Predigt: Kolosser 3,1-4 (Himmelfahrt)
Christus ist verborgen in Gott. Wer es ohne ihn machen will in dieser Welt, der kann es. Wer sich seinem Wort und seiner Wirkung entziehen will, der braucht ihn nicht zu sehen und zu hören. Wer sich nicht mit ihm auseinanderzusetzen begehrt, der darf es bleiben lassen. Christus weilt nicht mehr auf Erden als ein Mensch, mit dem man rechnen muß. Er wird uns nirgends und nie begegnen und uns zur Rede stellen. Er wird nichts mit uns oder gegen uns unternehmen. Er drängt sich uns nicht auf, und er mischt sich nicht in unser Wesen. Er hat ja schon, als er noch als ein Mensch über die Erde ging, sozusagen nichts dergleichen getan. Sein Leben war schon damals ein merkwürdig verborgenes Leben. Eine Weile war er im Begriff, ein berühmter und einflußreicher Mann zu werden. Aber gerade das wollte er nicht. Und er wurde es auch nicht. Sein Leben ist merkwürdig geräuschlos an der großen Welt vorübergegangen. So geräuschlos, daß die Geschichtsschreiber jener Zeit kaum mit ein paar Worten von ihm Notiz genommen haben. Vor einigen Jahren ist die Behauptung aufgetaucht, nicht zum ersten Mal, Christus habe überhaupt nie gelebt.1 So verborgen war sein Leben. Und es ist erst recht verborgen seit seinem Abschied aus diesem Erdendasein, dessen wir am heutigen Tag gedenken. Er hat nichts Hörbares, Sichtbares, Greifbares hinterlassen, kein Testament, keine Lehre, kein Gesetz, keine Politik, keine Nachfolger, von denen man nun einfach sagen könnte: da ist Christus, so denkt, so redet, so handelt er. Auch das Sichtbare und Hörbare am sogenannten Christentum, an den ver|193schiedenen Kirchen und Gemeinschaften, die sich nach seinem Namen nennen, sind Menschen und Menschenmachwerke, ist nicht er selbst. Die Menschenwelt ist wieder unter sich seit der Himmelfahrt. Diese Welt, die dort in
Und mit ihm das Leben der Seinigen. Der Jünger kann ja nicht über seinen Meister sein [
Eben verborgen, wie das Leben Christi selbst! Wir können so wenig damit anfangen, denn es will so gar nicht passen zu dem, was wir im Leben notwendig haben. Es hilft uns nicht beim Geldverdienen und nicht beim Rechthaben und Streiten. Es verschafft uns keine besonderen Freuden, und es ist uns gar nicht immer ein Trost, wenn es uns bös geht. Es bleibt still zurück beim Allermeisten, was wir sagen und machen und wo wir hingehen. Es ist oft tagelang, wochenlang, jahrelang, wenn wir so recht in den Sorgen und Zänkereien und Vergnügungen drin sind, wie verschwunden. Es gibt Augenblicke genug in unserem Leben, wo wir gleichsam uns selbst auf den Boden sehen und uns gestehen müssen: da ist Leidenschaft, da ist Klugheit, da ist Selbstbewußtsein, aber da ist nichts, gar nichts von dem Leben in der Gemeinschaft mit Gott, von dem Leben in der Liebe, das unser tiefstes, eigentlichstes, wahrstes Leben ist. So verborgen ist es! Und wenn nur einmal etwas hervorbricht von diesem verborgenen Leben in dir, wenn du dir bewußt bist: Jetzt muß ich Gott gehorchen, jetzt muß ich aus Liebe zu ihm so und nicht anders reden oder handeln, wenn du dich freust über gar nichts Anderes als über das Höchste und Tiefste des Lebens, über Gottes Größe und darüber, daß du zu ihm gehörst, wenn dir dieses Bewußtsein nur einmal die Kraft gibt, durch etwas recht Schweres siegreich hindurchzugehen, — wenn also aus deinem Innersten die Kräfte Gottes emporsteigen an eine ganz andersartige Oberfläche, wie die kleinen Luftkugeln aus dem Wasser eines tiefen Brunnens zum Licht emporsteigen — dann, ja dann verstehen dich doch wieder die meisten Menschen nicht, begreifen nicht, warum du jetzt so handelst, wie du’s tust, begreifen nicht, worüber du dich freust, begreifen nicht, was dich stark macht, und erklären sich Alles auf eine törichte, kleinliche, äußerliche Weise. Sie sehen eben nur das Äußerliche und wissen es nicht anders zu deuten. So verborgen ist das tiefste, eigentlichste Leben in uns! So verborgen, daß auch du selbst es nicht zu durchschauen vermagst. Was weißt du denn eigentlich von diesem Besten, was in dir ist? Das, was du am meisten an dir schätzest: deine Arbeit, deine Rechtschaffenheit, deine Frömmigkeit, deine Grundsätze, das mag alles gut sein, aber das ist alles wahrscheinlich nicht das Göttliche in dir. Das bricht viel|195leicht hervor in Augenblicken, wo weder du selbst noch die Anderen es ahnen: in einem Blick, in einer Gebärde, in einer unüberlegten raschen Handlung, vielleicht in einem Wort oder in einer Tat, die du nachher als unklug und ungut beurteilst und verwirfst, vielleicht in einem Seufzer, in einem Zornausbruch, die scheinbar gar nicht zu deinem Leben passen und dir Verlegenheiten und Vorwürfe einbringen — da hast du, unbewußt dir selber, das tiefe, wahre Leben in dir offenbaren müssen, es ist ohne und gegen deinen Willen etwas an dir und in dir zum Vorschein gekommen von der Güte Gottes, vom Leben Christi. Wer nichts merkt, merkt nichts.
Es muß eben ein verborgenes Leben sein, das Leben Christi in der Welt und in uns. Nicht weil er die Verborgenheit liebte und nur für die Verborgenheit bestimmt wäre. Das Leben Christi ist kein Veilchen. Aber darum, weil in ihm eine ganz neue Welt anbricht, die neue Augen braucht, um überhaupt gesehen zu werden, neue Menschen, ein neues Ich, um unter uns und in uns wirksam zu werden. Darum, weil es ein Leben in Gott ist. Gott liebt die Menschen mit einer ewigen Liebe und geht ihnen nach mit unbegrenzter Güte und Geduld. Die Erscheinung Christi unter uns und das göttliche Leben, das wir in uns tragen, sind die Zeugnisse dafür. Aber wir Menschen gehen unsere eigenen Wege, obwohl Gott uns kennt und wir ihn. Wir suchen uns selbst, obwohl wir im tiefsten Grunde ja nur Gott suchen können. Wir glauben an die Unwahrheit, obwohl Alles in uns nach Wahrheit schreit. Wir ersetzen die Liebe durch das Selbstbewußtsein und die Selbstgefälligkeit, obwohl unser armes Herz nach Liebe lechzt. Wir bauen uns nach unserem eigenen verworrenen Plan eine Welt auf, die uns ewig fremd bleiben wird, eine Welt von Trotz und List, Unrecht und Gewalt, Leidenschaft und Zwang, und nennen sie: unsere Welt, die Welt, neben der keine andere möglich ist, und leben tatsächlich in dieser Welt. Wir leben in einer Welt, in Verhältnissen, die ihren Halt und Grund darin haben, daß wir Gott den Rücken gewendet, daß wir seine Gaben und Kräfte in ihr Gegenteil verwandelt haben. Darum ist Krankheit und Tod in der Welt, darum Zank und Unzufriedenheit, darum Armut und Krieg. Sollte das Leben in Gott in dieser Welt drin ein anderes sein als eben ein verborgenes? Ja, was soll denn Gott zu uns und zu unserer Welt sagen? Er kann ihr nur seinen Willen gegenüberstellen, eine neue Welt, eine Welt auf ganz anderen Grundlagen zu schaffen. Er kann uns nur die Verhei|196ßung geben: siehe, ich mache Alles neu! [
Aber das ist ja klar, daß er in dieser ihm fremden Welt selber nur als ein Fremder erscheinen kann, als einer, der eben gar nicht dahinein paßt. Das ist klar, daß er in unseren Verhältnissen, Sorgen, Aufregungen als ein verborgenes, unbegreifliches Wesen erscheinen muß, mit dem wir nichts Rechtes anzufangen wissen. Gott kann nicht Gestalt annehmen in unserem Leben und Wesen. Wo das Geld klirrt und die Kanonen donnern und die spitzen Schreibfedern kratzen und die wilden, zornigen Worte hin und her fliegen, da kann er sich nicht zeigen, da kann er nur verborgen warten. Wir können ihn auch nicht brauchen, weder zum Profitmachen, noch zum Politisieren, noch zum Zanken, noch zum Kriegführen — wir können das alles tun, aber wir spüren dabei: wir tun das besser ohne Gott. Es ist wahr: Wir fühlen uns bei dem allem gleichsam von Gott abgeschüttelt; er kann uns dabei nicht brauchen und wir ihn auch nicht. Gott wartet, wie lange es noch gehen werde, bis die Sehnsucht nach seiner Welt in uns erwacht. Und niemand kennt Gott, der diese Sehnsucht nicht hat. Niemand kennt ihn überhaupt, der den Glauben nicht hat, daß er Alles neu machen will. Niemand, der nicht die Augen emporhebt über unsere Welt der Eitelkeit und Selbstsucht.
Das ist das Geheimnis Christi, daß er lebte in Gott, daß er über die Menschenwelt hinaussah in die Gotteswelt hinein, daß er nur diese Gotteswelt der Liebe und Güte ernst nahm. Nur dafür lebte er, den Menschen zu zeigen, daß etwas ganz Neues von Gott her im Kommen ist, und sie auf das ganz Neue vorzubereiten. Eben darum nimmt ihn aber auch die ganze alte Welt nicht ernst. Sie würde ihn ernst nehmen, wenn er mitrechnen, miteifern, mitstreiten würde wie ein anderer Mensch. Nun aber läßt er von all diesem Tun und stellt an seinen Platz den schlichten Gehorsam gegen Gott selbst und die Hoffnung auf sein ewiges Reich. Ja, das zählt freilich nicht, daran kann die Welt nur achselzuckend vorübergehen.
Und so ist’s auch mit jenem göttlichen Leben in uns selber, das uns an Christi Seite stellt. O, das wahrhaft Göttliche in uns, das ist nicht eine Tugend oder Eigenschaft, die wir selbst oder Andere mit Menschengedanken erfassen, nach Menschenweise gebrauchen könnten. Das |197 wahrhaft Göttliche in uns ist vielmehr eine Aussicht, eine Sehnsucht, ein Griff in eine andere, ganz andere Welt hinein, ein Stück Güte, Vertrauen, Aufrichtigkeit, Tapferkeit, die in dies Leben eigentlich gar nicht paßt, das hier ein wahres Wunder ist und darum notwendig den Anderen und oft, sehr oft uns selbst ein Rätsel ist und bleibt. Wir sind mit Christus gestorben, ausgelöscht, nichtig gleichsam, vor uns selbst und vor der ganzen Menschenwelt, und unser Leben, unser Bestes und Tiefstes ist mit ihm verborgen in Gott.
Wir könnten nun freilich fortfahren und sagen: ja, Christus ist uns verborgen, und unser eigenes höheres Leben ist uns verborgen und paßt nicht in unsere Welt und zu unserem Dasein, und darum wollen wir essen und trinken, zanken und Geld verdienen, politisieren und Krieg führen, ohne uns durch Christus und jenes Höhere in uns stören [zu] lassen. Wir könnten, zwischen den zwei Welten stehend, zwischen unserer Welt, die uns sichtbar umgibt, und der Welt Gottes, die unsichtbar auf uns wartet, wählen und uns für die sichtbare, hörbare, greifbare Menschenwelt entscheiden. Wir können sagen: jetzt gilt das, was wir brauchen, verstehen und anpacken können; das Andere, das Höhere, Christus mag im Himmel recht haben, im Jenseits, wenn es eines gibt, aber jetzt können wir ihn nicht ernst nehmen. Es gibt sehr bedeutende Menschen, die diese Wahl zwischen den beiden Welten getroffen haben,
Wir aber entscheiden uns anders. Wir können nicht darüber streiten, können es nicht beweisen, daß wir recht haben. Wir können auch niemand verurteilen, der nicht mit uns geht. Aber wenn wir vor der Entscheidung stehen, ob die Lebensmacht gelten soll, die da heißt Selbstsucht, Geld, Krieg, oder die andere Lebensmacht, die da heißt Christus —ob wir die Wege einschlagen sollen, deren Ende
Und wo diese Entscheidung gefallen ist, da gibt uns die Himmelfahrt zugleich die Richtung, den Inhalt und das Gesetz für unser ganzes Leben: Suchet, was droben ist, da Christus ist! Jetzt wird der Himmel unser Ziel, aber nicht der ferne Himmel, der uns nichts angeht, sondern |199 der Himmel der Güte und des Vertrauens, der Himmel des wirklichen Lebens, in dem Christus ist zur Rechten des Vaters, der Himmel, der zu uns auf die Erde kommen will. Wer einmal die Lebensmacht Jesu an sich erfahren hat, der muß ihr dann auch nachgehen, der kann die Lebensmächte dieser Menschenwelt, Selbstsucht, Sorge und Haß nicht mehr so ernst nehmen. Er muß immer auf das Große, Wichtige hinsehen. Er freut sich, jetzt erst recht, seiner verborgenen Kräfte, gehorcht ihnen, stützt sich und verläßt sich auf sie. Läßt sich von ihnen treiben und leiten. Suchet, was droben ist!
Liebe Christen, wir können ja doch gar nicht anders. Zu hart und fest drängt uns das verborgene Leben Christi, das auch in uns ist, hinauf und hinüber. Zu laut und siegreich tönen von drüben die Stimmen, die uns eine Vollendung verheißen, eine Vollendung des verborgenen Lebens Christi, an der wir auch teilhaben werden. Und wir wollen ihnen antworten: Ja, das geschehe!, wollen uns darauf freuen und fleißig beten in dieser dunklen Welt: Dein Reich komme! [
- Nr. 142: «Jesus Christus herrscht als König» von
Ph. Fr. Hiller , Strophen 1-3 (= GERS [1952] 336,1.5; EG 123,1.5; die 2. Strophe im GERS [1891] ist eine Kompilation aus den Strophen 3 und 4 des Originals) - Nr. 140: «Auf diesen Tag bedenken wir» von
J. Zwick , Strophen 2.4.5 (= GERS [1952] 171,2.4.5 mit leichten Textabweichungen; EKG 91,2.4.5)