Predigt: Psalm 18,29-30
Das ist nun wieder so ein rechtes Bibelwort, freilich nur ein Muster aus vielen tausend gleich schönen und noch schöneren. Ein Wort, das uns so recht zeigen kann, wie gut man dran ist, wenn man zu Gott sagen kann: mein Gott! und von seinem Leben: mit Gott! Das will uns die Bibel eigentlich auf allen Seiten zeigen, will zu dir und zu mir sagen: du könntest auch so gut dran sein!, will zu allen Safenwilern sagen: ihr könntet auch so gut dran sein!, will zu der ganzen Welt sagen, zu der Welt voll von Geldsäcken, Schnaps und Kanonen, voll von Spitälern, Gefängnissen und Irrenhäusern, voll von unzufriedenen, zankenden Menschen: du arme Welt, wie könntest du so gut dran sein — wenn, ja wenn zuerst aus ein paar Menschenherzen da und dort und dann aus ein paar hundert und aus ein paar tausend Menschenherzen und schließlich aus vielen Millionen Menschenherzen es herauskäme, was eigentlich schon lange herausmöchte, herauskäme wie ein Stoß und ein Schrei, der Ruf: mein Gott! und: mit dir, mein Gott! Da könnten wir auf einmal das Reich Gottes offen sehen, das jetzt immer nur inwendig in uns ist [vgl.
Aber du und ich, wir können eigentlich schon jetzt anfangen, so zu rufen: mein Gott!, und wir würden schon merken, was das für ein Aufräumen gäbe unter unseren Ängsten und Verdrössen und Mißverständnissen und fatalen Geschichten, mit denen wir jetzt geplagt sind. Und wenn die in den anderen Dörfern und Kantonen noch ein wenig warten wollen, so könnten doch wir in
Aber zuerst muß ich euch noch von einem Gespräch erzählen, das ich letzthin gehabt habe. Ich lief vor ein paar Tagen mit einem anderen Pfarrer in den Straßen von
Warum erzähle ich euch das? Weil ich dieses Gespräch, das ich da mit einem Anderen hatte, schon sehr oft mit mir selbst hatte und immer wieder mit mir selbst halten muß. Denn die Antworten, die ich ihm gab, waren ja wohl die richtigen, aber ich verstehe ihn doch ganz gut und bin oft ganz in seiner Stimmung und seinen Gedanken drin und muß nach Luft schnappen und habe die richtige Antwort für mich selber gar nicht immer bei der Hand. Es ist etwas Merkwürdiges mit den richtigen Antworten, wenigstens bei den großen, wichtigen Fragen des Lebens: man muß sie eigentlich immer wieder suchen und neu finden. Und wenn man eine Antwort schon zehnmal Anderen gegeben hätte — man kann wieder in Verlegenheit kommen, wenn man sie sich selber geben, sich selber trösten und ermuntern und zurechtweisen sollte. Und in diesem Gespräch handelte es sich ja um die ganz tiefe Frage, ob wir das Leben und die Welt von der Menschenseite aus betrachten sollen oder von der Gottesseite. Vor dieser Frage bin ich schon oft verlegen gewesen und wußte mir nichts Rechtes zu sagen, und euch ist’s gewiß auch schon so gegangen. Es ist eben einfach so, daß wir manchmal in einem Zustand sind, da müssen wir alles von der Menschenseite ansehen. Es kann vorkommen, daß wir jahrelang in einem solchen Zustand drin sind wie in einem bösen Traume, andere Male geht’s rascher vorbei, aber keinem, auch dem lebendigsten Gottesmenschen bleibt’s erspart, daß er von Zeit zu Zeit da durch muß. Das ist freilich ganz schlimm, wenn man aus diesem Zustand nicht mehr herauskommt, die richtige Antwort nicht mehr findet und niemand, der sie einem recht kräftig geben könnte. Aber jedenfalls wenn man in diesem Zustand drin ist, dann ist Alles wahr, was mein Freund sagte: dann ist die Welt ein Jammertal, dann sieht man die Menschen als eine große böse Gesellschaft an, dann muß man denken: es ist doch nichts zu machen, und kommt sich mit seinem Denken und Tun so windig vor, dann sieht man den lieben Gott nur noch so am fernen Rand des Lebens wie ein duftiges Wölklein, dem man doch nicht nachlaufen kann, und wenn man einem dann sagt: du solltest eben glauben, dann antwortet man auch so betrübt von der Seite her: ich kann doch das nicht, ich bin doch kein solcher Gottesmensch, daß ich so glauben könnte, bist du’s etwa? Ja, wie soll’s nun da weitergehen? Seht, da geht’s eben nicht weiter, und wenn man die richtigen |458 Antworten noch so gut weiß, auch wenn man sie noch viel schöner und fester wüßte als ich in meinem Gespräch mit dem Anderen. Da geht’s nicht weiter, wenn Gott nicht hilft und diesem unglücklichen Zustand ein Ende macht.
Und jetzt stehen wir schon mitten in unserem Texte drin. Das haben wir dann an Gott, was der König
Was heißt das: du erleuchtest meine Leuchte? Das heißt: der liebe Gott zeigt dir oft durch ein ganz kleines Ereignis, oft durch irgend ein gutes Wort, das du hörst, durch eine gute halbe Stunde, daß es noch etwas Anderes gibt als alles das, was dich drückt und plagt und unsicher macht: Ach was, mußt du auf einmal denken, wie habe ich mich so verbohren können? wie habe ich nur so ins Blaue hinein jammern oder mich fürchten oder mich ärgern können? es gibt doch noch etwas Anderes. Ja, woher kommt nun dies Andere, das du jetzt auf einmal siehst und das dich wenigstens ein klein wenig fröhlicher und sicherer wieder macht? Gewußt hast du’s ja immer, gekannt hast du’s wohl, gesagt hast du’s ja oft: wenn ich das nicht hätte! Ja, du hast es gehabt, aber du hast nicht daran geglaubt, hast nicht dran glauben können und wollen, daß das Leben eine Gottesseite hat und daß man es auch von dort aus ansehen kann und daß von dort aus gesehen das ganze Leben ein anderes Gesicht hat. Dein Kranksein z.B. sieht nicht mehr aus wie eine unerträgliche böse Last, sondern wie das Kreuzeszeichen, unter dem nun gerade du um das ewige Leben kämpfen darfst. Die unangenehmen, dummen Leute, die dich plagen, sehen nicht mehr aus wie Teufel und Plagegeister, sondern wie arme, gefangene Seelen, die dir sicher im Grunde nichts anhaben können, sondern denen du eigentlich aus ihrer Gefangenschaft helfen müßtest. Deine eigenen Schwächen und Fehler nicht mehr wie Blöcke, die eben daliegen und über die du nicht wegkönntest, sondern wie feindliche Schützengräben, die sehr wohl erstürmt werden können. Die ganze Welt schließlich nicht mehr wie ein Jammer- und Tränental, in dessen Schrecken und Torheiten der liebe Gott so von Weitem hineinsieht, sondern wie ein lebendiges, wichtiges Wesen, an dem Gott beständig an der Arbeit ist und mit dem er sehr viel vorhat. Sieh, das ist die hell gewordene Leuchte in uns. Wir wissen das alles ja recht gut, wir wissen sehr wohl, daß diese Ansicht des Lebens von der Gottesseite aus die rechte ist. Aber es ist nötig, daß Gott selber diese Einsicht immer wieder stark mache in uns, daß wir es wirklich glauben, es aufs neue wieder glauben lernen, daß es so ist. Und das tut Gott; gib nur acht, daß du die Gelegenheiten nicht versäumst, bei denen er es tun |460 will, alle die Gelegenheiten, wo er bei dir anklopft, um dich wieder anders sehen zu lehren3.
Aber Gott tut noch mehr: Der Herr, mein Gott, macht meine Finsternis licht. Es ist sehr oft, nein, fast immer nicht damit getan, daß unser Lichtlein wieder ein wenig besser brennt, daß Gott durch seine Güte alles das, was wir ja schon wissen, wieder stark und sicher werden läßt, so daß wir wieder die rechte Ansicht vom Leben, die Ansicht von der Gottesseite statt von der Menschenseite haben. Es ist eben da gar Vieles in dir und in mir, das können wir nicht anders nennen als «meine Finsternis». Das ist nicht die Finsternis des Lebens oder der Welt da draußen, sondern das ist die Finsternis, die in uns ist. Wenn wir die Gottesseite unseres Lebens oft so lange und gründlich vergessen und Gott gar nichts Rechtes mehr zutrauen, dann wächst sicher da drüben auf der Menschenseite alles mögliche sehr Unerfreuliche: Schmutz und Schlamm sammeln sich an, Unkraut schießt üppig empor, Schlangen, Kröten und Salamander wimmeln und ringeln sich dazwischen herum, und wenn wir oft so jammern, unser Licht in uns wolle nicht hell geben, so liegt es gewöhnlich auch daran, daß wir die Scheiben ganz abscheulich haben anlaufen lassen. Oder ist’s nicht so? Sieh, du hast dich vielleicht durch irgend ein Leid dahin treiben lassen, daß du nun so grimmig in dich verschlossen dahinlebst, ein hartes, strenges Gesicht machst und es für eine große Tugend hältst und rühmst, daß du niemerem nüt nachfragest4 und schuldig seist. Ein Anderes ist vielleicht giftig, bös und scharf geworden mit seinem Mundwerk, teils weil es dazu angelegt war, teils weil es sich so viel wehren mußte, und jetzt benutzt es jahraus jahrein seine Zunge wie die Deutschen ihre großen Kanonen, bald auf dem östlichen, bald auf dem westlichen Kriegsschauplatz. Und wieder ein Anderer hat vielleicht in allem Frieden und ohne besondere Not einen dicken, gewaltigen Jähzorn in sich groß werden lassen mit den Jahren und läßt den von Zeit zu Zeit explodieren, daß es die größten Verwirrungen gibt um ihm herum. Es gibt aber auch ganz verborgene und geheime solcher Unkrautpflanzen und Kröten in unserem Gemüt und Leben, wir haben alle solche, manchmal riesengroße, manchmal ganz feine, zarte, um die es uns fast schade scheint, sie aus|461zurotten. Auch der König
Das ist nun wieder eine ganz besondere Reihe von Erfahrungen, durch die das geschieht, daß Gott wieder einmal putzt bei unsereinem, Unkraut ausjätet, Schlamm wegfegt, Schlangen und Krotten5 dahin wirft, wohin sie gehören. Meistens sind das keine sehr angenehmen Erfahrungen. Etwa wenn man wieder einmal gründlich anrennen muß mit seinem Kopf. Oder wenn einem etwas aufgedeckt wird, daß man sich gehörig schämen muß. Oder daß man sich glatt geirrt hat in etwas und sich und vielleicht auch Anderen gestehen muß: ich hatte eben Unrecht, fertig! Das erfahren wir doch eigentlich alle noch recht häufig, daß wir plötzlich so eine übermächtige Stimme hören, die zu uns sagt: weg damit!, und wir wissen ganz gut, was weg sollte!, und eine starke Hand kommt und putzt. Die Gelegenheiten heißt es nun wieder begreifen und ergreifen, und da dürfen wir dann nicht dumm tun und nichts merken wollen und schön nennen, was wüst ist — notwendig, was gar nicht sein müßte — am Ende gar noch fromm und göttlich, was sehr menschlich ist. Gott machen lassen! Er macht’s schon, er macht auch dickste Finsternis licht.
Aber jetzt weiß David wahrhaftig noch mehr zu sagen davon, was |462 man an Gott haben kann. Er fährt fort: mit dir kann ich Kriegsvolk zerschlagen und mit meinem Gott über die Mauer springen. Das sind gewaltige Sachen. Daß das nichts so Leichtes ist, ein Kriegsvolk zu zerschlagen, das haben jetzt alle die zu ihrem Leidwesen erfahren müssen, die mit dem gewaltigen Kriegsvolk der Deutschen angebunden haben, und es sieht aus, wie wenn sie gar nicht fertig würden damit. Und über eine Mauer springen, nicht einmal klettern, sondern auch noch springen, das stellt man sich auch nicht gerade einfach vor. Aber David sagt eben: mit Dir, mein Gott! Da sehen wir, was dieses «mit Gott» ausmacht: was sonst nicht wahr sein könnte, das wird «mit Gott» einfach wahr. Aber worum handelt es sich denn da? Seht, es ist etwas Großes, wenn wir wieder Vertrauen und Glauben haben und die Gottesseite des Lebens wieder recht klar sehen. Aber es ist nicht genug. Es ist etwas ganz Großes, wenn die Gottesseite auf der Menschenseite so recht durchschlägt und zum Vorschein kommt und unser Leben von allem Kleinen, Schmutzigen so recht gereinigt und durch und durch geheiligt wird. Aber das ist auch noch nicht genug. Der liebe Gott will uns noch mehr geben. Es sind eben Kriegsvölker und hohe Mauern da und stehen drohend vor uns in unserem Leben, Gewalten und Hindernisse, an denen scheinbar unser Glaube und unser redlichstes Bemühen nichts ändern. Denkt jetzt einmal so an die Tatsache, daß alle Menschen, auch die frömmsten und brävsten, so ganz natürlich immer zuerst an sich denken, und wie ungeheuer schwer es sein müßte, daß wir davon loskämen. Denkt an die Tatsache, daß wir Menschen alle so stolz sind, es so furchtbar schwer haben, einander etwas wirklich zu verzeihen. Denkt an die Tatsache, daß wir alle so schrecklich schnell den Mut verlieren, oft im Voraus schon, und daß wir alle fast nicht dazu zu bringen sind, einmal einfach getrost zu leben wie etwa so ein Zweijähriges. Denkt an die Tatsache, daß wir alle, die Braven und die Bösen, die Frommen und die weniger Frommen, ein Raubtierlein in uns haben, das ums Leben gern beißt und kratzt, angreift und sich wehrt. Es gibt noch mehr solcher Tatsachen. Das sind Tatsachen, die mit den besonderen Fehlern, die dann ein jedes noch für sich hat, gar nichts zu tun haben; so sind wir zunächst einfach alle, und alles Putzen und Ordnungmachen, das Gott an uns übt, scheint daran wenig oder nichts zu ändern. Diese Tatsachen des Menschenlebens zusammengenommen, das ist die «Welt». Und wenn man diese Tatsachen ansieht, dann kann man |463 wohl der Meinung sein: die Welt wird doch nie anders. Da bleiben eben die Gottesseite und die Menschenseite ewig auseinander. Ja, dann wäre wirklich das Leben im Grunde etwas Trostloses, und alles Glauben und Putzen hätte eigentlich wenig Wert. Denn aus diesem finsteren Grunde muß doch immer neu die Angst und das Mißtrauen und der Geiz und das Wüste und Leid und Tränen emporsteigen, und was hilft es dann, wenn Gott auch immer wieder unsere Leuchte leuchten läßt und unsere Finsternis licht macht? Meinst du? Ja, wenn es wahr wäre. Es ist aber eben nicht wahr. Mit Gott wird eben das Unmögliche möglich. Mit Gott wird das Kriegsvolk des Bösen da in der Menschennatur und Weltnatur zerschlagen. Mit Gott wird über die Mauer gesprungen. Dafür haben wir Jesus Christus und seine Botschaft und sein Kreuz. Das ist die große Erfahrung, die uns hier geradeso gut glauben und siegen hilft wie dort. Ja, wir verstehen den lieben Gott erst recht, meine Freunde, wenn wir verstehen, daß er gerade das will und kann, das Unmögliche möglich machen, der Welt, nicht nur unserer Angst und unseren Fehlern, nein, der Welt, nämlich dieser bösen Welt den Todesstoß geben, damit seine neue, andere Welt leben kann. Die Gottesseite im Leben soll nicht nur so durchscheinen, sondern sie soll zuletzt allein da sein. Ja, sie ist schon jetzt allein da, wenn wir glauben. Von Jesus her geht ein Geist durch die Welt, der führt die Gottesseite zum vollen Sieg. Was braucht’s? Es braucht nur, daß wir besser mit Gott gehen, mit mehr Respekt Gott folgen, wenn er uns auch da vorwärts gehen heißt, mit mehr Inbrunst ihn anrufen, daß er uns auch da helfe, mit mehr Willigkeit uns treiben lassen, wenn seine Lichter und Kräfte kommen und uns der ganzen neuen Welt engegentragen, wenn er uns verheißt: siehe, ich mache Alles neu! [
- Nr. 25: «Großer Gott, wir loben dich» von
I. Franz , Strophen 1-3 und (nach der Predigt) 7-9 (= GERS [1952] 59,1-3 und 6-8 mit Textabweichungen; EG 331,1-3 und 9-11)