24. Oktober 1915

Predigt: Matthäus 9,35-38

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Matthäus 9,35–38
Liebe Gemeinde!

Wir gehen nun dem Winter entgegen, und ich möchte euch heute daran erinnern, daß der Winter eine ganz besondere und wichtige Zeit ist und daß wir gut tun, uns auch hier in der Kirche, ja gerade hier, im Voraus über diese Zeit zu besinnen.

Es ist die Zeit, wo es viel dunkel ist. Die Felder, die Bäume, der Himmel sogar verlieren jetzt die munteren Farben, mit denen sie uns so lange erfreut haben, und alles taucht unter in einem grauen Zwielicht. Wie trübselig!, denken wir zuerst. Aber warum soll das eigentlich trübselig sein, wenn es viel dunkel ist? Doch wohl nur für die Menschen, die nur die Augen des Leibes zu brauchen wissen, mit denen wir nach außen sehen. Wo hast du die Augen des Geistes, die nach innen sehen, in die Welt hinein, die ganz hell und klar dasteht, auch wenn außen Alles ganz dunkel ist? Sieh, jetzt ist’s Zeit, diese Augen zu brauchen. Es ist ganz gut, daß wir nicht jahraus jahrein so lange, helle Tage haben, daß es da draußen nicht immer so licht und farbig ist wie im Sommer, wir würden es sonst vielleicht ganz vergessen und verlernen, wie Großes und Schönes es mit den inwendigen Augen zu sehen gibt. So brauch ihn denn gut, den Winter, um das zu sehen, was man mit den anderen Augen nicht sehen kann. Fang an damit, fahr fort damit, laß dich nicht irre und müde machen; wenn du schon dran bist, dann werden dir die dunklen Tage sicher nicht trübselig werden.

Der Winter ist aber auch die Zeit, wo die Meisten etwas weniger Arbeit haben. Weil die Tage so kurz werden und die Natur jetzt schlafen |422 geht und sich selber überlassen bleiben will. Jetzt kommt wieder eine Anklage: wie langweilig! so wenig Abwechslung, so viel Gefangenschaft in den Häusern, so lange unausgefüllte Abendstunden. Aber warum soll das nun wieder langweilig sein? Nur für die langweiligen Menschen, die mit der Zeit nichts anzufangen wissen, wenn sie nicht gerade unter dem harten Zwang notwendiger Arbeit stehen. Was für eine verkehrte Welt. Als ob das der Zweck und Sinn unseres Lebens wäre, was wir unter dem Zwang der Arbeit ja freilich tun müssen, und nicht vielmehr das Andere, das in der Freiheit neben der Arbeit und über der Arbeit in uns werden und wachsen will. Wir leben allesamt nicht von der Arbeit, die wir mit unseren Händen tun — nur scheinbar! —, sondern von der anderen unscheinbaren Arbeit, die unser Herz und Gewissen und Gemüt leisten muß und durch die wir sichere, reife Menschen werden. Ist’s nicht gut, daß der Winter kommt und die äußere Arbeit ein wenig bremst, damit die andere anheben kann? Glaub nur das nicht, daß die Winterzeit mit ihrer vielen freien Zeit notwendig eine untätige und darum unnütze und darum unerfreuliche Zeit sein müsse. Nein, da kann und muß nun gerade etwas geschafft werden, das, was gar leicht, fast sicher zu kurz kommt, wenn du keine freiere und ruhigere Zeit hättest, das, was dich eigentlich und sicher und am weitesten vorwärtsbringt. Freu dich nur auf den Winter, er wird nicht langweilig werden, wenn du es nicht selbst haben willst. Er hat dir sehr Vieles zu bringen, wenn du nur die Hände danach ausstrecken willst.

Aber ist er nicht auch eine Zeit der Not und Sorge für sehr viele Menschen, und dieses Jahr ganz besonders, und haben wir nicht Anlaß, ihn wegen all des Mangels und der Entbehrungen, die er bringen wird, als einen bösen Feind zu betrachten, den man von vornherein wieder wegwünschen möchte: wenn’s nur schon wieder Frühling wäre! Ja, das gibt nun freilich zu denken. Der Winter müßte keine Schreckenszeit sein. Der Winter macht keine armen Leute, keine Hungernden und keine Frierenden. Es sind ja viele Menschen, die von all diesen Leiden auch im Winter nichts zu spüren bekommen. Und Kleider und Holz und Nahrungsmittel wären genug da in der Welt, daß niemand, gar niemand etwas davon spüren müßte. Aber der Winter bringt freilich etwas an den Tag, nämlich wie es unter den Menschen steht, daß sie einander nicht zu ihrem Rechte kommen lassen, daß die Einen zu wenig haben müssen, was die Anderen zu viel haben, daß die Einen im besten Fall von der |423 Güte der Anderen leben müssen. Dieses Jahr wird es der Winter wohl auch bei uns an den Tag bringen, was die große Narrheit des Krieges für Folgen haben muß; nur ganz Wenige werden nichts davon merken. Dann und wann bringt er ja auch an den Tag, daß einer faul und leichtsinnig gewesen ist. Der Winter ist kein Unglück und er macht nicht unglücklich, er deckt nur auf, wo ein Unglück schon vorher gewesen ist. Er zeigt’s alle Jahre wieder, manchmal deutlicher und manchmal weniger deutlich, daß etwas nicht stimmt bei uns. Er ist aufrichtig und macht aufrichtig. Warum soll er uns da nicht willkommen sein? Haben wir ihn nicht nötig, so bitter und schrecklich er uns erscheinen mag? Würden wir nicht ersticken in unserem Unrecht und in unserer Trägheit, würden wir Schweizer besonders nicht einschlafen mitten im Weltkrieg, wenn der Winter nicht alle Jahre, auch jetzt wieder, die heilsame Unruhe in uns wachhielte? Es ist gut, wenn diese Unruhe über uns und in uns hinein kommt. Es ist gut, wenn uns die Not und Sorge so vieler Mitmenschen wieder einmal zu einer Plage und Anklage wird. Wir wollen den Gedanken, die der Winter uns nahelegen wird, nicht ausweichen. Wir wollen Gott danken dafür, daß es ernste Gedanken sein werden. Wir haben nichts nötiger als das: ernste Gedanken.

Meine Freunde! Ich möchte euch heute sagen, daß wir doch alle in den Winter hineingehen wollen als in eine Zeit, in der es etwas zu sehen und zu tun und zu erleben gibt. Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeglichen Wort, das aus dem Munde Gottes geht [Mt. 4,4]. Auch wir in Safenwil leben nicht von dem, was wir verdienen, sondern von dem, was Gott mit uns redet. Die Winterszeit ist die gegebene Zeit, Gott wieder einmal ganz anders mit uns reden zu lassen, ernster, klarer, eindringlicher, als wir ihn bis jetzt reden ließen. Ich möchte, daß wir allesamt eine neue Seite aufschlagen in unserem Hauptbuch und daß wir uns vornehmen: auf diese Seite soll nun einmal etwas Rechtes kommen. Ich möchte euch sagen, daß ich von diesem Winter etwas erwarte für mich und für euch, daß es mir nun erst recht wieder ein heiliges Anliegen sein soll, euch, so gut ich’s kann, dazu zu helfen. Ich möchte euch bitten, eurerseits heute einen Vorsatz zu fassen, den Vorsatz: in diesen kommenden Monaten muß nun etwas geschehen, in dieser Zeit muß etwas werden und wachsen in uns, mit einer ganz neuen Aufmerksamkeit, Freudigkeit und Treue wollen wir an die Dinge herangehen, die eigentlich groß und entscheidend sind im Leben.

424 Wenn die Glocken läuten am Sonntag, so wollen wir nicht nur denken: es ist wieder Predigt-Zeit!, sondern: es muß etwas geschehen!, denn das sagen die Glocken; wenn sie das nicht sagen würden, wäre es besser, sie einzuschmelzen und das Predigen abzustellen und die Kirche abzureißen. Wenn ihr mir eure Kinder zur Kinderlehre2 und Unterweisung3 schickt, so denkt daran, daß es nicht mir zuliebe und nicht einem alten Brauch zuliebe geschieht, sondern weil jetzt etwas geschehen muß für die Zukunft; denn die Kinder von heute sind die Menschen von morgen. Wenn ich euch immer wieder einladen werde zu Bibelstunden4, Blaukreuzstunden5 und Vorträgen6, so denkt um Alles in der Welt nicht, das sei nun so des Pfarrers Betrieb und Wesen, das, was man ihm lassen müsse, weil er der Pfarrer ist, sondern macht euch das Eine klar: ich veranstalte nichts dergleichen zu meinem Vergnügen und weil ich einmal Pfarrer bin, sondern wenn ich euch einlade zu solchen Anlässen7, so tue ich es, weil ich sie als Gelegenheiten betrachte, bei denen etwas geschehen könnte in uns und unter uns, etwas von dem, wovon Gott will, daß es geschieht, etwas von dem inneren Entdecken, Vordringen, Erobern und Besitznehmen, das dem Menschenleben erst Sinn und Wert gibt. Ihr könnt diese Gelegenheiten dann immer noch |425 benutzen oder nicht benutzen, das ist eure Sache, nicht die meinige, aber das muß ich euch sagen, worum es sich eigentlich handelt, wenn ich im Winter nun auch wieder mehr von mir hören lasse als im Sommer: es handelt sich darum, daß diese dunkle, stille, vielleicht schwere Zeit von uns allen gut benutzt werde, benutzt werde gerade für das, was in dieser Zeit zu Ehren kommen kann und muß: für die Vertiefung und Bereicherung, für das Starkwerden und Reifwerden unseres Lebens, für unsere Bereitschaft auf Gottes Reich. Gottes Reich ist unser Licht und Trost und unsere Zuversicht, wenn Alles, was uns sonst beschäftigt und erfüllt, sich als Schwachheit, Betrug und Unheil erweist. Das sollte geschehen in der kommenden Winterszeit, daß wir es lernen, besser lernen, nach Gottes Reich, am ersten nach Gottes Reich zu trachten [vgl. Mt. 6,33].

Unser Text aus dem Evangelium stellt uns vor Augen, was das ist, das in uns und unter uns geschehen könnte. Was uns da erzählt wird von dem, was Jesus tat und wie er die Menschen ansah und was er von seinen Jüngern und Freunden verlangte, das kommt mir jetzt vor wie das Programm, mit dem ich in den Winter hinein möchte mit euch zusammen, und ich wünsche von Herzen, alle betenden, glaubenden, hoffenden Menschen in dieser Gemeinde möchten das auch zu ihrem Programm machen.

Hört zuerst, was Jesus tat: er durchwanderte die Städte und Dörfer und lehrte in ihren Synagogen und verkündigte die frohe Botschaft vom Reich und heilte alle Krankheit und alle Schwachheit. Das war die Gnade Gottes, die da in die Geschichte der Menschheit hineintrat und hineingriff. Hinter Jesus stand ja Gott. Gott hatte sein Leben geschaffen. Gottes Macht und Güte waren die Kräfte, auf die er vertraute, aus denen er lebte. Gott war der Urheber seiner Gedanken und alles dessen, was er wollte. Gott sandte ihn als Mensch zu den Menschen. Er kam wie ein Fremdling zu ihnen. Die Richtung und die Art, in der er lebte, war ihnen so seltsam. Und doch nicht seltsam, sondern eigentlich gerade vertraut und wohlbekannt: was er ihnen zeigte und brachte, war ja nur das Leben Gottes, das eigentlich ihrer aller Heimat war. Glühender, unbedingter, hingebender Glaube begegnete ihm, es gab Menschen, die so hingerissen waren von ihm, daß sie mit ihm Gott sahen und hörten und mit ihm mitten in der alten Welt neue Wesen wurden mit allen Anzeichen des Himmelreichs: Reinheit, Geduld, Barmherzigkeit, Einfalt. |426 Es gab freilich auch andere, die ihm leidenschaftlichen, fast teuflischen Haß entgegenbrachten. Aber war nicht beides ein Beweis dafür, daß dieser Fremdling in der Welt der Welt die Wahrheit offenbarte, die Wahrheit, nach der sie sich sehnte und vor der sie sich fürchtete? Ja, er stellte die Wahrheit mitten unter sie, die Wahrheit, die allem Verlogenen, Unechten, Künstlichen die Maske vom Gesicht riß, die Wahrheit, die das Unrecht als Unrecht hinstellte, die Wahrheit, die die kleinen Fräglein und Schwierigkeiten der Menschen verschwinden ließ vor der einen entscheidenden Lebensfrage, die Wahrheit, die den Leiden und Unvollkommenheiten des Daseins die Kraft der Ewigkeit entgegenstellte, die Wahrheit, die alle Kranken, die sie sehen wollten, gesund und alle Schwachen stark machte, die Wahrheit, die die Ungebildeten in den Besitz der tiefsten Erkenntnis setzte, die Wahrheit, die Feiglinge in Helden verwandelte.

Seht, das hat Jesus getan: er hat in Gottes Namen und Auftrag für die Wahrheit gelebt, und darum war sein Leben ein Triumphzug von seinem ersten Auftreten an bis zu seinem Einzug in Jerusalem, ja bis zu seinem Gang zum Kreuz. Darum konnten ihn die Menschen wohl von sich stoßen und verachten, aber nicht vergessen; er konnte gekreuzigt werden, aber nicht getötet; er mußte bitter leiden, aber er konnte nicht unterliegen. Das, was in ihm war, konnte nicht erdrückt und erstickt werden. Darum ist auch Segen ausgegangen von allen seinen Wegen; links und rechts von seinem Pfad blickten ihm Menschen nach, die ihm das Allerbeste verdankten: ein festes Herz, ein feines Gewissen, eine große Hoffnung. Aber nicht nur das: die Gnade Gottes hat seitdem die Menschheit nicht wieder verlassen. Sein Siegeszug geht weiter. Die Wahrheit, die dort in ihm offenkundig geworden ist, wirkt in den Tiefen der Menschenseelen weiter, wie sie dort in Galiläa begonnen hat zu wirken links und rechts seines Pfades. Was Jesus tut, was Gottes Gnade durch ihn an der Menschheit tut, das fängt eigentlich erst an. Das Ziel, das Gott erreichen will, steht vor uns. Aber der Weg dazu wird eine Fortsetzung des Weges sein müssen, den Jesus einst gegangen ist.

Seht, diesen Weg Jesu stellt nun das Evangelium auch uns vor Augen. Und das ist’s, was uns allen vor Allem geschehen sollte, daß wir diesen Weg sehen, Freude daran bekommen und den Mut fassen mitzugehen. Das Evangelium Jesu ist die Ankündigung einer neuen Welt, die doch keine neue ist, sondern die alte Heimat, von der getrennt wir gar nicht |427 leben können, denn zu Gott hin gehören wir alle. Das Evangelium Jesu ist die Frage Gottes an uns: wer soll Recht behalten, ihr oder ich? Das Evangelium Jesu ist die freundliche Einladung: kommet doch und sehet’s ein, was zu eurem Frieden dient [vgl. Lk. 19,42]. Das Evangelium Jesu ist der Ruf zur Arbeit und zum Kampf und zum Sieg: nun wagt es einmal und fürchtet euch nicht, euch dahinzustellen, wo ihr hingehört! nun werdet einmal euch selber treu und folgt dem Rufe, den ihr schon so lange hört! nun glaubt einmal das Größte, damit Gott euch das Größte schenken kann! Darum, meine Freunde, wird es sich auch für uns in der kommenden Winterszeit wieder handeln müssen, ob wir zu dem, was das Evangelium uns zeigt, ob wir zu dem, was Jesus getan hat in seinem Leben und Sterben für uns, beginnen wollen Ja zu sagen.

Höret weiter, wie Jesus die Menschen angesehen hat. Da er das Volk sah, jammerte ihn seiner, denn sie waren verschmachtet und zerstreut wie die Schafe, die keinen Hirten haben. Jesus hat die Welt, in die er die Wahrheit Gottes hinein stellte, auf eine ganz bestimmte Weise angesehen. Er hat sie nicht angesehen als eine Welt, die kritisiert, verurteilt, gerichtet werden muß, sondern als eine Welt, die vor Allem Liebe nötig hat, weil sie eine arme Welt ist, und diese erbarmende Liebe hat er ihr selbst entgegengebracht: es jammerte ihn des Volks. Darum konnte Gott Jesus so gut brauchen, konnte seine Wahrheit so mächtig durch ihn strömen lassen, weil Jesus ein solches schlichtes, tiefes Erbarmen hatte mit der Welt. Hohe, klare, stolze Einsicht in das Gute tut’s eben nicht, ein fester, trotziger Wille tut’s auch nicht, sogar eine glühende Liebe zu Gott tut’s allein nicht, es braucht dieses Erbarmen mit den Menschen, da kann Gott wirken. Jesus hatte es. Er ließ sich nicht täuschen durch den Glanz des römischen Kaisertums und durch die Inbrunst der israelitischen Frömmigkeit; er sah hindurch und wußte: diese Menschen mit ihrer Macht und Pracht und mit ihren Gebeten und mit ihrer Tugend: sie leiden, sie sind bös dran, weil sie ohne Gott sind. Und das tat ihm leid, wie wenn es ihn selber anginge. Er ließ sich nicht von Entrüstung fortreißen über die offenen und geheimen Sünden seines Volkes, er sah hindurch, sah die Ursache: sie gleichen den Schafen, die keine Hirten haben, es fehlt ihnen an der Richtung, am Vertrauen, am Glauben, sie wissen nicht, wohin sie sich wenden sollen, sie kennen den Willen Gottes nicht, und darum ist die Sünde mächtig über sie. Sie sind ein unglückliches Volk, dem man nicht zürnen, sondern dem man |428 helfen muß. Und Jesus ließ sich nicht abschrecken, wenn ihm das Böse nun in Gestalt einzelner besonders tief Gesunkener entgegentrat: um die unsauberen Profitmacher im Zollhaus, um die schlechten Weibspersonen in den Hintergassen, um den von Allen gehaßten reichen Mann hat er keine Umwege gemacht; er sah wieder hindurch, er versetzte sich an ihre Stelle, er sah, wie furchtbar leicht ein Mensch dahin kommen kann, wie es notwendig in einer Gesellschaft, die es ohne Gott macht, immer wieder Einzelne geben muß, in denen diese Gottlosigkeit besonders erschreckend und stark an den Tag tritt. Sein Herz schlug nie stärker für die Menschen, als wenn er einen solchen ganz Verworfenen und Unbrauchbaren vor sich hatte. Seht, es wurde ihm einfach weh ums Herz, wenn er die Menschen ansah, das war’s! Er wollte nicht recht haben, er wollte nicht als der Bessere dastehen vor ihnen, er wollte nicht seinen Kopf und seine Ideen durchsetzen, er wollte zunächst gar nichts, nur ihr tiefes, tiefes Leid mit ihnen tragen, nur es ganz stark mit ihnen erleben, wie traurig das ist, wenn man ohne Gott sein muß. Darum hat er sich zuletzt auch nicht geweigert, sich von ihnen umbringen zu lassen. Er hat sich ganz in diese Welt hineingestellt, darum konnte Gott durch ihn seine Wahrheit in die Welt hineinstellen.

Meine Freunde! Das ist das Andere, was geschehen sollte: wir müssen diese An Jesu, wie er, der Gottesheld, sich unter die bösen Menschen stellte, recht tief und klar verstehen, nicht nur verstehen: uns recht tief darein einzuleben beginnen. Nur dann hat das Ja!, das wir Gott schuldig sind, einen Wert, wenn es hervorgeht aus dem Erbarmen, aus der tiefen Ergriffenheit für die Not der Welt. Es darf nicht aus Überlegenheit, nicht aus Besserwissen, nicht aus Hochmut und Sicherheit kommen, sonst hat es keine Kraft, und Gott kann es nicht annehmen. Es muß aus einem Herzen kommen, dem es leid ist, soviel Schlimmes zu sehen, den Krieg draußen und die Uneinigkeit im Vaterland und das viele Unrecht, das bei uns geschieht mitten im Frieden, und die Gefangenschaft und Sündenknechtschaft in unserem Dorf und in unseren Familien und die Torheit so vieler, vieler einzelner Menschen, die sich auf feine oder grobe Weise selbst den Weg zum Leben verbauen. Erst wenn uns das alles einfach leid ist, so leid, daß alle Anklagen und alle Meinungen und Theorien zunächst einmal verstummen, und wenn sie zehnmal richtig wären, erst dann kann Gott eine Kraft werden in uns, erst dann kann er uns zu einem Segen machen. O wenn |429 wir dazu kämen, in diesem Winter vor Allem einmal ganz still zu werden und den Übeln des Lebens auf den Grund zu sehen und dann aufzublicken zu dem Gott, der helfen kann und helfen will. Wir würden dann auch eine Gnadenzeit erleben wie Jesus und wie die, die ihm nachfolgten.

Aber nun höret auch, was Jesus von seinen Jüngern verlangte. Die Ernte ist groß, der Arbeiter aber sind wenige, bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende. Was heißt nun das? Das heißt, daß Jesus jene Zeit als eine wunderbare Gelegenheit ansah, die benutzt werden mußte. Er sah es vor Augen, wie Gott auf eine ganz einzigartige Weise bei der Menschheit einkehrte. Er erfuhr etwas von Gottes Macht und Güte in einer Weise, von der die Leute um ihn herum keine Ahnung hatten. Die Wahrheit Gottes, die er sah, schwebte nicht hoch und fern über dem Leben. Und sein heißes Erbarmen mit den irrenden Menschen blieb nicht eine leere Sehnsucht. Sondern Gott bekannte sich mit seiner Kraft zu dem liebenden Herzen Jesu. Gottes Gnade stillte den Jammer, den Jesus um seine Brüder trug, und das fremde Leid, das Leid der Menschheit, das er trug, wurde dafür zu einer Macht, die stärker wirkte als die tiefste Weisheit und der energischste Wille. «Einen solchen Hohepriester hatten wir nötig, der da konnte Mitleid haben» [vgl. Hebr. 4,15]. Jesus war ein solcher Hohepriester, er konnte der Vermittler sein zwischen Himmel und Erde und war es. Er erfuhr in einer ganz einzigartigen, neuen Weise die Nähe Gottes. Und sein Herz brannte über der Frage: könnten nicht alle Menschen diese Nähe Gottes erfahren? könnte nicht ein Meer von Segen ausgehen von der Quelle, die sich mir erschlossen hat? sollte das, was ich jetzt erfahre von Gott, ungenutzt vorübergehen? sollte es nicht jetzt einen gewaltigen, entscheidenden Schritt vorwärts gehen mit der Sache des Gottesreiches? In dieser Angst und in dieser Hoffnung hat er die zu sich gerufen, die dann seine Jünger wurden. Sie sollten ihm die Früchte pflücken helfen, die reif geworden waren. Sie sollten ihm helfen, die wunderbaren Gewässer aufzunehmen und weiterzuleiten, die sich vom Himmel auf das dürstende Land ergossen hatten. Sie sollten ihm helfen, den Mantel Gottes festzuhalten, den er ergriffen hatte, um ihn nicht wieder loszulassen. Sie sollten seine Genossen sein in der Wahrheit und im Mitleid und in der Gnade Gottes, die sich auf ihn herabgesenkt hatte. Sie sollten mit ihm das Himmelreich stürmen [vgl. Mt. 11,12], weil es nahe |430 herbeigekommen war. Sie sollten mit ihm sich Gott darbieten als seine Werkzeuge. Die Jünger kamen, Petrus, Jakobus, Johannes und die anderen, voll guten Willens, voll Sehnsucht, voll Freudigkeit über das, was er ihnen zu zeigen hatte — etwa wie wir immer wieder in die Kirche gehen mit dem aufrichtigen Gedanken: es muß da doch etwas dahinter sein, ich habe das doch nötig! Aber Jesus erwartete mehr als das. Er sah die große Ernte, die große, reiche Gelegenheit, die große, heilige Nähe des Himmelreichs. Er erwartete mehr als ein paar Menschen, um das alles aufzunehmen und fruchtbar zu machen. Er erwartete hauptsächlich mehr als ein paar halbe und vierteis Menschen, wie es jene Jünger waren und wie wir es sind. Er erwartete Arbeiter in die Ernte, so wie er selber aus ganzer Seele und aus allen seinen Kräften ein Arbeiter in der Ernte war. In heiliger Ungeduld rief er es ihnen zu: ihr müßt ganz, ganz anders ernst machen, euch hingeben, vertrauen und handeln lernen, wenn nicht Alles umsonst sein soll. Die Ernte ist groß, der Arbeiter, der wirklichen Arbeiter, die sich so recht zwischen Gott und das Menschenleben hineinstellen, um das Menschenleben ganz von Gott durchdringen zu lassen, ihrer sind immer noch zu wenig. Der Geist Gottes müßte euch ganz anders erfüllen, wenn ihr wirklich Gottes Werk mit mir treiben wollt. Meine Freunde! So steht Jesus auch uns gegenüber: er erwartet wahrhaftig mehr von uns als das bißchen Vertrauen und guten Willen, das wir für ihn übrig haben. Wenn wir die mangelhaften Arbeiter bleiben wollen, die wir sind, dann steht die Gottesernte umsonst da. Gott hat uns viel zu viel zu schenken, als daß wir ihm mit unserer bisherigen halben Art genügen könnten.

Aber was hat Jesus seinen Jüngern gesagt in seiner heiligen Ungeduld, und was sagt er uns angesichts der großen Gnade Gottes, für die wir allesamt viel zu klein sind? Er tadelt uns nicht: euch fehlt eben der heilige Geist, der euch groß machen würde! Er befiehlt uns nicht: habt mehr Geist, mehr Glauben, mehr Tatkraft, um Gottes würdig zu werden. Er weiß besser, wie der Weg Gottes mit uns Menschen ist. Er sagt ihnen: bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende! Bittet! Betet! Das verlangt er. Wo gebetet wird, da entstehen die Menschen, die Gottes Gelegenheit benützen können. Wo gebetet wird, da werden Helden geboren! Wo gebetet wird, da kommen die Kämpfer und Dulder, die Arbeiter und Sieger für Gott, und die Gottesernte steht dort nicht umsonst da. Bittet den Herrn der Ernte! Meine Freunde! Für |431 uns ist auch eine Ernte bereit, Gotteskräfte wollen zu uns herniedersteigen auf die Erde, ein Gottesfeuer will sich entzünden unter uns, Gottessegen steht da und wartet und will ausgehen in die Häuser und Familien und Herzen. Was Gott uns verheißt, ist so groß, daß wir es gar nicht übersehen können. Wo sind die Arbeiter, die danach greifen, so wie Jesus danach gegriffen hat? Bittet den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte sende! Bittet Gott selber, daß er uns geschickt mache, so an Gott zu glauben, wie man an Gott glauben muß. Das ist’s, was vor allem bei uns geschehen muß. Es ist noch lange nicht so geschehen, wie es geschehen könnte. Wir werden überreichlich damit zu tun haben. Wir wollen hingehen und anfangen.

Amen.8
Lieder:
  • Nr. 1: «Allein Gott in der Höh sei Ehr» von N. Decius, Strophen 1.2.4 (= GERS [1952] 1,1.2.4; EG 179,1.2.4) 🎵
  • Nr. 190: «Walte, walte nah und fern, allgewaltig Wort des Herrn» von J. Fr. Bahnmaier, Strophen 1-3.5.6 (= GERS [1952] 359,1-3.5.6) 🎵

Sachfußnoten

1
Am 6. Oktober 1915 wurde in Safenwil Karl und Nelly Barths zweites Kind Markus geboren. Am 8. Oktober überließ Barth seine Frau mit dem Neugeborenen der Fürsorge ihrer Schwester und fuhr mit der anderthalbjährigen Fränzeli «zum Ferienmachen» nach Bern, wo er sich verpflichten ließ, am Sonntag, 17. Oktober im Münster zu predigen (s. oben S. 391, Anm. 1). Am Donnerstag, 21. Oktober kehrte er nach Safenwil zurück (Bw.Th. I, S. 91 📖).↩
2
Kinder bis zum 5. Schuljahr wurden in die von ehrenamtlichen Mitarbeitern gehaltene «Sonntagsschule» eingeladen (heute: Kindergottesdienst). Die vom Pfarrer allsonntäglich nach dem Gemeindegottesdienst gehaltene «Kinderlehre» (heute: Jugendgottesdienst) war für die Kinder des 6., 7. und 8. Schuljahres obligatorisch. Die aus der Hauptschule entlassenen bzw. im 9. Schuljahr einer weiterbildenden Schule befindlichen Konfirmanden besuchten den Hauptgottesdienst.↩
3
«Unterweisung» ist der Oberbegriff für den — in Safenwil 1912 von Barth eingeführten Präparanden- (= Katechumenen-) und den Konfirmandenunterricht. 📖 ↩
4
Gemeindebibelstunden fanden im Winterhalbjahr 1915/16 (beginnend am 3. November und endend am 12. April) mittwochs abends statt, vermutlich mit einigen Unterbrechungen. Eingeführt hat Barth die Bibelstunden anscheinend im Winter 1912/13.↩
5
Die Versammlungen des Safenwiler Blaukreuzvereins hat Barth zum überwiegenden Teil selbst bestritten: mit Bibelstunden, kleinen Vorträgen, mit Vorlesen aus belletristischer Literatur usw. Sie fanden jeweils am Sonntag abend statt, nicht wöchentlich, aber sehr oft und nicht nur im Winter. Vgl. oben S. 314, Anm. 3.↩
6
Im November bot Barth seiner Gemeinde eine Vortragsreihe über die christliche Hoffnung an. Siehe unten S. 465, Anm. 1.↩
7
= Veranstaltungen.↩
8
Unter die Predigt hat Barth mit Bleistift geschrieben: «Nach meiner Frau Nelly Urteil erinnert diese Predigt an Feldprediger Keller in Wattwil!! Oh!» Zu Keller s. oben S. 228, Anm. 2, und S. 238, Anm. 1. Am Dienstag, 26. Oktober schrieb Barth an Thurneysen: «Und dann stehts oft wieder so flau mit mir, daß nur so ein schäbiges Räuchlein aufsteigt wie letzten Sonntag und meine Gestrenge mich unbarmherzig in die Nähe von Feldpredigern und Quaken [ = Schwätzern] versetzen muß.» Am 30. Oktober schrieb er: «Die Ausnützung der Arbeiterinnen in der Strickerei ist gegenwärtig wieder skandalös. … Unser Volk ist wirklich wie die Schafe, die keinen Hirten haben …, und wie eingeengt sind wir, die wir Hirten heißen, durch unsern Pfarrerkittel» (Bw.Th. I, S. 97f. 📖).↩