Predigt: Markus 4,11-12
Ihr — und die draußen! Ihr, denen es gegeben ist, das Geheimnis des Reiches Gottes zu wissen, und die Anderen, die sehen und doch nicht |200 erkennen, hören und doch nicht verstehen! Was ist das für ein schwerer, schrecklicher Unterschied, den Jesus da unter den Menschen macht! Aber Jesus macht ihn ja eigentlich gar nicht, sondern so geht es tatsächlich zu. Wir brauchen bloß an die Geschichte des Pfingstfestes zu denken, dem wir jetzt wieder entgegengehen. Da waren die Apostel alle einmütig beieinander, und es geschah schnell ein Brausen vom Himmel, und Feuerzungen erschienen ihnen und setzten sich auf sie, und sie wurden alle voll heiligen Geistes und fingen an zu reden, wie es ihnen der Geist eingab. Da waren viele unter den Juden in
Auch unter uns sind beiderlei Menschen. Und ich möchte sagen: in uns selber, in uns allen sind beiderlei Menschen. Wir schicken uns also wiederum an, Pfingsten zu feiern, der wundersamen Kunde zu gedenken, daß Gott seinen heiligen Geist ausgegossen hat und ausgießen will über alles Fleisch [vgl.
Sieh da, die Menschen — die Gotteskinder, die sie eigentlich sind. Ich höre die Buben jauchzen und jodeln droben im Wald. Ich sehe die Alten treu und stetig und geduldig ihrer Arbeit nachgehen, die sein muß, auf daß Brot wachse im Sommer. Ich sehe das Kindlein mit Blumen spielen und lachen. Ich sehe den Mann in seiner Pflicht, die ihm sauer wird und die ihn doch freut. Ich sehe die Barmherzigkeit ihre stillen Wege gehen. Und Alle kennen einander, grüßen einander, haben nebeneinander Platz und haben einander nötig und lieb, es kann ja nicht anders sein. Das ist das Leben der Gotteskinder. Es ist wie das Leben des jungen Tännleins, das nicht weiß, wieviel neue Schosse es aussenden will nach allen Seiten, und eines hellgrüner und saftiger als das andere. Es ist wie ein Waldbächlein, das gar munter daherkommt und über alle Steine springt und gar vergnügt murmelt und plaudert: es kommt noch viel, noch sehr viel, lauter klares, kühles Wasser, das auch wieder fließen und springen und plaudern will. Es ist wie die liebe Sonne, die seit Millionen und Millionen von Jahren auch Strahlen genug hat, um all die Winkelchen im Wald und Feld und im Dorf hell und warm zu machen und den Menschenkindern rote Backen und die Fensterscheiben zu strahlenden Spiegeln. Ja, so ist das Leben der Gotteskinder, etwas unendlich, etwas schrankenlos Reiches, Schönes und Freies. Und wer sind die Gotteskinder? Wir sind sie, die Menschen, du und ich, du bist der |202 fleißige Mann, du bist die treue Frau, du bist der lustige Bub, ihr seid die Familie, die Nachbarn, die einander so nötig und so lieb haben.
Was werden die Gotteskinder sagen, wenn nun Christus zu ihnen tritt, er, der selber nichts war als ein solches Gotteskind, und zu ihnen redet vom Vater, der sie lieb hat, von der Zuversicht auf sein Walten, von der Reinheit des Herzens und von der Liebe zu den Brüdern? Was sollen sie antworten? Sie können sich ja nur freuen darüber, sie können ja nur sagen: ja, gerade so ist’s und nicht anders, so wie du’s sagst, ist es wahr und gilt’s. Christus bringt ja den Kindern Gottes nichts Neues, er bringt nur ihre eigene schönste Glocke zum Tönen, er sagt ihnen nur, was sie eigentlich sind. Er sagt ihnen, daß ein ewiger Glorienschein über ihrem Leben ist und daß sie doch ja nicht vergessen sollen, daß er da ist. Er segnet die Kindlein, die Männer und die Frauen und die Alten, die Tännlein, den Bach und die Sonne, indem er sie alle an den Vater erinnert. Dazu haben sie ihn nötig. Dazu ist er einst als Mensch über die Erde gegangen. Dazu geht er als der gute Geist der Menschheit durch die Dörfer und Städte und über die Felder, auch durch die Spitäler und Armenhäuser und über die Schlachtfelder. Dazu redet er mit uns bald in freundlichen, ermunternden Worten, bald auch in Leid und Kreuz, bald in sonnigen, schönen Erfahrungen, bald in gewaltig erschütterndem Schicksal. Er ist immer der Gleiche: der, der die Seinigen an den Vater erinnert. Damit die Kinder Gottes ja nie vergessen, wer sie sind, ihren Segen, ihren Glorienschein nicht verlieren, ihre schönste Glocke zu hören nicht müde werden.
Und wenn er so auf allerlei Weise mit uns redet, dann antwortet eben in uns eine Stimme: Ja, wir müssen! Wir müssen tatsächlich in all dem leben, was jetzt unser Leben so schön und reich und tief macht. Ich muß jodeln!, sagt der Bub. Ich muß geduldig sein!, sagt die Großmutter. Ich muß schaffen!, sagt der Mann. Ich muß liebhaben!, sagt die einsame Seele, die nichts mehr kann im Leben, als irgendwo ein paar Tränen trocknen, ein paar Wunden verbinden helfen. Wir müssen! Wie die Vögel und die Feldblumen draußen und die Stäublein, die in der Sonne tanzen, eben auch so sein und tun müssen, wie sie sind und tun. Und wir müssen auch daran glauben, daß all dies Schöne nicht nur für den Augenblick ist, sondern daß das die Wahrheit ist, das Wirkliche, und daß hinter dem Augenblick noch viel, noch ganz unendlich viel Schönes auf uns wartet und daherkommt, wenn wir nur bereit sind, es in Emp|203fang zu nehmen. Und auch daran glauben, daß wir nicht die Einzigen sind mit unserem herrlichen Besitz und daß dieser Besitz eigentlich nicht unser ist, wie man etwa sagt: mein Geld!, mein Haus!, sondern daß da ein unendlicher Zusammenhang von Liebe ist, in dem beständig geschenkt, getauscht und geliehen wird, in dem es kein Mein und Dein gibt, geschweige denn ein Nehmen und Behalten. Gerade wie das Bächlein sein Wasser von den Wolken hat und wieder dem Meer zutragen muß. Gerade wie der Sonnenstrahl, der so gut zaubern kann, nur ein Fünklein ist von dem Meer von Licht, das die Sterne und Sonnen und Monde Gottes im Weltall ausstrahlen, und selber auch wieder nur eine Brücke, die das Licht dahin und dorthin bringt. So antworten die Kinder Gottes auf die Rede Christi: wir müssen so sein, wie wir sind und wie du uns sagst, daß wir sind. Sie anerkennen den Vater, zu dem sie gehören und in dem alles Gute und Schöne eins ist und zusammenklingt. Sie beten zu dem, der ihr Schöpfer ist und der auch die Freude, die Geduld, die Liebe immer aufs neue macht. Alle guten Geister loben Gott, den Herrn. Und aus dieser Erkenntnis Gottes kommt es, daß sie so stark bekennen: wir müssen tun und sein, wie wir tun und sind. Aus der Erkenntnis Gottes kommt es auch, daß ihre Gotteskindschaft nichts Zufälliges, Vorübergehendes ist, sondern etwas Bleibendes und Gewisses.
Das ist die Ausgießung des heiligen Geistes, meine Freunde, wenn Christus den Kindern Gottes sagt, wer sie eigentlich sind, und wenn sie ihm dann antworten, so wie sie eben müssen. So war es an den Pfingsten. Da entdeckten die zwölf Apostel und dann die dreitausend Juden sich selber und das Leben, entdeckten, daß eigentlich doch nur die Reinheit, die Geduld, das Vertrauen, die Bruderliebe, die Freude das Echte seien in ihrem Leben, wurden sich klar, daß sie diesem Echten hinfort ganz anders leben müßten, faßten eine große, innige Dankbarkeit zu dem Jesus von Nazareth, der ihnen den Vater des echten Lebens gezeigt hatte, und konnten nicht mehr anders, als hinzugehen und die erlösende Botschaft dieses Jesus nun ihrerseits unter alles Volk zu werfen. Auch für sie hieß es: Wir müssen! So redete Christus mit ihnen, und so antworteten sie ihm.
Daß das geschah in einer großen Verzückung und Bewegung, warum soll uns das wundern? Was ihnen geschah, ist im Wesen nichts Anderes, als was auch uns geschehen kann und tatsächlich geschieht. Die |204 Ausgießung des heiligen Geistes ist dasselbe freudige Wunder heute wie vor 2000 Jahren: Merk’s, was du bist, und dann denke, rede, handle, sing und spring als das, was du bist! Vielleicht werden wir auch ein wenig lebhafter werden, werden auch etwas hören und sehen von Himmelsbrausen und Feuerflammen, werden auch in Zungen reden und seltsame Dinge tun, wenn das große Merken einmal etwas stärker über uns kommt. Sorgen und bedenken wir uns nicht darüber! Aber bitten wir Gott, daß das Gotteskinderwesen unter uns zum Vorschein komme, daß es ein großes Merken gebe in unserer Mitte, daß das Reden Christi recht deutlich werde bei uns und unsere Antworten recht fröhlich! Bitten wir ihn, daß er seinen Geist auf uns ausgieße. Warum denn nicht, meine Freunde? Worauf wartet Gott? worauf warten wir? Sieh, wir sind die, wir in
Aber nun kommt eine Störung! Es könnte leider auch sein, daß wir nicht zu denen gehören, denen es «gegeben» ist, sondern zu den Anderen, zu denen, die «draußen» sind. Und da «draußen», da kommt’s zu keiner Ausgießung des heiligen Geistes, da weiß man nichts von dem seligen Geheimnis des Reiches Gottes, da steht man wie vor einer verschlossenen Tür vor den Gleichnissen. Die Gleichnisse, was ist das? Ihr wißt, daß Jesus die Geschichten so nannte, die er seinen Jüngern und dem Volk erzählte. Das waren Geschichten von Bauern und Kaufleuten, von Vätern und Söhnen, Geschichtlein von Bäumen und Pflanzen und Geldstücken und Handwerksgegenständen, Geschichtlein von der Gasse und Geschichtlein aus dem Leben vornehmer Häuser und Familien. Du liebe Zeit, Geschichten aus dem Leben, aus dem wirklichen Leben. Und diese Geschichten erzählte Jesus, derselbe Jesus, der den Menschen nichts Anderes zu erzählen hatte, als daß sie Gotteskinder sind. Und diese Geschichten hörten nun viele Leute und hörten nur Geschichten, hörten von Bauern und Bäumen und Mehlteig, wie man eben von solchen Dingen hört, studierten über den Sinn dieser Sachen nach1 und fanden keinen, und schließlich war ihnen das, was Jesus eigentlich bringen wollte und denen, denen es «gegeben» war, auch brachte, ver|205schlossen. Sie vernahmen immer nur Geschichtlein. Ja, das war eine Störung. Sie sahen wohl und erkannten doch nicht, sie hörten und verstanden gar nichts. Da gab’s nichts von Bekehrung und nichts von Vergebung der Sünden. Sie vernahmen die Rede Christi nicht, und sie konnten nicht darauf antworten. Der Geist wollte nicht kommen und das Geheimnis des Gottesreiches sich nicht auftun. Und an dem allem waren die Geschichten, die Gleichnisse schuld, die Jesus erzählte.
Liebe Freunde, die Störung könnte für uns auch da sein. Wir stecken auch tief in den Geschichten und Geschichtlein drin, und das sind auch Geschichten aus dem wirklichen Leben, und dies wirkliche Leben ist unser eigenes. Ja, unser eigenes und die Welt, in der wir sind und in der doch Christus waltet und regiert. Und was müssen wir da für Geschichten hören: Geschichten von den Nerven und von wirklicher Krankheit, von guten und bösen Nachbarn, vom Geld und vom Mittagessen, von sauren Arbeitswochen und von lästigen Sonntagen, von jungen und alten Tagen und von dem leeren Platz auf dem Friedhof und wer wohl der Nächste ist, Geschichten aus dem Dorf und Geschichten aus dem Kanton und Weltgeschichten, ein ganzer Strom, von Krieg und Frieden, von Fürsten, Völkern und Feldherren — Hindenburg2 und Lusitania3 und der Ministerpräsident
Merkst du die Störung? Jetzt geht es uns wie den Leuten damals: wir hören nur die Geschichten, die Gleichnisse. Ach, wir meinten doch, Christus sei in unserem Leben, wir nennen uns ja doch nach ihm, wir erwarten ja doch so viel von ihm. Wo ist nun all das Schöne, Große, das doch da sein müßte, wo er ist? Nun ist Alles so anders. Nun hören wir gar nichts von seiner freundlichen Stimme, die uns sagt, was wir ja eigentlich schon wissen, vom Vater, von der Zuversicht, von der Liebe zu den Brüdern, von der Zukunft — und nein, im Grunde wissen wir es ja auch wirklich nicht! Kein Glorienschein über uns, kein Segen, keine Er|206innerung an den Vater. Und nun spüren wir auch nichts von dem gewaltigen, unbedingten: Wir müssen! Der Bub muß nicht mehr jodeln, der Mann muß nicht mehr schaffen, daß es eine Freude ist, die Großmutter muß nicht mehr geduldig sein, die Einsame muß nicht mehr lieb haben — es ist aus mit dem seligen, freudigen Müssen, sie können alle auf einmal auch anders und machen es anders. Die Geschichten und Geschichtlein, die bösen Gleichnisse, in denen wir drin stecken, sind mit Übermacht über sie gekommen. Aha, sagen sie alle, das ist’s!, jetzt wissen wir, was wahr ist, was gilt. Ach ja, die Geschichten sind eben so wahr und so richtig, die Geschichte von deinem bösen Bein, die Geschichte, wo du so recht hast und was man dir alles zu Leide tut, die Geschichte von dem bösen Charakter von dem und dem, die alte Geschichte, daß alles sich ums Geld drehen muß, die traurige Geschichte vom Sterben und Abschiednehmen, die Geschichte von den Engländern und Deutschen und wer recht habe, die Geschichte, daß es immer Traurigkeit, Haß und Krieg gegeben hat, seit die Welt steht. Wie wahr und wie richtig das alles. So wahr und so richtig, daß du eben das Andere total darüber übersehen und vergessen hast, das, was du eigentlich bist, das heilige Müssen und den Vater, Gott den Herrn, den du als guter Christ loben und lieben solltest. Du bist ganz dick in den Geschichten drin, und in den Geschichten kommt ja von dem allem nichts vor, meinst du. Das sind nur Geschichten: da wird gegessen und getrunken und bezahlt und disputiert, da hat man Recht und Unrecht, da wird geschimpft und geschossen, da klagt man und kümmert5 — da gibt’s von Gotteskindern gar nichts zu sehen! Richtig, gar nichts, und schon bist du dran, mitzuklagen und zu -kümmern, nun hast du auch Recht und disputierst, nun schimpfst du, und nächstens wirst du auch noch einen Schuß abgeben; merkst du, wie du jetzt mitten drin bist in den Geschichten, in den wahren und richtigen Geschichten, die aber eben doch nur Geschichten, Gleichnisse sind? Und sieh da, jetzt ist’s auch für dich eine Störung! Jetzt bist du wirklich draußen, siehst und siehst nicht, hörst und hörst nicht und erlebst und erfährst wirklich von allem Gotteskinderwesen das gerade Gegenteil. Kein heiliger Geist. Kein eröffnetes Geheimnis des Gottesreiches. Keine Bekehrung. Keine Vergebung der Sünden. Nichts. Null.
207 Ja, wo ist denn nun die Auflösung des Rätsels, daß es auf so verschiedene Weise gehen kann? Wo fängt der Weg an, zum Holzweg zu werden? Jesus war es, der den Leuten Gleichnisse erzählte und sie damit irreführte, derselbe Jesus, der ihnen doch nur das Wort der Wahrheit und des Lebens sagen wollte. Jesus ist es, der uns in einen Wald von Geschichten und Geschichtlein hineinführt — ja, daran ist nichts zu ändern, das ist das Leben —, derselbe Jesus, der uns doch nichts zu sagen hat, als daß wir Gotteskinder seien. Ja, aber was sollen denn die Gleichnisse? Sollen wir denn Gleichnisse hören? Was geht uns der Samariter [
Und so ist’s mit den Geschichten und Geschichtlein, in denen wir drin stecken. Nimm sie recht ernst, ereifere dich und rege dich recht auf darüber, wie wahr doch und richtig doch all die Sachen und Sächlein sind in deinem armen Herzlein, in deinen vier Wänden, in
Willst du murren darüber, daß beide Wege möglich sind? Ei, wer heißt uns denn in den Gleichnissen und Geschichten stecken bleiben? Ich kann’s nur noch einmal sagen: wir sind’s, von denen es heißt: euch ist’s gegeben, das Geheimnis des Reiches Gottes zu wissen. Laßt uns beten das alte Pfingstgebet: Komm, Schöpfer Geist!8 Dann werden wir’s wissen, was wir wahrhaftig sind, Gottes Kinder.
- Nr. 151: «O Gott, o Geist, o Licht des Lebens» von
G. Tersteegen , Strophen 1-3 und (nach der Predigt) 4, 6 und 7 (= GERS [1952] 188,1-3;4.6.7 mit leichten Textabweichungen)