23. März 1915

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

[…] Deine Predigt war mir eine Freude und mehr als das. Was sollte ich daran aussetzen! Mir scheint vor allem wertvoll, daß du die Klippe, die in Texten dieser Art steckt, so glücklich überwunden hast, nämlich die selbstgefällige Kontrastierung der Wenigen gegen die Vielen. Das was du von «den Meisten» sagst, ist klar evangelisch und mußte gesagt werden. In dem Abrücken der Jüngerhäuflein von der «Welt» droht immer wieder etwas Sektenhaftes. Bei Jesus selber ist davon sicher nie etwas gewesen. Es ist vielmehr ein soziologisches Problem, weshalb Jesus eigentlich keine Sekte gebildet hat. Troeltsch hat darüber einige gute Bemerkungen. Im Übrigen kann die Korrelation: kleine Herde = Reich Gottes nie anders gemeint sein als so, daß das Reich Gottes |38 nicht nur da ist für die «kleine Herde», daß sie aber für alle Andern das Reich Gottes versteht und vertritt und die ganze Welt dafür in Anspruch nimmt. Ja, darin hat sie ihre eigentliche Aufgabe. Sie rechnet die Welt zu Gott und nimmt sie für ihn in Beschlag allem gegenteiligen Schein zum Trotz. Das ist ihr inneres Tun, dieses prinzipielle Behaupten des Sieges der Gottesherrschaft. Damit hört natürlich alle Enge, alles Abrücken von der Welt auf. Sie hebt sich sozusagen als «kleine Herde» auf, indem sie sich, wie du es ausdrückst, als «Vorhut» des alles umfassenden kommenden Reiches betrachtet. Damit ist auch die falsche Apokalyptik abgelehnt, die in einer endzeitlichen Scheidung gipfelt zwischen Gerechten und Ungerechten. Ich habe das Bedürfnis, den Universalismus des göttlichen Handelns hervorzustellen, das sich auf Alle richtet und Alle erfaßt. Aber es tritt dies ja auch bei dir gerade im Anfang der Predigt zutage.

Am Sonntag taufte ich das Kind von Pestalozzis1 in Zürich. […]

Herzlich grüßt dich und die Deinen
dein
Eduard

Sachfußnoten

1
Rudolf und Gerty Pestalozzi-Eidenbenz waren die treuen Freunde Thurneysens und Barths durch viele Jahre. Pestalozzi war Besitzer einer Eisenhandelsfirma. Sein Landhaus «Bergli» in Oberrieden bei Zürich war ein vielbenützter Ferienaufenthaltsort der Freunde.↩