18. August 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

[…] Letzten Sonntag predigte ich über Sorgen oder Nicht-Sorgen Matth. 6,25–26, nächsten Sonntag im Anschluß daran über die Gütergemeinschaft nach Act. 4. Am Montag hielt ich im Arbeiterverein eine Rede über: «Wer ist ein Sozialist?» (Antwort: wer es im Herzen ist) unter Seitenblicken auf den Krieg. […] Ich fand ganz geduldige freundliche Zuhörer. Sie wollen dich diesen Winter oder Herbst auch einmal kommen lassen und werden wohl bald schreiben. Vielleicht redest du auch lieber so in einer Mitgliederversammlung? Ich finde wir können unsere Sache dabei besser sagen als bei den großen Betrieben1 mit Männerchor, öffentlichen Inseraten etc. Jedenfalls solltest du diesmal kommen und irgend einen Schlag führen oder Schuß tun etwa wie den da [folgt Zeitungsausschnitt]:

Der gute Zieler

«La Guerre Mondiale» berichtet folgende kleine Geschichte, die sich französische in Urlaub fahrende Offiziere auf der Reise erzählten: Der Glockenturm des Dorfes D. störte einen Teil der Front außerordentlich. Auf diesem Glockenturm stand alles, was hinaufgehört: Maschinengewehre, Signalapparate usw. Man beschließt, damit ein Ende zu machen, und wählt einen guten Zieler. Der geht ans Werk, und nachdem er sein Geschütz gerichtet |72 hat, gelingt es ihm, mit einem entscheidenden Schuß den störenden Kirchturm zusammenzuschießen. Wie zu erwarten: Glückwünsche. Der gute Artillerist sagt lächelnd auf die Wünsche seiner Vorgesetzten: «Sie würden mich vielleicht nicht mehr beglückwünschen, weil ich es kaum verdiene …» — «Wie? aber Sie verdienen es vollständig!» — «Wenn Sie wüßten, was ich im Zivilleben bin …» — «Was sind Sie denn?» — «Pfarrer!»

Ich habe mit Entsetzen das Tagebuch des Marinepfarrers von der «Gneisenau» gelesen. Es ist ein neuer Beweis, wie wenig Belang eigentlich das äußere Kriegs«erlebnis» für die Sache hat. Gestern las ich den ganzen Tag Dostojewski «Schuld und Sühne» 📖; ich wollte ich würde ganz klug aus diesen Russen. […] Ich hatte heut einen Brief von meinem alten Freund Karl Buxtorf2 mit dem bezeichnenden Motto Gen. 33,14. So meinen sie uns entrinnen zu können. […] — Letzten Donnerstag hatte ich eine ganz interessante Aussprache mit den Suhrer Sozialdemokraten, man kam wenigstens schon an den Punkt, wo es sich entscheidet, ob man «am Ersten trachten» will … [Matth. 6,33].

Herzlichen Gruß von
deinem getreuen
Karl Barth samt Nelly und Fränzeli!

Sachfußnoten

1
= Veranstaltungen.↩
2
Karl Buxtorf (1882–1953), Pfarrer in Neßlau, Küsnacht (Zürich) und Basel.↩