12. September 1915

Predigt: 2. Mose 17,8-15 (III)

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2.Mose 17,8–15 (III1)
Liebe Freunde!

Wenn ich nun zum dritten Mal auf diesen wichtigen Text zurückkomme, so möchte ich heute allen Nachdruck auf die entscheidende |367 Tatsache legen, daß, während Mose seine Hände emporhielt, Israel siegte; wenn er aber seine Hände sinken ließ, siegten Israels Feinde. Im Gebet des Gottesmenschen war verborgen die unsichtbare Ursache des Sieges oder der Niederlage seines Volkes. Und wie ein Barometer zeigte das Vorwärts- und Rückwärtsschwanken des Kampfes die Kraft oder Unkraft seines Gebets, seines Glaubens. Wir wollen von der Amalekiterschlacht sofort wieder auf unseren Lebenskampf zurückkommen, auf den Kampf zwischen Licht und Finsternis, zwischen Leben und Tod, zwischen Himmelsmacht und Höllenmacht, zwischen Gott und dem Teufel, in dem wir drinstehen. Eine Wahrheit von entscheidender Wichtigkeit eröffnet uns heute jene alte Geschichte.

Unser Lebenskampf, unser Weltkampf zeigt sich zunächst einfach in einer unendlichen Fülle von sichtbaren oder wahrnehmbaren äußeren Tatsachen. Wir sehen z.B. in unserem persönlichen Leben Dinge, die uns Freude machen, und andere, die uns betrüben, wir sehen Krankheit oder Gesundheit, sehen unser Leben und unser Sterben, wir sehen unsere Fehler und Schwachheiten auf der einen und unsere Tugenden und Tüchtigkeiten auf der anderen Seite. Hier ist das, was du darfst, und hier das, was du nicht darfst. Hier ist das, was du willst, und hier das, was du nicht willst. Hier ist das, was du kannst, und hier das, was du nicht kannst. Hier die Mitmenschen, die einen guten Einfluß auf dich haben, und hier die anderen, die dir gefährlich sind. Siehst du sie, die Israeliten und die Amalekiter, die sich streiten in deinem Leben? Wohin wird es dich schließlich ziehen?

Aber wir müssen gleich weiter: Dein Leben ist nicht das ganze Leben, nur ein klein-winziger Teil davon. Sieh nun z.B. in deine Familie, in die engere oder weitere Verwandtschaft, wie du willst. Was siehst du? Wiederum die bekannten, offenkundigen Tatsachen, die sich gegenüberstehen, nicht wahr, die Israeliten und die Amalekiter, die bedenklich auf einander stoßen, also etwa: der Todesfall, der vor kurzem eine schwere Lücke unter euch geschaffen hat, die Krankheit deiner Frau, die Leidenschaft deines Sohnes, die Flatterhaftigkeit der Tochter, die |368 Sorge auf den Winter usw., das alles auf der einen Seite, auf der anderen Seite vielleicht der schöne Friede, den ihr jahrelang gehabt habt, das Glück, das euch im Ganzen lange freundlich gewesen ist, die erprobte Tüchtigkeit, vielleicht auch die aufrichtige Frömmigkeit deines Mannes oder deiner Frau, die berechtigten Hoffnungen, die ihr auf eure Kinder setzt, die Stütze und der Halt, den ihr an gewissen Gliedern eures Kreises habt. Siehst du, wie es hin- und herwogt?

Oder sieh in das Leben unserer Gemeinde, wie da die Kräfte sich regen und bewegen herüber und hinüber: hier unser Wohlstand im Ganzen, die Tätigkeit der Behörden für Recht und Ordnung, das schöne neue Schulhaus und was darin geleistet wird, die Arbeit der verschiedenen Vereine für das Heil und die Freude von Körper und Seele, die grünen Wälder und Hügel ringsum, die unsere Heimat und unseren Ort so freundlich machen, wie es nicht jede ist, der gute Wille, der in so vielen Häusern zu spüren ist, und das Christentum, mit dem es mehr als einem unter uns anfängt ernst zu werden. Aber doch freilich auch allerlei Anderes auf der Gegenseite: Kummer und Sorge in manchem kinderreichen Haus, der schleichende Feind der Tuberkulose, die Wirtshäuser und die Art und der Geist, der von ihnen ausgeht, die Feigheit und Kriecherei an gewissen Orten, wo man aufrecht und tapfer sein sollte, und das Räsonieren und Schimpfen an anderen, wo es besser wäre, zu schweigen und zu dulden, die Klatschsucht der Frauen und die Händelsucht der Männer — wir wollen nicht fortfahren, aber gelt, ihr seht sie: die beiden kämpfenden Heere, die sich in unserem Dorfleben gegenüberstehen?!

Und nun könnten wir weiter hinblicken auf unser schweizerisches Vaterland und an die Kräfte denken, die unser Volk frei, glücklich und stark machen und zu einer Leuchte in der Völkerwelt, aber auch an die anderen Kräfte, die auch am Werk sind, uns zu vergiften und zu versumpfen und zu untergraben und uns an den traurigen Punkt zu führen, wo Gott zu unserem Volke sagen müßte: ich brauche euch nicht mehr! ihr habt eure großen und guten Zeiten hinter euch! Geht und macht Anderen Platz! Da soll nun auf den kommenden Bettag2 hin ein |369 jedes für sich selbst sich klar zu machen suchen, wer die Kämpfer sind hüben und drüben und was die großen Gegensätze von Gott und Teufel in unserem Volksleben.

Wir könnten aber schließlich auch in die weite Welt hinaussehen und eben jetzt besonders deutlich wahrnehmen, wie in der Menschheit miteinander ringen die großen, tiefen Gedanken Gottes mit eiteln, verkehrten Hochmuts- und Geschäfts- und Regierungs- und Nationalgedanken der Menschen. Und wer weiß, wenn wir schärfere Augen und Ohren hätten, würden wir etwas wahrnehmen von diesen ewigen Gegensätzen sogar im Leben der Tier- und Pflanzenwelt, und die Steine und die Gestirne des Himmels würden uns erzählen vom Leiden und von den Freuden, vom Bösen und vom Guten und von den Rätseln und von den Offenbarungen Gottes auch in der Natur, die sich mit uns sehnt nach Erlösung und Verwandlung [vgl. Röm. 8,22]. Wohin wir auch blicken, redet uns die Erfahrung unseres Lebens und die Beobachtung der Welt um uns von diesem heiligen Krieg, von den tiefen Gegensätzen zweier ganz verschiedener Welten, von ihrem Ringen und Kämpfen um die Herrschaft. Ja, das ist unsere Amalekiterschlacht. Wir sehen sie alle. Wir müssen sie sehen.

Aber wir begehen einen Fehler. Wir sehen sie zuviel von außen an. Wir achten zu sehr auf die äußerlich wahrnehmbaren Tatsachen, die uns gerade auffallen im Guten und im Bösen, dir in deinen Lebensumständen, dir in deinem Häuslein, dir unter den Leuten, die du gerade kennst, dir in dem Stücklein der großen Welt, das du gerade überblickst und verstehst. Wir nehmen die äußere Mechanik unseres Lebens und unserer Welt viel zu wichtig, ich meine die Israeliten und Amalekiter, die wir da zusammenstoßen sehen bald den Einen, bald den Anderen zum Vorteil, als ob es auf die ankäme. Wir sehen starr hin auf diese äußere Mechanik des Lebenskampfes, ein jeder auf die Schraube oder das Rädlein, das er gerade vor sich hat, freuen uns oder betrüben uns darüber, machen uns einen Begriff und ein Urteil davon, suchen daran zu rütteln und zu verbessern, sie [in] Bewegung zu setzen oder stillzustellen, etwa wie ein Wilder, der wirklich zum ersten Mal ein Automobil, |370 oder wie ein Pfarrer, der eine Strickmaschine3 zu sehen und zu dirigieren bekäme. Wir ahnen und verstehen und beherrschen die verborgene Macht nicht, die die Amalekiterschlacht jetzt zum Sieg und jetzt zur Niederlage wendet, die die äußere Mechanik jetzt vorwärts und jetzt rückwärts arbeiten läßt. Wir stehen ratlos wie Kinder da vor unserem Leben, weil wir nicht wissen, was eigentlich das Leben und all seine äußerlichen Tatsachen regiert und bewegt im Sinne Gottes oder im Sinne des Teufels. Wir freuen uns und tragen Leid, wir lachen und weinen, wir sagen: das ist möglich! und das ist unmöglich! Wir lieben und loben unsere Mitmenschen, und jetzt geben wir irgend ein scharfes Urteil über sie ab, wir haben Hoffnungen und Befürchtungen, wir strengen uns jetzt an und lassen jetzt aus irgend einem Grund wieder nach, wir bilden uns kluge Meinungen über die Dinge, können sie aber auch wieder verändern, wenn es darauf ankommt, wir legen uns jetzt ins Zeug für irgend eine gute Sache und gehen morgen vielleicht zu einer anderen über. Wir anerkennen das Gute und unterstützen es wohl auch und mißbilligen und bekämpfen das Böse da und dort. Wir richten uns jetzt ein nach eigenem Willen und Gutdünken, und dann wollen wir doch auf einmal wieder nur Gott vertrauen und zu ihm beten.

Kurzum, wir spielen mit dem Leben, liebe Freunde, und wenn wir auch bitterernste Gesichter dazu machen und den ganzen Tag sehr fleißig und tätig sind. Denn wir merken gar nicht, daß all das, was unsere Gedanken erfüllt und unsere Zeit in Anspruch nimmt, unser Jammern und Jubeln und Eifern und Reden und Streiten, ja gar nichts, nicht das Geringste anders macht. Ja, wir sehen dem großen, heiligen Lebenskampfe von außen zu und können nichts daran ändern, weil wir ihn eben nur von außen, nur in seinen äußeren Erscheinungen sehen. Es geht uns mit diesem heiligen Krieg, der unsere eigenste Sache ist, meinetwegen wie mit dem unheiligen europäischen Krieg, bei dem wir auch nur von Weitem zusehen und politisieren und Vermutungen aufstellen und Wünsche haben können, ohne daß das auch nur das Geringste än|371dert. Die Ereignisse kommen, ohne uns zu fragen. So sind wir eigentlich mit unserem ganzen Leben, mit der ganzen Welt dran.

Es geschieht da beständig etwas, aber es geschieht beständig ohne uns, es kommt einfach, und wir können nichts tun, als dann das entsprechende traurige oder fröhliche Gesicht dazu machen. Es siegen heute die Israeliten in unserem Leben und in der Welt und morgen die Amalekiter, aber wir begreifen vom Einen so wenig wie vom Anderen. Es kommt heute zu einem schönen Sieg des Guten und der Sache Gottes, und morgen triumphiert der Teufel und übermorgen vielleicht wieder umgekehrt, aber warum und wieso eigentlich, das wissen wir heute so wenig wie morgen, und noch weniger ahnen wir, wie wir auf die Ereignisse einen Einfluß haben könnten. Was wir reden und tun, kommt immer hintendrein, wenn Alles so gekommen ist, wie es kommen mußte. Wir klatschen in die Hände: oh, ich habe Freude, es geht uns gut, wir haben Alles, was wir wollen! wir sind zufrieden mit uns selbst, wenn uns etwas gelungen ist; wir genießen es, wenn wir liebe Menschen um uns haben; wir anerkennen das Große und Schöne und Fromme, was uns in der Welt begegnet, und sagen: seht da, Gottes Finger! [vgl. Ex. 8,15]. Aber wir seufzen auch wieder erstaunt und entsetzt wie kleine Mädchen: Was habe ich erleben müssen! Was ist mir für ein Irrtum passiert; was hat mich für ein Schicksal betroffen! was für böse Leute! was für ein schrecklicher Krieg da draußen! und fragen ebenso ratlos: wo bleibt nun Gott?, wenn es eben anders geht, als wir es gern haben. Immer sehen wir die Dinge und Ereignisse und Menschen und uns selbst nur von außen. Immer verstehen wir sie nicht. Immer geht unser Leben und unsere Welt ihren Gang ohne uns. Immer müssen wir seinen Segen und seinen Fluch empfangen und auf uns nehmen, ohne zu ahnen: woher? und wie es anders sein könnte. Immer kommen wir zu spät mit dem, was wir denken, sagen und tun.

Und es brauchte doch nicht so zu sein! Wir könnten es ganz genau wissen, warum und woher es jetzt so und jetzt so kommt in unserem Leben und im Dorf und in der Welt! Wir könnten in den Lebenskampf zwischen Gott und dem Teufel eingreifen, und zwar zur rechten Zeit und am rechten Ort und in wirksamer Weise eingreifen! Unser Leben brauchte nicht ein ewiges Zuspätkommen zu sein! Wir könnten mit Gott und für Gott entscheidende Taten tun [vgl. Ps. 60,14]. Seht, liebe Freunde, das soll uns unsere Textgeschichte von der Amalekiterschlacht |372 heute sagen. Sie zeigt uns, daß es etwas Anderes, Wichtigeres, Entscheidenderes gibt als den kriegerischen Zusammenprall der beiden Völker. Sie zeigt uns, daß hinter den äußeren Tatsachen des Lebens, die uns so wichtig sind, hinter dem, was ich die äußere Mechanik des Lebens nannte, noch etwas Größeres verborgen ist. Dieses Andere, Größere ist’s, das wirkt, das entscheidet, das bestimmt. Die äußeren Tatsachen sind von ihm so abhängig, wie mein Schatten von mir abhängig ist. Dieses Andere, Größere setzt die Israeliten in Bewegung und schlägt die Amalekiter in die Flucht, rückt hier die Sache des Guten vorwärts und läßt sie dort stillestehen, schafft hier Freudigkeit, Frieden, Gerechtigkeit, wahrhaftiges Leben und läßt dort Traurigkeit, Zweifel, Unruhe, Enttäuschung, Streit, Bitterkeit und Elend einziehen. Dieses Andere, Größere, das man nicht sehen und wahrnehmen kann, das verborgen ist hinter den Dingen und Menschen, es ist’s, das jetzt Gottes Reich vorrücken und triumphieren läßt und jetzt auf einmal doch wieder des Teufels Reich. Wißt ihr, was dieses Andere, Größere ist, auf das es ankommt in unserem Leben, im Kleinen und im Großen? Dieses Andere, Größere ist eben das Gebet, der Glaube, die Hoffnung und die Liebe in den Gottesmenschen. Wenn die Gottesmenschen beten, dann geschieht etwas vor Gott, etwas für die Freude, die Seligkeit, die Kraft, den Sieg der Menschen, etwas für die Herrlichkeit Gottes. Wenn die Gottesmenschen nicht beten, nicht beten können oder nicht beten wollen, dann geschieht nichts, dann behauptet die Finsternis das Feld und macht Fortschritte. «Dieweil Mose seine Hand emporhielt, siegte Israel, wenn er aber seine Hand niederließ, siegte Amalek.» Solche Mose[s] braucht Gott für sein Reich und seine Sache. Wenn sie sich brauchen lassen, dann geht’s vorwärts, wenn sie sich nicht brauchen lassen aus Angst und Trägheit, dann heißt’s eben Stillstand und Rückschritt. Hier müssen wir hinsehen, wenn wir das Leben von innen begreifen wollen; hier müssen wir auch ansetzen, wenn wir aus dem ratlosen Zusehen heraus und zum wirksamen Eingreifen in den großen Lebenskampf kommen möchten.

Wir haben an den letzten Sonntagen uns bemüht zu entdecken, wie solche Moses aussehen, und haben auch gehört, daß sie da und dort tatsächlich unter uns vorhanden sind; nur daß sie noch nicht zu ihrem Beruf erwacht scheinen. Warum sollst nicht du, warum nicht ich Mose sein, der sich von Gott brauchen läßt? und wenn wir nicht Mose sein |373 sollten, warum nicht wenigstens Aaron und Hur, die in treuer Gemeinschaft Mose beten helfen? Ja, es mag jetzt nur einmal jedes denken, es gehe ihns4 an, wenn ich sage: Du bist der Gottesmensch, auf den Alles ankommt, von dem Alles abhängt! Du hast es in der Hand und bist verantwortlich für Sieg oder Niederlage, Licht oder Finsternis, Amalek oder Israel in deinem Leben. Aber wohlverstanden nicht nur in deinem Leben! Verantwortlich für deine Familie! Verantwortlich für deine Nachbarn und die Gemeinde! Verantwortlich für das Schweizervolk! Verantwortlich für die Menschheit! Verantwortlich für das, was geschieht zwischen Himmel und Erde! Ja, Du! Denn du kannst beten, und das Gebet ist die Macht, die Himmel und Erde bewegt. Gott wartet darauf, daß du ihn von ganzem Herzen suchst, und wenn du ihn suchst, läßt er sich von dir finden [vgl. Jer. 29,13f.], und wenn du ihn gefunden hast, so gibt er dir die Macht, Berge zu versetzen, wenn es sein muß [vgl. 1.Kor. 13,2]. Nicht ratlos sollst du dem Leben gegenüberstehen, sondern als einer, der weiß. Nicht machtlos oder als törichter Pfuscher sollst du vor der äußeren Mechanik des Lebens stehen, sondern als einer, der sie arbeiten läßt, so wie es recht ist. Nicht spielen sollst du mit den Ereignissen und sie mit dir, sondern selber sollst du in Gottes Kraft Ereignisse machen. Nicht ewig zu spät zu kommen brauchst du, nachdem Alles längst so ist, wie es ist, sondern schaffen sollst und kannst du, daß dein Leben und die Welt das werden, was sie sein sollen.

Ja, meine Freunde, nun wollen wir uns doch einfach überlegen, ob das nicht wahr ist. Denk dir’s jetzt einen Augenblick, du wärest das, was du ja sehr wohl sein kannst, wozu du von Gott berufen bist, ein betender Mensch. Nicht ein vollkommener, nicht ein sündloser Mensch, nicht ein Heiliger, aber einer, der betet. Das ist Mose! Du bist erwacht vom Schlaf und hast gemerkt, daß das, was man gewöhnlich das Leben nennt, kein Leben ist. Daß die Menschen und du selbst in einer großen Täuschung befangen waren. Daß aus dieser Täuschung notwendig Leid und Streit und Tränen und Traurigkeit kommen müssen. Daß so Vieles, was uns wichtig und groß und gut erscheint im Leben, nur dazu dienen muß, uns noch tiefer in die Lüge und in die Traurigkeit hineinzubringen. Du hast aber auf der anderen Seite Gott gesehen. Und du hast gemerkt: Gott ist nicht ein bloßer Name und nicht ein bloßes höchstes |374 Wesen in der Welt, sondern Gott ist der, der das alles nicht will, was die Menschenkinder leiden und einander zuleide tun. Gottes Leben ist das volle Gegenteil von der Verwirrung, dem Stumpfsinn, den Entsetzlichkeiten des Menschenlebens. Und Lichter sind dir aufgeleuchtet und Kräfte hast du wirken gespürt, an denen du merktest: Gott ist am Werke, Gott steht im Kampfe Tag und Nacht5. Er will uns frei machen, wie er selber frei ist. Er will uns stark machen, wie er selber stark ist, er will uns selig machen, wie er selber selig ist. Und nun weißt du noch etwas: du weißt, daß Gott siegen wird, weil er der Herr ist, und nicht der Teufel, der sich gegen sein Reich auflehnt. Du weißt und siehst ganz klar: Das Endgiltige, Sichere, Wahre im Leben heißt: Gott wird Meister! Daran hältst du dich, das beherrscht deine Gedanken, das ist die inwendige Kraft, die dich treibt, das ist der feste Boden, von dem aus du ins Leben hinaussiehst. Es gibt ja noch anderes, was vorläufig auch wahr ist, du weißt das auch: z.B. daß du ein schwacher, fehlerhafter Mensch bist, daß man nicht von heute auf morgen ein Engel werden kann, daß die Verhältnisse sich schwer ändern lassen, daß die Safenwiler so sind, wie sie sind, daß es immer Krieg gegeben hat — ja, ja, das ist alles auch wahr, aber nicht wahr, du weißt eben etwas, das noch wahrer ist: Gott! Der lebendige Gott! Der Gott, der Meister wird! Der Gott, der sich vor nichts fürchtet, sondern spricht: siehe, ich mache Alles neu [Apk. 21,5]!

Das ist der Unterschied der Gottesmenschen von den gewöhnlichen Menschen. Die gewöhnlichen Menschen wissen das, was auch wahr ist: eben das Böse, Traurige, Kleine, Knorzige, Hindernde, das tatsächlich da ist und sich geltend macht; die Gottesmenschen wie Mose wissen das auch, aber sie wissen zugleich, was noch wahrer ist: daß es Gott ernst ist, daß bei Gott Macht ist über Alles, daß Gott alle Tränen trocknen [vgl. Jes. 25,8] und alle Sünde vergeben und allen Tod in Leben verwandeln will. Diese Klarheit leuchtet aus ihren Augen, macht ihr Herz froh, ihr Gewissen fest, ihren Gang leicht, mit dieser festen Gewißheit packen sie das Leben an. Und nun bist du ein Mensch, der betet, d.h. ein Mensch, der diese Klarheit ernstlich sucht. Denn sie will ja gesucht sein. Man hat sie nicht ohne Weiteres, und wenn man sie hat, gilt es, sie zu bewahren. Aber du ringst danach, du bist unterwegs danach, du betest |375 darum. Du siehst wohl, wieviel dich zerstreuen und herunterziehen und stumpf und traurig machen will. Du siehst, wie die Menschen sind. Du siehst die Berge sich türmen dem Kommen des Gottesreiches zu trotz. Aber du bietest dem Trotze Trotz. Du hast ein Dennoch! bereit, das nie versagt, nirgends zum Schweigen zu bringen ist. Du siehst über alles Widrige und Kleine hinweg auf den großen, gnädigen Gott, der hilft und vom Tode errettet [vgl. Ps. 68,21]. Du streckst dich aus nach ihm: ich will dich sehen, dich und nur dich und dich ganz! Du rufst ihn an in der Not [vgl. Ps. 50,15], in den Tiefen der Sünde, in der Nacht einer gottlosen Welt, im Angesicht des Todes: Du mußt dich mir zeigen, ich kann nicht ohne dich sein und du nicht ohne mich, weil ich dein Kind bin. Und wenn du ihn scheinbar nicht sehen kannst, wenn die Wogen des Unvollkommenen, des Bösen, dessen, was leider vorläufig noch wahr ist, über dir zusammenschlagen wollen, dann schließest du die Augen und weißt, daß er dir doch nahe ist und daß er die Menschen und unsere Gemeinde und die weite Welt um keinen Preis aufgeben kann und daß er uns zum Ziele führt auch durch die Nacht6.

Und nach diesem Ziele bist du nun innerlich beständig in Bewegung. Diese Bewegung über die Welt hinweg zu Gott hin wird nun dein eigentliches Leben. Immer wieder mußt du ansetzen, immer wieder zu Gott sagen: ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! [Gen. 32,27]. Das ganze Gewicht deines inwendigen Lebens fällt auf das stürmische Verlangen, ihn wahrzunehmen, seine Hand zu ergreifen, der der Herr und Meister ist — so, nun denk dir’s einen Augenblick: ein solcher betender Mensch seist du!, und nun überlege dir’s: Ist es wahr oder ist es nicht wahr, daß du dann dem Leben und der Welt ganz anders gegenüberstehen würdest: als einer, der begreift und versteht, was geschieht, und nicht bloß die äußeren Tatsachen sieht, als einer, der Macht hat, in die äußere Mechanik des Lebens wirklich einzugreifen, statt ihr bloß zuzusehen, als einer, der zur rechten Zeit einen entscheidenden Einfluß ausübt auf das, was da draußen geschieht? Ist das wahr oder ist das nicht wahr, daß das Leben ein anderes Leben, die Welt eine andere Welt sein würde, wenn du ein betender Mensch wärest? Ist es wahr oder ist es nicht wahr, daß du, gerade du verantwortlich bist für das, was gesche|376hen ist und geschieht und geschehen wird? Ja oder Nein? Du weißt ganz gut: ja, da würde sich tatsächlich etwas wenden, wenn ich ein betender Mensch wäre.

Das würdest du merken in deinem eigenen Leben: du würdest auf einmal entschieden mehr Freude erleben, du würdest dich anders zu stellen wissen zu deinen Mitmenschen, du würdest Herr werden über deine Fehler und Torheiten, du würdest auch in Krankheits- und Sorgenzeiten ganz anders Sieger werden und bleiben.

Das würden aber auch die sofort merken, die um dich sind. Eine neue, fröhliche, freie, friedliche Art würde einziehen in eurer Familie, in eurem Hause. Du grämst dich über allerlei, was nicht stimmt in eurem Kreise, ärgerst dich, kämpfst dagegen an und kommst nicht weiter. Sieh, wenn du der betende Mensch wärest, der Mensch, der ganz auf Gott abstellt in eurem Kreise, dann würde es anders, denn von solchen Menschen geht unbedingt und immer ein tatsächlicher göttlicher Einfluß aus, ein stilles Werben und Suchen und Finden und Gewinnen, während dein jetziges Reden und Eifern, vielleicht auch dein jetziges Beten nicht viel oder nichts ausrichtet.

Und was meint ihr, ob man das spüren würde in der Gemeinde, wenn wir eine Handvoll Menschen nur unter uns hätten, die wirkliche Beter wären? Solche, die klagen und kritisieren und sagen können, was fehlt, haben wir genug, aber solche, die beten und glauben, die über alles Kleine und Törichte hinweg auf den großen Gott sehen und nach ihm sich ausstrecken aus allen ihren Kräften, solche haben wir zu wenig. Wenn sie uns einmal werden geschenkt werden, dann wird’s auch anders unter uns, dann werden die bösen Mächte, die unter uns am Werk sind, lahmgelegt werden, dann werden [wir] den guten, neuen Geist spüren, den Gott schon lange für uns bereit hat, und der wird in die Häuser eindringen und in die Fabriken, in die Schule und in die Wirtshäuser sogar und in die Kirche auch, und wir werden mit beiden Händen nehmen den Frieden und die Freude, die wir schon lange haben könnten, und unsere schöne Heimat wird uns dann erst recht zur Heimat werden. Wo sind die Menschen, die uns durch ihr Gebet den Weg dazu bahnen?

Und glaubt ihr nicht auch, daß die Wirkung solcher betender Menschen dann noch viel weiter gehen würde, auch auf Volk und Vaterland, ja, auf die weite Welt, die sich sehnt nach etwas Anderem, Besserem in |377 ihrer großen Not, die aber durch nichts Anderes in Bewegung gesetzt werden kann als durch Gott selbst; und Gott will von uns gesucht und gebeten sein, wenn er was soll geben7. Glaubt ihr nicht auch, daß vom Beten solcher Menschen, von ihrem Ganz-auf-Gott-Abstellen Revolutionen, Erneuerungen zum Besseren ausgehen könnten, größer und schöner als Alles miteinander, was bis jetzt zur Hebung der Menschheit geleistet worden ist?

Wo sind sie, diese Menschen, die sich durch ihren Glauben Gott darbieten, daß er so Großes, das Allergrößte an uns tun kann? Ist ihr Beten noch ein schwaches, unzulängliches, halbes Beten? Ist ihnen die Last zu schwer, die es da gilt auf sich zu nehmen? Ahnen sie ihren wunderbaren Beruf noch nicht? Fehlt es ihnen an der Gemeinschaft, die sie verstehen, tragen, fördern, ermutigen würde in ihrem Gebet? Wissen sie nicht und wissen wir es nicht: «Wenn Mose seine Hand niederließ, siegte Amalek»? Es handelt sich um Leben oder Tod! Wir brauchen sie! Die Welt hat sie bitter nötig! Sie selber dürfen um ihrer Seele willen der himmlischen Stimme, die sie ruft, nicht länger ungehorsam sein [vgl. Act. 26,19]!

O wenn ich es euch sagen könnte, so, daß ihr es verstehen müßtet! Wir wollen jetzt anfangen, mit Gott ernst zu machen, es mit Gott zu wagen, nachdem wir so lange ratlos und machtlos und blöde gewesen sind. Wenn ich es euch sagen könnte mit der Macht, mit der die Apostel unseres Heilandes es einst in eine alte Welt hinausgerufen haben: Die Stunde ist da, vom Schlaf aufzustehen, die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber nahe herbeigekommen [Rom. 13,11f.]! Aber was brauche ich es euch erst zu sagen? Ihr wißt es so gut und besser als ich. Gott redet mit euch! Laßt ihn mit euch reden, und redet mit ihm! Er ist ja nicht ferne einem Jeglichen unter uns, in ihm leben, weben und sind wir [Act. 17,27f.]. Wie können wir anders und wie lange noch? Jauchzet dem Herrn, alle Welt! Dienet dem Herrn mit Freuden und kommt vor sein Angesicht mit Frohlocken! Denn der Herr ist freundlich, und seine Gnade währet ewig und seine Wahrheit für und für [Ps. 100,1f.5.].

Amen.8
378
Lieder:
  • Nr. 311: «Mit dem Herrn fang’ alles an!» von Chr. Hohlfeldt, Strophen 1-2 (= Reichs-Lieder 77) 🎵
  • Nr. 159: «Fahre fort, fahre fort» von J. E. Schmidt, Strophen 4-6 (= GERS [1952] 351,5-7; EG 213,5-7) 🎵

Sachfußnoten

1
Am Freitag, 10. September schrieb Barth an Thurneysen: «Wir hatten gestern Abend eine interessante Kirchenpflegesitzung mit langer Aussprache über den lieben Gott und sein Verhältnis zu den Safenwilern im Speziellen, im Anschluß an die letzte Predigt. … Jetzt bin ich an der 3. Bearbeitung der Amalekiterschlacht, zu der ich gestern Abend viel Anregung und Stoff bekam» (Bw.Th. I, S. 80 📖).↩
2
Alljährlich am dritten Sonntag im September wird in den protestantischen und katholischen Kirchen der Schweiz der Eidgenössische Dank-, Buß- und Bettag als religiös-patriotischer Festtag begangen. Durch Beschluß der Tagsatzung (bis 1848 einziges gemeinsames politisches Organ der Gesamtschweiz) von 1832 wurde er für alle Stände (= Kantone) verbindlich gemacht.↩
3
Unter den Industrieunternehmen, in denen die Mehrzahl der erwerbstätigen Bevölkerung Safenwils arbeitete, war die Strickerei Hochuli das bedeutendste (Barth spricht von 500 Angestellten und Arbeitern: Bw.Th. I, S. 123 📖). An den Strickmaschinen arbeiteten die Frauen zu extrem niedrigen Löhnen. Über die permanenten Konflikte Barths mit dem «Fabrikanten» vgl. Bw.Th. I, S. 535 (Register: Hochuli).↩
4
Akkusativ von «es».↩
5
Assoziation an die 1. Strophe des Liedes «Zeuch an die Macht, du Arm des Herrn» von Fr. Oser (Nr. 83; GERS [1952] 194; EG 377) 🎵:
Wir sind im Kampfe Tag und Nacht …↩
6
Zitate aus dem Lied «So nimm denn meine Hände» von J. Hausmann; Strophe 2: «… es will die Augen schließen»; Strophe 3: «… du führst mich doch zum Ziele auch durch die Nacht» (EG 376) 🎵.↩
7
Zitat aus dem Lied «Mache dich, mein Geist, bereit» von J. B. Freystein (Nr. 298, Strophe 7; GERS [1952] 302,6; EG 387,4) 🎵.↩
8
Am Dienstag, 14. September schrieb Barth an Thurneysen: «Ich schicke dir hier unerbetenerweise die drei Predigten über Mose. Das Hölzige und Forcierte daran sehe ich schon auch, konnte es aber jetzt noch nicht anders sagen. Sag mir dann, wo und wie dus anders machen würdest!» (Bw.Th. I, S. 81 📖) Eine schriftliche Äußerung Thurneysens liegt nicht vor.↩