22. März 1915

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Freund!

Das wird eine feine Reise nach Ostern. Von der Hochzeit selbst verspreche ich mir zwar wenig. Die Stimmung ist sehr gespannt, und man wird sich entsetzlich still halten müssen, um niemand zu verletzen oder zu reizen. […]

Nach der Hochzeit würden wir am Samstag Morgen von Marburg abgehen Richtung Stuttgart — Boll, den Sonntag dort zubringen und am Montag wieder heimwärts ziehen. […] Wir möchten also nicht so lange in Boll bleiben. Ich schrieb übrigens an Samuel Preiswerk,1 ob Blumhardt2 am Sonntag zu sehen und zu hören ist, denn nur um des dortigen Gemeindelebens willen würde ich nicht hingehen. […]

Ich schicke dir hier nebst deinen Sachen meine Predigt für die «Neuen Wege» in Korrekturbogen.3 […] Meine Mama4 fand sie etwas aufgeregt-apokalyptisch. Ich meinte, allen möglichen Mißdeutungen begegnet zu sein, aber jetzt, wo ich sie gedruckt sehe, kommt es mir selbst vor, böser Wille könne doch allerlei daran zu rupfen haben, und auch guter Wille könnte finden, ich hätte das |37 überhaupt nicht zu sagen brauchen. Mir war es zunächst in der Gemeinde ein Bedürfnis, das zu sagen, um zu zeigen, wie ich mir eigentlich den «Erfolg» dieser Zeit und meines Predigens in dieser Zeit vorstelle, und dann kam es mir vor, es könnte auch andern Gesinnungsverwandten ein Trost und Fernerstehenden eine gewisse Erklärung unserer Haltung sein. Daß man die Sache ins Blöde wenden kann, ist ja ganz klar. Sag du mir dann nur gründlich die Meinung darüber, ich nehm’s gerne an. […]

Grüße von Nelly und dem Kind. Ich redete gestern Abend im Blaukreuz über das «stille, sanfte Sausen» 1.Kön. 19, in der Predigt zum 4. Mal über Jes. 53.

Herzliche Grüße
dein
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Pfarrer Samuel Preiswerk-Sarasin aus Basel (1853–1923) versah damals Hausvaterstelle in Bad Boll.↩
2
Christoph Blumhardt d.J. (1842–1919). Vgl. E. Thurneysen, Christoph Blumhardt, München 1926. 📖 ↩
3
K. Barth, Gottes Vorhut (Predigt vom 14.2.1915 über Lk 12,32), in: Neue Wege, Jg. 9 (1915), S. 89ff. 📖 ↩
4
Anna Barth geb. Sartorius (1863–1938).↩