14. Mai 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Ich war gestern nicht in Suhr [am Missionsfest] zu deinen Füßen. Nelly fand, ich könnte mich jetzt auch wieder einmal der Familie widmen, und so trank ich denn im Kreise der Meinigen schwarzen Kaffee unter dem Apfelbaum, rauchte, Fränzelis Gehversuche beaufsichtigend, eine Himmelfahrtspfeife [und] las in Spittelers «Olympischem Frühling» 📖.1 […]

Unser Auftreten in Bern war eigentlich kein Heldenstück, wa? Wir hatten ja natürlich recht (wie fast immer), aber «es» quoll doch nicht gerade freudig, überzeugend und befreiend, sondern die Frauen fanden scheints, es sei schade, daß man auf den schönen Vortrag [von v. Greyerz] überhaupt diskutiert habe, und die Theologen sollten dergleichen unter sich abmachen. Da haben wirs! Die Theologen! Hast du nicht auch das Gefühl gehabt, wir müßten uns in acht nehmen, nicht in eine gewisse steile Gnostik zu geraten? Etwas an der Replik von Greyerz hat bei all seiner Unsachlichkeit bei mir gesessen. Ich habe darum, als ich heimkam, gierig nach Spitteler gegriffen, schon um meinen Vorstellungskreis einmal wieder gehörig durcheinanderzuschütteln. […] Ich habe großes Verlangen, es nun wieder einmal in andern Formen zu denken und zu sagen. Meine Himmelfahrtspredigt litt unter diesem Zwiespalt. Übermorgen predige ich über Mark. 4,11–12. Wer weiß, auf was für Geleise ich da gerate.

Eben habe ich einen Artikel über den «Frieden» (für die «Glocke»2) verfaßt. Es kommt allerlei darin vor: Rade und die streitenden Zürcher Propheten ziehen über den Hintergrund, die Helvetische Gesellschaft tritt auf, und zum Schluß rauscht der liebe Gott als mächtiger «Wasserfall». Ich freue mich aufs Wieder|43sehen am Montag. […] Aber auf den 31. mich nach Aarau zu locken, soll den Kollegen nicht gelingen. Ich will jetzt absolut in die Stille!

Trotz roter Äpfel, goldnem Honigseim
Ich möchte heim!3
Mit herzlichem Gruß
dein Mitpilger
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Carl Spitteler, Olympischer Frühling, 2 Bände, achtes Tausend der umgearbeiteten Ausgabe, Jena 1914. 📖 ↩
2
K. Barth, Friede, in: Die Glocke, Jg. 23, Juni 1915, S. 55f. 📖 ↩
3
K. Gerok, Ich möchte heim, in: ders., Palmblätter, Jubiläums-Ausgabe (10. Auflage), Stuttgart 1892, S. (66–) 67. 📖 Die vierte der fünf Strophen des Gedichtes endet mit den Zeilen:
«Trotz Purpuräpfeln, goldnem Honigseim: Ich wollte heim.»↩