15. August 1915

Predigt: Matthäus 6,25-26

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Matthäus 6,25–26
Sorget nicht für euer Leben, was ihr essen und trinken werdet, noch für euren Leib, was ihr anziehen werdet. Ist nicht das Leben mehr denn die Speise und der Leib mehr denn die Kleidung? Sehet die Vögel unter dem Himmel an: sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, und euer himmlischer Vater ernährt sie doch. Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?
Liebe Freunde!

Was weht uns doch aus diesen Worten Jesu für eine frische, gesunde Luft entgegen! Sorget nicht! Nicht ums Essen und Trinken, nicht um |325 die Kleidung, nicht um das alles, was euch und den Eurigen nötig ist. Sorget nicht! Es lohnt sich nicht, es ist nicht recht, zu sorgen. Oh wie fängt da die schwere, klebrige Last, die auf der Seele liegt, an sich zu rühren und will wahrhaftig hinunterrutschen, und frei soll die Seele atmen dürfen! Das Leben ist doch mehr als die Speise und der Leib mehr als die Kleidung, der Mensch lebt doch, um zu leben, und nicht, um seine Zeit und seine Gedanken auszufüllen mit dem, was er zum Leben braucht.

Ja, natürlich ist’s so, warum wir das nur so lange nicht gemerkt, so lange den Wald vor Bäumen nicht gesehen haben! Und nun ertönt in das ernste, schwere Sorgen hinein auch noch das Geschrei und Gezwitscher der Vögelein. Die brauchen doch auch etwas zum Leben: Futter, ein Nest und ein Federkleid. Die sind so viel böser dran als wir Menschen, weil sie doch das alles nicht können, was wir können zum Unterhalt unseres Lebens: nicht säen, nicht ernten, nicht aufspeichern, nicht zählen, nicht rechnen, nicht sparen! Ach, wie müßten die erst sorgen um ihr Leben und ihren Leib! Und doch leben sie, ganz frech und unbesorgt: ja, das können und verstehen sie freilich besser als wir Menschen, einfach leben, einfach da sein, einfach die Freude des Daseins genießen als das, was sie sind, als kleine, dumme, unnütze Vögelein. Der liebe Gott ernährt sie schon: sie leben wirklich, um zu leben, sie machen’s ohne die Sorge. Und nun stehen wir großen Menschen daneben und gucken ihnen zu und fragen uns, wo diese Tierlein nur ihre Kunst hernehmen, und beneiden sie wohl ein wenig im Stillen.

Seht die Vögel unter dem Himmel an! Muß man nicht fast lachen, wenn man sich diesen Gegensatz und dieses Rätsel so recht ausdenkt? Aber es ist auch etwas recht Wehmütiges dabei: «Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie?» Wir könnten so viel besser dran sein als die Vögelein, könnten viel, viel mehr von unserem Leben haben als sie, könnten uns mit noch ganz anderer Freude unseres Daseins freuen, sind Menschen, Gottes erstgeborene Kinder, und nun müssen wir zusehen, wie wir gleichsam abgesetzt sind aus unserer ersten Stelle in der Schöpfung, wie unser himmlischer Vater sie, die unnützen Tierlein, ernährt, sie sich freuen läßt, sie ein wahrhaftiges Leben leben läßt ohne Sorge, ohne Last auf der Seele, ohne all den Plunder, mit dem wir beladen sind — und wir stehen da und sorgen uns! Ja, da liegt etwas tief Erschütterndes darin, daß das so ist! Da wird der frohe Spaß auf einmal wieder zum tiefen |326 Ernst. Warum muß dieser Gegensatz sein? Warum muß unser Leben ein Sorgenleben sein, wo wir doch Gottes Kinder sind? Sorget nicht!, sagt Jesus, und es ist ihm ernst damit, er sieht hinweg über den Gegensatz, er anerkennt die rätselhafte, unbegreifliche Kluft nicht, die da besteht zwischen den Geschöpfen der Natur und dem, der die Krone und der Herr der Natur sein sollte, dem Menschen. Jesus meint: es gibt wahrhaftiges Leben, Leben um des Lebens willen, Leben ohne Sorge auch für den Menschen. Ja seht, meine Freunde, auch in diesem Bibelwort handelt es sich eben wieder um die tiefste Frage für uns Menschen, um die Frage: wer sind wir eigentlich, und wie sind wir dran, und wie könnten wir dran sein? Und die Lichter tauchen auf in diesem Wort, und die Kräfte werden sichtbar, die uns in den Stand setzen, auf diese Frage ganz neue Antwort zu geben. Es handelt sich um unsere tiefste Not und um unsere völlige Erlösung, wenn Jesus uns sagt: Sorget nicht! Darum weht es uns aus diesem Wort entgegen wie Bergwind: so geheimnisvoll, so freudenreich, so zukunftsvoll.

Aber es ist merkwürdig: so gut wir eigentlich spüren, wie recht im Grunde dieses Wort hat, so stark ist auch der Drang, der sofort über uns kommt, ihm zu widersprechen, es zu widerlegen oder es doch mit vielen: Ja aber! zurückzuschneiden, bis es das Meiste von seiner Bedeutung verliert und schließlich Alles so ziemlich beim Alten bleibt. Es lehnt sich etwas in uns auf gegen dieses Wort, wie etwa gegen das Andere: liebet eure Feinde! [Mt. 5,44], das auch so von den Bergen herunter weht in unser heißes Tal. Tausend Gründe und Gründlein stehen auf da unten und erheben weise ihre Finger und schütteln bedächtig ihre Köpfe und wollen alle beweisen: das ist nichts für mich, nichts für uns! Überall wieder ein wenig anders, aber überall ganz merkwürdig mit dem gleichen Ergebnis.

Sieh da, die großen, reichen Herren und Damen: die, von denen du denkst, die haben es gut, wenn ich es so hätte, wollte ich auch nicht sorgen! Meinst du? Ja, sehen sie denn etwa sorgenlos aus, die Gesichter im Bureau, die Gesichter, die wir im Automobil durch unser Dorf fahren sehen von Zürich nach Genf in einem Tag2, die Gesichter, die aus den Zweitklaß-Fenstern der Eisenbahn gucken? O du liebe Einbildung! |327 Hör ihnen einmal zu, wie sie vom Geschäft reden und was das für Kummer und Gedanken mache, sich durchzuschlagen und immer zur rechten Zeit da zu sein und zuzugreifen und an sich zu reißen, bevor die anderen da sind, und was da alles für Hindernisse seien, besonders in dieser Zeit, und was das für eine Sache sei, heutzutage eine so große Haushaltung zu leiten und mit den Dienstboten auszukommen und die Kinder etwas Rechtes werden zu lassen und dann erst noch etwas übrig zu behalten für die alten Tage und für die Erben! Nein!, sagen die, für uns ist das nichts: sorget nicht!, wir müssen sorgen, wo käme man auch hin. Ich habe schon Herren gehört, die mir gesagt haben: die Arbeiter haben es gut, die brauchen nicht zu sorgen, die können nur immer ihren Lohn ziehen alle Zahltage, aber unsereins!

Aber das ist freilich eine dicke Lüge, nicht wahr, das wissen wir, der Arbeiter ist nicht der, der keine Sorge haben muß, das tönt ja wie eine Beleidigung. An den Fingern kann man es sich ja ausrechnen, wie schwierig das ist für einen gewöhnlichen Arbeiter, der sonst nichts hat, auszukommen mit seiner Familie jahraus jahrein. Das muß Einen ja plagen und verfolgen, wohin es geht, da muß ja das ganze Leben ein großes Blangen3 und Berechnen werden, und auch da heißt’s: in solchen Zeiten wie der jetzigen noch ganz besonders, ich brauche nicht zu sagen, warum. Sorget nicht!, das darf man dem Arbeiter nicht sagen, nicht wahr, er muß sorgen, er, der aus der Hand in den Mund zu leben hat.

Und nun gehen wir zu denen, die in der Mitte sind zwischen beiden, zu denen, von denen das schöne Sprüchlein gilt: Armut und Reichtum gib mir nicht, laß mich aber mein bescheiden Teil Speise hinnehmen [Spr. 30,8], also zu den Bauern und Handwerkern, die wohl auch streng arbeiten müssen, aber doch gegen das Schlimmste vorläufig gesichert sind, zu den Lehrern und Beamten und in die Pfarrhäuser, wo eine feste Besoldung einen Wall gegen die Kümmer [sic] und Aufregungen des Daseinskampfes zu bilden scheint, auch zu den einzelstehenden Personen und kleinen Familien, die etwas auf der Seite haben, auch wenn es kein Vermögen ist. Ja, die haben es am besten, rufen die Reichen von rechts und die Armen von links, die könnten vielleicht daran glauben und damit ernst machen: Sorget nicht! Aber die beklagen sich schön, |328 wenn man ihnen das zumutet, wenn man gerade ihnen das Recht, sich zu sorgen, nehmen will. Nein, tönt es auch von dieser Seite: auch wir, gerade wir müssen sorgen! Die Anderen haben es gut. Die Reichen sind versorgt, und die Armen können sich helfen lassen, wir aber sind auf uns selbst angewiesen und müssen zu unserer Sache sehen4 und müssen Tag und Nacht daran studieren, daß unser «bescheiden Teil» nicht abnimmt, sondern womöglich umgekehrt. Und in der Tat ist das Jammern und beständige Rechnen und das Ängsten um die liebe eigene Sache und wie es noch damit kommen könnte, in Wirklichkeit nirgends so verbreitet wie gerade hier.

So hat man eben überall Gründe, Jesus zu antworten: wir müssen sorgen!, gerade wie man überall Gründe hat, ihm zu antworten: Ich kann meine Feinde nicht lieben! Wir machen es auch zu allen Zeiten gleich. Ist das Jahr gut und laufen die Geschäfte, dann ist es uns viel zu dumm, uns mit den Vögeln des Himmels zu vergleichen, dann flüstert uns die Sorge zu: Mehr! Mehr! Nimm, nimm! benütze die Zeit, mach, was du kannst! Kommen dagegen böse Zeiten und steigt uns das Wasser bis an den Hals, dann haben wir erst recht keine Muße, auch nur darüber nachzudenken, ob es jetzt noch etwas Anderes geben könnte als die Sorge, die unruhig plaudert: Studier! Studier!5 Sieh wohl zu, wie das gehen soll! Das kommt nicht gut!, und fast zornig macht es uns dann, in der Bibel zu lesen und von der Kanzel herab zu hören: Sorget nicht! Der Heiland hat offenbar wenig vom Leben verstanden und wie es unsereins zumute ist. Wir sorgen uns natürlich jetzt in der teuren Kriegszeit; wir werden uns aber auch sorgen, wenn einmal wieder Friede ist. Kurzum: Wir sorgen uns alle und wir sorgen uns immer.

Das ist das Erste, was wir uns ganz klar sagen müssen, wenn wir das Wort Jesu auch nur einmal verstehen wollen. Wir können dieses Wort nicht von uns abschieben damit, daß wir sagen: ja, wenn ich’s so hätte wie dieser und jener, dann wollte ich nicht mehr sorgen, oder: ja, wenn’s mir einmal besser gehen wird, dann will ich’s nicht mehr tun. Nein, man könnte uns alle miteinander vertauschen, jeden in die Haut eines Anderen schlüpfen lassen nach eines Jeden Belieben, und am Tage darauf oder am selben Tage wären die kummervollen Augen, die stei|329fen, glanzlosen Geschäftsgesichter, die unruhigen Gedanken doch wieder da, und wenn es heute Manna regnen würde für groß und klein wie bei den Israeliten in der Wüste [Ex. 16], wir würden morgen doch wieder dastehen und studieren: was nun, und wie komme ich zu meiner Sache! Und im Chor würden wir alle miteinander sagen: wir müssen sorgen; es geht nicht anders!, wie wir es jetzt tun. Die Einladung Jesu: Sorget nicht! gilt also uns allen insgesamt und unter allen Umständen, und wir würden gut tun, sie nicht fernerhin eins dem anderen zuzuwerfen wie einen Spielball: probier du’s, wenn du kannst! Ja, wer «sorgt» denn nicht? Die6 Zigeuner vielleicht, die halten’s freilich wie die Vögel unter dem Himmel, sie säen nicht, sie ernten nicht, sie sammeln nicht in die Scheunen, die leben nur, um zu leben, und wollen um keinen Preis ihre Wanderschaft durch den schönen grünen Wald vertauschen mit dem, was wir ein geordnetes Arbeitsleben nennen. Aber die Zigeuner nennen wir eben Narren und Lumpen und haben wohl ganz recht damit. Das geht eben nicht; eine solche sorglose Lebensweise in den Tag hinein ist gerade so unmöglich, wie wenn z.B. jetzt im Krieg die Schweiz ihr Militär von der Grenze zurückziehen wollte, um dadurch von dem ganzen Leid und Unrecht des Krieges rein zu bleiben oder zu werden. Wir haben doch wohl das deutliche Gefühl: da nimmt man sich ein Recht, das man in dieser Welt einfach nicht hat. In dieser Welt muß man sich wehren, um leben zu können, leider, aber man muß. Es gibt ja auch außer den Zigeunern gelegentlich solche Sorglose, die vielleicht keine üblen Leute sind, aber sparen und haushalten können und wollen sie nun einmal nicht. Unwillkürlich müssen wir an die Vögel des Himmels denken, denen sie wirklich gleichen, unwillkürlich beneiden wir sie fast ein bißchen. Aber gerade achten können wir sie nicht, nicht wahr, wieder sagt uns ein deutliches Gefühl: in dieser Welt muß man sparen, haushalten, muß man die wirtschaftlichen, materiellen Fragen sehr, sehr ernst nehmen, muß man zu seiner Sache sehen, muß man sorgen.7 Es geht nicht anders. Bei Hoch und Niedrig. Bei den Ungläubigen und bei den Frommen. Heute und morgen.

Ja, was nun? So stoßen wir eben insgesamt die Einladung Jesu: Sorget |330 nicht! zurück und sagen: Nicht für uns! Nicht für diese Welt! In dieser Welt muß man sorgen! In dieser Welt herrscht nun einmal der Kampf ums Dasein8, und wer nicht alle seine Kräfte dafür einsetzt, alle seine Gedanken und Wünsche und Hoffnungen darauf richtet, zu seiner Sache zu kommen, der kommt eben einfach hintenab. Ein wenig Gottesliebe in der Kirche oder Kapelle9, ein wenig Nächstenliebe und Hilfsbereitschaft, ein wenig Freude an der Natur und an den Gütern des geistigen Lebens, ein wenig Laune und Übermut und ein gelegentlicher fröhlicher Seitensprung in der Jugend, gut, das kann man sich leisten, das sind ganz schöne Verzierungen des Lebens, das mag Alles nebenbei sein und gelten, aber bitte die Hauptsache nicht zu vergessen, daß man zu seiner Sache kommen muß und sich für das Seine wehren muß, bitte die Sorge: die Geschäftssorge, die Geldsorge, die Familiensorge nicht wegnehmen aus dem Mittelpunkt des Lebens, in den sie nun einmal hingehört. Bitte das nicht: man lebe, um zu leben, das ist wahr für die Vögel und für die Zigeuner und andere Lumpen, aber nicht für rechte Menschen. Ein rechter Mensch lebt, ja es ist nun einmal so, um zu sorgen. Das ist ein Lebensinhalt und Lebenswert. So ist nun einmal die Welt der rechten Menschen eingerichtet! Müssen wir nicht wirklich Jesus so antworten? Ich möchte, daß wir alle diesen unseren Widerspruch gegen die Meinung Jesu recht klar und bis zu Ende durchdenken. Ich habe es euch schon bei anderen Anlässen gesagt: Wir müssen alles das, was wir gegen Jesus auf dem Herzen und im Kopfe haben, immer möglichst ehrlich herausarbeiten, daß uns fast nichts Anderes übrig bleibt, als ihm mit einem glatten: Nein! Wir wollen nicht, daß dieser über uns herrsche! [Lk. 19,14] zu antworten. Dann und nur dann sind wir im Stand, dem auf die Spur zu kommen, was er uns eigentlich zu sagen hat.

Und nun sagt er uns: Seht, das ist’s ja gerade, daß ihr allesamt und immerdar sorgen müßt, daß eure ganze Welt durch und durch eine Sorgenwelt ist, daß ihr gar nicht anders könnt als sorgen und immerzu aufs neue sorgen, bis ihr nur noch den mageren Trost habt, daß man sich zeitweilig zerstreuen könne und daß der Tod euch einst von allen Sorgen erlösen werde, seht, das ist’s ja gerade, das ist ja eure tiefe Not, aus der Gottes Reich und Gottes Kraft euch erlösen will. Das weiß ich |331 wohl, sagt er uns, daß ihr sorgen müßt und zu eurer Sache sehen, solange eben jeder seine eigene Sache hat, solange das die Welt ist, daß jeder für sich selber sieht, der Reiche für sich und der Arme für sich, der Gescheite für sich und der Dumme für sich, ein jeder Stand für sich und jedes Volk für sich. Wenn dieses: jeder für sich! sein muß und es keine andere Welt gibt, dann hat allerdings mein «Sorget nicht!» für euch keinen Sinn, dann mögt ihr darüber lachen als über eine Torheit, wenn ihr wollt, oder ihr mögt euch traurig und sehnsüchtig davon abwenden wie von einem schönen, aber unmöglichen Traum.

Aber warum müßt ihr sorgen? warum kann’s nicht anders sein? warum ist eure Welt, eure Menschenwelt aufgebaut auf dem Grundsatz: jeder für sich!, der die Menschen zur Sorge einfach zwingt? Das ist die Frage. Seht10, es ist ganz die gleiche Sache wie bei Jesu wunderbarem Gebot: Liebet eure Feinde! [Mt. 5,44]. Denkt euch, das liest oder hört nun einer in einem Schützengraben, und da drüben, 30 Meter weit entfernt, liegt der sogenannte Feind, auf den er schießen und der auf ihn schießen muß. Denkt euch, das wird nun gelesen und gepredigt in einer der unzähligen christlichen Kirchen der kriegführenden Völker oder würde hier bei uns gepredigt, im Fall11 wir auch in den Krieg verwickelt wären. Ja, das ist doch ganz klar, daß das Wort Jesu seinen Sinn verloren hat, sowie man sich einmal entschlossen hat, Krieg zu führen. Da kann man, von einzelnen rührenden Ausnahmen abgesehen, seinen Feind nicht mehr lieben, sondern muß ihn hassen, schädigen, ihn zu vernichten suchen auf alle Weise. Man muß! Das ist eben der Krieg. Wer A sagt, muß auch B sagen. Da wird das Wort Jesu aus einem Gebot zu etwas ganz Anderem, viel Größeren und Tieferen, zu der Mahnung und Verheißung: oh, ihr armen Menschenkinder, warum habt ihr A gesagt? warum muß überhaupt Krieg sein? warum müßt ihr überhaupt so miteinander leben, daß es zum Krieg kommen muß und immer wieder kommen wird? warum sieht’s in eurer Seele so aus, daß ihr gar nicht anders miteinander leben könnt als so, warum? Warum dieses falsche Ganze eures Lebens? warum diese verkehrte Welt, die ihr euch errichtet habt? Heraus aus der verkehrten Welt, in der man seine Feinde hassen |332 muß! — das bedeutet der Ruf: Liebet eure Feinde!, und darum steht er in dieser verkehrten Welt da wie eine völlige und unmögliche Neuheit.12 So ist’s auch mit dem anderen Ruf: Sorget nicht! O, wir wollen doch das nicht meinen: Jesus habe das Leben und die Welt nicht gekannt, habe das nicht gewußt, daß wir nicht anders können als sorgen in dieser Welt, daß wir alle B sagen müssen, nachdem einmal A gesagt ist. Wenn wir ihm im Chor antworten: Es geht nicht!, so entgegnet er uns ganz ruhig: ja, es geht wirklich nicht! Aber warum geht’s nicht? Woher dieser Zwang, der euch zwingt zum Sorgen?

Ja hat denn etwa Gott der Welt das Gesetz: Jeder für sich! gegeben!? Wenn dieses Gesetz gilt und die Wahrheit ist, dann muß freilich das Leben jedem Einzelnen, all den Einzelnen zu einer ungeheuren Last werden, die ihn immer tiefer zu Boden drückt, bis er endlieh sterben kann mit dem Bewußtsein: ich habe nicht gelebt, weil ich immer nur zu sorgen hatte für mein Leben. Da muß freilich das Zusammenleben der Menschen zum großen Kampf ums Dasein werden, Wettkampf, Konkurrenz, Vorsprung der Gewandteren, Zurückbleiben der Ungeschickteren, Sieg der Starken, Niederlage der Schwachen, Reichtum hier und Armut dort, gieriges Streben nach mehr und immer mehr hier, knauseriges Zusammenhalten dort, ängstliches Ringen um das Nötigste am dritten Ort. Auf und ab muß dieser Kampf wogen, hin und her die Menschen schleudern aus der Furcht in die Hoffnung und aus der Hoffnung wieder in die Furcht, und als Grundgefühl ihres Lebens, als die Haupttatsache ihres Daseins bleibt ihnen die Angst, die zitternde, fieberhafte Angst um ihre Sache. Ja, wenn das das Gesetz der Welt ist: Jeder für sich! und darum einer gegen den anderen!, dann zwingt uns die Welt zur Sorge.

Aber hat denn Gott das so gewollt und geordnet? Muß das so sein? Seht, da gibt uns Jesus die von Grund auf neue Antwort darauf: Nein, das muß nicht, nicht so sein. Nein, das hat Gott nicht so gewollt und geordnet. Diese Welt, die uns zur Sorge zwingt, ist nicht die Welt Gottes, sondern die Welt, die entstanden ist aus der Abkehr von ihm, diese Welt ist die Hölle. Gott ist ja die Liebe, wie sollte denn eine Welt des Kampfes sein Wille, sein Plan sein? Diese Welt haben wir Menschen uns errichtet in unserer Verblendung. Das ist der böse Traum, den wir |333 träumen: jeder für sich! Das ist der Knäuel, den wir verwickelt haben bis zur Sinnlosigkeit.

Gott ist die Liebe! [1.Joh. 4,8.16], sagt uns Jesus. Gott hat seine Geschöpfe zur Eintracht geschaffen, zur Harmonie, zur Gemeinschaft, zur Brüderlichkeit, das ist seine heilige Ordnung. Würden wir nach dieser Ordnung leben statt nach unserem: jeder für sich!, dann gäbe es keinen Daseinskampf und darum auch keine Sorge, wir müßten wohl auch arbeiten und würden es mit Freuden tun, aber das Hastige, Trübselige, Dumpfe, Gierige würde aus unserer Arbeit verschwinden, wir könnten dann viel, viel Zeit und Gedanken übrig haben für anderes als für unseren Lebensunterhalt, wir könnten dann endlich damit anfangen, zu leben, um zu leben, wahrhaftig zu leben. Ja wahrhaftig, Gott hat uns bestimmt für ein sorgenloses Leben. Sehet die Vögel unter dem Himmel an! In der Natur ist Harmonie, und darum ist Überfluß in der Natur. Und weil Überfluß, darum auch wirkliches Leben und Daseinsfreude. So haben am Ende doch die Vögel unter dem Himmel samt ihren Kameraden, den Zigeunern, den lieben Gott besser verstanden als wir braven, rechten Menschen? Sind dem Himmelreich näher als wir, obwohl wir sie allesamt und mit Recht als Lumpen betrachten müssen? Einfach weil sie etwas gemerkt haben von der schönen Gotteswelt der Sorglosigkeit, die da anfängt, wo das «für sich» aufhört! Seid ihr denn nicht viel mehr denn sie? Soll denn das Himmelreich ewig nur für die Spatzen und Zigeuner sein und für die, die leider nicht sparen und rechnen können, während wir anderen alle in der Sorgenhölle bleiben müssen?

Nein, sagt uns Jesus: es ist auch für euch. Sorget nicht! Gott will nicht, daß ihr sorgen müßt! Gott hat euch eine bessere Welt bereit! Kommet her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid! [Mt. 11,28]. Und diese neue Welt hat Jesus selbst gebracht: mit dem Geist der Gemeinschaft und der Bruderliebe, der in ihm war und von ihm ausging, fing eine neue Zeit an für die Mühseligen und Beladenen. Eine Zeit, wo ein neues Lebensfundament gelegt wurde: Keiner für sich, Alle für Gott, Einer für Alle, Alle für Einen!13 Alle für die große Sache des Got|334tesreiches. Auf diesem Fundament wurde das Leben lebenswert, die Sorge klein und kleiner, bis sie gar nicht mehr da war. Auf diesem Fundament konnten die verknorzten, verdrückten Seelen der um ihren Unterhalt bekümmerten Menschlein aufleben und zum Blühen kommen. Sieh, diese neue Welt, dies neue Leben bringt Jesus auch uns. Noch erscheint es uns erst von ferne. Noch erscheint es uns als etwas Unmögliches, weil es etwas so ungeheuer Großes ist. Noch möchten wir dagegen schreien und wüsttun14: Narrheit, Narrheit!, weil es eben kein Flickwerk ist, was uns da gebracht wird, sondern ein neues Ganzes. Noch können wir nur einmal daran glauben, daß diese Welt Gottes die wahre Welt ist. Noch können wir nur erst versuchen, als innerlich von der Sorge gelöste, weil an Gott gebundene Menschen sein Licht leuchten zu lassen, in kleinen Dingen, in denen wir bis jetzt Sorgenmenschen waren, uns als Freiere zu bewähren. Ach wenn wir doch nur einmal erst recht fest daran glaubten. Der Glaube an die neue Welt ist’s, der die alte aus den Angeln hebt. Um den Glauben müssen wir bitten. Der Glaube bleibt dann von selbst nicht leer. Der Glaube fängt von selbst an, die neue, sorgenlose Welt zu bauen mitten drin in der alten Sorgenwelt, besser als die Vögel und die Zigeuner es können. Die unerlöste Welt wartet auf Menschen, denen sie diesen Glauben anspüren könnte. Sofort und schon jetzt bekommen wir’s dann zu kosten, daß die Welt Gottes wirklich die bessere Welt ist.

Gott helfe uns einen fröhlichen Sprung tun aus dem Sumpf, wo es heißt: jeder für sich!, ins Himmelreich, wo es heißt: jeder für Gott!, und er schenke uns einen fröhlichen Anfang zu einem sorgenfreien Leben. An ihm fehlt’s nicht, wenn es zu dem Sprung und zu dem Anfang nicht kommen will!

Amen.
335 Lieder:

Safenwil:

  • Nr. 23: «O Höchster, deine Gütigkeit» von M. Jorissen (nach Ps. 36), Strophen 1-2 (= GERS [1952] 10,1-2) 🎵
  • Nr. 235: «Ich weiß, woran ich glaube» von E. M. Arndt, Strophen 1.5 (= GERS [1952] 268,1.2; EG 357,1.4) 🎵

Ürkheim:

  • Nr. 35: «Dir, dir, Jehovah, will ich singen» von B. Crasselius, Strophen 1-3 (= GERS [1952] 56,1-3 und EG 328,1-3 mit geringen Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 237: «Wie schön leucht’t uns der Morgenstern» von Ph. Nicolai, Strophen 6.7 (= GERS [1952] 255,6.7 und EG 70,6.7 mit Textabweichungen) 🎵

Sachfußnoten

1
Wie schon am 25. Juli vertrat Barth seinen Nachbarkollegen Paul Schild.↩
2
Die schweizerische Hauptstraße Nr. 1 Kreuzlingen — Zürich — Bern — Lausanne — Genf führt durch Safenwil.↩
3
= ungeduldiges Erwarten, Ersehnen.↩
4
= mit unserem Besitz oder unseren Angelegenheiten sorgsam umgehen.↩
5
= Sinne nach! Sinne nach!↩
6
Der hier beginnende Passus ist nachträglich mit Blaustift eingeklammert, vermutlich weil Barth ihn bei der Wiederholung in Ürkheim überspringen wollte.↩
7
Ende des eingeklammerten Passus.↩
8
Siehe oben S. 176, Anm. 3.↩
9
«Kapellen» wurden die Versammlungsräume freikirchlicher, meist pietistischer Gruppen genannt.↩
10
Hier beginnt ein weiterer mit Blaustift eingeklammerter Passus.↩
11
Die Verwendung des Ausdrucks «im Fall» im Sinne «gesetzt den Fall, daß…» ist im Schweizerischen gebräuchlich.↩
12
Ende des eingeklammerten Passus.↩
13
Devise der Genossenschaftsbewegung. Vgl. Raiffeisenkredit in Europa. Ein Beitrag zum 150. Geburtstag von F. W. Raiffeisen. Überreicht von den europäischen Raiffeiseninstituten an den Deutschen Raiffeisenverband anläßlich des Welt-Raiffeisentages, Frankfurt/M. im Juni 1968, S. 58f. 📖: «Dadurch, daß die unbeschränkte Haftpflicht Ausgangspunkt und jahrzehntelang Kern des Genossenschaftwesens Raiffeisen war, wurde den Mitgliedern stets zum Bewußtsein gebracht, daß sie
Einer für Alle und Alle für Einen
einzustehen hätten. Nicht Appell an den Staat, nicht Drängen auf Mitleid heißt die Parole Raiffeisens, sondern Selbsthilfe bei gleichzeitigem Verzicht auf eine kapitalistische Gewinnmaxime.»↩
14
= sich ungebärdig verhalten.↩