22. April 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Auch ich habe die Hornbrille wieder auf der Nase! Nachdem ich noch schöne Tage in Bern verlebt, dabei allerdings Frau Prof. Rade1 noch einmal über mich ergehen lassen mußte ohne erfreuliche Ergebnisse. […] Ich bin an meinem Seoner Vortrag2 und er wird mir, wie überhaupt der Pfarrerlebtig,3 wieder recht schwer. Unser psychoanalytischer Hausgenosse in Bern, Dr. Jung, sprach mir zu: ich solle mich doch nicht immer um die Grundlegungen des Lebens bemühen, das zehre nur an der Gesundheit |39 und werde mich nie zur «Befriedigung» kommen lassen. Ich solle irgendeine Spezialität (Abstinenz oder so etwas) ergreifen und tüchtig betreiben. Dabei komme für mich und die anderen mehr heraus. Wenn man’s doch könnte! dürfte! In irgendein Horn stoßen, irgendwo mitmachen mit dem Jubelruf: das ists! Statt dessen rumort die Sehnsucht in einem herum, sich selbst und den Andern das Wesentliche zu zeigen, und läßt einem nicht einmal die Naivität, ein «packendes» Predigtlein oder Vorträglein zu bauen. Nun, also nicht, sondern mit Geknorz Gegendampf als «Unbefriedigter»! Ein Trost, daß man im Grunde den festesten Boden unter den Füßen hat und daß man nicht ganz allein ist. Aber den Sonnenuntergang zwischen den Beinen durch ansehen, wollen wir nie machen, das geht zu weit.

Laß du meinen Vortrag fahren und trink schwarzen Kaffee im Pfarrhaus, das ist gescheiter. Du weißt ja alles längst, was ich sage, und könntest es viel besser sagen. Die Schweizer Parteileitung in Zürich hat mich frecherweise ohne Anfrage als 1. Mai-Referenten in Trimbach publiziert. Ich lehne kalt ab. So lasse ich mich nicht in den Sack stecken. […]

Herzlichen Gruß
dein
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Dora Rade, Gattin von Prof. Martin Rade, Schwester von Friedrich Naumann.↩
2
Vortrag am 25.4.1915 in Seon über «Christus und die Sozialdemokratie», bisher unveröffentlicht.↩
3
= das Pfarrerdasein.↩