Predigt: 2. Mose 17,8-15 (III)
Wenn ich nun zum dritten Mal auf diesen wichtigen Text zurückkomme, so möchte ich heute
allen Nachdruck auf die entscheidende |367 Tatsache legen, daß,
während
Unser Lebenskampf, unser Weltkampf zeigt sich zunächst einfach in einer unendlichen Fülle von sichtbaren oder wahrnehmbaren äußeren Tatsachen. Wir sehen z.B. in unserem persönlichen Leben Dinge, die uns Freude machen, und andere, die uns betrüben, wir sehen Krankheit oder Gesundheit, sehen unser Leben und unser Sterben, wir sehen unsere Fehler und Schwachheiten auf der einen und unsere Tugenden und Tüchtigkeiten auf der anderen Seite. Hier ist das, was du darfst, und hier das, was du nicht darfst. Hier ist das, was du willst, und hier das, was du nicht willst. Hier ist das, was du kannst, und hier das, was du nicht kannst. Hier die Mitmenschen, die einen guten Einfluß auf dich haben, und hier die anderen, die dir gefährlich sind. Siehst du sie, die Israeliten und die Amalekiter, die sich streiten in deinem Leben? Wohin wird es dich schließlich ziehen?
Aber wir müssen gleich weiter: Dein Leben ist nicht das ganze Leben, nur ein klein-winziger Teil davon. Sieh nun z.B. in deine Familie, in die engere oder weitere Verwandtschaft, wie du willst. Was siehst du? Wiederum die bekannten, offenkundigen Tatsachen, die sich gegenüberstehen, nicht wahr, die Israeliten und die Amalekiter, die bedenklich auf einander stoßen, also etwa: der Todesfall, der vor kurzem eine schwere Lücke unter euch geschaffen hat, die Krankheit deiner Frau, die Leidenschaft deines Sohnes, die Flatterhaftigkeit der Tochter, die |368 Sorge auf den Winter usw., das alles auf der einen Seite, auf der anderen Seite vielleicht der schöne Friede, den ihr jahrelang gehabt habt, das Glück, das euch im Ganzen lange freundlich gewesen ist, die erprobte Tüchtigkeit, vielleicht auch die aufrichtige Frömmigkeit deines Mannes oder deiner Frau, die berechtigten Hoffnungen, die ihr auf eure Kinder setzt, die Stütze und der Halt, den ihr an gewissen Gliedern eures Kreises habt. Siehst du, wie es hin- und herwogt?
Oder sieh in das Leben unserer Gemeinde, wie da die Kräfte sich regen und bewegen herüber und hinüber: hier unser Wohlstand im Ganzen, die Tätigkeit der Behörden für Recht und Ordnung, das schöne neue Schulhaus und was darin geleistet wird, die Arbeit der verschiedenen Vereine für das Heil und die Freude von Körper und Seele, die grünen Wälder und Hügel ringsum, die unsere Heimat und unseren Ort so freundlich machen, wie es nicht jede ist, der gute Wille, der in so vielen Häusern zu spüren ist, und das Christentum, mit dem es mehr als einem unter uns anfängt ernst zu werden. Aber doch freilich auch allerlei Anderes auf der Gegenseite: Kummer und Sorge in manchem kinderreichen Haus, der schleichende Feind der Tuberkulose, die Wirtshäuser und die Art und der Geist, der von ihnen ausgeht, die Feigheit und Kriecherei an gewissen Orten, wo man aufrecht und tapfer sein sollte, und das Räsonieren und Schimpfen an anderen, wo es besser wäre, zu schweigen und zu dulden, die Klatschsucht der Frauen und die Händelsucht der Männer — wir wollen nicht fortfahren, aber gelt, ihr seht sie: die beiden kämpfenden Heere, die sich in unserem Dorfleben gegenüberstehen?!
Und nun könnten wir weiter hinblicken auf unser schweizerisches Vaterland und an die Kräfte denken, die unser Volk frei, glücklich und stark machen und zu einer Leuchte in der Völkerwelt, aber auch an die anderen Kräfte, die auch am Werk sind, uns zu vergiften und zu versumpfen und zu untergraben und uns an den traurigen Punkt zu führen, wo Gott zu unserem Volke sagen müßte: ich brauche euch nicht mehr! ihr habt eure großen und guten Zeiten hinter euch! Geht und macht Anderen Platz! Da soll nun auf den kommenden Bettag2 hin ein |369 jedes für sich selbst sich klar zu machen suchen, wer die Kämpfer sind hüben und drüben und was die großen Gegensätze von Gott und Teufel in unserem Volksleben.
Wir könnten aber schließlich auch in die weite Welt hinaussehen und
eben jetzt besonders deutlich wahrnehmen, wie in der Menschheit miteinander ringen die
großen, tiefen Gedanken Gottes mit eiteln, verkehrten Hochmuts- und Geschäfts- und
Regierungs- und Nationalgedanken der Menschen. Und wer weiß, wenn wir schärfere Augen
und Ohren hätten, würden wir etwas wahrnehmen von diesen ewigen Gegensätzen sogar im
Leben der Tier- und Pflanzenwelt, und die Steine und die Gestirne des Himmels würden uns
erzählen vom Leiden und von den Freuden, vom Bösen und vom Guten und von den Rätseln und
von den Offenbarungen Gottes auch in der Natur, die sich mit uns sehnt
nach Erlösung und Verwandlung [vgl.
Aber wir begehen einen Fehler. Wir sehen sie zuviel von außen an. Wir achten zu sehr auf die äußerlich wahrnehmbaren Tatsachen, die uns gerade auffallen im Guten und im Bösen, dir in deinen Lebensumständen, dir in deinem Häuslein, dir unter den Leuten, die du gerade kennst, dir in dem Stücklein der großen Welt, das du gerade überblickst und verstehst. Wir nehmen die äußere Mechanik unseres Lebens und unserer Welt viel zu wichtig, ich meine die Israeliten und Amalekiter, die wir da zusammenstoßen sehen bald den Einen, bald den Anderen zum Vorteil, als ob es auf die ankäme. Wir sehen starr hin auf diese äußere Mechanik des Lebenskampfes, ein jeder auf die Schraube oder das Rädlein, das er gerade vor sich hat, freuen uns oder betrüben uns darüber, machen uns einen Begriff und ein Urteil davon, suchen daran zu rütteln und zu verbessern, sie [in] Bewegung zu setzen oder stillzustellen, etwa wie ein Wilder, der wirklich zum ersten Mal ein Automobil, |370 oder wie ein Pfarrer, der eine Strickmaschine3 zu sehen und zu dirigieren bekäme. Wir ahnen und verstehen und beherrschen die verborgene Macht nicht, die die Amalekiterschlacht jetzt zum Sieg und jetzt zur Niederlage wendet, die die äußere Mechanik jetzt vorwärts und jetzt rückwärts arbeiten läßt. Wir stehen ratlos wie Kinder da vor unserem Leben, weil wir nicht wissen, was eigentlich das Leben und all seine äußerlichen Tatsachen regiert und bewegt im Sinne Gottes oder im Sinne des Teufels. Wir freuen uns und tragen Leid, wir lachen und weinen, wir sagen: das ist möglich! und das ist unmöglich! Wir lieben und loben unsere Mitmenschen, und jetzt geben wir irgend ein scharfes Urteil über sie ab, wir haben Hoffnungen und Befürchtungen, wir strengen uns jetzt an und lassen jetzt aus irgend einem Grund wieder nach, wir bilden uns kluge Meinungen über die Dinge, können sie aber auch wieder verändern, wenn es darauf ankommt, wir legen uns jetzt ins Zeug für irgend eine gute Sache und gehen morgen vielleicht zu einer anderen über. Wir anerkennen das Gute und unterstützen es wohl auch und mißbilligen und bekämpfen das Böse da und dort. Wir richten uns jetzt ein nach eigenem Willen und Gutdünken, und dann wollen wir doch auf einmal wieder nur Gott vertrauen und zu ihm beten.
Kurzum, wir spielen mit dem Leben, liebe Freunde, und wenn wir auch bitterernste Gesichter dazu machen und den ganzen Tag sehr fleißig und tätig sind. Denn wir merken gar nicht, daß all das, was unsere Gedanken erfüllt und unsere Zeit in Anspruch nimmt, unser Jammern und Jubeln und Eifern und Reden und Streiten, ja gar nichts, nicht das Geringste anders macht. Ja, wir sehen dem großen, heiligen Lebenskampfe von außen zu und können nichts daran ändern, weil wir ihn eben nur von außen, nur in seinen äußeren Erscheinungen sehen. Es geht uns mit diesem heiligen Krieg, der unsere eigenste Sache ist, meinetwegen wie mit dem unheiligen europäischen Krieg, bei dem wir auch nur von Weitem zusehen und politisieren und Vermutungen aufstellen und Wünsche haben können, ohne daß das auch nur das Geringste än|371dert. Die Ereignisse kommen, ohne uns zu fragen. So sind wir eigentlich mit unserem ganzen Leben, mit der ganzen Welt dran.
Es geschieht da beständig etwas, aber es geschieht beständig ohne uns, es kommt einfach, und wir können nichts tun, als dann das
entsprechende traurige oder fröhliche Gesicht dazu machen. Es siegen heute die
Israeliten in unserem Leben und in der Welt und morgen die Amalekiter, aber wir
begreifen vom Einen so wenig wie vom Anderen. Es kommt heute zu einem schönen Sieg des
Guten und der Sache Gottes, und morgen triumphiert der Teufel und übermorgen vielleicht
wieder umgekehrt, aber warum und wieso eigentlich, das wissen wir heute so wenig wie
morgen, und noch weniger ahnen wir, wie wir auf die Ereignisse einen Einfluß haben
könnten. Was wir reden und tun, kommt immer hintendrein, wenn Alles so
gekommen ist, wie es kommen mußte. Wir klatschen in die Hände: oh, ich habe Freude, es
geht uns gut, wir haben Alles, was wir wollen! wir sind zufrieden mit uns selbst, wenn
uns etwas gelungen ist; wir genießen es, wenn wir liebe Menschen um uns haben; wir
anerkennen das Große und Schöne und Fromme, was uns in der Welt begegnet, und sagen:
seht da, Gottes Finger! [vgl.
Und es brauchte doch nicht so zu sein! Wir könnten es ganz genau
wissen, warum und woher es jetzt so und jetzt so kommt in unserem Leben und im Dorf und
in der Welt! Wir könnten in den Lebenskampf zwischen Gott und dem Teufel eingreifen, und
zwar zur rechten Zeit und am rechten Ort und in wirksamer Weise eingreifen! Unser Leben
brauchte nicht ein ewiges Zuspätkommen zu sein! Wir könnten mit Gott und für Gott
entscheidende Taten tun [vgl.
Wir haben an den letzten Sonntagen uns bemüht zu entdecken, wie solche Moses aussehen,
und haben auch gehört, daß sie da und dort tatsächlich unter uns vorhanden sind; nur daß
sie noch nicht zu ihrem Beruf erwacht scheinen. Warum sollst nicht du, warum nicht ich
Mose sein, der sich von Gott brauchen läßt? und wenn wir nicht Mose sein |373 sollten, warum nicht wenigstens
Ja, meine Freunde, nun wollen wir uns doch einfach überlegen, ob das nicht wahr ist. Denk dir’s jetzt einen Augenblick, du wärest das,
was du ja sehr wohl sein kannst, wozu du von Gott berufen bist, ein betender Mensch.
Nicht ein vollkommener, nicht ein sündloser Mensch, nicht ein Heiliger, aber einer, der
betet. Das ist
Das ist der Unterschied der Gottesmenschen von den gewöhnlichen
Menschen. Die gewöhnlichen Menschen wissen das, was auch wahr ist: eben das Böse,
Traurige, Kleine, Knorzige, Hindernde, das tatsächlich da ist und sich geltend macht;
die Gottesmenschen wie
Und nach diesem Ziele bist du nun innerlich beständig in Bewegung.
Diese Bewegung über die Welt hinweg zu Gott hin wird nun dein eigentliches Leben. Immer
wieder mußt du ansetzen, immer wieder zu Gott sagen: ich lasse dich nicht, du segnest
mich denn! [
Das würdest du merken in deinem eigenen Leben: du würdest auf einmal entschieden mehr Freude erleben, du würdest dich anders zu stellen wissen zu deinen Mitmenschen, du würdest Herr werden über deine Fehler und Torheiten, du würdest auch in Krankheits- und Sorgenzeiten ganz anders Sieger werden und bleiben.
Das würden aber auch die sofort merken, die um dich sind. Eine neue, fröhliche, freie, friedliche Art würde einziehen in eurer Familie, in eurem Hause. Du grämst dich über allerlei, was nicht stimmt in eurem Kreise, ärgerst dich, kämpfst dagegen an und kommst nicht weiter. Sieh, wenn du der betende Mensch wärest, der Mensch, der ganz auf Gott abstellt in eurem Kreise, dann würde es anders, denn von solchen Menschen geht unbedingt und immer ein tatsächlicher göttlicher Einfluß aus, ein stilles Werben und Suchen und Finden und Gewinnen, während dein jetziges Reden und Eifern, vielleicht auch dein jetziges Beten nicht viel oder nichts ausrichtet.
Und was meint ihr, ob man das spüren würde in der Gemeinde, wenn wir eine Handvoll Menschen nur unter uns hätten, die wirkliche Beter wären? Solche, die klagen und kritisieren und sagen können, was fehlt, haben wir genug, aber solche, die beten und glauben, die über alles Kleine und Törichte hinweg auf den großen Gott sehen und nach ihm sich ausstrecken aus allen ihren Kräften, solche haben wir zu wenig. Wenn sie uns einmal werden geschenkt werden, dann wird’s auch anders unter uns, dann werden die bösen Mächte, die unter uns am Werk sind, lahmgelegt werden, dann werden [wir] den guten, neuen Geist spüren, den Gott schon lange für uns bereit hat, und der wird in die Häuser eindringen und in die Fabriken, in die Schule und in die Wirtshäuser sogar und in die Kirche auch, und wir werden mit beiden Händen nehmen den Frieden und die Freude, die wir schon lange haben könnten, und unsere schöne Heimat wird uns dann erst recht zur Heimat werden. Wo sind die Menschen, die uns durch ihr Gebet den Weg dazu bahnen?
Und glaubt ihr nicht auch, daß die Wirkung solcher betender Menschen dann noch viel weiter gehen würde, auch auf Volk und Vaterland, ja, auf die weite Welt, die sich sehnt nach etwas Anderem, Besserem in |377 ihrer großen Not, die aber durch nichts Anderes in Bewegung gesetzt werden kann als durch Gott selbst; und Gott will von uns gesucht und gebeten sein, wenn er was soll geben7. Glaubt ihr nicht auch, daß vom Beten solcher Menschen, von ihrem Ganz-auf-Gott-Abstellen Revolutionen, Erneuerungen zum Besseren ausgehen könnten, größer und schöner als Alles miteinander, was bis jetzt zur Hebung der Menschheit geleistet worden ist?
Wo sind sie, diese Menschen, die sich durch ihren Glauben Gott
darbieten, daß er so Großes, das Allergrößte an uns tun kann? Ist ihr Beten noch ein
schwaches, unzulängliches, halbes Beten? Ist ihnen die Last zu schwer, die es da gilt
auf sich zu nehmen? Ahnen sie ihren wunderbaren Beruf noch nicht? Fehlt es ihnen an der
Gemeinschaft, die sie verstehen, tragen, fördern, ermutigen würde in ihrem Gebet? Wissen
sie nicht und wissen wir es nicht: «Wenn
O wenn ich es euch sagen könnte, so, daß ihr es verstehen müßtet! Wir
wollen jetzt anfangen, mit Gott ernst zu machen, es mit Gott zu wagen, nachdem wir so
lange ratlos und machtlos und blöde gewesen sind. Wenn ich es euch sagen könnte mit der
Macht, mit der die Apostel unseres Heilandes es einst in eine alte Welt hinausgerufen
haben: Die Stunde ist da, vom Schlaf aufzustehen, die Nacht ist vorgerückt, der Tag aber
nahe herbeigekommen [
- Nr. 311: «Mit dem Herrn fang’ alles an!» von
Chr. Hohlfeldt , Strophen 1-2 (= Reichs-Lieder 77) - Nr. 159: «Fahre fort, fahre fort» von
J. E. Schmidt , Strophen 4-6 (= GERS [1952] 351,5-7; EG 213,5-7)