5. Mai 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Ich habe gestern Schild besucht und verstand mich diesmal besser mit ihm. Er erzählte mir, er sei für den Vortrag im Pastoralverein gepreßt worden und könne nicht gut anders — das gab ich ihm zwar nicht zu —, hingegen sei er längst entschlossen, damit zum letzten Mal an den Pastoralverein zu gehen, er habe jetzt |40 übergenug etc. Ich sagte ihm dann, daß wir nicht kommen würden diesmal, daß wir uns aber später von Fall zu Fall neu entschließen wollten, ich für meine Person habe aber auch nicht im Sinn, so bald wieder hinzugehen. So ist die Lage für einmal klar. […]

Nun wegen der Sääli-Konferenz.1 Lieber, du sollst doch das Referätli übernehmen: 1. weil du die vielen Broschüren besitzest, 2. weil du mehr historischen Blick hast als ich, 3. weil es dir besonders durch dein Verhältnis zu Troeltsch besser gelingen wird, die positiven Vorzeichen etc. herauszuarbeiten. Ich würde wirklich lieber dir zuhören als meinen eigenen Sprüchen, und für die andern und für die Sache ist es auch ersprießlicher. — Nach Seon kann ich nicht kommen am Montag, ich gehe nämlich nach Bern an die religiössoziale Vereinigung. Greyerz redet über «Die Frage nach Gott». Kommst du vielleicht auch und übernachtest bei uns am Claraweg? Das Ehepaar aus Laupen2 wird wohl auch da sein, und es könnte ein nettes «Festlein» geben.

Unser Verhältnis zu den «Andern» ist mir auch ein schweres Problem. […] Irre ich mich, wenn es mir vorkommt, daß unsere quasi Absonderung eigentlich bis jetzt gerade auf Keller, Wieser, Schild z. B. eher erfreuliche Wirkungen ausübt? Die Leute schimpfen über unsere «Lieblosigkeit» und werden doch gerade durch sie auf die Probleme hingestoßen, auf die es uns ja ankommt. Während das ewige «Eingehen» auf ihre Art eigentlich alles beim Alten läßt. Über die «Taktik» ist wohl prinzipiell nicht viel auszumachen. Taktik ist eben Taktik und nicht Prinzip und wird immer oszillieren zwischen Zurückhaltung und Mitmachen, offener Kritik und schweigendem Gewährenlassen, persönlicher Sonderstellung und harmlosem «brüderlichem» Umgang mit den Kollegen. Warum nicht je nachdem Beides, je nachdem als es eben darauf ankommt, sich «von der Welt unbefleckt zu erhalten» [Jak 1,27] oder «des Andern Last zu tragen» [Gal 6,2] oder «das Licht leuchten zu lassen» [Mt 5,16]. Ich meine, wenn wir das «Licht» erst recht klar hätten für uns selbst, dann wäre die Taktik von Fall zu Fall ohne Weiteres da.

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Auf Montag hatte ich zur Eröffnung des Konfirmandenunterrichts zu einem Elternabend eingeladen. Es kamen aber nur etwa ein Dutzend und die halbe Kirchenpflege. Bäh! Nelly arbeitet gewaltig in Haus und Garten, ich darf gelegentlich zur Ergänzung des innern Tuns auch etwas hacken. […] Ich lese eben Kutter «Die Welt des Vaters» 📖.3 Und dazu als Gegenstück Bismarcks Reden 📖. Hier die Predigt; am nächsten Sonntag will ich vom «Warten» reden (Röm. 8,24ff.).

Herzlichen Gruß
dein
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Auf dem Säälischlößli bei Olten fand eine Kleine Konferenz statt mit einem theologischen Thema.↩
2
Peter Barth und seine Frau Lenchen, geb. Rade.↩
3
H. Kutter, Die Welt des Vaters. Predigten über Lukastexte, Zürich 1901. 📖 ↩