21. März 1915

Predigt: Jesaia 53,5-6

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Jesaja 53,5[b]–6
Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Wir gingen alle in die Irre wie Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg; aber der Herr warf unser aller Sünde auf ihn.
Liebe Freunde!

Er ist um unserer Missetat willen verwundet und um unserer Sünde willen zerschlagen [V. 5a]! Unser ist die Schuld, wenn Christus leidet und stirbt, denn wir Menschen haben ihn für nichts geachtet und zu den |111 Toren und Verbrechern gestoßen. Unser ist die Schuld, wenn die Welt finster ist, denn die Welt ist das Spiegelbild unserer Seele. Unser ist die Schuld, wenn der ewige Gott mit seiner Schöpfungskraft und Klarheit und Freudigkeit ein Fremdling geworden ist in unserer Mitte, denn wir haben ihm den Rücken gekehrt. Unser ist die Schuld an allem Elend der Verhältnisse und an allen Ungerechtigkeiten des Lebens, denn die Erde Gottes ist reich genug, um Allen Leben und Freude zu bieten, wir aber haben es gemacht in selbstsüchtiger Gier oder zugelassen in selbstsüchtiger Feigheit, daß die Einen Tyrannen und Räuber und müßige Drohnen werden konnten, die Anderen aber ihre zitternden Sklaven. Unser ist die Schuld, wenn der Mammon uns knechtet mit harter Faust und uns keinen Tag zur Ruhe kommen läßt; denn Gott hat uns beizeiten gesagt, wen wir über Alles fürchten und lieben sollten1, wir Menschen aber sind hingegangen und haben uns selber den Mammon zum Götzen gemacht. Unser ist die Schuld an den unangenehmen Eigenschaften, an den Fehlern und Lastern unserer Mitmenschen, über die wir jetzt schelten und klagen und uns entsetzen, denn Gott hat den Menschen geschaffen nach seinem Ebenbild [vgl. Gen. 1,27], wir aber haben seit den Tagen des Adam einander verführt und betrogen, das Böse hineingepflanzt in die Seelen der Anderen, indem wir es selber anerkannt haben, statt es zu überwinden, und pflanzen es fort von Geschlecht zu Geschlecht durch nichts so sehr wie durch unser Schelten und Richten, durch das wir nur zeigen, wie machtlos, wie gottlos wir sind ihm gegenüber. Unser ist die Schuld, wenn jetzt im Weltkrieg wiederum das Kreuz Christi aufgerichtet steht in furchtbarer Größe und Deutlichkeit, wenn der Bote Gottes wiederum schweigen muß inmitten einer Welt, die ihn nicht verstehen kann, wenn Jesus wiederum bluten, leiden und sterben muß in Tausenden und Tausenden seiner Brüder, denn zu uns war Christus gesandt, uns hatte Gott seine seligmachende Wahrheit anvertraut, unsere Brüder sind die Brüder Jesu, die jetzt draußen leiden müssen … wir aber haben nicht gewollt [vgl. Mt. 23,37 par.]!

Und Gott? Ist Gott machtlos gegenüber unserer Schuld? Sieht er hilflos zu, wie wir Christus kreuzigen, die Welt mit Finsternis erfüllen und in der Finsternis erhalten, sein Ebenbild in uns selber schänden? Was |112 für ein Gott, der das alles zuließe, dem allem zusähe? O, so sicher es Gotteslästerung ist, ihn verantwortlich zu machen für die ganze Vergiftung und Verderbnis des Lebens, in der wir uns befinden, so sicher können wir uns Gott auch nicht machtlos denken dem Kreuz, der Verachtung, dem Leiden, der Niederlage seines Knechtes, seiner Wahrheit gegenüber. Ein machtloser Gott ist nicht Gott. Wie sollten wir unseren Blick zu ihm empor richten aus der Tiefe unserer Schuld, wenn wir denken müßten, daß er doch nichts kann gegen das, was wir angerichtet haben und anrichten? Wie sollten wir glauben an Gott, wie sollte das letzte Fünklein von Zutrauen zu seiner Güte in uns bestehen können2, wenn Gott nicht die Kraft wäre, die Kraft, die trotz Allem auch über dem Bösen steht, wenn wir’s nicht ahnten, wenn wir’s nicht glaubten mitten in unserem Unglauben, daß von Gott her auch in uns Kraft über dem Bösen, gegen das Böse entstehen kann?

Sieh, wir haben uns weit, weit von Gott entfernt, wir sind mitschuldig an dem, was auf Golgatha geschehen, uns zeigt eine Welt voll Haß und Krieg ein erschreckendes, aber wahres Bild unserer Art — es ist so, aber wenn wir in unserer großen Gottesferne einen Augenblick nur an Gott zurückdenken, einen Augenblick nur still werden, ihn zu uns reden, uns von ihm sagen lassen, wer er ist und wer wir sind, sofort wird es uns trotz Allem und Allem gewiß, daß er der Herr ist. Oder ändern denn etwa die schrecklichen Fehler und Verwirrungen, in die wir hineingeraten mögen, etwas an ihm? Kann all das namenlose Unrecht, das wir begehen, all das grenzenlose Elend, das wir anrichten, Gott zu einem Anderen machen? Werden etwa der Mammon und die deutschen, französischen oder schweizerischen Kriegsgötter, die wir jetzt anbeten, dadurch zur höchsten Macht in der Welt, dadurch, daß wir sie anbeten? Wird denn etwa Gott aufgehoben durch unsere Gottlosigkeit? Oder wird es uns nicht, sobald wir nur einen Moment wieder an Gott denken, sobald es uns auch nur einen Moment leid tut, was wir angerichtet haben, sobald wir uns nur einen Moment, nur versuchsweise gleichsam aus der Finsternis dem Lichte zuwenden, aus dem Schein dem Wesen, wird es uns da nicht sofort klar: Nein, Gott bleibt, der er ist, er ist die Wirklichkeit, er ist die Wahrheit, er allein ist, der da war und ist und sein wird, das A und das O, der Anfang und das Ende [vgl. Apk. 1,8]. |113 Und darum ist er auch die Macht über Allem und kann seine Ehre nicht den Götzen lassen [vgl. Jes. 42,8]. Der erste schüchterne, schlichte Gedanke an Gott sagt uns sofort, daß er die Barmherzigkeit ist. Denn was heißt das, Barmherzigkeit? Eine Gesinnung, die größer ist als unsere Schuld, die über unsere Schuld hinwegsehen kann und nicht daran verzweifelt, die Wege weiß, sie zu überwinden, und den Willen hat, es zu tun. Und diese Gesinnung hat Gott gegen uns, er kann keine andere haben, weil er die Macht ist über alle Gewalten in der Welt, mögen sie noch so stark sein, weil er die Wahrheit ist, vor der alles Andere sich in Schein auflösen muß.

Wir hörten vor acht Tagen, wie das Kreuz Christi uns zwingt zu der Erkenntnis: unsere Krankheit und unsere Schmerzen, unsere Missetat und unsere Sünde — unsere Schuld. Es reinigt gleichsam das Bild Gottes von all dem, was wir so gerne Gott anhängen möchten, um uns selbst zu entschuldigen und loszusprechen. Nein!, sagt es uns unerbittlich: du bist’s! Aber eben damit bringt es uns dann dazu, wenigstens für einen Augenblick wieder an Gott zu denken, und statt daß dieser Gedanke an Gott uns niederschmettern würde, weil unsere Schuld vor ihm gar so groß ist, richtet er uns vielmehr auf. Gott tritt vor uns nicht bloß als der Bekämpfer und Richter und Bestrafer des Bösen, sondern als der große Gott, der von vornherein auch über dem Bösen steht und Gewalt darüber hat, dem die Schuld nicht zu schwer ist, so schwer sie auf uns lastet, der uns nicht ganz kann fahren lassen, soweit wir uns von ihm entfernt haben. Das Letzte und Höchste ist nicht unsere Schuld, sondern Gottes Gnade, die die Schuld vergibt und neues Leben schafft. Gottes Kraft, Barmherzigkeit und Gnade, das ist’s, was vom Kreuz ausstrahlt in die schuldige Welt und Menschheit.

Und nun hört das Geheimnis des starken, barmherzigen, gnädigen Gottes im Kreuze Christi: «Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt!» Hier haben wir die rechte, eigentliche Antwort auf unsere Frage, ob denn Gott machtlos sei gegenüber unserer Schuld, ob er denn allem Bösen zusehe, alles Böse müsse geschehen lassen, wie es wolle. O, Gott ist nicht nur größer als unsere Schuld, Gott ist so groß, daß er unsere Schuld braucht, um unsere Schuld zu tilgen. Was Joseph einst zu seinen bösen Brüdern sagte: ihr gedachtet es böse zu machen, Gott aber hat es gut gemacht [Gen. 50,20], das sagt uns mit noch viel mehr Wahrheit und Klarheit Christus |114 vom Kreuze her. Ja, wir haben uns abgewandt von Gott, wollten seine Stimme und seines Boten Stimme an uns nicht hören, wollten unsere Wege gehen — und darum muß Christus mit Verachtung und Schmach aus unserer Welt ausgestoßen sein, darum muß er von Schande und Blut bedeckt sein, darum muß er in Einsamkeit sterben wie ein von Gott Gestrafter — o schwere Schuld, nein:

O große Lieb, Lieb über alle Maße,
die dich gebracht auf diese Marterstraße3 —
dann das Ende, das Resultat von dem allem ist nicht Fluch und Strafe, sondern Friede und Heil für uns, deren Schuld hier offenbar wird. Die Strafe liegt auf ihm, auf daß wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt!

Wie soll das zugehen? Seht, das Leiden Christi, die Mißachtung und Verstoßung des Knechtes Gottes hat noch immer zur Folge gehabt eine gewaltige Offenbarung der Gegensätze zwischen göttlich und ungöttlich, gut und böse, und mit solchen Offenbarungen trat dann immer der ferne, fremde Gott wieder hinein in das Leben der Menschen, befreiend und erlösend, heilend und segnend. Und so wird das Schrecklichste, was die Menschen tun, zu einer Tat der göttlichen Herrlichkeit. Und das bittere Leiden des Gottessohnes wendet sich und wird zum Licht und zur Kraft für die, die es verschuldet haben. Sein Blut, das wir vergossen haben, macht uns rein von aller Sünde [vgl. 1.Joh. 1,7]. Und sein Sterben, das auf unserem Gewissen liegt, wird unser Leben.

Zuerst darum, weil es das Böse, das Widergöttliche, das Teuflische zur vollen Offenbarung und damit uns zur Erkenntnis gebracht hat. Diese Erkenntnis brauchen wir, um davon frei zu werden. Was wüßten wir denn vom Bösen ohne das Kreuz Christi? Wir denken etwa an das Wort «Sünde», das man so leicht ausspricht und so wenig ernst nimmt. Wir denken an allerlei grobe Laster und Vergehen gegen Recht und Sitte. Wir denken an unsere eigenen und anderer Leute Fehler und schlimmen Charaktereigenschaften. Und wir merken nicht, daß eigentlich das Widergöttliche zum allergeringsten Teil in diesen Dingen sitzt, sondern gerade in dem, was wir für das Gute an uns und an den Menschen halten: in unserer Tugend, in unserer Strebsamkeit, in unserem |115 Selbstbewußtsein, in unserer Gerechtigkeit. Jenes sind ja nur besondere Blüten oder Ausbrüche des Bösen, nicht das Böse selbst — hier dagegen zeigen sich die Welt und der Weltgeist gleichsam in ihrem Hauskleid, in ihrer ganzen Natürlichkeit und Selbstverständlichkeit, die eben Widergöttlichkeit ist. Natürlich muß doch jeder für sich sehen, natürlich benutzt man doch Alles, was einem Vorteil bringt, natürlich läßt man sich doch keinen Vorteil gerne entreißen, natürlich muß man doch recht haben, natürlich will man doch auch ein wenig anerkannt sein. Ja, wer sagt uns denn, daß das alles böse ist? Das ist doch einfach aller Welt Lauf und Brauch, anerkannt von Sitte und Herkommen, von Gesetz und Polizei.

Das Kreuz Christi sagt es uns, das Leiden des Gottesknechtes. Nicht wegen der Fehlerlein und Charakterschwächen der Menschen muß er leiden, sondern weil die Gerechtigkeit der Menschen eine Gerechtigkeit ohne Gott ist, weil die Welt nach ihrem natürlichen Lauf und Brauch, in ihrer ganzen Pracht und Rechtschaffenheit den Helden Gottes nicht brauchen kann, weil sie sich innerlich losgesagt hat von dem, der ihn gesandt hat. Das wird uns offenbar in dem Kreuze Jesu, daß das Teuflische nicht eine besondere Schlechtigkeit ist, nicht etwas, was die Schullehrer den Kindern und die Polizei den Erwachsenen abgewöhnen könnten, sondern die Art, die uns die allerselbstverständlichste ist, die Art, daß eben ein jeder an sich denkt und für sein Recht sich wehrt und an den Wert seiner Person glaubt. Vor dieser Art muß Gottes Knecht dastehen als der Allerverachtetste und Unwerteste. Das Kreuz Christi macht uns nicht auf unsere kleinen Bosheiten und Torheiten aufmerksam, die an sich ja gar nicht so viel zu bedeuten haben, sondern auf die ganze alte Welt, in der wir drin stehen, in der wir leben und weben und sind, auf die ganze geliebte Welt unseres Wohlstandes, unserer Vorsicht und Klugheit, unserer Berechnungen und Rechthabereien, unserer Höflichkeit und Selbstzufriedenheit. Diese ganze Welt, nicht nur die der Zöllner und Sünder, ist gegen Gott, muß gegen Gott sein!, sagt es uns. Ja, die Zöllner und Sünder sind Gott näher, weil das Böse bei ihnen deutlicher ausgebrochen, gleichsam zur Blüte gebracht ist und damit näher seiner Überwindung. Hier vor dem Kreuze müssen wir alle zu Zöllnern und Sündern werden, müssen wir alle es erleben, daß unsere vermeintliche Gerechtigkeit ausbricht in eine furchtbare, offenbare Untat. Fühlen wir’s, daß es eine Wohltat, eine Gnadentat Gottes ist, daß er |116 es soweit kommen läßt, daß er uns einmal unzweideutig hinweist auf die eigentliche Wurzel, auf das Wesen unserer Art, eben indem er seine Wahrheit, seinen Sohn, seinen Bekenner tausendfach leiden und unterliegen läßt in dieser Welt?

Wir spüren auch im jetzigen Weltkrieg etwas von dieser Wirkung des Leidens Christi. Wir waren ja doch vorher vielfach wie blind für das, was uns eigentlich fehlte. Wir meinten doch in einer im Ganzen ganz vortrefflichen Welt zu leben und hielten es kaum für notwendig, daß da und dort ein bißchen an unseren Fehlerlein und Irrtümlein getrotzt und gebürstet wurde. Und nun müssen uns in dem gewaltigen Leiden der Menschheit, in diesem furchtbaren Golgatha der Wahrheit und der Liebe die Augen aufgehen dafür, daß es uns gerade im Ganzen fehlt, daß die Grundlagen unserer Lebensordnungen, die wir für natürlich und selbstverständlich und gut und gerecht hielten, eigentlich vom Bösen sind und zum Bösen führen müssen: ich denke an die Geldfrage, von der die Menschheit beherrscht ist, ich denke an den Wahn der Vaterländer, die miteinander konkurrieren und einander hassen mußten, ich denke an den noch schrecklicheren Wahn, diese Gegensätze müßten durch die Gewalt, durch Tod und Zerstörung zu einem befriedigenden Austrag gebracht werden. Das alles sahen wir doch schon vorher, aber wie Viele sahen es ein, daß hier der Teufel und die Hölle am Werk seien? Wie Viele sahen da noch tiefere, verborgene Ursachen dieser Erscheinungen in der Menschenseele selbst: die Lüge, die das Materielle über den Geist und die Wahrheit stellte, die Lüge, die immer wieder das kalte Menschenrecht triumphieren ließ über die selige, heiße Gottesliebe, die Lüge schließlich, die andere Götter neben Gott haben wollte [vgl. Ex. 20,3]. Das alles hielten wir doch für natürlich und unvermeidlich, rührten mit keinem Finger an diese tiefen und tiefsten Grundlagen und Ursachen des Bösen und korrigierten und moralisierten unterdessen auf seiner Oberfläche herum, an den kleinen menschlichen Gebrechen und Verirrungen, ohne zu sehen, wo der Feind eigentlich steht. Nun ist er enthüllt und steht vor uns als der, der er ist. Die Verwerfung Gottes und seiner Wahrheit, die Verstoßung Jesu und seines Evangeliums, die Verleugnung des heiligen Geistes haben im Krieg ihren Gipfel erreichen dürfen, eben damit sie uns einmal deutlich und offenbar würden, daß das Tiefe und Tiefste unserer Verwirrung uns einmal klar würde an seinen Folgen. Sollten wir Gott nicht dankbar sein dafür, daß |117 er unsere tiefe, unbestreitbare Schuld dazu verwendet, uns die Augen zu öffnen, uns den Feind zu zeigen, den wahren Feind, den wir immer übersehen hatten? Spüren wir’s nicht, wie uns in dieser schrecklichen Offenbarung der Friede und das Heil näherrücken, von denen unser Text redet?

Aber nicht nur das Teuflische bringt das Kreuz Christi zur vollen, rückhaltlosen Offenbarung, sondern erst recht und noch viel mehr das Göttliche. Wo wird uns denn die Herrlichkeit Jesu Christi völliger enthüllt als eben in dem Marterbild von Golgatha?

Wir können aus Christus einen Lehrer der Moral machen, der an die Menschheit Forderungen von unerreichter Höhe und Kühnheit gestellt, der ihr auf die idealste Weise gezeigt und vorgehalten hat, wie sie ihre Fehler verbessern und allerlei Tugenden üben könnte. Aber bleibt dabei nicht etwas in uns zurück gegen ihn wie ein Verdacht oder doch wie ein schmerzlicher Verzicht, ja, das alles, was er von uns verlange, könne doch wohl nicht ganz so ernst gemeint sein, wie es dastehe? Vollkommen sein, wie der Vater im Himmel vollkommen ist [vgl. Mt. 5,48], seine Feinde lieben [vgl. Mt. 5,44 par.], siebzigmal siebenmal vergeben [vgl. Mt. 18,22 par.], nicht sorgen [vgl. Mt. 6,25 par.] — ja, wer kann denn das eigentlich unter uns schwachen Menschen und in unseren irdischen Verhältnissen, wie sie nun einmal sind, wer? Und so gewinnt und bezwingt uns das Göttliche in Christus eigentlich nicht recht, wenn wir ihn bloß von dieser Seite kennen.

Man kann auch einen Religionsstifter aus ihm machen. Man kann ihn verehren als den Mann, der die christliche Kirche gegründet habe mit ihrer Predigt und ihren Sakramenten, mit ihren Glocken und Pfarrern, und kann ihm dann dankbar sein für den Trost und die Freude, die man möglicherweise an dieser Religion und dieser Kirche hat. Aber hat er uns damit Gott gezeigt, Gott, der doch eben etwas ganz Anderes ist als eine Kirche mit ihrem religiösen Betrieb, Gott, der der Allmächtige, Allwaltende ist, Gott, der Alles erfüllt und beherrscht, der Alles durchwirkt und verwandelt? Haben wir Gott gesehen, wenn wir von Christus eine Religion und eine Kirche bekommen haben? Oder sind wir nicht eigentlich ganz dieselben Menschen in denselben Nöten und Schwachheiten mit oder ohne christlichen Trost und christliche Erbauung? Mußte uns Christus nicht auch so vorkommen wie ein herzlich schwaches Lichtlein mitten in großer Finsternis, auch so als einer, der |118 uns vom Göttlichen wohl zu reden und daran zu erinnern weiß, der es uns aber nicht zeigen und noch weniger geben kann?

Nun aber hat Christus gelitten und ist gestorben als der Allerverachtetste und Unwerteste. Das bedeutet, daß Gott ihm eine so unbedingte, unwiderstehliche Wahrheit und Realität war, daß er ihn nicht preisgeben konnte, auch nicht gegen den Widerstand und die Verfolgung der ganzen Welt. Das bedeutet, daß sich ihm das, wovon er redete und was er den Menschen brachte, bewährte auch mitten im Dunkel der völligen Verlassenheit und Verworfenheit: er will lieber mit seinem Gott zwischen den Verbrechern am Kreuze hängen als ohne Gott es gut haben unter den Frommen und Gerechten. Das bedeutet, daß Christus nicht nur der Bringer einer neuen Moral, der Stifter einer neuen Religion ist, sondern das erste Stück einer neuen Welt, einer neuen Wahrheit. Diese Wahrheit, die Gotteswahrheit, hat er aufgerichtet, einfach indem er sie geglaubt hat, als Alles gegen sie sprach, als Alles sie widerlegte und verwarf. Trotzdem!, sagte Christus und litt und starb. Mit seinem Gebet: Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun! [Lk. 23,34] und: In deine Hände befehle ich meinen Geist! [Lk. 23,46] triumphierte er über die Welt und über die Menschen, schuf und pflanzte er eine andere Welt, einen anderen Menschen!

Von Golgatha aus erst verstehen wir sein Heilandsleben, den Sinn von dem, was er war und wollte. Wir verstehen seine unerhörten Forderungen, diese unbegreiflich hohen Ideale der Bergpredigt, mit denen wir einfach nichts anfangen können, solange wir daran herumknorzen in der Meinung, daß wir so sein und so handeln sollen! Ja sollen; wenn wir aber nicht können, weil wir ganz anders sind als der, der so geredet hat? In Wirklichkeit sind sie doch nichts Anderes als die wunderbar klare Beschreibung jener seligen Gotteswahrheit, die Jesus am Kreuze bewährt und besiegelt hat. So ist die Gotteswelt, und so geht es in ihr zu: Seligkeit, keine Feinde, keine Sorgen mehr, Gerechtigkeit aus freier Liebe und aus tiefstem Herzen — die Gotteswelt, die Jesus glaubte, in der er lebte, als die ganze Menschenwelt durch die Tat bewies, daß sie sie nicht kannte. Am Kreuz offenbart sie sich uns als Wahrheit, bricht auf vor unseren Augen als das Überlegene gegenüber allem Kleinlichen, Vorläufigen, als das Wirkliche gegenüber allem Schein, in dem wir befangen sind.

Vom Kreuz aus verstehen wir die Liebestaten und Wunder Jesu: daß |119 es nicht schöne Geschichten oder Märlein sind, von denen wir bloß denken könnten: ja dazumal, da wurde den Menschen geholfen in ihrem Elend. Nein doch: Sie sind Anzeichen, Signale, Kundgebungen des Gottesreiches, das damals nahe herbeigekommen [vgl. Mt. 4,17], das in Jesus Wahrheit war. Anzeichen der Wirklichkeit! So geht’s zu, wo der Gott schafft, in dessen Dienst Jesus gestorben ist: da gehen die Lahmen, da sehen die Blinden, da hören die Tauben, da werden die Gefangenen frei, da stehen die Toten auf [Mt. 11,5], so geht’s zu! Das Kreuz offenbart uns diese Wirklichkeit. Gerade da hören wir die Stimme:

Wir sollen nicht verloren werden;
Gott will, uns soll geholfen sein4 —
da erschließt sich uns das eine große Wunder, daß das Böse und das Übel nicht mehr sein sollen, daß der Tod vergangen ist [vgl. Apk. 21,4].

Und wir verstehen von Golgatha aus, wozu Jesus seine Jünger ausgesandt hat in alle Welt, was die gute, frohe Botschaft war, die er ihnen aufgetragen: wahrhaftig nicht, um eine neue Religion, einen neuen Kirchenapparat aufzurichten — davon hatte die Welt schon genug —, sondern um den Menschen diese Wirklichkeit des Lebens zu zeigen, diese Welt der Wahrheit und der Liebe und der Gerechtigkeit, die über der Wirklichkeit ist aller Verachtung und Verstoßung zum Trotz, die am herrlichsten leuchtet, wenn sie am meisten verworfen ist. Ja, das war eine gute Botschaft: nicht neue Lehre, nicht neue Lebensregeln: die neue Welt, der neue Mensch, der frei und fröhlich lebt im Göttlichen, weil er von der Quelle des Göttlichen trinkt. Als das Kreuz aufgerichtet war, als Jesus blutete voller Schmerzen und Krankheit, beladen mit der Schuld der Menschheit, da konnte diese Botschaft Kraft werden.

Und meint ihr nicht auch, daß der Krieg, den wir jetzt schaudernd erleben als den Zusammenbruch und die Strafe unserer Art, dieses neue gewaltige Golgatha, uns auch das Göttliche wieder mit ganz anderer Kraft offenbaren müsse? Wieviel leuchtende Treue und Opferwilligkeit, wieviel Liebeskraft und Tatkraft treibt diese Zeit hervor bei unseren Nachbarvölkern! Und wie weiß man nun auf einmal all das zu schätzen, eben weil es ein Licht ist, das im Dunkeln leuchtet. Wie spüren wir, wenn wir von all den Taten des Heldenmutes, der Barmherzigkeit, |120 auch der Feindesliebe hören, die jetzt draußen geschehen: hier ist die Wahrheit, die Wirklichkeit, hier ist das, was eigentlich sein sollte. Vorher sahen wir es nicht. Unsere Augen waren gehalten. Göttliches und Ungöttliches gingen uns durcheinander wie in einem wirren Nebel. Jetzt wissen wir wieder einmal, was göttlich ist, und werden es hoffentlich immer besser wissen. Jetzt ergreift uns das Himmlische wieder einmal mit ursprünglicher Gewalt und wird uns hoffentlich noch viel kräftiger ergreifen. Sollten wir Gott nicht dankbar sein für die Klarheit, die jetzt geschaffen ist?

Seht, so offenbart sich uns der lebendige Gott im Kreuze Christi, in der Nacht unserer Schuld. Er braucht unsere Schuld, um uns die Schuld abzunehmen. Er läßt uns gewähren; wir gingen alle in die Irre wie die Schafe, ein jeglicher sah auf seinen Weg. Aber über der Irre, in der wir gehen, waltet der Sinn, den Gott ihr gibt. Unsere Gottlosigkeit ist von ihm umfaßt und getragen. Wir reißen mit unserem Sein und Denken und Tun den Abgrund auf zwischen göttlich und widergöttlich, zwischen Himmel und Hölle. Und durch Gottes Willen werden wir eben dadurch sehend, wachsen hinaus über die Herrschaft des Bösen, werden offen für Gott und sein Reich. Unsere Strafe liegt auf ihm, unsere Verworfenheit und Gottesfremde kreuzigt Christus, erdrückt die Wahrheit, verachtet seinen Geist — und das alles, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt. Es ist so. Wenn wir Gott gesehen haben im Kreuze Christi, dann ist die Schuld uns abgenommen, dann ist gerade die Art überwunden, unter der Christus leiden mußte und die als ein Fluch über uns lag, dann wird uns gerade das geschenkt, was Christus hatte und was wir verkannten, als wir ihn von uns stießen. Das Leben, das vom Kreuze ausströmt, überwindet das Widergöttliche, schafft Christi Art und Leben in uns. Das Kreuz fragt uns: was ist die Ursach aller dieser Plagen?, und es gibt uns die Antwort: ach, meine Sünden haben dich geschlagen5 — aber diese Antwort wird übertönt von der anderen, der größeren, strahlenden, triumphierenden Antwort: Gott hat den, der von keiner Sünde wußte, für uns zum Sündopfer gemacht, auf daß wir würden in ihm die Gerechtigkeit, die vor Gott gilt [2.Kor. 5,21]. Wer will uns scheiden von der Liebe Gottes? [Röm. 8,35].

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Lieder:
  • Nr. 42: «Die goldne Sonne» von P. Gerhardt, Strophen 1.8.10 (= GERS [1952] 77,1.8.10; EG 449,1.8.12 «Die güldne Sonne») 🎵
  • Nr. 122: «Jesu, meines Lebens Leben» von E. Chr. Homburg, Strophen 1-3 (= GERS [1952] 146,1; EG 86,1; die Strophen 2 und 3 waren im GERS [1891] stark verändert gegenüber der von den neueren Gesangbüchern wieder aufgenommenen Originalfassung) 🎵

Sachfußnoten

1
Vgl. M. Luther, Der kleine Katechismus 📖, BSLK 507, 42f. 📖: «Wir sollen Gott über alle Ding fürchten, lieben und vertrauen.»↩
2
Im Mskr. irrtümlich: «könnten».↩
3
Anfang von Strophe 4 des Liedes Nr. 111 «Herzliebster Jesu, was hast du verbrochen» von J. Heermann. Originaltext: «O große Lieb, o Lieb ohn’ alle Maße …» (GERS [1952] 143,5; EG 81,6) 🎵.↩
4
Anfang von Strophe 3 des Liedes 229 «Ich habe nun den Grund gefunden» von J. A. Rothe (GERS [1952] 262,3; EG 354,3) 🎵.↩
5
Lied 111, Strophe 2 (GERS [1952] 143,3; EG 81,3) 🎵.↩