Predigt: Matthäus 6,25-26
Was weht uns doch aus diesen Worten Jesu für eine frische, gesunde Luft entgegen! Sorget nicht! Nicht ums Essen und Trinken, nicht um |325 die Kleidung, nicht um das alles, was euch und den Eurigen nötig ist. Sorget nicht! Es lohnt sich nicht, es ist nicht recht, zu sorgen. Oh wie fängt da die schwere, klebrige Last, die auf der Seele liegt, an sich zu rühren und will wahrhaftig hinunterrutschen, und frei soll die Seele atmen dürfen! Das Leben ist doch mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung, der Mensch lebt doch, um zu leben, und nicht, um seine Zeit und seine Gedanken auszufüllen mit dem, was er zum Leben braucht.
Ja, natürlich ist’s so, warum wir das nur so lange nicht gemerkt, so lange den Wald vor Bäumen nicht gesehen haben! Und nun ertönt in das ernste, schwere Sorgen hinein auch noch das Geschrei und Gezwitscher der Vögelein. Die brauchen doch auch etwas zum Leben: Futter, ein Nest und ein Federkleid. Die sind so viel böser dran als wir Menschen, weil sie doch das alles nicht können, was wir können zum Unterhalt unseres Lebens: nicht säen, nicht ernten, nicht aufspeichern, nicht zählen, nicht rechnen, nicht sparen! Ach, wie müßten die erst sorgen um ihr Leben und ihren Leib! Und doch leben sie, ganz frech und unbesorgt: ja, das können und verstehen sie freilich besser als wir Menschen, einfach leben, einfach da sein, einfach die Freude des Daseins genießen als das, was sie sind, als kleine, dumme, unnütze Vögelein. Der liebe Gott ernährt sie schon: sie leben wirklich, um zu leben, sie machen’s ohne die Sorge. Und nun stehen wir großen Menschen daneben und gucken ihnen zu und fragen uns, wo diese Tierlein nur ihre Kunst hernehmen, und beneiden sie wohl ein wenig im Stillen.
Seht die Vögel unter dem Himmel an! Muß man nicht fast lachen, wenn man sich diesen Gegensatz und dieses Rätsel so recht ausdenkt? Aber es ist auch etwas recht Wehmütiges dabei: «Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?» Wir könnten so viel besser dran sein als die Vögelein, könnten viel, viel mehr von unserem Leben haben als sie, könnten uns mit noch ganz anderer Freude unseres Daseins freuen, sind Menschen, Gottes erstgeborene Kinder, und nun müssen wir zusehen, wie wir gleichsam abgesetzt sind aus unserer ersten Stelle in der Schöpfung, wie unser himmlischer Vater sie, die unnützen Tierlein, ernährt, sie sich freuen läßt, sie ein wahrhaftiges Leben leben läßt ohne Sorge, ohne Last auf der Seele, ohne all den Plunder, mit dem wir beladen sind — und wir stehen da und sorgen uns! Ja, da liegt etwas tief Erschütterndes darin, daß das so ist! Da wird der frohe Spaß auf einmal wieder zum tiefen |326 Ernst. Warum muß dieser Gegensatz sein? Warum muß unser Leben ein Sorgenleben sein, wo wir doch Gottes Kinder sind? Sorget nicht!, sagt Jesus, und es ist ihm ernst damit, er sieht hinweg über den Gegensatz, er anerkennt die rätselhafte, unbegreifliche Kluft nicht, die da besteht zwischen den Geschöpfen der Natur und dem, der die Krone und der Herr der Natur sein sollte, dem Menschen. Jesus meint: es gibt wahrhaftiges Leben, Leben um des Lebens willen, Leben ohne Sorge auch für den Menschen. Ja seht, meine Freunde, auch in diesem Bibelwort handelt es sich eben wieder um die tiefste Frage für uns Menschen, um die Frage: wer sind wir eigentlich, und wie sind wir dran, und wie könnten wir dran sein? Und die Lichter tauchen auf in diesem Wort, und die Kräfte werden sichtbar, die uns in den Stand setzen, auf diese Frage ganz neue Antwort zu geben. Es handelt sich um unsere tiefste Not und um unsere völlige Erlösung, wenn Jesus uns sagt: Sorget nicht! Darum weht es uns aus diesem Wort entgegen wie Bergwind: so geheimnisvoll, so freudenreich, so zukunftsvoll.
Aber es ist merkwürdig: so gut wir eigentlich spüren, wie recht im Grunde dieses Wort hat, so stark ist auch der Drang, der sofort über uns kommt, ihm zu widersprechen, es zu widerlegen oder es doch mit vielen: Ja aber! zurückzuschneiden, bis es das Meiste von seiner Bedeutung verliert und schließlich Alles so ziemlich beim Alten bleibt. Es lehnt sich etwas in uns auf gegen dieses Wort, wie etwa gegen das Andere: liebet eure Feinde! [
Sieh da, die großen, reichen Herren und Damen: die, von denen du denkst, die haben es gut, wenn ich es so hätte, wollte ich auch nicht sorgen! Meinst du? Ja, sehen sie denn etwa sorgenlos aus, die Gesichter im Bureau, die Gesichter, die wir im Automobil durch unser Dorf fahren sehen von
Aber das ist freilich eine dicke Lüge, nicht wahr, das wissen wir, der Arbeiter ist nicht der, der keine Sorge haben muß, das tönt ja wie eine Beleidigung. An den Fingern kann man es sich ja ausrechnen, wie schwierig das ist für einen gewöhnlichen Arbeiter, der sonst nichts hat, auszukommen mit seiner Familie jahraus jahrein. Das muß Einen ja plagen und verfolgen, wohin es geht, da muß ja das ganze Leben ein großes Blangen3 und Berechnen werden, und auch da heißt’s: in solchen Zeiten wie der jetzigen noch ganz besonders, ich brauche nicht zu sagen, warum. Sorget nicht!, das darf man dem Arbeiter nicht sagen, nicht wahr, er muß sorgen, er, der aus der Hand in den Mund zu leben hat.
Und nun gehen wir zu denen, die in der Mitte sind zwischen beiden, zu denen, von denen das schöne Sprüchlein gilt: Armut und Reichtum gib mir nicht, laß mich aber mein bescheiden Teil Speise hinnehmen [
So hat man eben überall Gründe, Jesus zu antworten: wir müssen sorgen!, gerade wie man überall Gründe hat, ihm zu antworten: Ich kann meine Feinde nicht lieben! Wir machen es auch zu allen Zeiten gleich. Ist das Jahr gut und laufen die Geschäfte, dann ist es uns viel zu dumm, uns mit den Vögeln des Himmels zu vergleichen, dann flüstert uns die Sorge zu: Mehr! Mehr! Nimm, nimm! benütze die Zeit, mach, was du kannst! Kommen dagegen böse Zeiten und steigt uns das Wasser bis an den Hals, dann haben wir erst recht keine Muße, auch nur darüber nachzudenken, ob es jetzt noch etwas Anderes geben könnte als die Sorge, die unruhig plaudert: Studier! Studier!5 Sieh wohl zu, wie das gehen soll! Das kommt nicht gut!, und fast zornig macht es uns dann, in der Bibel zu lesen und von der Kanzel herab zu hören: Sorget nicht! Der Heiland hat offenbar wenig vom Leben verstanden und wie es unsereins zumute ist. Wir sorgen uns natürlich jetzt in der teuren Kriegszeit; wir werden uns aber auch sorgen, wenn einmal wieder Friede ist. Kurzum: Wir sorgen uns alle und wir sorgen uns immer.
Das ist das Erste, was wir uns ganz klar sagen müssen, wenn wir das Wort Jesu auch nur einmal verstehen wollen. Wir können dieses Wort nicht von uns abschieben damit, daß wir sagen: ja, wenn ich’s so hätte wie dieser und jener, dann wollte ich nicht mehr sorgen, oder: ja, wenn’s mir einmal besser gehen wird, dann will ich’s nicht mehr tun. Nein, man könnte uns alle miteinander vertauschen, jeden in die Haut eines Anderen schlüpfen lassen nach eines Jeden Belieben, und am Tage darauf oder am selben Tage wären die kummervollen Augen, die stei|329fen, glanzlosen Geschäftsgesichter, die unruhigen Gedanken doch wieder da, und wenn es heute Manna regnen würde für groß und klein wie bei den Israeliten in der Wüste [
Ja, was nun? So stoßen wir eben insgesamt die Einladung Jesu: Sorget |330 nicht! zurück und sagen: Nicht für uns! Nicht für diese Welt! In dieser Welt muß man sorgen! In dieser Welt herrscht nun einmal der Kampf ums Dasein8, und wer nicht alle seine Kräfte dafür einsetzt, alle seine Gedanken und Wünsche und Hoffnungen darauf richtet, zu seiner Sache zu kommen, der kommt eben einfach hintenab. Ein wenig Gottesliebe in der Kirche oder Kapelle9, ein wenig Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft, ein wenig Freude an der Natur und an den Gütern des geistigen Lebens, ein wenig Laune und Übermut und ein gelegentlicher fröhlicher Seitensprung in der Jugend, gut, das kann man sich leisten, das sind ganz schöne Verzierungen des Lebens, das mag Alles nebenbei sein und gelten, aber bitte die Hauptsache nicht zu vergessen, daß man zu seiner Sache kommen muß und sich für das Seine wehren muß, bitte die Sorge: die Geschäftssorge, die Geldsorge, die Familiensorge nicht wegnehmen aus dem Mittelpunkt des Lebens, in den sie nun einmal hingehört. Bitte das nicht: man lebe, um zu leben, das ist wahr für die Vögel und für die Zigeuner und andere Lumpen, aber nicht für rechte Menschen. Ein rechter Mensch lebt, ja es ist nun einmal so, um zu sorgen. Das ist ein Lebensinhalt und Lebenswert. So ist nun einmal die Welt der rechten Menschen eingerichtet! Müssen wir nicht wirklich Jesus so antworten? Ich möchte, daß wir alle diesen unseren Widerspruch gegen die Meinung Jesu recht klar und bis zu Ende durchdenken. Ich habe es euch schon bei anderen Anlässen gesagt: Wir müssen alles das, was wir gegen Jesus auf dem Herzen und im Kopfe haben, immer möglichst ehrlich herausarbeiten, daß uns fast nichts Anderes übrig bleibt, als ihm mit einem glatten: Nein! Wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche! [
Und nun sagt er uns: Seht, das ist’s ja gerade, daß ihr allesamt und immerdar sorgen müßt, daß eure ganze Welt durch und durch eine Sorgenwelt ist, daß ihr gar nicht anders könnt als sorgen und immerzu aufs neue sorgen, bis ihr nur noch den mageren Trost habt, daß man sich zeitweilig zerstreuen könne und daß der Tod euch einst von allen Sorgen erlösen werde, seht, das ist’s ja gerade, das ist ja eure tiefe Not, aus der Gottes Reich und Gottes Kraft euch erlösen will. Das weiß ich |331 wohl, sagt er uns, daß ihr sorgen müßt und zu eurer Sache sehen, solange eben jeder seine eigene Sache hat, solange das die Welt ist, daß jeder für sich selber sieht, der Reiche für sich und der Arme für sich, der Gescheite für sich und der Dumme für sich, ein jeder Stand für sich und jedes Volk für sich. Wenn dieses: jeder für sich! sein muß und es keine andere Welt gibt, dann hat allerdings mein «Sorget nicht!» für euch keinen Sinn, dann mögt ihr darüber lachen als über eine Torheit, wenn ihr wollt, oder ihr mögt euch traurig und sehnsüchtig davon abwenden wie von einem schönen, aber unmöglichen Traum.
Aber warum müßt ihr sorgen? warum kann’s nicht anders sein? warum ist eure Welt, eure Menschenwelt aufgebaut auf dem Grundsatz: jeder für sich!, der die Menschen zur Sorge einfach zwingt? Das ist die Frage. Seht10, es ist ganz die gleiche Sache wie bei Jesu wunderbarem Gebot: Liebet eure Feinde! [
Ja hat denn etwa Gott der Welt das Gesetz: Jeder für sich! gegeben!? Wenn dieses Gesetz gilt und die Wahrheit ist, dann muß freilich das Leben jedem Einzelnen, all den Einzelnen zu einer ungeheuren Last werden, die ihn immer tiefer zu Boden drückt, bis er endlieh sterben kann mit dem Bewußtsein: ich habe nicht gelebt, weil ich immer nur zu sorgen hatte für mein Leben. Da muß freilich das Zusammenleben der Menschen zum großen Kampf ums Dasein werden, Wettkampf, Konkurrenz, Vorsprung der Gewandteren, Zurückbleiben der Ungeschickteren, Sieg der Starken, Niederlage der Schwachen, Reichtum hier und Armut dort, gieriges Streben nach mehr und immer mehr hier, knauseriges Zusammenhalten dort, ängstliches Ringen um das Nötigste am dritten Ort. Auf und ab muß dieser Kampf wogen, hin und her die Menschen schleudern aus der Furcht in die Hoffnung und aus der Hoffnung wieder in die Furcht, und als Grundgefühl ihres Lebens, als die Haupttatsache ihres Daseins bleibt ihnen die Angst, die zitternde, fieberhafte Angst um ihre Sache. Ja, wenn das das Gesetz der Welt ist: Jeder für sich! und darum einer gegen den anderen!, dann zwingt uns die Welt zur Sorge.
Aber hat denn Gott das so gewollt und geordnet? Muß das so sein? Seht, da gibt uns Jesus die von Grund auf neue Antwort darauf: Nein, das muß nicht, nicht so sein. Nein, das hat Gott nicht so gewollt und geordnet. Diese Welt, die uns zur Sorge zwingt, ist nicht die Welt Gottes, sondern die Welt, die entstanden ist aus der Abkehr von ihm, diese Welt ist die Hölle. Gott ist ja die Liebe, wie sollte denn eine Welt des Kampfes sein Wille, sein Plan sein? Diese Welt haben wir Menschen uns errichtet in unserer Verblendung. Das ist der böse Traum, den wir |333 träumen: jeder für sich! Das ist der Knäuel, den wir verwickelt haben bis zur Sinnlosigkeit.
Gott ist die Liebe! [
Nein, sagt uns Jesus: es ist auch für euch. Sorget nicht! Gott will nicht, daß ihr sorgen müßt! Gott hat euch eine bessere Welt bereit! Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! [
Gott helfe uns einen fröhlichen Sprung tun aus dem Sumpf, wo es heißt: jeder für sich!, ins Himmelreich, wo es heißt: jeder für Gott!, und er schenke uns einen fröhlichen Anfang zu einem sorgenfreien Leben. An ihm fehlt’s nicht, wenn es zu dem Sprung und zu dem Anfang nicht kommen will!
- Nr. 23: «O Höchster, deine Gütigkeit» von
M. Jorissen (nach Ps. 36), Strophen 1-2 (= GERS [1952] 10,1-2) - Nr. 235: «Ich weiß, woran ich glaube» von
E. M. Arndt , Strophen 1.5 (= GERS [1952] 268,1.2; EG 357,1.4)
- Nr. 35: «Dir, dir, Jehovah, will ich singen» von
B. Crasselius , Strophen 1-3 (= GERS [1952] 56,1-3 und EG 328,1-3 mit geringen Textabweichungen) - Nr. 237: «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von
Ph. Nicolai , Strophen 6.7 (= GERS [1952] 255,6.7 und EG 70,6.7 mit Textabweichungen)