem, was sie die Herrschaft ihres Gottes ein wenig vergessen läßt. Der Sorge möchten wir entrinnen um jeden Preis, weil wir’s spüren: ein Sorgenleben ist kein Leben. Die Soldaten in den Schützengräben draußen seufzen mitten im Bajonettkampf und indem sie töten: welch ein Wahnsinn, was für eine Teufelei, in der wir da gefangen sind. Und wer |347 sträubt sich nicht gegen das Kranksein, wer wehrt sich nicht gegen das Sterben als gegen Mächte, deren Herrschaft man eigentlich nicht anerkennen kann, und wenn man sich hundertmal gesagt hätte: es muß so sein. Ja, es fehlt nicht an Kämpfern für das Gottesreich und gegen die Höllenmächte. Wir gehören doch eigentlich alle dazu, müssen dazugehören, weil es sich ja um uns und unsere Sache handelt und weil wir im tiefsten Grunde und sobald es ernst wird keinen Augenblick im Zweifel sein können, auf welche Seite wir gehören.
Auch an Tröstern und Helfern fehlt es nicht in diesem heiligen Krieg: an solchen, die uns freundlich versichern, die Gewalt des Teufels könne so groß nicht sein und schließlich werde es das Gute doch gewinnen müssen, was ja sehr wahr ist — an solchen, die allerlei Mittelein wissen, um diesem oder jenem von den Feinden der Menschheit ein wenig Abbruch zu tun, ihn ein wenig zurückzudrängen und mitten in der engen Welt ein Stücklein Gottesreich aufzurichten, etwa so, wie reiche Herren mitten in der Stadt Zürich sich ein kleines Alpengärtlein herstellen lassen können mit Alpenrosen und Männertreu — es fehlt nicht an solchen, die in hilfreicher Liebe bereit sind, den Opfern der Teufelsherrschaft in der Welt beizustehen, so gut es gehen will: für die Armen kann man Vereine gründen und ihnen Kleider machen, den Kranken kann man mit Blumen eine Freude machen, für die Lungenkranken im Tal baut man Sanatorien in den Bergen, den Soldaten, die einander töten müssen, kann man christliche Schriftlein und Neue Testamente schicken zur Aufmunterung, die Schwerverwundeten bekommen Krücken, künstliche Glieder und Blindenbrillen, den einen oder anderen Trinker kann man für die Mäßigkeit oder Enthaltsamkeit gewinnen, den bösen Trieben unter der Jugend kann man durch gute Lektüre und Unterhaltung ein wenig das Wasser abgraben. Um gegen den Krieg Krieg zu führen, kann man in einen Friedensverein eintreten, und um den Mammonsdienst zu bekämpfen, kann man Sozialist werden, wenn man Einsicht und Mut genug hat dazu. O, wie viel kann man an allen Ecken und Enden tun in der Welt für den lieben Gott und gegen die Teufelei, und wie viel wird tatsächlich getan. Nein, an tüchtigen und eifrigen Leuten, die dazu gerne bereit sind und dafür viel leiden, fehlt es wahrhaftig auch nicht.
Aber woher kommt es nur, meine Freunde, daß in dem Kampf gegen die Höllenmacht und für das Gottesreich tatsächlich so wenig Erfolg
|348 und Sieg zu sehen ist? Wenn man annimmt, daß in diesem Kampf so viele hervorragende Führer und Feldherren, so viele entschlossene, tüchtige Berater und Helfer beteiligt sind und ein solch unendliches Heer von Streitern — denn alle Menschen gehören dazu, weil alle Gottes Kinder sind —, dann sollte man denken, daß es da längst vorwärts gehen müßte einem entscheidenden Triumphe entgegen. Man müßte etwas merken davon, daß die Kräfte des Bösen schwächer werden und die Kräfte des Guten stärker, unser Leben müßte allmählich heller, freundlicher, fröhlicher werden. Es müßte der Tränen und des Blutes weniger werden auf Erden. Wir müßten besser miteinander auskommen. Die Welt müßte, nach und nach, aber sicher, ein anderes Gesicht bekommen. Es müßte sich mit der Zeit herausstellen, daß Gott eigentlich der Herr ist im Haus und im Dorf und im Weltgetriebe. Statt dessen steht es mit der Amalekiterschlacht, die wir zu schlagen haben, etwa so wie mit dem Krieg in Frankreich1, sie steht und kommt nicht weiter, und Alles bleibt seit längster Zeit ungefähr im Gleichen hüben und drüben: hier eine tüchtige, lobenswerte Anstrengung für das Gute, aber über kurzem oder langem folgt ihr doch wieder eine Explosion des Bösen, die Alles zerschlägt und in Fetzen reißt, was angefangen war — dort eine Sündflut des Bösen, auf der dann freilich auch wieder ein paar Gerechte und Fromme gerettet in irgend einer Arche dahinschaukeln. Hin und her, Schlag und Gegenschlag. Auf jede große Teufelei folgt sicher auch eine Wirkung der Gotteslichter und Gotteskräfte in der Welt, aber ebenso sicher auf jede gute Tat und Bewegung auch wieder ein siegreiches Hohngelächter der Hölle. Die Entscheidung für Gottes Reich will immer nicht kommen, die doch kommen müßte.
Ja, was soll dann das alles? Was soll das Leben, wenn es nur ein ewiges Spiel ist zwischen Himmels- und Höllenkräften? Was soll das Leben der großen Menschen der Geschichte, die den anderen für Jahrhunderte neue Gedanken und Anregungen gegeben haben? war das nun alles, daß sie in dem großen Hin und Her von Gut und Böse so zwischenhinaus mit ausgerecktem Finger nach oben weisen mußten? Was |349 soll alles Sich-Mühen und -Sorgen der Liebe und des Wahrheitsmutes in der Welt? Soll das nun Alles sein, daß die Liebe das traurige Los der Menschheit ein wenig verschönern und die Wahrheit ihre große Lüge und Torheit ein wenig beleuchten und aufklären darf? Was soll die Sehnsucht in uns nach einer besseren Welt, nach einem Leben ohne Unrecht und Not, die Sehnsucht nach Gott? Soll das nun Alles sein, daß wir sie als ein schönes Heiligtum in uns tragen mit der Hoffnung, nach dem Tode werde dann einmal Alles zurecht kommen, in einem Leben auf einem besseren Stern, das wir uns zwar nicht recht vorstellen können, an das wir aber doch krampfhaft glauben, weil wir an einen Sieg Gottes in unserem jetzigen, gegenwärtigen, wirklichen Leben nicht glauben können? Was soll das alles, frage ich, wenn es denn doch nie vorwärts gehen, sondern Alles beim Alten bleiben soll? Ist das das Leben? Ist das der Wille Gottes? Oder, wenn es nicht der Wille Gottes ist, wo fehlt es denn?
An Gottesmenschen wie Mose fehlt es uns, meine Freunde, an Menschen, die, den Stab Gottes in der Hand, auf des Hügels Spitze stehen und betende Hände unablässig zu Gott erheben. Von solchen Menschen gehen die Kräfte aus, die der Amalekiterschlacht aus dem Stocken zur Entscheidung verhelfen. Hätten wir solche Menschen, mehr solcher Menschen unter uns, dann würde unsere unklare, hoffnungslose Lage zwischen Himmel und Hölle sich bald wenden, und aus dem Hin und Her würde sich der unzweideutige Sieg des Gottesreiches herausstellen, auf den wir alle mit Schmerzen und Freuden warten.
Was haben denn solche Gottesmenschen voraus vor den Anderen? Ach, keine besonderen Tugenden und Fähigkeiten. Nichts, gar nichts, was die Anderen nicht auch haben könnten. Mose war ein sündiger, schwacher Mensch mit einer nicht sehr rühmlichen Vergangenheit [vgl. Ex. 2,11–14], wie die anderen Israeliten auch. Gottesmenschen müssen genau wie die Anderen und mit den Anderen in der Wüste und im Jammertale sein, und die Mächte der Finsternis haben über sie nicht weniger Gewalt als über die Anderen. Torheit und Leidenschaft, Hunger und Sorge, Krankheit und Sterben ist ihnen nichts Fremdes. Sie müssen vielleicht auch Geldgeschäfte machen. Sie müssen vielleicht auch Militärdienst tun. Sie müssen vielleicht auch helfen, Gewalt [zu] brauchen gegen die Bösen. Ja, es ist durchaus nicht an dem, daß sie von sich aus das Schlechte und Traurige in der Welt einfach überwinden und be|350seitigen könnten, nicht einmal in ihrem eigenen Leben können sie sich frei halten davon, geschweige denn, daß sie für die Anderen die Schlacht gegen den Teufel und seine Heerscharen schlagen und gewinnen könnten. Aber sie haben das voraus vor den Anderen, daß sie anders mit Gott leben als sie, daß sie Alles von Gott und von Gott Alles erwarten.
Was hat denn Mose getan in der Amalekiterschlacht? Nichts scheinbar! Er stand auf des Hügels Spitze oberhalb des Schlachtfeldes und hielt den Stab Gottes in seiner Hand, während Josua und das Volk unten kämpften und zuletzt den Feind schlugen. Was mochte den Amalekitern für Schaden und den Israeliten für Hilfe kommen von dem untätigen Mann da oben? Ja, so konnte es wohl aussehen. Aber in Wirklichkeit hätten dort zehn eifrige, tapfere Josuas und hunderttausend kriegstüchtige Israeliten nicht geleistet, was der einzige untätige Mose leistete. Es gibt im Kampfe um Gottes Reich eine Untätigkeit, die tätiger ist als die größte und vielseitigste Tätigkeit. Ja, ohne diese scheinbare Untätigkeit können wir uns diese Gottesmenschen wie Mose gar nicht denken. Sie nehmen mit ihrer Seele an dem Kampfe für das Gute und gegen das Böse nicht teil. Ihr Wesen und ihre Aufgabe ist es nicht, irgend eine Waffe in diesem Kampf zu tragen. Ihre Kräfte sind nicht gegen die menschliche Torheit und Bosheit und nicht gegen die Verkehrtheit der Zustände gerichtet. Und ihr Ziel ist nicht die Verbesserung des Menschen und seiner Lage da und dort. Sie sind weder Führer noch Helfer noch Kämpfer im heiligen Krieg. Ja, sie können das alles nebenbei auch sein. Sie können, wenn es sein muß, und es muß oft sein, auch mitten drin stehen in den Siegen und Niederlagen, in den Mühen und Freuden des Kampfes. Aber dann sind sie auf einmal dem Kampfe wieder weltenfern, als ob er sie nichts anginge. Auf einmal könnte man ihnen scheinbar mit Recht den Vorwurf machen: warum hilfst du nicht mit anzugreifen und zu verteidigen, Mauern zu bauen gegen den Feind, sichere Burgen zu Schutz und Trutz? Warum sinnst du und wartest und tust nichts? Warum nimmst du den Kampf nicht wichtiger? Warum bist du auf einmal wieder anderswo mit deinem Inwendigsten? Warum bist du mit deinem Lebendigsten, Persönlichsten nicht bei uns und unserem fröhlichen, emsigen Schaffen, Bauen, Wirken und Streiten? Warum bist du da oben auf der Spitze des Hügels außerhalb der Amalekiterschlacht?
351 Ja, solche Gottesmenschen stehen wirklich immer ein wenig außerhalb des heiligen Getümmels, und wenn sie äußerlich mitten drin stünden. Sie können bei der Arbeit für das, was gut und recht ist in Gemeinde, Kirche und Vereinen, in Volk und Staat nie mit der gleichen Zuversicht und Sicherheit mitmachen wie Andere, weil sie von vornherein überzeugt sind: was man etwa tun und erreichen kann, das genügt doch nicht, das sind doch nur Tropfen auf einen heißen Stein. Sie können sich wohl freuen, aber nicht allzu sehr, wenn irgendwo ein kleiner Erfolg des Guten sichtbar wird, eine Bekehrung vielleicht, was man so nennt, oder ein guter Entschluß oder ein Zeichen schöner Gesinnung oder was es sei; denn bei jedem kleinen Erfolg müssen sie an die große Not denken, der damit noch lange nicht abgeholfen ist. Sie können dafür freilich auch über die Ausbrüche und Anzeichen des Bösen in der Welt nicht in der Weise außer sich geraten, schelten und klagen wie die Anderen. Sie beklagen es auch, sie entrüsten sich auch, aber sie verstehen Manches nur zu gut, daß es in der jetzigen Welt nicht anders sein kann, und darum können sie es ruhiger hinnehmen. Sie leiden auch unter dem Zustand der Menschen und der Dinge, aber sie beklagen die falsche, sumpfige, unzuverlässige Grundlage des Menschenhauses, nicht die paar zerbrochenen Fensterscheiben. Sie möchten auch helfen, es anders zu machen, aber nicht ein paar alte Dachziegel durch ein paar neue zu ersetzen, sondern ein neuer Bau von Grund auf liegt ihnen im Sinn. Sie möchten auch raten und helfen, aber raten und helfen zum Schaffen des Neuen, nicht zum Flicken des Alten. Und darum erscheinen sie im Getümmel des Lebens drin als die Untätigen.
Aber sie sind es nicht. Sie sind es, die in Wirklichkeit etwas tun gegen die Mächte der Hölle. Denn auf der Spitze des Hügels, außerhalb der Schlacht hat Mose sein Arme zu Gott erhoben. Kein Schwert hat er geschwungen, keine Lanze geworfen gegen den Feind, dafür hat er gebetet, hat sich hineingestellt zwischen sein Volk und seinen Gott. Er hat für sein Volk, wie wir schon sagten, Alles von Gott erwartet und nur von Gott, dafür dann aber von Gott Alles, etwas Ganzes, Vollständiges, Vollendetes und nicht bloß ein Stücklein. Er hat für sein Volk von Gott in Empfang genommen die unwiderstehliche Kraft, nicht nur ein paar Amalekiter glücklich für einige Zeit abzuwehren und ein paar andere für immer unschädlich zu machen, nicht nur ein paar hundert Meter dem Feinde abzuringen wie die Kämpfer in Frankreich, sondern ihn |352 gänzlich aus dem Felde zu schlagen Israel zum vollständigen, endgiltigen Siege. Die Kraft zu einem solchen Sieg ist schon bei dem, was man gewöhnlich Krieg nennt, etwas Außerordentliches, das eben trotz guter Führung und großer Anzahl und guter Waffen nicht jedes Heer besitzt, um wieviel mehr in dem heiligen Krieg zwischen Himmel und Hölle, in dem wir drin stehen. Dort heißt sie Begeisterung, Mut und Tapferkeit, hier heißt sie heiliger Geist, Glaube und Hoffnung. Der heilige Geist ist es, der den Krieg schlägt und gewinnt über die Heerscharen des Teufels, und ohne ihn können wir nichts tun.
Denn der heilige Geist ist der Glaube an Gott. Was wollen wir auch tun gegen die Höllenmächte, wie sie auch heißen, wenn wir diesen Glauben nicht haben? Warum sind sie denn Mächte anders als darum, weil wir es ohne Gott machen wollten in der Welt für uns allein? Sofort rückten sie ein an Gottes Stelle und beherrschen uns nun, und all unser Sehnen und Eifern gegen sie, so wohlgemeint es sein mag, kann uns gar nichts helfen, bevor wir Gott wieder die Ehre gegeben haben, die ihm gebührt, bevor wir wieder zu ihm gesagt haben: Du bist und lebst und regierst, und wir sind dein, und in deiner Kraft wollen wir Taten tun [vgl. Ps. 60,14]. Aber tief verstrickt sind wir mitten in unserer Not, in unserem Hochmut, daß wir immer noch meinen, es könne etwas werden und geschehen von uns aus und ohne Gott, und ziehen in den Krieg gegen die Feinde des Menschen und meinen, viel zu leisten und zu vollbringen, und merken es gar nicht, wie erbärmlich kleine Schrittlein vorwärts wir tun und wie uns schließlich all unser Tun und Eifern im Kreis herum führt, wie wir nur zu oft mit unseren besten Absichten und Unternehmungen erst recht wieder dem Teufel dienen, den wir bekämpfen wollten. Seht, nun sind die Gottesmenschen wie Mose die, die von Gott den Sieg erwarten. Sie möchten, daß vor Allem die Wahrheit hervorbreche aus dem Haufen von Irrtum und Torheit, die Wahrheit, daß wir zu Gott gehören samt unserer ganzen Welt. Sie sehnen sich nach einem Aufbrechen der lange verschütteten Quellen göttlichen Lebens, weil sie wissen, daß, wenn diese Wasser einmal wieder rauschen, aller Teufelsspuk in der Welt vergehen muß wie ein Morgennebel. Sie möchten die Kräfte rufen, die mit dem Bösen nicht erst lange zu kämpfen brauchen, weil das Böse vor ihnen gar nicht bestehen kann, sowenig wie die Nacht bestehen kann, wenn der Tag kommt. Ja, von der Sonne erwarten sie das Licht, nicht von Wachskerzen und Petrollampen. Und |353 ihr Bitten und Streben und Sehnen und Beten geht dahin: Herr Gott, laß deinen Tag anbrechen in unserer Nacht! Gib du dich uns wieder zu erkennen, daß wir des Feindes Meister werden! Schenke uns Kraft von deiner Kraft, Leben von deinem Leben, daß wir des Bösen lachen können und alles Traurige nicht mehr sei! So stehen die Gottesmenschen im Kampfe drin als die Glaubenden, als die, die allein durch den Glauben, durch das Anklopfen und Suchen bei Gott siegen wollen.
Denn wer an Gott glaubt, der hofft auch auf ihn, der weiß, daß Gott es wahrhaftig so will und so tun wird. Gott will uns nicht ferne sein. Gott steht unserem Krieg mit Tod und Teufel nicht als ein ferner Zuschauer gegenüber. Gott wartet ja nur darauf, daß wir es mit ihm wagen wollen gegen seine und unsere Feinde. Wo ein Mensch so die Arme zu Gott erhebt wie Mose, da ist Gott da und hilft. Und was er dann tut und will, das ist nichts Halbes. Die Gottesmenschen stehen da unter den übrigen Menschen als die, die wissen: Gott hilft ganz! Es ist ihm ernst, uns zu helfen, wenn es uns ernst ist mit unserem Beten! Das soll nicht sein, daß wir an Gott glauben, wie wir das nennen, und dann doch wieder [uns] ängsten und kümmern und uns aufregen müßten. Das soll nicht sein, daß uns dann doch wieder das Geld und unsere Ehre und das Urteil der Menschen wichtiger sei als er und sein Kampf und Sieg. Das soll nicht sein, daß wir uns halb und halb ihm übergeben und dann doch wieder dem klugen Urteil unserer selbstsüchtigen Vernunft folgen. Ja, so halb und halb stehen wir freilich im Streite für das Gute und gegen das Böse, so eifrig wir dabei sein mögen. Es wird uns eben nie so ganz ernst dabei, und darum haben wir so wenig Erfolg, darum bleibt Alles im Alten, denn wenn das Alte nicht in der Wurzel und im Ganzen angepackt wird, ja, dann bleibt es eben und hält uns immer wieder zum Narren, und der heilige Krieg, den wir doch führen müssen in unseres Lebens tiefer Not, kommt aus dem Stocken nie heraus. Die Gottesmenschen sind die, die auf den hinsehen, dem es ganzer Ernst ist mit diesem Krieg, der ihn durchführt und zu Ende führt ohne Zaudern und Wanken, der den Feind ganz aus dem Felde schlägt. Und wieder suchen sie ihn, weil sie wissen, er ist zu finden, klopfen an bei ihm, weil sie wissen: es wird aufgetan, bitten ihn, weil sie wissen: er gibt [vgl. Mt. 7,7 par.].
Ja, meine Freunde, Gott gibt. Gott erhört. Gott kommt mit großer Macht und erlöst und schafft ein Neues, wo ihn die Seinigen darum bit|354ten. Wenn er nur solche fände, die als die Seinigen die Arme zu ihm erheben und von ihm Alles erhoffen wollen. Da wird’s anders in der Welt. Da bekommt das Leben ein neues Gesicht. Da muß der Feindeshaufe weichen. Da geht’s vorwärts mit entscheidenden Schlägen dem vollen Erfolg entgegen. Soviel Glaube und Hoffnung war in Mose, soviel Sieg war im Heere Josuas. Solange Mose betete, ging es vorwärts, und weil Mose betete bis zuletzt, ging es hindurch zu Befreiung und Triumph. O, was würde Gott unter uns und an uns tun, wenn wir solche Menschen unter uns hätten, Menschen, die «nichts tun» würden, wenn wir so wollen, weil sie übermächtig damit zu tun hätten, nach Gott zu rufen aus tiefstem Herzen, Menschen, die nichts glauben würden als an Gort, die auf nichts hofften als auf Gott, von Gott aber das Größte, das scheinbar Unmögliche, Alles. Meint ihr nicht auch, das müßten wir spüren, wenn wir solche Menschen unter uns hätten? Meint ihr nicht auch, da würden wir emporgerissen aus unserer Halbheit und Trägheit und Unklarheit? Da müßten Viele mit in den heiligen Krieg, die jetzt lau bei Seite stehen und gar nicht zu merken scheinen, um was es sich handelt? Da würden in uns allen eine Freudigkeit und Kraft und Furchtlosigkeit entstehen, weil Keiner zurückbleiben wollte. Da könnten wir, hier und jetzt, etwas zu sehen bekommen vom tatsächlichen Anbruch und Kommen des Gottesreiches, in den Seelen, in den Familien, in der Gemeinde, über die Gemeinde hinaus. O, warum fehlt es uns an Menschen, die uns das geben könnten, an Menschen, die uns das sein könnten, was Mose seinem Volke war, an Menschen, die für uns beten und glauben und die uns durch ihr Gebet und ihren Glauben hineinreißen in den Sieg, nach dem uns hungert und dürstet?
Aber, meine Freunde, nun denkt doch nur nicht: dazu haben wir einen Pfarrer, damit er uns womöglich so etwas sei. Als ob man für dieses Amt jemand anstellen könnte. Pfarrer kann man studieren und werden, Mose zu sein seinen Mitmenschen im Lebenskampfe, mehr als Führer und Seelsorger, — Gottesmann und Prophet, das kann man nicht studieren und werden. Das ist man, oder man ist’s nicht. Das ist etwas, was so hoch über uns Pfarrern steht wie über euch allen. Das heißt einen Ruf von Gott haben unmittelbar — und da kann man ein Pfarrer sein und zu den Frommen gehören und diesen Ruf durchaus nicht haben. Das heißt aber auch eine Last auf der Seele tragen, denn es ist eine Last, so einsam für die Anderen an Gott glauben zu müssen, eine Last, unter der Mose |355 und alle Propheten und Jesus selbst oft beinahe zusammengebrochen sind. Diese Last zu tragen ist auch nicht jedermanns Ding. So verlaßt euch nicht darauf — es hat manchmal den Anschein —, daß ein Pfarrhaus und eine Kirche mitten im Ort stehen. Vor Gott gibt’s keinen geistlichen Stand. Schiebt es nicht auf mich ab, zu beten und zu glauben und zu hoffen, wie es Mose tat. Hören dürfen und sollen wir es alle: es sind solche unter uns, die den Anderen das sein könnten, was Mose seinem Volke war. Gott kennt sie. Sie müßten es nur einmal wagen, Gott ganz anders zu vertrauen, auf eine neue Weise mit ihm zu leben, ihm ganz die Ehre zu geben, statt immer noch ein wenig ihr Eigenes zu suchen, ihm das Stärkste und Unmöglichste zuzutrauen, statt immer noch ein wenig daran zu zweifeln, ob Gott auch wirklich Gott sei. Sie müßten nur einmal ihrem Trieb nachgeben, der sie längst treibt: wirf fort dein schwaches, selbstsüchtiges bisheriges Christentum, breite aus deine Arme, rufe den Herrn an, fordere es von ihm als das Kind vom Vater, daß er dir das neue Leben schenke, das die alte Welt überwindet! Gott kennt sie, die Seinigen [vgl. 2.Tim. 2,19], die er bereitet hat dazu, daß es zu einem Durchbruch seines Reiches komme unter uns, die Gottesmenschen, die wir bitter nötig haben. Er wird sie rufen, und sie werden ihn hören, wenn es Zeit ist. Vielleicht geht es noch Jahrzehnte und Jahrhunderte, vielleicht ist es uns näher, als wir denken. Aber einmal wird die Zeit kommen auch für uns, wo von solchen lebendigen Gottesmenschen Ströme des Segens ausgehen werden auf alle Anderen. Dann geschieht, was in der Amalekiterschlacht geschehen ist. Die Zeit der geringen Dinge ist zu Ende, der Tag ist angebrochen, an dem Gott Alles neu macht.