9. Mai 1915

Predigt: Römer 8,24-25

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Römer 8,24–25
Wir sind wohl selig, doch in der Hoffnung. Die Hoffnung aber, die man siehet, ist nicht Hoffnung; denn wie kann man des hoffen, das man siehet? So wir aber des hoffen, das wir nicht sehen, so warten wir sein durch Geduld.
Liebe Freunde!

Wir sind selig! Denn Seligkeit ist Erkenntnis Gottes. Weil wir Gott erkennen, der die Fülle alles Lichtes ist, so haben wir in uns eine große Klarheit, die sich durch keine Rätsel und Zweideutigkeiten verwirren läßt. Weil wir Gott erkennen, der in sich selber sicher und gewiß ist von Ewigkeit zu Ewigkeit, haben wir die Ruhe, die in ihrem tiefsten Grunde nicht mehr erschüttert werden kann. Weil wir den starken Gott erkennen, der nicht rastet, bis alle seine Feinde ihm zu Füßen liegen [vgl. Ps. 110,1], sehen wir hin auf den Sieg über Sünde und Leid, der nicht ausbleiben kann, und kämpfen gegen sie, wie Gott kämpft. Weil wir den Gott der Freude erkennen, vor dem die Engel jubilieren und der die Sterne kreisen läßt in ewiger Harmonie, leben auch wir in einer großen, tiefen Freude wie die Kinder, denen Alles zu einem Festlein wird. Alles durch die Erkenntnis Gottes und nur durch sie. Geld und Gut, Bildung und Gescheitheit könnten uns das nicht verschaffen. Glück und Gesundheit und Anerkennung von den Leuten sind gut, aber sie sind etwas Anderes, etwas viel Geringeres als diese inwendige Klarheit, Ruhe, Kraft und Freudigkeit. Die Erkenntnis Gottes öffnet uns das Türlein zu einer ganzen Welt von Seligkeit. Etwas vom Himmel kommt zu uns, zeigt sich uns, leuchtend und glitzernd, singend und klingend, wie es eben im Himmel zugeht, wird uns geschenkt, wie eben der Himmel voll ist von lauter prächtigen Geschenken.

Und wie sollten wir die Erkenntnis Gottes nicht haben, die uns dies Türlein öffnet!? Ist sie doch in uns längst da, ist sie doch nichts Anderes als die tiefste, reinste Erkenntnis von uns selbst und von der Welt, die wir sofort haben, wenn wir still bei uns selbst einkehren. Ist sie doch da im Leben Jesu Christi, der uns zu dieser Einkehr hinleitet, wo uns aufgeht, wer wir sind und was das Leben ist, ja der uns Beides selbst offenbart, damit wir uns nicht täuschen können, der uns immer wieder her|183ausführt aus allen Irrtümern und halben Wahrheiten, der uns sagt, daß der Grund der Welt und unser eigener Lebensgrund eine große Liebe ist. Ja, und was ist denn der Sinn deines ganzen bisherigen Lebens gewesen? Wozu bist du ein Kind gewesen und ein Mann, eine Frau geworden? Wozu hast du so manchen sonnigen Tag erleben dürfen, und wozu sind die Stürme und Gewitter über dich gegangen? Wozu hast du die Menschen kennen gelernt, die guten und die bösen, wie man sagt, die anregenden und die langweiligen, die starken, freudigen und die da gescheitert sind, die Gottesmenschen und die Weltkinder, wozu, frage ich? Und wozu waren die Stunden und Zeiten da, wo du etwas hast schaffen und leisten können, dir selbst zur Genugtuung oder anderen zu Liebe, und die anderen Stunden und Zeiten, wo du dich verliefst in ungefreute1 Nebel hinein, wo du Narrheiten begangen hast, die dich für dein Leben reuen müssen? Wozu das alles? Und wozu müssen wir jetzt alle im Krieg hineinsehen in die Schuld und in das Schicksal der Menschen, wie es uns noch gar nie geschehen ist? Sieh, Alles, Alles, um die schlummernde Erkenntnis Gottes in uns zu wecken. Die Erkenntnis Gottes ist der Sinn und das Ziel unseres Lebens. Und die Erkenntnis Gottes öffnet uns das Türlein zur Seligkeit. Das weiß ich. Das weißt du. Das geschieht ja in uns allen. Wir sind selig, weil wir Gott erkennen.

Selig — in Hoffnung. Wenn wir von Hoffnung reden, denken wir immer an etwas, was noch nicht ist, was erst kommen soll. Mischt sich nicht ein Tropfen Unvollkommenheit, ein Stück Unseligkeit in die Seligkeit, wenn wir sagen: selig in Hoffnung!? Sollte das bedeuten, daß eben doch das Türlein noch nicht offen, der Himmel noch nicht zu uns gekommen ist, daß wir die Seligkeit eigentlich noch nicht haben? Ist wohl die Erkenntnis Gottes ein Versprechen, nur ein Versprechen und all das wunderbare Leben, das wir Seligkeit heißen, nur ein Wunsch, eine Aussicht, eine schöne Möglichkeit? Ach, es wäre so trostlos, wenn es so wäre. Und das Leben vieler Menschen ist eigentlich so trostlos, weil sie meinen, dieses: selig — in Hoffnung! sei das Erwarten von etwas Schönem, von dem man nichts weiß, als daß es vielleicht einmal sein wird. Aber das ist ja gar nicht möglich und gar nicht wahr. Wie sollte das sein, daß die Erkenntnis Gottes so wenig Bedeutung und Kraft hätte? Da wär’s dann freilich besser, an dieser Gotteserkenntnis vorbeizu|184gehen, stumpf und gleichgiltig, und den Blümlein und nützlichen Gräsern und Bäumen nachzulaufen, die auf der Oberfläche des Lebens wachsen, wenn in seiner Tiefe, bei Gott nichts Anderes zu finden wäre als ein «vielleicht» und «wer weiß» und ein schönes Versprechen! Aber das ist ja gar nicht wahr: Durch die Erkenntnis Gottes wird doch Seligkeit nicht bloß versprochen, sondern geschaffen: Sieh hinein in die Tiefe des Lebens, und du wirst selber lebendig! Laß dich berühren von der Gnade des ewigen Gottes, und du hast Gnade in deiner Seele, in deinem Denken und Tun. Laß dich ergreifen und in Dienst stellen wie die heiligen Engel Gottes, die seinen ewigen Krieg führen gegen Nacht und Tod und Sünde, und du wirst selber ein Kämpfer im Heer des Lichtes2. Freue dich über die Siege des himmlischen Vaters, und du bist selber Sieger. Nein, was da über dich kommt, das ist real und gegenwärtig. Nein, das ist die Seligkeit ohne Wenn und Aber. Wir alle, die wir Gott erkannt haben, wissen es: wir sind selig. Da ist nichts zu markten und zu deuten.

Aber — selig in Hoffnung. Wir haben die Seligkeit nur wie in der Knospe [der Pflanze], die voll entwickelte und entfaltete Blumen haben [wird], wenn sie gutes Erdreich findet und sich ungestört auswachsen darf. Oder wie einer, der auf der Wanderschaft sein Ziel schon vor sich sieht und die gerade Straße, die dazu hinführt, und der sich nun nur nicht müde machen und nur nicht nach links oder rechts ablenken lassen darf, um ganz gewiß auch anzukommen. Oder wie die alten Schweizer in ihren Schlachten: ein paar starke Helden haben die Bahn schon gebrochen in die Reihe der Feinde, und nun braucht der Gewalthaufe bloß tapfer nachzudringen, so ist eben die Schlacht gewonnen.3 |185 Das heißt: selig in Hoffnung. Da ist nichts Unsicheres dabei, kein «vielleicht» und keine schöne Aussicht. Da ist ein Anfang, der notwendig einer schönen Vollendung entgegentreibt, da ist ein Keimlein, das unendliche Möglichkeiten von Leben in sich birgt. Aus dem Teil, der da ist, möchte und will ein Ganzes werden. Das ist die Hoffnung: der Blick auf das Ganze hin: das, was da ist, kann nicht allein bleiben. Die Seligkeit kann nicht still stehen, kann keine Grenzen anerkennen. Sie kann sich nicht genügen lassen und zufrieden geben. Werden wir je genug Klarheit in uns finden, genug Ruhe, genug Kraft, genug Freude? Wohnt nicht in all dem, was wir haben, der ungestüme Drang nach mehr und immer mehr, bis dahin, wo nichts mehr Anderes, nur noch Klarheit, nur noch Ruhe, Freude, Kraft in uns wohnt? Das kommt, weil alles das ja von Gott her in unser Leben geflossen ist, und nun will es eben wieder zurück zu Gott, zurück ins Vollkommene. Wie die Wassertröpflein, die das Weltmeer in unendlicher Fülle der Luft und durch die Luft wieder der Erde mitgeteilt hat, alsbald wieder als Bächlein, Flüsse und Ströme dem Meer entgegeneilen müssen, in dem sie zu Hause sind. Und wie in der einzelnen Menschenseele, in dir und mir, immer nur ein Anfang ist von Seligkeit, so in der ganzen Menschenwelt mit ihrer Arbeit und ihrer Freude, ihren Sorgen und Aufgaben, ihren Fortschritten und Gebrechen, mit ihren Ordnungen und Unordnungen. Da treibt überall ein Anfang einer Vollendung entgegen. Da ringt sich das eigentliche Leben empor zum kräftigen, wirklichen Leuchten, da will die Macht des Guten, die schon da ist, zur Herrschaft gelangen über Alles, was sich ihr noch entzieht. Das ist die Bedeutung deines und meines Lebensweges, dazu haben wir unsere Zeit auf Erden: zwanzig, vierzig oder sechzig Jahre, daß die Seligkeit, die aus der Erkenntnis Gottes kommt, völlig werde in uns, daß aus dem Teil ein Ganzes werde. Und das ist auch die Bedeutung der Menschengeschichte, daß im Lauf der Jahrtausende und durch den Wechsel der Generationen und der Weltreiche hindurch das Herrliche sich wirklich und voll entfalte, das Gott der Herr in die Herzen und Gewissen der Menschheit hineingelegt und durch seine immer neuen Offenbarungen ihnen mitgeteilt hat. Und |186 warum sollen wir unsere Gedanken nicht weiter wandern lassen bis zu der Gewißheit hin, daß auch in der sichtbaren Welt der Natur nur ein Anfang ist, daß hinter Allem, was wir sehen und hören, eine Harmonie und Schönheit verborgen ist, die wir erst zu ahnen vermögen wie durch einen dichten Schleier, deren volle Offenbarung noch aussteht?4 Wir sind alle tief im Anfang drin, im Vorläufigen mit unserer Seligkeit: du, und ich, und die leidenden und trauernden und sündigenden Menschen überall, und auch ihre Weisen und Helden und Propheten und die Völkerheere einst und jetzt mit ihren Leidenschaften und Schicksalen und die Blumen und Bäume draußen und die Tierlein des lieben Gottes groß und klein. Wir gleichen alle dem Samen, der jetzt, in die Erde gelegt, mächtig der Frucht entgegen treiben und blühen will. Wir sind nun Gottes Kinder, und es ist doch noch nicht erschienen, was wir sein werden [1.Joh. 3,2]. Wir sind wohl selig, doch in Hoffnung.

Aber zwischen uns und der Vollendung ist eine ganze Welt von Widerspruch und Widerstand. Da ist die Seligkeit noch nicht hingekommen, weil noch keine Erkenntnis Gottes da ist. Da haben alle Dinge ein ganz anderes Gesicht, als wenn du sie ansiehst im Lichte Gottes, ein Werktagsgesicht, ein Tatsachengesicht, ein Praktisches-Leben-Gesicht. Da rufen hundert Stimmen von allen Seiten: wir sind die Umstände, wir sind die Verhältnisse, wir sind die Naturgesetze, wir sind die Menschen — wir müssen so sein und wir wollen so sein, wie wir sind, da sieh du zu, wie du etwas änderst. In dieser Welt gilt die Seligkeit sehr wenig, weil eben auch sehr wenig Erkenntnis Gottes da ist. Da gilt die starke Faust und die gewandte Zunge und die guten Papiere, da gelten die Gesetze des Staates und die wirtschaftlichen Notwendigkeiten, da gilt der Selbsterhaltungstrieb und der Kampf ums Dasein5, da gelten die Normen6 und die Umgebung, in der sich der Mensch eben befindet. Und diese Welt von Widerspruch und Widerstand ist nun das wirkliche Leben, wie man das nennt — dein und mein Dasein, unsere Gesundheit, unser Fortkommen und unser Leben mit den Verwandten und Nachbarn in Safenwil, unsere Erfahrungen, die wir mit unserem eigenen Charakter machen und mit dem der anderen, das Leben der Parteien und Klassen, der Regierungen und Zeitungen im schweizerischen Va|187terland, das Leben der Völker da draußen in der Welt, eine einzige große, solide Welt von Widerstand gegen die Seligkeit. Und in dieser Welt stehen wir mitten drin, das ist unsere Welt, unser Leben. Stehen mitten drin mit dem ganz Anderen, was wir wissen und haben, weil wir Gott erkannt haben, und mit dem, was wir eben darum hoffen müssen.

Wunderbare Lage das! Du weißt als Kind Gottes, was dein Weg und deine Pflicht und deine Bestimmung ist, und dabei kennst du nun dich selber sehr gut, weißt, wie oft du deinen Leidenschaften und Schwachheiten nachgegeben hast, weißt, wie deine alten Fehler immer wieder hervorschießen und dich zu Fall bringen, weißt, wie deine Verhältnisse sind und wie schwer es dir ist, so rein zu bleiben, wie du wohl möchtest. Ich kann meinen Weg nie wirklich gehen, meine Bestimmung nie tatsächlich erreichen, es bleibt bei einem jämmerlichen Anfang, denkst du und gerätst in dumpfes Brüten oder in eine große Aufregung, in der du dies und das unternimmst, um besser zu werden, um dich besser zu machen, wie du denkst. Du weißt als Kind Gottes, daß dir alle Dinge zum Besten dienen müssen [vgl. Röm. 8,28], du weißt, was das heißt: ruhen in Gott mitten in der Unruhe des Lebens, weil Gott ja nicht erschüttert werden kann. Aber nun kommt das Leben, wie es ist, mit seinem Ungemach, kommt mit Krankheit, kommt mit Geschäfts-und Familiensorgen, kommt mit schwierigen, komplizierten Aufgaben, kommt mit dem Geschwätz und den Machenschaften der Leute, die dich so aufregen, dir so viel zu denken geben, dich schlaflos machen wollen. O weh, nun ist meine Ruhe in Gott doch erschüttert, das kann ich ja nicht annehmen, denn das kann mir doch nicht zum Besten dienen, durch das hindurch komme ich nicht näher zu Gott und zur Seligkeit hin, sondern weiter davon hinweg. Und nun weinst du und klagst allen Leuten deinen Kummer und kannst wirklich nicht schlafen, zu groß und solid ist die Welt des Widerstandes, die sich zwischen dir und deiner Vollendung auf getan hat.

Und dir ist’s um etwas Gutes und Rechtes zu tun, nicht aus Eigenwillen, sondern weil du als Kind Gottes weißt: diesen Grundsatz muß ich nun vertreten, da und da kann ich nicht mehr mitmachen, und dafür ist mir dort ein neues Licht aufgegangen — vorwärts in Gottes Namen! Ja, vorwärts — und nun mußt du’s erleben, wie die liebsten, vertrautesten Menschen dich nicht verstehen, als ob du eine fremde Sprache sprächest, mußt es erleben, daß du in dem Kreise, in dem du dich befindest, |188 ganz oder fast allein bleibst, mußt es mit anhören, wie man dich von allen Seiten belehren will, und wenn du dich nicht belehren lässest, dich mitleidig mit den Achseln zuckend machen läßt, mußt schließlich zur Überzeugung kommen, daß das Leben überhaupt nicht so eingerichtet ist, daß man mit guten Ideen und Grundsätzen viel anfangen kann, oder eben man kann immer nur anfangen, probieren mit ihnen, hier ein bißchen, da ein bißchen, aber wie soll es je zu einem Ganzen, zu einem Sieg kommen? Wie soll’s Frieden, Gerechtigkeit, Reinheit, Charakter, Liebe geben unter den Menschen, so wie sie nun einmal sind? Und nun ziehst du dich traurig zurück und gibst es auf, etwas ändern, anders sein zu wollen, oder du stürmst zornig an gegen die Irrtümer und Gewohnheiten der Anderen und gegen sie selbst, bekämpfst sie mit Gewalt oder List oder mit zornigem Hohn und merkst schließlich, daß du aus Eifer für Gott selber ungöttlich geworden bist. Seltsam verkehrte Welt, in der man auf allen Seiten gegen Schranken anrennen muß!

Und du wieder weißt als Kind Gottes von jener Freude, die im Himmel ist. Hellwach gemacht hat dich diese Freude, als die Liebe Gottes in deinem Leben zu einer Wahrheit wurde. Du begreifst etwas von dem, was Paul Gerhardt dichtete:

Mein Herze geht in Sprüngen
Und kann nicht traurig sein,
Hört lauter Lust und Singen,
Sieht lauter Sonnenschein.7
Ja, aber jetzt kommt das bleigraue, langweilige Leben des Alltags wieder daher: das Leben im Geschäft, das Leben in der Haushaltung, das Leben in der Fabrik, das Leben mit den Leuten, die gestern, heute und morgen die gleichen sind, das aufregende und doch so ermüdende Leben in den kleinen Dingen und unter den kleinen Menschen — und wo ist nun da die Freude Gottes und das Musizieren der Engel? Da kann man sich ja gar nicht immer freuen, denkst du, und wenn die Heilsarmee noch so laut singt: alle Tage Sonnenschein!8, und wenn sie zehnmal |189 Recht hat mit ihrem Singen. Ich sehe die Freude nicht in dem Einerlei meiner Arbeit, bei der Nähmaschine, bei dem widerspenstigen, mürrischen Menschenkind, um das ich alle Tage sein muß, und weil ich sie nicht sehe, kann ich sie auch nicht haben! Und nun wirst du selber langweilig, kleinlich, mürrisch, unfreudig — ein wenig wie die anderen Safenwiler auch. O weh, sicher wieder eine Schranke der Seligkeit! Nicht wahr, jetzt verstehst du, was der Apostel Paulus meinte, als er schrieb von der Hoffnung, die wir nicht sehen?

Das ist eben die Seligkeit mitten drin in der Welt von Widerspruch und Widerstand. Die Seligkeit, die sagt: Trotzdem! Die Seligkeit, [die] hinaussieht über diese ganze Welt und triumphiert: ich gewinn’s halt doch, ich muß mich vollenden, ich muß zu einem großen, seligen Ganzen werden, ich muß hin zum Meer der Liebe Gottes, von dem ich nur ein Tröpflein bin. Hoffnung, die man nicht siehet! Das wäre eine schöne Sache, eine Hoffnung, die man siehet, wenn’s im Leben der Gotteskinder gar keine Fehler und Schwachheiten, keine Leiden und Sorgen, keine Hindernisse und unverständige Menschen, keine Langeweile und Ermüdung mehr gäbe, wenn wir einfach, einmal Gott erkannt, flott und froh in die Vollendung hineinfahren könnten!! Aber das wäre ja eben gar keine Hoffnung, kein Entfalten der Knospe, keine Wanderschaft, kein Sieg — das wäre kein Leben, so schön es aussehen könnte. Denn das ist wirklich das Leben, daß wir drin stehen in der Welt des Widerspruchs und Widerstands. Aber das ist auch die Hoffnung, daß wir drin stehen, nicht als solche, die in diese Welt gehören und an sie gebunden sind, sondern eben als Kinder Gottes, als selige Menschen.

Warten mit Geduld! Das ist die Lösung, die Paulus diesem Rätsel gibt. So macht’s ein seliger Mensch mitten in der Widerspruchswelt. Warten mit Geduld! Du mußt nun nicht meinen, das sei eine besondere Kunst, die du neben anderen frommen und guten Sachen auch noch erlernen müssest. O nein, das ist etwas, was ganz selbstverständlich kommt und da ist, wenn dir wirklich durch die Erkenntnis Gottes das Türlein zur Seligkeit aufgegangen ist. Du mußt es nur wirklich kommen lassen und mußt es nicht unterdrücken, wenn es da ist. Warten mit Geduld! Das heißt ja nichts Anderes als dankbar leben aus den Kräften der Seligkeitswelt und nicht glauben an die Wahrheit und Gewalt der Widerspruchswelt. Dafür an Gott glauben, der schließlich einmal ganz sicher Alles mit Ruhe, Kraft, Klarheit und Freude, mit sich selber erfül|190len, der alles Widerspenstige zu sich zurücknehmen will. Wer diese drei tut: lebt aus dem, was ihm geschenkt ist, nicht glaubt ans Böse und glaubt an Gott, der wartet mit Geduld. Und bewährt damit seine Seligkeit. Und geht der Vollendung entgegen. Und wenn wir uns das einmal schenken lassen aus Gottes Gnadenfülle, dies Warten mit Geduld, dann kommt die Vollendung für dich und mich, für die Europäer und für die Gelbe Rasse, für die Welt, die sich nach Erlösung sehnt.

Aber wir wollen es doch noch ein wenig genauer beschreiben. Kind Gottes, du brauchst dich doch durch die Widerspruchswelt nicht beunruhigen und aufregen zu lassen, du darfst es nicht! Warum nicht? Darum nicht, weil du sie doch durchschaust. Weil du weißt, daß all ihre Schwierigkeiten, all ihr Unsinn, all ihr Unrecht ja doch nur eine vorübergehende Auflehnung gegen Gott sein kann und daß zuletzt doch Gott der Herr Meister sein wird. Du kennst das Ende, warte darauf mit Geduld, sieh einfach auf die nächsten Schritte, die du zu tun hast, wenn dir die folgenden dunkel sind, freue dich über das, was es heute zu freuen gibt, und tu deine Pflicht, die heute getan werden muß. Warum willst du dich aufregen und damit vielleicht vom rechten Weg abkommen? Du weißt ja den Anfang, so warte auf den, der das gute Werk auch vollenden wird [vgl. Phil. 1,6].

Kind Gottes, du kannst dich durch alles das, was dir widersteht in dir und außer dir, doch nicht in Gift und Haß und Zank hineintreiben lassen. Weißt du nicht, worunter die arme Welt, die armen Menschen leiden und du selbst mit ihnen? Gerade an dem, was du jetzt wieder tun willst, indem du böse, giftig, kämpferisch wirst. Die Erlösung kommt nicht durch jähe Entschlüsse, scharfe Urteile, wilde Unternehmungen, wie du sie wohl planst, sondern durch das stille, sanfte Säuseln [vgl. 1.Kön. 19,12] des klaren, freundlichen Geistes, der ja auch in dir ist, wenn du ihm nur den Lauf lassen willst. Wenn du aber wirst, wie die Welt ist, wenn du dich deinem Triebe überlässest, und wenn’s im Namen Gottes wäre, dann kommt keine Erlösung. Warte mit Geduld! Halte dir selbst und halte der Welt das stille Wort der Wahrheit vor, dann wird Alles neu, Himmel und Erde und Safenwil und du damit.

Kind Gottes, du mußt nicht denken, du müssest es machen, du müssest dich von heute auf morgen in das neue Wesen hineinzwängen, du müssest die Leute bekehren, du müssest ihnen sagen, was Ordnung ist. Die ganze Welt von Lüge und Gewalt, in der wir stehen, in Bewegung |191 zu bringen, dazu bedarf es anderer Einsicht und anderer Kräfte als derer, die du und ich haben. Da muß Gott selber ans Werk. Wir müssen uns nur für ihn bereit halten — das müssen wir freilich —, wir müssen uns nur dahin stellen, wohin das Gewissen uns haben will — ohne das geht es freilich nicht —, wir müssen ihm nur glauben, daß er wahrhaftig Meister ist und nicht dieses große, solide Ding, das man das wirkliche Leben heißt. Wo kein Glaube ist, da geschieht freilich auch nichts. Aber dann heißt’s warten. Und das heißt in diesem Fall: das Vertrauen haben, daß zur Vollendung der Seligkeitswelt Kräfte am Werk sind, die viel größer sind als dein und mein kleiner Wille und kleines Können, daß nach Gottes wunderbarer Ordnung das Böse und Törichte meistens schließlich sich selbst unmöglich machen muß. Daß die Traurigkeit einen solchen Grad erreichen kann, wo sie sich einfach in stille, tiefe Freude auflösen muß. So muß sich der Krieg austoben, damit wir einmal endgiltig Frieden bekommen können. So muß man manchmal unerfreuliche Menschen ihren Weg zu Ende gehen lassen, ohne sie zu stören, in der Erwartung, daß sie ihn eben dann am ehesten zu Ende gehen werden. So gibt es manchmal närrische, düstere Perioden in unserem eigenen Leben, die erlebt sein müssen, damit dann die Narrheit und Dunkelheit überwunden sei. Vertrauen haben auf die Voraussicht und Weisheit Gottes in der Konfusion des Lebens. Vertrauen haben, daß diese Weisheit schon an den Tag kommen wird. Und darum auch einmal zuschauen können mit gutem Gewissen und ruhigem Sinn, wenn es denn nicht anders geht. Gott zuschauen ist ja nie faule Untätigkeit. Sieh, so etwa sieht das «Warten mit Geduld» aus. Du kannst dir nun selber sagen, wie es bei dir aussieht. Ich sage dir noch einmal: das Warten ist keine Kunst. Wir können es alle. Wir müssen es nur machen.

Amen.
Lieder:
  • Nr. 39: «Aus meines Herzens Grunde» von G. Niege, Strophen 1-3 (= GERS [1952] 75,1.2.5; EG 443,1.2.6, jeweils mit Textabweichungen) 🎵
  • Nr. 287: «Harre, meine Seele» von J. Fr. Raeder, Strophen 1-2 (= GERS [1952] 292,1-2) 🎵

Sachfußnoten

1
= unerfreuliche.↩
2
Diese von Barth öfters (z.B. in: Der Römerbrief, 2. Auflage in neuer Bearbeitung, München 1922, S. 32; spätere Abdrucke: S. 30; Zürich 198915, S. 33) 📖 zitierte Wendung erscheint Jahrzehnte später als Buchtitel: D. Schäfer, Kämpfer im Heere des Lichts. Weckruf an die Christen unserer Tage, Basel 1942. 📖 Die Herkunft des Zitats konnte bisher nicht ermittelt werden.↩
3
Vgl. H. R. Kurz, Schweizerschlachten, Bern 1962, S. 35 📖: In der Schlacht bei Sempach 1386 soll der legendäre Held Winkelried «so viele feindliche Speere, als er zu fassen vermochte, an sich gezogen und unter seinem Leib begraben haben; damit öffnete er seinen Kampfgefährten eine Gasse durch den Speerwall, die sie sofort ausnützten, um auf Hiebnähe an die Ritter heranzukommen». S. 38: «Die Selbstaufopferung Winkelrieds ist eine Tat, die sich so oder ähnlich in manchen Schweizerschlachten immer wieder findet … Sinnbild für eine Haltung, die das Letzte und Äußerste einsetzt auf das gemeinsame Ziel und die nicht zögert, das Leben für die Gemeinschaft hinzugeben.» Als «Gewalthaufe» wurde im Spätmittelalter die hinter der Vorhut und vor der Nachhut zur Schlacht aufmarschierende Hauptmacht des Fußvolks bezeichnet; vgl. Brockhaus-Enzyklopädie, Bd. IX, Mannheim 198919, Art. «Haufen», S. 527f. 📖↩
4
Vgl. oben S. 180f.↩
5
Siehe oben S. 176, Anm. 3.↩
6
Oder: «Narren»?↩
7
Anfang der letzten Strophe des Liedes «Ist Gott für mich, so trete» von P. Gerhardt (Nr. 225,9; GERS [1952] 259,10; EG 351,13) 🎵, wohl aus dem Gedächtnis ungenau zitiert.↩
8
«Immer fröhlich, immer fröhlich, alle Tage Sonnenschein» ist der Kehrreim des Liedes «Laßt die Herzen immer fröhlich» von J. A. Reitz, in: Reichs-Lieder, 229. 🎵↩