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6. August 1915
Lieber Freund!
Habe besten Dank für deinen Brief. Wir freuen uns auch sehr auf euren Besuch hier. […]
Ragaz: Ich habe seinen Artikel1 erst gestern Abend gründlich gelesen und finde ihn sehr instruktiv. In dem Sinn, daß er sehr deutlich macht, was ihm gegenüber Blumhardt und Kutter […] fehlt. […] Mir kommt die ganze Kasuistik sehr unklar vor, das schwimmt doch alles ineinander. […] Ich werde nicht klug daraus, aber das ist schließlich nebensächlich. Ich könnte auch nur so stammeln, wenn ich ein derartiges ethisches Programm aufstellen wollte. Entscheidend ist mir das Andre, der Ansatz. Warum sich gleich in die Ethik stürzen («was sollen wir tun?», die alte Frage, die der Sache eigentlich ausweicht!), als ob es nichts Dringenderes gäbe! Versteht es sich denn von selbst, daß «wir» das Gottesreich «vertreten» (ein ganz toller Ausdruck! S. 276
📖)? Beachte auch das getroste «nun»! Haben wir denn das Gottesreich in seinem radikalen Ernst überhaupt erfaßt, erlebt? Ist der Glaube
|70 nur auch für Ragaz persönlich, geschweige denn für die übrige Menschheit eine selbstverständliche Voraussetzung, über die man einfach hinweghüpft, um nun das Gottesreich eins2 zu vertreten? Kein Wort von der «Erkenntnis Gottes», von der «Umkehr», dem «Warten» auf das Gottesreich, […] das doch das Apriori alles «Vertretens» ist! — Kurz, ich bin gerade wenn ich diesen Kathedralentscheid Ragazens lese, sehr froh, Kutter zu kennen. Du hast mir ihn eigentlich zugänglich gemacht; das war eine Tat! Die Sackgasse, in die die «Neuen Wege» zur Zeit hineinlaufen, […] ist mir jetzt als solche sehr klar, und es wird gelten, da gegenüber Ragaz sehr fest zu bleiben sachlich. Daß mans persönlich nicht so machen sollte wie Bader und Konsorten (und auch Kutter ein wenig!), dabei bleibe ich freilich. Es kann auch wieder anders kommen in den N. W., und man sollte sie und Ragaz gerade jetzt nicht im Stich lassen.
Ich war am Mittwoch bei Epprecht, hörte seine 1. August3-Predigt und besprach mich mit ihm über Gott und Ethik! Er ist doch recht zugänglich und sollte «gepflegt» werden. Mit Schild ist glaub auch etwas zu haben, wenn man ihm näher tritt. Ich habe das Gefühl, wir müssen uns Mühe geben, Fühlung zu gewinnen, wo wir nur können, unter den Pfärrern. Nachdem wir der offiziellen Kollegialität abgesagt, können wir es umso freier tun und haben sicher auch die Pflicht dazu. Ich für mich habe dann noch meine Sonder«pflichten» dieser Art gegenüber den «Genossen». Am nächsten Donnerstag sollen wieder vier aus Buchs und Suhr zu mir kommen zu einem Gespräch unter dem Apfelbaum über die innerliche Zukunft der Sozialdemokratie. Am Freitag drauf ein Referätlein im hiesigen Arbeiterverein, ich weiß noch nicht worüber,4 schlag mir etwas Gutes vor! Beiliegend der Brief eines Idealisten aus Köln, es ist aber ein Schweizer. Mit der Ragazischen Orientierung wäre jetzt viel zu «machen», auch unter den Bürgerlichen. Ich empfinde sie oft förmlich als Versuchung. Aber es geht nicht so.
[…] Höre: daß ich lieb und verständnisvoll auf andere Menschen eingehen könne — das hast du zum 1. Mal in der Welt ge|71sagt. Es hieß sonst gerade das Gegenteil. Und bei deinem Lob mußte ich leider an Matth. 5,46–47 denken.
Herzlichen Gruß auch von Nelly und Fränzeli an dich und
deine Braut