41
7. Mai 1915
Lieber Freund,
Ich habe die Einladung nach Bern auch erhalten, weiß aber noch nicht, ob ich hinfahren kann. Würde nicht Greyerz reden, ich bliebe sicher daheim. Was du von den heilsamen Folgen der Absonderung von den andern schreibst, ist sehr richtig. Im Übrigen bin ich der Meinung, wir sollten nicht zuviel Nachdenken darauf verwenden, sondern tun, was uns gerade richtig erscheint. Kutter hat mir eine längere Rede darüber gehalten, wie nötig es sei, sich nicht zu klar über sich selber zu werden, weil die innern Wachstumsvorgänge dadurch gestört würden. Die naive Unbewußtheit solle wie eine schützende fruchtbare Dämmerung, wie ein «Nebelein» den innersten Lebensvorgang umhüllen und vor eigener und fremder Zudringlichkeit bewahren. Ich mußte an den Schmadribachfall im Lauterbrunnental denken, den ich einst eine Woche lang bei trübem Wetter von Wengen aus Tag für Tag aus einer Nebelschicht herabstürzen sah. Es war, als ob Wolken und Nebel den Wasserfall aus sich entließen. So also soll aus dem |42 fruchtbaren Dämmern des Bewußtseins … Ich sehe, du lachst, aber Kutter hat wohl einigermaßen recht, auch ohne mein Bild. […]
Sei herzlich gegrüßt von