In den großen Frühlingszeiten des Reiches Gottes sammelt und bildet sich die «kleine Herde».
Das sind die Menschen, bei denen es dann auch Gottesfrühling wird mitten im Weltwintera. Die bereit sind und den erlösenden Ruf Gottes hören und aufstehen.b In denen etwas ist, das sich jubelnd dem kommenden Neuen entgegenstreckt.c
|53 Die sich ergreifen und verändern lassen von der Macht des guten Geistes, der sich auf einmal
wieder fühlbar macht und die Seelen und die Menschen gewinnen möchte für sein Befreiungswerk.
Die sich beugen unter die Gerichte des Ewigen, die in solchen Zeiten sich vollziehen unter
Sturm und Grausen, und unter die Offenbarungen seiner Güte, die sich da auftun wie strahlender
Sonnenaufgang. Die sich von dem Ernst und von der Seligkeit des nahen Gottesreiches so erfüllen
lassen, wie das überhaupt unvollkommenen, sündigen Menschenkindern geschehen kannd. Das sind die Menschen, die dann
wieder als Saat dienen müssen für Gottes Zukunft. Mit ihnen arbeitet ere weiter, wenn die besonderen Zeiten vorüber sind. Eine
«kleine Herde», die den Ruf vernommen hat, ein paar Tausend Menschen hier und dort, die die
Quellen des Lebens entdeckt und daraus getrunken habenf
— sie sind der Ertrag Gottes von solchen Gerichts- und Offenbarungszeiten; den wirft er dann
wieder hinein in den Strom der Geschichteg und gibt ihm damit neue Richtung und neue Krafth. Sie werden die verborgenen Ecksteine, mit denen Gott weiterbaut. Sie
sind die auserlesene Vorhut Gottes, die stürmend voraneilen muß, um noch größeren Siegen
vorzuarbeiteni.
Eine kleine Herde!j Wie
wunderbar ist ⌜doch⌝ Gott, daß er es immer wieder gerade so und nicht anders machen will.k Wir denken es uns sol ganz anders aus. Wir meinen: ein großes allgemeines 90 Verstehen und Ergreifen des Ewigen und Göttlichen sollte die Folge solcher Gottesreichszeiten
sein. Wie ein Regen sollte sich die Güte Gottes ergießen über alles Land. Wie ein Feuer sollte
seine Herrlichkeit Alles erfassen und verzehren. Die Menschenseelen weit und breit müßten in
Dankbarkeit und Empfänglichkeit sich ihm zuneigen, willig werden, sich ihm zu öffnen und in
seinen Dienst zu treten. Jauchzet dem Herrn, alle Welt! [Ps. 98,4; 100,1]. Ja, haben wir denn nicht recht, wenn wir das er|54warten?m O
ja: dieses Sich-sammelnn und
Sich-wieder-finden aller Menschenseelen, dieses Zurückströmen alles Lebens zu seinem Urquell,
dieses allgewaltige Durchdringen der Gottesgnadeo bis in die hoffnungslosesten, bösesten Winkel und Ecken, bis in die
tiefsten Abgründe der Welt, dieses Jubeln und Jauchzen aller Kreatur vor dem Vater des Lichts
[vgl. Jak. 1,17] — das ist das
geheimnisvolle Ende der Wege Gottes2. Aber der Weg dahin ist anders, als wir es
uns ausmalen möchten. Da klopft Gott an bei den Menschen einer Zeit mit einer seiner großen,
freundlichen Tatenp, und wir meinen, er tue es so deutlichq, daß die Völkerweltr, daß das ganze Dorf es merken müßte. Aber gerade das
geschieht nicht; sondern nun ist’ss,
wie wenn eine merkwürdige Art von Auslese stattfinden würde, die von den Vielent nur Wenige trifft. Sie richtet sich nicht
nach der Bildung der Menschen, — denn auch unter den sogenannten Gebildeten sind ganz Wenige,
die merken und verstehen und aufstehenu. Sie
richtet sich noch weniger nach Stand und Vermögenv,
— denn immer bleibt’s wahr, daßw die Reichen es ungeheuer schwer haben, ins Reich Gottes
einzugehen, zu groß sind für sie die Hindernisse [vgl. Mk. 10,24f. par.]. Und auch nach der Frömmigkeit und Gerechtigkeit
der Leute richtet sich diese Auswahl nicht, danach am allerwenigsten. Kaum kann uns etwas
gefährlicher sein in den großen Gotteszeiten, als wenn wir bereits bekehrt und brav sindx. Die Auswahl
|55 der «kleinen Herde» richtet sich nicht nach menschlichen Merkmaleny und Unterschieden. Wer da meint: ich bin sowieso dabei kraft meiner
Herkunft, meiner Vergangenheit, meines Charakters, meiner Leistungen, der ist sicher nicht
dabeiz. Da gilt nur eins: Eine
große innere Bedürftigkeit, eine große Freiheitaa von allen politischen,
gesellschaftlichen, religiösenab und persönlichen
Schachteln, Schubladen und Schablonen, ein großer Willeac, freudig von vorn anzufangen (und wenn du vielleicht schon lange auf stolzer
Höhe gestanden wärest!), einead große ernsthafte Absicht,
dem Ruf Gottes wirklich Gehör zu gebenae,
ihm nicht gleich wieder durch eigenes Bedenken, Besserwissen und Schwatzen dreinzureden und die
Arbeit zu verderben. Solche Menschen werden zur «Kleinen Herde» gesammelt in den Zeiten des
Gottesreiches. Hier Einer und don Einer. Hier ein Einsamer, der wohl gar meint, er sei ganz
allein, dort ein paar Freunde, die sich darüber freuen, daß sie sich ⌜so gut⌝ verstehen, ein
junger Mensch, ein Mann in voller Arbeitskraft, eine feine stille Frauenseele, ein alter müder
⌜und doch fröhlicher⌝ Lebenswanderer, ein Kind — am meisten Kinder und Junge vielleicht, ⌜weil⌝ die
noch nicht abgestumpft ⌜und enttäuscht⌝ und abgeschlossen und ein91geschachtelt sind. Hier ein paar
und dort ein paar. Aber kein Verein, keine «Gemeinschaft», keine Kirche, keine Partei. Wenn man
«Gemeinschaften» und Parteien gründet, dann ist das gewöhnlich ein Zeichen, daß die
geheimnisvolle Segenszeit schon vorbei ⌜ist⌝, daß auf den Frühling der Sommer gefolgt ist. Diese
Dinge müssen ja auch sein, aber was sich da sammelt, das ist ⌜dann⌝ gewöhnlich schon nicht mehr
die ⌜einfältige⌝, kraftvolle, selige kleine Schar der wirklich Erwachten und Lebendigen. Nichts
Äußerliches zeichnet dieaf aus. Kaum daß
man ihnenag vielleicht eine gewisse gleichmäßige Ruhe,
eine
|56 gewisseah durch nichts zu unterdrückende
innere Heiterkeit anspürt, eine etwas geschlossenereai Energie ihres Denkens, einen etwas größeren Zugaj in
der Auffassung des Lebens und seiner Fragen. Aber die meisten um sie herum merken ihnen
überhaupt nichts besonderes an. Sie halten ihnen mit Genugtuung und Wonne vor, daß sie denn
doch auch ihre persönlichen Fehler hätten. Sie stellen mit weisem Gesicht ihre Wunderlichkeit
und Überspanntheit fest. Sie schütteln freundlich oder unfreundlich den Kopf über sie. ⌜Sie
haben das dringende Bedürfnis, sie immer wieder zu widerlegen⌝. Geradeak wie die meisten eben überhaupt nichts merken von der Besonderheit der Zeiten,
in denen jene Wenigenal zu solch besonderen Menschen
werden. Sie leben und denken weiter wie gewohnt⌜, trösten sich mit den alten Tröstern⌝ und sind
ganz erstaunt über den Gedankenam, daß es anders sein
könnte.
Die Meisten! Ja, was ist denn mit den Meisten? Das ist doch ganz sicher, daß sie auch Gottes
Kinder sind und daß sie der Vater um kein Stäublein weniger lieb hat als jene, die er sich zur
kleinen Herde sammelt. Das ist sicher, daß auch sie der Ehre und Herrlichkeit Gottes dienen
müssen, daß auch sie auf ihre Weise ihm unverloren sindan. Vielleicht, daß sie an Rechtschaffenheit,
Tüchtigkeitao ⌜und
Gescheitheit⌝ und anderen guten Eigenschaften jenen Wenigen weit überlegen sind: nun, alles
wirklich Gute ist in seinem Ursprung von Gott und kann darum auch in seinem Ziel schließlich
nur für Gott sein.ap Vielleicht, daß sie ⌜gerade⌝ durch ihre Trägheit und ihren
Widerstand helfen müssen, die Kräfte Gottes zu vermehren: Gott braucht ja in seinem großen
Haushalt auch die Pharisäer und Sadduzäer und Römer, auch den Professor, der sich selber
verurteilt hat, immer nur an den Schalen zu
|57 nagenaq, und den sicheren Mann in seiner Villa3 und den gedankenlosen Haufen, der nur «Kreuzige ihn» rufen kann
[Mk. 15,13f. par.]. Für Gott ist auch alles
Bremsen und Widerreden und absichtliche Mißverstehen nicht verloren.ar Vielleicht, daß sie ihre Seligkeit bereits genossen,
ihren Dienst bereits getan haben: sie waren lebendige, wache Menschen, fruchtbarer Gottessame
in einer früheren Zeit des Himmelreichsas, und
nun können sie sich in die neue Zeit nicht mehr finden, können es nicht glauben, daß Gott auch
noch andere Worte habe als die, die sie einst gehört haben. Schade, wenn es so ist, aber für
Gott⌜, der der Anfang und das Ende ist [vgl. Apk. 1,8]⌝, können sie darum nicht verloren seinat. Vielleicht, daß der Augenblickau des Erwachens und Aufstehens 92 ihrer erst wartet, daß
diese Zeit eben noch nicht ihre Zeit ist, daß ihre Zeit aber auch kommt, größer und klarer
sogar, als was jetzt istav. Es ist ein unangenehmer Gedanke, aber wir müssen ihm ehrlich in die Augen
sehen: die «kleine Herde» von heute kann zur großen Masse von morgen gehören, die nichts
versteht und zweifelt und kritisiert. Zu oft schon ist’s so gegangen. Eben darum kann
und wird auch das Umgekehrte geschehen, daß die Toten von heute morgen auferstehen.aw Doch was wollen wir lange raten und
studieren4 darüber! Wie unnütz ist das, wenn wir daran
denken, wie mannigfaltig die Wege Gottes zu uns Menschen sindax. Wir brauchen uns
um «die Meisten», die jetzt schlafen und schlafen wollen, wahrhaftig nicht den Kopf zu
zerbrechen. Gott ist hinter
|58 ihnen und über ihnen und vor ihnen und weiß schon, was er mit ihnen im Sinne hat, und es wird
sicher etwas Göttlichesay sein. Er hat
sie und sie haben ihn auf ihre Art.az Nur eins haben sie nicht: sie sind jetzt, in der Zeit des nahen
Gottesreiches, keine Samenkörner für Gottes Zukunft, keine Ecksteine, auf denen Gott nun
weiterbauen könnte, keine Vorhutsoldaten, die er nun weit voran ins Feindesland treiben könnte
in seinem heiligen Krieg. Das scheint nun einmal Gottes wunderbare Ordnung und unbegreifliche
Absicht so zu sein, daß er dazu immer nur Einige aufruft, Andere, Viele, die Meisten aber
nicht.
Einstba waren diese Einigen die paar Jünger
Jesu ⌜und ihre Nachfolger⌝. Aus der ganzen wimmelnden Masse von Fischern und Zöllnern und
Soldaten, Bürgern und Bauern in Galiläa und Jerusalem nur die paar, Petrus, Johannes, Jakobus
und wie sie alle hießen, und mit der Zeit noch Einige dazu. Und ⌜dann⌝ aus alle den
Hunderttausenden der großen syrischen, griechischen, römischen Städte ein paar Hundert, ⌜ein
paar Tausend,⌝ die sich zu den ersten Gemeindenbb der Christen zusammenfanden.bc «Sehet an
eure Berufung, liebe Brüder,bd nicht viel Weise nach dem
Fleisch, nicht viel Gewaltige, nicht viel Edle sind berufen, sondern was töricht und was
schwach ist vor der Welt, und das Unedle und Verachtete vor der Welt, das hat Gott erwählt!»
[vgl. 1.Kor. 1,26–28]. Was für eine unscheinbare Sache nach Zahl und Art.be ⌜Aber von diesen
Leuten hat ein alter Dichter, der sie gut verstand, geschrieben:⌝
Doch innerlich sind sie aus göttlichem Stamme,
Die Gott durch sein mächtig Wort selber gezeugt,
Ein Funke und Flämmlein aus göttlicher Flamme,
Die oben Jerusalem freundlich gesäugt.
5
59 Ja, innerlich sind das schon lange nicht mehr die sonnenverbrannten6, arbeitsmüden, sündigen, törichten Menschlein, als die sie äußerlich
anzusehen sind, sondern sie leben ganz und gar von der Verheißung: Es ist eures Vaters Wille,
euch das Reich zu geben! Innerlich triumphieren siebf, weil in ihnen eine neue Welt angebrochen ist, und diese neue
Welt wollen und werden sie nun fröhlich und siegesgewiß hinaustragen in die arme alte Welt da
draußen. Denn ihnen geht ja einer voran als ein rechter Freudenmeisterbg, in dem ist ihnen 93 ein anderes Leben wunderbar aufgegangenbh, der hat Liebe und Frieden
in ihre Seelen gesenktbi in überreicher Fülle, der steht vor ihnenbj, wie er sein Kreuz getragen und Gott gehorcht hat, als ein Held, der sie selber
zu Helden machtbk. Von Haus aus sind sie es ja nicht:
Es ist viel Unklarheit und Widerspruch in ihren Köpfen. Feigheit und gelegentliche arge
Inkonsequenzen waren durchaus möglich bei ihnen. Nicht einmal einig waren sie untereinander,
man denke! Zwischen Petrus und Paulus war eine breite Kluft, und mitunter kam’s zu
fatalen Szenen [vgl. Gal. 2,14]. Gut,
daß wir nicht Alles wissen! Aber es war ihnen einfach eine Freude, das Werk Jesu fortzusetzen,
so gut sie es konntenbl. Alles verlassen sie und folgen
ihm nach, lassen als Kinder des Vaters Lichtbm leuchten vor den Leuten, wie ihr Meisterbn sie geheißen [Mt. 5,16], gehen hierhin und dorthin zu Juden und Heidenbo, sagen es ihnen, was sie wissen, mühen sich endlos, ihnen
allen das Geheimnis des Lebens entdecken zu helfen, das sie
|60 selbst entdeckt haben, werden verachtet und ausgelacht und verfolgt und nehmen das hin, als ob
es nicht anders sein könntebp, gehen fröhlich weiter als die Musikanten des lieben Gottes8, die sich nicht wundern, wenn
Viele kein Musikgehör haben, so leid es ihnen tut um sie. Werden schließlich fast Alle irgendwo
totgeschlagen oder hingerichtet mit ihrer frohen Botschaft, weil man die ⌜ja natürlich⌝ nicht
brauchen kann in der Welt. Das war die kleine Herde von damals. ⌜Sie war eben keine «Auslese der
Tüchtigsten und Besten»9, sonst wäre es ihnen anders gegangen.⌝ Ist’s
⌜denn⌝ an ihnen wahr geworden, was ihnen verheißen war: Der Vater will euch das Reich geben!?
Wenn wir als trockene, unbeteiligte Zuschauerbq ihr Schicksal und Ende ansehen, könnten wir mit Fug und Rechtbr daran zweifeln. Sie selber haben freilichbs nicht daran gezweifelt. In ihnen war bei allen Unvollkommenheiten und
Leiden die Freudigkeit und Seligkeitbt des
gegenwärtigen Gottesreiches. Sie hätten mit niemand getauscht. Sie dachten mit Stolzbu an das Wort Jesu: Wahrlich, ich sage euch,
viele Propheten und Könige wollten sehen, was ihr gesehen habt, und haben es nicht gesehen, und
hören, was ihr gehört habt, und haben es nicht gehört! [Lk. 10,24]. Und auch in ihrem Wirken war die Klarheit und Kraft des
gegenwärtigen Gottesreiches.bv Von ihrem
Wirken ist ja die ungeheuerste Entwicklungbw in der
|61 Geschichte der Menschheit ausgegangen, ⌜allem Anschein zum Trotz,⌝ unter den Folgenbx ihres Wirkens stehen wir bis heute,
undby vielleicht will die Ernte der Saat, die sie
ausgeworfen, erst recht beginnenbz. Ja, ihnen war das Reich gegeben von ihrem Vater, dieser kleinen Herde von
damals! O diese glücklichen Wenigen! Diese seligen Helden und Stürmer und Dränger!10 O die armen Meisten von damals,
die von dem allem nichts fanden und gewannen! O die Armen, die nicht bereit waren, als das
Reich Gottes ihnen so nahe kam, die für das Göttliche anca
Jesus, für das Wunderbare an dem Leben, das von ihm ausging, keine Augen und Ohrencb hatten! Die es nicht fassen
konnten, daß ein neuer Tag Gottes angebrochen sei, denen die Worte Jesu als schöne, aber
unbegreiflich unbequeme 94 Ideale vorkamencc, die
sich gegenüber der lauten, freundlichen Ankündigung der neuen Welt mit klugen Gründen und
Unterscheidungen verschanzten!cd Die Armen! Es wäre ja für Keinen von ihnen, von all den Vielen, viel zu Vielen
ein Hindernis dagewesen — es ist für keinen Menschen ein Hindernis da! —, auch Einer zu werden
von der kleinen Herde, von der fröhlichen Vorhut Gottes. Aber es gab’s ihnen nicht
zu.11 Sie wagten den Sprung
nicht. Sie blieben alle, wie sie waren. Und so mußten die Jünger Jesu, ohne Grollce und Verachtung, aber in tiefem, bitterem Ernst zu
ihnen sagencf: Ihr sollt wissen, daß euch das Reich Gottes nahe gewesen ist! [Lk. 10,11]. Gewesen ist! Unseren herrlichen Posten
und Dienst könnt ihr nun nicht mit uns teilen. Ihr könnt nicht, weil ihr nicht wollt!
Wie ist’s, meine Freunde, wenn Gott nun im Gewitter des Völker|62krieges auch wieder eine Gottesreichszeit hat anbrechen lassen für uns? Unser Nachdenken über
den Sinn der gegenwärtigen Ereignisse hat uns in der letzten Zeit immer wieder vor diese
bedeutungsschwere Tatsache geführt.cg Mir ist es sicher, daß dasch eine Tatsache
ist. Einer ganzen Anzahl Menschen in allen Ländern ist es auch sicher. Und ich hoffe im
stillen, daß es auch Einigen von euch sicher geworden ist, daß diese Zeit nicht nur eine
schwere und ernste Zeit ist, wie man etwa sagt, nicht nur eine interessante Zeit, in der es
viel zu hören, zu denken und zu redenci gibt, ⌜auch⌝ nicht nur eine Zeit großer Aufgaben und Pflichten, sondern ⌜vor
allem⌝ eine Gotteszeit in ganz besonderem Sinn. Ein Wendepunkt im Fluß der
Geistesgeschichtecj Ein Tag, an dem Gott sich
anschickt, ein Neues zu schaffen, indem er uns durch das Gericht seine Verheißungen lebendig
macht. Nun ist wieder einmal Saatzeit für bessere zukünftige Ernten, Grundsteinlegung für neue
Bauten, nun werden wieder Vorposten ausgesandt.ck Gottes Reichcl
ist ⌜wieder einmal⌝ nahe herbeigekommen. Wie wird es nun sein? Nun braucht es wiedercm Menschen, die den Ruf Jesu vernehmen und vernehmen
wollen.cn Denn wer unsere Zeit versteht, der weiß, daß nun
gerade wieder Jesus entscheidend zum Wort kommt, Jesus mit seiner Botschaft von der
unbedingten, grenzenlosen Majestät und Güte Gottes gegenüber allem Menschenwesen.co Menschen ⌜braucht es nun⌝, die bereit sind, auf den Ruf Jesucp zu antworten mit Gehorsam und Vertrauen. Die zur
Klarheit gekommen sind darüber, daß die Ordnungen dieser jetzigen Menschen|63welt in ihren Grundlagen sinnlos und verbrecherisch sind, und zur Entschlossenheit dazu,
innerlich nichts mehr mit ihnen gemein zu habencq, weil sie stracks gegen alles Recht und alle Liebe sind.
Die davon durchdrungen sind, daß mit Gewalt weder Rechtcr geschaffen ⌜noch Recht geschützt⌝ werden kann und daß die
Torheit, sich gegeneinander zu waffnen, um miteinander auszukommen, notwendig endigen muß in
solchencs Katastrophen des Hasses und der
Vernichtung, wie wir sie jetzt erleben. Die den heiligen Respekt vor dem Mammon gründlichct verlernt haben, weil sie es jetzt
gesehen haben, wie der nicht Heil, sondern Unheil schafft und darum nicht Gott sein kann neben
95 Gott.cu Und mag die Vernunft unscv noch so lange sagen, wie tief diese Ordnungen
wurzeln in fast unerschütterlichen «Verhältnissen», in der «Wirklichkeit»cw, daß
wir uns ihnencx unterwerfen müssen — ⌜mögen wir uns
ihnen vorläufig unterwerfen, wir können sie nicht anerkennen, nicht innerlich ernst nehmen,⌝
nicht an sie glauben, weil wir an Gott glauben müssen.cy ⌜Denn
Gott offenbart sich uns jetzt in der schrecklichen «Wirklichkeit» der Menschenwelt, nicht damit
wir sie anerkennen, sondern damit wir dazu kommen, ihn
wieder zu anerkennen, der uns im Evangelium seine wunderbare Welt erschlossen hat.⌝ Menschen
braucht es nun, die an die Wirklichkeit der Gotteswelt glauben, in ihr ihren Standort nehmen
und darum innerlich frei sind von der Gefangenschaft der Vergangenheit und Gegenwart.cz So habenda die ersten
|64 Christen in einer ebenso finstern Welt wie die unsrige gebetetdb: es vergehe diese Welt und es komme dein Reich!12 Sie lebten in der Hoffnung. In ihrer Hoffnung
und nur in ihr hatten sie Gottvertrauen, Stärke im Leiden, Gewissenstrost, Freiheit zu gutem
Tun. Wird es uns auch wieder geschenkt werden, so in der Hoffnung zu leben — zu leben und nicht bloß neben allerlei Götzendienst auch noch eine Hoffnung zu haben? —, in
der Hoffnung zu leben und nicht in einer Religiosität, die mit dem Gott und
Vater, den uns Jesus erschlossen, eigentlich gar nichts zu tun hat? Das ist die große, tiefe
Frage unserer Zeit, ob Gott nun Menschen finden wird, die sich solches Leben in der Hoffnung
schenken lassen. Wenn Gott uns irgend etwas zu sagen hat durch diesen Krieg, so ist es doch
das, daß er wahr machen willdc, was er verheißen hat. Daß diese ganze Welt voll Mißtrauen und Militär und Haß und
Interessenpolitik und sogenannter Vaterlandsliebe eigentlich und wirklich einedd
Unmöglichkeit ist, die abgelöst und überwunden werden muß durch das Leben der Kinder Gottes,
die allesamt Brüder sind, ⌜einfach⌝ weil sie ⌜allesamt⌝ einen Vater haben.de Hervorbrechen willdf Gottes
Gerechtigkeit ⌜aus unseren Konfusionen⌝ wie die Morgenröte aus der Finsternis [vgl. Jes. 58,8]. Zerbrechen müssendg die Ketten der Schuld, die die Menschheit seufzend von
Jahrhundert zu Jahrhundert schleppte. Wahrhaftig sollen die Reiche dieser Welt Gottes und
seines Christus werden [vgl. Apk. 11,15]. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunfdbt [Phil. 4,7], will den inneren und äußeren Krieg, in
dem wir
|65 lebten, aufhebendh. Mit solcher Hoffnung
sind die ersten Christen zu den Juden und Heiden gegangen ⌜und hatten ihnen damit etwas zu
bieten und zu bringen. Denn an Religiositäten von allen Sorten, an Tröstern und Krücken und
farbigen Brillen, um sich in dieser Welt zurechtzufinden, fehlte es denen durchaus nicht, wohl
aber an der Hoffnung auf einen Sieg, der diese Welt überwindet. Und so ist es heute wieder.⌝ Nun
braucht und fordert Gott Menschen, diedi angesichts des furchtbaren Resultats, das die Ordnungen der
Menschenweltdj gezeitigt haben, ihre Zuversicht auf ihndk setzen und von ihm, und das heißt von der Beugung unter seinen heiligen
Willen, der uns in Christus offenbar ist, etwas Anderes, Besseres erwarten. Was für eine
wundervolle große Zeit, 96 wo Gott solche Menschen fordern — und schaffen will!dl Wo Christus wieder nach Freiwilligen ruft wie
in den alten Heldenzeiten des Glaubens! Wo das Himmelreich wieder gestürmt werden kann [vgl.
Mt. 11,12] durch ernste, freudige
Entscheidungen in der Tiefe der Seele, Entscheidungendm für den
lebendigen Gott, gegen die toten Götzen der Menschenwelt. Und wenn nun Gott wieder Propheten,
Apostel und Märtyrer brauchen und ihnen rufen sollte? Wenn wir nur wahrheitsmutige,
unerschrockene Zeugen werden für die höhere Welt, die sich jetzt ankündigt!dn Es wird ⌜auch so⌝ nicht leicht sein, wirklich als Vorpostendo Gottes in die nächste Zeit hinein zu gehen. Da wird Alles
wieder kommen wie ehemals. ⌜Es wird an Sünden, Verkehrtheiten und Kleinlichkeiten derer nicht
fehlen, die jetzt Gottes Ruf vernehmen und weitergeben möchten, und darum dann auch nicht an
Kritik und weisen
|66 Sprüchen von allen Seiten.⌝ Verachtung, Ausgelachtwerden, Mißerfolg über Mißerfolg, das muß ja
alles so sein.dp Die Mächtedq dieser Welt werden jetzt so wenig wie damals freiwillig das Feld
räumen und werdendr den nicht ungestraft
lassen, der ihnen die Freiheit und die Hoffnung entgegenstellt. Darüber soll sich niemand
täuschends
Aber bei dem allem werden diese Vorposten Gottes dann auch wieder erfahren, wie ihnen des
Vaters Wille das Reich gibt, wie sie seine Gegenwart erleben dürfen in einer unbeschreiblichen
Freudigkeit, in einer großen Kraft im Beruf ihres Glaubens, in erneuernden, reinigenden,
heiligenden, verwandelnden Wirkungen, die von ihnen ausgehen werden. Das ist noch nie anders
gewesen.dt
Wie wird’s nun sein, meine Freunde? Wird Gott solche Freiwillige und Vorposten
finden in unserer Zeit? Wird die «kleine Herde» da sein nach dem Völkerkrieg als sein
göttlicher Ertrag und als göttliches Werkzeug für die Zukunft?du Und wer wird dann zurdv kleinen Herde gehören, wer zurdw
großen Masse, die nichts merkt und weiterschläft? Seht, noch handelt es sich heute nicht darum,
etwas zu tun. Noch ist alles viel zu sehr in Verwirrung und im Unklarendx, als daß jetzt schon
|67 gesagt werden könnte, was denn geschehen muß als erstedy Tat des Gehorsams gegen das nahe gekommene Gottesreich. ⌜Tröste dich damit,
wenn es dir ein Trost ist!⌝ Noch verlangt Gott keine besonderen Entschlüsse und Taten von dir,
noch keine Opferdz für
sein Reich. Du brauchst in keine Gemeinschaft oder Partei einzutreten.ea. Du brauchst kein Geld
wegzugeben. Du brauchst weder dein Geschäfteb, noch
deine Familie, noch dein Leben in Gefahr zu bringen. Du brauchst kein Prophet noch
Märtyrerec zu werden. Warte auf Gott, wenn du verstehst, daß auf Gott warten
wichtiger ist als das größte Tun!ed Nochee handelt es sich «nur» darum, für welchen Glauben du dich entscheiden willst: für den Glauben der kleinen Herde der Einsamen, der
Stillen, der Träumer und Törichten oder für den Glauben des großen Heeres der Klugen,
Nüchternen und Praktischen?ef Du weißt, wie sich diese beiden Glauben
unterscheiden: Der eine ist Glaube an Gott und an die Wahrheit, der andere ist Glaube an die
Götzen und an das, was immer so war und 97 immer so sein wird. Nun wähle! Das ist die
Entscheidung, die ich heute mir und euch allen vorlegen wollte.
Wir sagen, nicht wahr: es wäre wohl schön! Aber nun fühlen wir beide auf einmal, daß dieser
Glaube der kleinen Herde, der «nur» Glaube ist, eigentlich etwas ganz Unheimliches ist. Wir
wittern etwas von all dem, was darin schlummert: Unruhe, Widerspruch, Leiden, Kampf,
Revolution, Kreuz — und wir erschrecken. Ja, es ist wohl wahr: dieser Glaube der kleinen Herde
hat etwas Unheimliches. Aber nun sagt uns Jesus von der anderen Seite nur das Eine: Fürchte
dich nicht, du kleine
|68 Herde! Und in diesem: Fürchte dich nicht!, wenn wir’s hören, liegt eine Kraft, die
uns wirklich vom Schrecken freimacht.eg ⌜Vielleicht, daß wir dann doch mit jenem Sänger des inneren Lebens aus
vergangenen Tagen den Mut fassen, zu beten:⌝
O Jesu, verborgenes Leben der Seelen,
Du heimliche Zierde der inneren Welt,
Gib, daß wir die heimlichen Ziele erwählen,
Wenngleich uns die Schmach deines Kreuzes entstellt.
Hier übel genennet
Hier heimlich mit Christo im Vater gelebet,
Dort öffentlich mit ihm im Himmel geschwebet.
14
Wenn wir einmal aufrichtig und ernstlich so beten werden, dann ist’s schon erhört,
dann sind wir bei denen von der Vorhut Gottes.